Vernichtender Sturm rupfte den Adler (2009)

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Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Backstage / München / Deutschland
Konzertdatum: 09.11.2009
Besucherzahl: 370
Kartenpreis: 20,00 (Vorverkauf) / 25,00€ (Abendkasse)

Eine dreiwöchige Tournee, ausgerichtet auf den „oberen“ Teil des alten Kontinents, mit der für Slowenien nächstgelegenen Station – wie schon so oft zuvor im deutschen München – und dem denkbar ungünstigsten Termin für die zur Arbeit verdammten Seelen dieser Welt, dem Montag, zweier ausgezeichneter Metal-Bands, die zur Zeit des „Power-Metal-Revivals“ der zweiten Hälfte der Neunziger auf die Bühne traten, ist eigentlich eine der wenigen in diesem Herbst 2009, die überhaupt in Europa stattfinden und der Tradition des genannten Genres treu bleiben.

Die Namen Primal Fear und Brainstorm klingen wie eine Traumkombination, mit der man einen echten, power-metallisch gefärbten Konzertabend teilen und neu erleben kann. Allerdings sind die Zeiten des Power Metals noch lange nicht rosig, weshalb der Großteil der aktuellen Termine der „Viva La Swabia“-Tour auf Deutschland beschränkt ist, wo das Publikum diesem Genre treu bleibt – auch in einer Zeit, in der im Metal wieder die Karte der „anti-melodischen“ Extreme ausgespielt wird, vor allem brutaler Gesang und die Halbton-Masturbation der Leadriffs beim Durchbrechen der Lärmschallmauer.

Beide Bands haben 2009 neue Studioalben veröffentlicht. Primal Fear haben dabei „ein bisschen aufs Tempo gedrückt“ und bereits im Mai ihr neues Werk namens „16.6. (Before Devil Knows You’re Dead)“ auf den Markt gebracht, Brainstorm ihr „Memorial Roots“ kurz vor Tourbeginn Mitte Oktober dieses Jahres. Beide Bands haben damit jeweils 8 Studioalben vorzuweisen.

Die aktuelle Tour wird von einigen saftigen Zwischenfällen begleitet. Der erste: Bereits nach drei Tourtagen wurde die Vorband Jaded Heart von der Tour geworfen, die ursprünglich Teil des Dreierpakets der „Viva La Swabia 2009″-Tour war. Der Hauptgrund, weshalb Jaded Heart mit dem Rauswurf aus dem Paradies bestraft wurde, war das Herumkomplizieren ihres Managements, das sich nicht mit den verfügbaren Spielminuten pro Abend abfinden wollte – die seien schlicht viel zu wenig gewesen. Die zweite unangenehme Situation, mit der Brainstorm und Primal Fear im weiteren Tourenverlauf zu kämpfen hatten, war die spanische Ungastlichkeit. An allen drei Spielorten des spanischen Teils der Tour – Villaba, Madrid und Barcelona – trafen die Bands auf Räumlichkeiten, die angeblich als „Garderoben“ bezeichnet wurden, ohne jegliche Schränke, Tische oder Stühle, und auch für hygienische Verhältnisse war nicht gesorgt (keine Toiletten, Duschen usw.). Obendrein vergaßen die Spanier gerne komplett, was „Catering“ bedeutet. Fünf Tage vor der Ankunft in München ereignete sich auf dem Weg ins norwegische Bergen (die Bands waren von Oslo aufgebrochen) ein Verkehrsunfall, bei dem der Bus unter winterlichen Bedingungen (Glatteis, Schnee) von der Fahrbahn in einen Straßengraben abkam. Zum Glück blieb niemand verletzt. Nach einigen Stunden setzte sich die Reise zwar fort, doch der Auftritt in Bergen am 04.11.2009 musste gestrichen werden.

BRAINSTORM: 20.20-21.40

Endlich sind wir vor Ort. Es ist schon weit nach acht Uhr abends, und im Münchner Club Backstage legen Brainstorm bereits los – erwartungsgemäß eröffneten sie ihren Auftritt mit der Präsentation des neuen Studioalbums „Memorial Roots“ und dem Song Forsake What I Believed. Die Deutschen lieferten im Club einen ausgezeichneten Sound – sogar besser als danach Primal Fear, aber dazu mehr im weiteren Verlauf. Die Band hatte ich seit dem fernen Jahr 2003 nicht mehr auf der Bühne gesehen, als sie in Salzburg als Vorband von Saxon auftraten! Brainstorm haben in dieser Zeit ihren Namen fleißig mit neuen, hochwertigen Studioarbeiten gefestigt und sind vor allem als Liveband einige kräftige Stufen nach oben geklettert. Die Jungs wirken noch immer agil und hungrig nach Konzertauftritten! Im Spiel spürt man, dass sie Spaß haben und dass die Situation ihnen keinerlei Anlass für Langeweile oder abgebranntes, routiniertes Bühnenverhalten bietet. Beide Gitarren sind wunderbar in Terzharmonien eingespielt, mit wechselnden Soloduellen in den mittleren Instrumentalteilen, und natürlich wirkt auch die aktive, lebendig bewegte Rhythmuslinie kraftvoll und ansprechend – angetrieben selbstverständlich vom doppelten Bass-Drum-Torpedofeuer.

Das abgehackte, schneidende, fast thrashige Riffing der älteren Werke weicht von Album zu Album immer stärker der Melodie – was offensichtlich mit der Reifung der Band einhergeht. Das beweisen auch das neue Material von „Memorial Roots“ und die Darbietung des epischen, mittelschnellen Songs Conjunction of 7 Planets.

Die Bühne regierte mit Charisma und positiver Energie der hervorragende Sänger Andy B. Franck. Der Typ besitzt eine ausgezeichnete Stimme – ausgefeilt, ausdrucksstark in jeder Lage. Für den melodischen Ansatz im Brainstorm-typischen Metal ist Andy B. Franck der ideale Sänger! Dabei wirkt er ungemein geschmeidig und beweglich. Während des Auftritts nimmt er verschiedene Posen und Positionen ein. Am häufigsten geht er in die Hocke, stützt ein Bein auf den vorderen Monitor und fordert einzelne Zuschauer mit gezieltem Blick zum Mitmachen auf. Er reicht sein Mikrofon mehrfach ins Publikum, damit jemand eine Strophe für ihn „rausbrüllt“, und vor allem ist Andy ein Entertainer, der sowohl über sich selbst als auch über einzelne Leute im Publikum Witze reißen kann. Das ist aber alles vollkommen gerechtfertigt – denn der Typ ist in erster Linie ein fantastischer Sänger. Charisma auf der Bühne zu 100 %, mit ausgefeiltestem und ungemein ansprechendem Bühnenspiel eines echten Frontmanns, wie ihn sich ähnliche Bands nur wünschen können – das war in manchen Momenten schlicht atemraubend, vor allem wenn der Typ schwindelerregende Kontraste in der Artikulation von den mittleren bis in die höchsten Lagen (noch an der Grenze des Normalen) ausreizte. Besonders mit seiner großen Fähigkeit, das Publikum auf seine Seite zu ziehen – die gut 300 gut lenkbaren Backstage-Besucher fraßen Andy buchstäblich aus der Hand –, warf Andy Primal Fear-Sänger Ralf Scheppers in vielerlei Hinsicht den „provokanten“ Fehdehandschuh hin.

Bei Brainstorm merkt man, dass die Besetzung seit den Anfängen praktisch unverändert geblieben ist – deshalb zeichnet ihre Langlebigkeit eine außergewöhnliche Kohärenz aus, ein solider, ausgearbeiteter Auftritt mit unnachgiebigem Biss beim Transportieren der eigenen Metal-Botschaft. Den anderthalb Stunden langen Auftritt steigerte die Band vor allem gegen Ende hin, als sie mit der „Metus Mortis“-Klassikerin Hollow Hideaway die Stimmung hochzog, mit All Those Words das Album „Liquid Monster“ streifte und mit den beiden starken „Downburst“-Songs Fire Walk With Me sowie dem mitreißenden How Do You Feel mit seinem verführerisch hymnenartigen Refrain einen fantastischen Auftritt abschloss! Mit einem Wort: ein echter Brainstorm! 

PRIMAL FEAR: 22.00-23.30 

Die deutschen Judas Priest, von denen sie sich mit den letzten beiden Alben immer mehr distanzieren, haben wir bereits im Juli dieses Jahres in dem kleinen österreichischen Städtchen Debant bei Lienz gesehen. Dort erprobten Primal Fear nach dem Erscheinen des neuen Albums im Mai desselben Jahres erstmals die neue Setlist für die Herbsttour. Offensichtlich waren die Tests zufriedenstellend, und so haben sie das Repertoire vollständig unverändert beibehalten. Schon in Lienz war Alex Beyrodt auf der Bühne zu sehen – Gitarrist der deutschen Power-Metal-Band Silent Force und ein Typ, dessen Gitarrenansätze schnell eine unverkennbare Malmsteen-Obsession verraten. Damals sprang er als „Ersatzmann“ für das reguläre Primal Fear-Mitglied Magnus Karlsson ein, der in dieser Zeit Vater geworden war. Monate und Tage sind vergangen, und der Logik nach hätte Karlsson bei der neuen Tour wieder dabei sein müssen. Aber auch hier fand sich Alex Beyrodt wieder in seiner Rolle. Mehr noch: Angesichts einer Serie neuer Beyrodt-Gitarrenplektren mit dem Aufdruck des Primal Fear-Logos und Beyrodts Unterschrift lässt sich leise schlussfolgern, dass bei Primal Fear ein Wechsel auf der Gitarristenposition bevorsteht. Die Band hat das natürlich noch nicht offiziell bekannt gegeben, aber in München roch es danach bereits gewaltig.

Diesmal konnten Primal Fear ihrer Favoritenrolle jedoch nicht gerecht werden. Auf der Bühne lief nicht alles rund, und schon einige Patzer von Schlagzeuger Randy Black waren ziemlich überraschend. Bei 16.6 kam er nämlich völlig aus dem Takt… Auch die Jungs wirkten auf der Bühne etwas reserviert, was nicht typisch für den Bühnenstempel der Band ist. Die Integration von Beyrodt in die Besetzung ist zwar eine ausgezeichnete Lösung, weil die Jungs ihn bereits bestens kennen und Beyrodt genau weiß, was er auf der Bühne bei Primal Fear zu tun hat. Natürlich gab es auch diesmal das typische Bühnenposen Schulter an Schulter und das „Hocken“, Ralf zog wieder die typischen „roboterhaften“ Bewegungen seines Vorbilds Rob Halford durch… Das Ganze wirkte natürlich professionell und ohne Zeit für faden Klamauk. Die Chemie war aber nicht so überzeugend und packend wie beim Konzert in Debant diesen Sommer.

Obendrein waren die Gitarren im Sound viel zu leise eingestellt, was dazu führte, dass wir um den echten Genuss der Soloduelle beider Gitarristen gebracht wurden. Scheppers ist nach wie vor ein schwer greifbarer Sänger, wenn er sich in die höheren und höchsten Lagen begibt. Er heult wie eine Sirene und hält dabei eine außergewöhnliche Form, die den Titel „deutscher Rob Halford“ zu Recht trägt. Besonders mitreißend war die Kraft seines teuflisch melodischen Kreischens in den Strophen von Sign Of Fear („New Religion“, 2007). Trotzdem war das nicht sein bester Tag. Der Typ zeigte einige Zeichen der Erschöpfung, vor allem im Schlussteil des Konzerts und beim „Jaws Of Death“-Song Final Embrace.

Bei der Zugabe gab es eine akustische Version des neuen Songs Hands Of Time mit ausgezeichnetem Refrain, und mit dem erwarteten „Brecher“ Chainbreaker rundete die Band ihren Auftritt ab. Was diesmal für die größere Zurückhaltung der Band verantwortlich war, bleibt eine offene Frage. Vielleicht der Umstand, dass Primal Fear in der kleinen Halle Backstage Werk auf kleiner Bühne vor gut 300 Besuchern auftraten – oder vielleicht schleppten sie noch gegenseitigen Groll mit sich, schon aus der Garderobe, noch vor dem Auftritt selbst.

Abschließend lässt sich sagen, dass Brainstorm, angetrieben von dem ungemein verbissenen und unnachgiebigen Sänger Andy B. Franck, überzeugender und echter wirkten! Primal Fear werden für die nächste Tour ernsthaft überlegen müssen, wie sie ihren Auftritt abwechslungsreicher gestalten können. Sie brauchen mehr Attraktivität. Bisher haben sie alles mit Kraft, Präzision und dem Gesang „an der Grenze der menschlichen Leistungsfähigkeit“ von Ralf Scheppers gerettet. Doch selbst perfektestes Zusammenspiel und Haarspalterei können auf Dauer langweilig werden – bei allem Respekt vor der Band. Ich persönlich habe damit kein Problem, aber in der Clubatmosphäre war deutlich zu spüren, dass das Publikum im Schlussteil des Auftritts noch lange keine Zeichen von Begeisterung oder besonderem Interesse an einer Interaktion mit der Band zeigte.

Fotos: Aleš Podbrežnik

Setlist

BRAINSTORM: 1. Intro 2. Forsake What I Believed 3. Highs Without Lows 4. Blind Suffering 5. Shiver 6. Shiva’s Tears 7. Worlds Are Coming Through 8. Conjunction of 7 Planets 9. Falling Spiral Down 10. Doorway To Survive 11. Hollow Hideaway 12. All Those Words 13. Fire Walks With Me 14. How Do You Feel PRIMAL FEAR: 1. Before The Devil Knows You’re Dead (Intro) 2. Under The Radar 3. Battalions Of Hate 4. Killbound 5. Nuclear Fire 6. 16.6 (Six Times Dead) 7. Angel In Black 8. Guitar solos 9. Sign Of Fear 10. Fighting The Darkness 11. Riding The Eagle 12. Final Embrace 13. Metal Is Forever —Zugabe— 14. Hands Of Time 15. Seven Seals 16. Chainbreaker

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