Verrottende Inquisition in der Gala Hala! (2016)
Autor: Rok Klemše
Fotos: Nina Grad
Ort: Gala Hala, Ljubljana
Konzertdatum: 26.10.2016
Der brutale Konzertmonat Oktober näherte sich dem Ende, doch bevor er wirklich vorbei war, erwarteten uns noch mindestens zwei größere Konzerte. Das Montags-Halloween-Spektakel des Technical Death Metal mit Obscuro, Revocation, Beyond Creation und Rivers of Nihil – doch davor öffneten sich letzten Mittwoch in der Gala Hala die Höllentore und spuckten vier Black-Metal-Bands aus allen Himmelsrichtungen aus. Auf der europäischen Tour Bloodshed Rituals präsentieren die griechischen Rotting Christ und das kolumbianisch-amerikanische Duo Inquisition ihre neuen Alben; auf dem Weg der blutigen Rituale begleiten sie zudem der brasilianische Kult Mystifier und die avantgardistischen Black-Metaller Schammasch.
Der erste der vier apokalyptischen Reiter, das Schweizer Schammasch, betrat die Bühne bereits um sieben Uhr – und spielte dabei keineswegs vor leeren Rängen. Zum Glück wiederholte sich der schwache Besuch beim Montagskonzert von Enslaved im Kino Šiška nicht, und bis zu den Auftritten der Tour-Headliner füllte sich die Gala Hala fast bis auf den letzten Winkel. Schammasch besitzen (noch) nicht diesen Ruf und Bekanntheitsgrad, waren aber ein durchaus ordentliches Warm-up. Das Schweizer Quartett baut seinen musikalischen Ansatz auf den Grundlagen des Black Metal auf, weicht dabei aber häufig in weitaus experimentellere oder gar avantgardistische Gefilde ab. Die Band baut – ähnlich wie Ghost, aber weit weniger effektiv – ihr Image auf Mystik und christlicher Ikonografie auf, verkörpert durch den Sänger mit verdecktem Gesicht, gehüllt in eine Art päpstliches Gewand. Das für einen Opener recht lange Set fiel somit ganz solide aus, doch an ihre (ungefähr) genreverwandten Landsleute Bölzer reicht Schammasch trotzdem bei weitem nicht heran.
Noch einen besseren (hmm… angesichts des Gesehenen und Gehörten ist vielleicht ein anderer Ausdruck treffender) Eindruck hinterließ die nächste Vorband, der obskure brasilianische Kult Mystifier. Das Trio pflügt bereits seit 1989 die Erde und hat gemeinsam mit Bands wie Sarcofago, Holocaust, Vulcano und natürlich Sepultura die brasilianische Underground-Szene mitgeprägt. Die Band hat seit dem 2001 veröffentlichten Profanus kein neues Studioalbum mehr aufgenommen, ist aber live nach wie vor recht aktiv. Das Trio aus Gitarrist Beelzeebubth, Schlagzeuger Jhoni Apollyon und Sänger, Bassist sowie Keyboarder (ja, richtig gelesen) Diego Araujo entführte das Publikum in einen knapp einstündigen Totentanz aus primitivem Black/Death Metal, der dank der wirklich energischen Bühnenpräsenz sehr sympathisch wirkte – wenn auch in Momenten ziemlich nach Spinal Tap. Von Herzen lachte nämlich die halbe Halle, als der Bassist seine Mini-Keyboards anschlug – was eher komisch als bedrohlich wirkte. Zum bösen Image trug auch Beelzeebubth mit seiner Sonnenbrille nicht gerade bei, dem es ohne offensichtliches und verzweifeltes Herumgepfusche nicht gelang, auch nur ein einziges Solo zu spielen. Ungeachtet dessen war es ohne Zweifel der herzlichste, dankbarste und urwüchsigste Auftritt des Abends – etwas, das du wirklich nur vom brasilianischen Underground bekommst.
Nach dem triumphalen Auftritt der griechischen Giganten Rotting Christ beim Metaldays vor zwei Jahren hatte man auch diesmal nicht weniger von ihnen erwartet. Die Griechen lieferten das Erwartete und spielten eines der besseren Klubkonzerte der letzten Zeit. Die Band war bestens aufgelegt für die Interaktion mit dem Publikum – vor allem dank des charismatischen Frontmanns Sakis Tolis, der das Publikum mühelos die gesamte Stunde der Reise durch die griechische Unterwelt in Bann hielt. Rotting Christ bewiesen einmal mehr, dass sie zu den einzigartigsten Bands des Extreme Metal gehören, die auf eigenwillige Weise Black Metal mit Gothic-Einflüssen und traditionell griechischer Musik vereinen – Letztere versteckt sich vor allem in mächtigen Chorpassagen, nahezu koralartigem Gesang und Sakis‘ Deklamieren. Gleichzeitig verstehen es Rotting Christ, den Adrenalinspiegel mit rohen, dreckigen Momenten gehörig in die Höhe zu treiben, die sie stilistisch sogar an Thrash Metal heranführen. Mit dieser Kombination gelingt es den Griechen, eine unheilvolle und teuflische Atmosphäre zu erschaffen, die Sakis mit seinen Gesten noch verstärkt – noch mehr aber ältere Songs, die sich nahtlos mit neueren verwoben haben. Auch wenn das aktuelle Album Rituals nicht den Höhepunkt ihrer Karriere darstellt, hält es die konstante Qualität der Band aufrecht, die im Live-Setting am hellsten erstrahlt. Den exzellenten Auftritt schlossen Rotting Christ mit der epischen Hymne Non Serviam ab – das Publikum schrie noch eine ganze Weile nach mehr.
Zum Abschluss dann die Inquisitions-Lektion des kolumbianisch-amerikanischen Duos Inquisition, das sich in den letzten Jahren an die absolute Spitze des Black Metal gespielt hat. Es ist nach wie vor unglaublich zu sehen und zu hören, wie das Duo live nur mit Gitarre und Schlagzeug (sowie minimal eingespielten Arrangements) das gesamte Klangbild auszufüllen vermag. Bass und zweite Gitarre vermisst du keinen Augenblick, denn Dagon füllt mit seinen eigentümlichen Riffs die Trommelfelle aus wie Inquisitions-Folterwerkzeuge andere Körperöffnungen. Incubus sorgt derweil für eine abwechslungsreiche Schlagzeug-Performance, die sich nicht bloß auf unzählige Blast Beats stützt, während Dagon bereits für einen der einzigartigsten Vokalansätze im Black Metal bekannt ist – mit dem Ziel der vollständigen Entmenschlichung des an sich menschlichen Gesangs. Und Dagon gelingt das mit einem eigentümlich roboterhaften, tibetanischen Kehlkopfgesang hervorragend. Obwohl etwas weniger Köpfe vor der Bühne standen als bei Rotting Christ, präsentierte das Duo gnadenlos das aktuelle Studioalbum Bloodshed Across the Empyrean Altar Beyond the Celestial Zenith, warf eine Handvoll älterer Brecher in den Mix und ließ sich bei seinem einzigartigen Ritual – trotz ausgefallenen Stroboskops – nicht aus der Ruhe bringen. Die Invokation des kosmischen Grauens war vollkommen, und wir wurden Zeugen wohl des besten Black-Metal-Konzerts dieses Jahres.
Setliste
ROTTING CHRIST:
1. Orders From the Dead
2. Ze Nigmar
3. Kata ton Demona Eautou
4. Athanati Este
5. Elthe Kyrie
6. Apage Satana
7. The Sign of Evil Existence
8. The Forest of N’Gai
9. Societas Satanas
10. In Yumen-Xibalba
11. Grandis Spiritus Diavolos
12. Non Serviam
INQUISITION:
1. From Chaos They Came
2. Ancient Monumental War Hymn
3. Hymn For a Dead Star
4. Desolate Funeral Chant
5. Infinite Interstellar Genocide
6. Vortex From the Celestial Flying Throne of Storms
7. Dark Mutilation Rites
8. Embraced By the Unholy Power of Death and Destruction
9. Master of the Cosmological Black Cauldron
10. Command of the Dark Crown
11. Astral Path to Supreme Majesties
12. A Magnificent Crypt of Stars
13. The Realm of Shadows Shall Forever Reign
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