Val014 – Wir haben gute Musik!
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Various Artists
Label: ZKP RTV Slovenija
Erscheinungsdatum: 13.10.2014
Wertung: 4/5
Nach der Pause im Jahr 2013 bekamen wir 2014 doch noch die Fortsetzung der Geschichte guter Musik auf Val 202. Warum 2013 ausgefallen ist, weiß nur der Teufel — doch es wäre ein nicht wiedergutzumachender Schaden gewesen, wenn das Projekt, das von 2008 an bis zu diesem Tag fünf Kompilations-CDs aneinandergereiht hat, irgendwie einschläft, stagniert und in Vergessenheit gerät. Es kommt also der sechste Teil. Mit aufgefrischtem Cover- und Booklet-Design.
Das allgemeine Gefühl, wenn du dich durch die neue CD kämpfst, ist, dass keine der bisherigen Kompilationen so poplastig geklungen hat — und auch auf keiner haben weibliche Vocals so stark dominiert. Aus dem Pool der »Hörbarkeit« der beim Val-Publikum beliebtesten Frequenzen finden sich auf dieser Ausgabe weniger Tracks, die irgendwie mehr Dezibel mit verzerrtem E-Gitarren-Sound herausholen würden. Es gibt ein paar Ausnahmen, wie das modisch alternativ-rockig erkundende Black Glitter von John Doe — ein Song aus der richtigen Mischung düsterer Ästhetik und discoider Zugänglichkeit. In diese Kategorie lässt sich bedenkenlos auch das rockig aufgekratzte, mit Funk-Rhythmik gefederte Vikend zvezda von Dreamon einordnen, mit dem durchdringenden Frauengesang der Sängerin Daša gegen Ende der Kompilation.
Auf der Kompilation gibt es kaum Spuren von Hip-Hop, genauso wenig von Singer-Songwriter-Künstlern. Die heutigen Trends in der Popmusik sind höchst interessant. Sie waren irgendwie vorgezeichnet. Es geht nämlich um das immer häufigere Verschmelzen vieler Genreansätze, weshalb das Definieren von Grenzen bei der Genreklassifizierung immer schwieriger wird. Ein solches Beispiel sind die alternativen elektronischen Exzentriker mit ausgesprochen düsterer Atmosphäre, Karmakoma aus Brežice, mit dem Track Never Enough. Kurz darauf schließen sich ihnen in nicht weniger dunklem Licht Kino za dva mit Ugriz ljubezni an — ein Song, in dem der beißend scharfe Frauengesang den männlichen Verstand in Versuchung führt, unterstützt von einer knackigen rhythmischen Kinetik, dosiert mit flüchtigen Exzessen jazzartig minimalistisch angelegter Trompeteneinwürfe. Die düstere Einstimmung der Kompilation wird durch das etwas hellere Pieces der Indie-Rocker Jardier aufgelockert, während die Kompilation mit Ne sprašuj die typisch slowenische Schule in der Regie des kabarettistisch angehauchten Jazz/Soul/ Pop-Chanson-Ensembles Alkimia berührt (Breda Božič, die einst zusammen mit einem Mitglied von Alkimia — dem Schlagzeuger der gemeinsamen Formation Katalena, Robert Rebolj — auch Teil der Band Sfiltrom war, bleibt eine außergewöhnliche Sängerin). Die Melancholie in diesem Song offenbart sich durch Anklänge von Violinen-Improvisationen im Gewand der instrumentalen Begleitung. In diese Kategorie, nur mit etwas mehr Folk-Anteil und ohne Jazz-Prämisse, lässt sich Lahko von MojcART einordnen. Das ist eine Band, die sich um die ehemalige Obduction- und Spleen-Sängerin, die faszinierende Mojca Zalar, gebildet hat.
Hier ein Paradebeispiel für eine ausgesprochen düstere Figur des Electronic Soul, befehligt von einem feinfühligen Frauengesang im Track Harshride (der Band Harshride) – kurz, prägnant und hinreißend! Einen gewissen hellen Gegenpol zu diesem Song setzt später auf der CD Košček mojega srca von Studiogrooves, angeführt vom Gesang Katja Korens. Keinesfalls zu übersehen ist auch die faszinierende »Teleportation« des argentinischen Tangos in slowenisches geografisches Milieu, für die in Tebe (te imam) wieder die leidenschaftliche Vesna Zornik (Katalena) mit ihren TangoApasionada so hingebungsvoll sorgt. Ähnliches lässt sich auch über den auf »Slowenisch umkodierten« Swing-Happen in Srce »L’amour toujours« sagen — ein Song, über den sich einst sowohl Dean Martin als auch Frank Sinatra gefreut hätten. Den trendorientierten Klangkurs von MTV und den Musikkonzernen fasst schließlich trefflich der Abschluss-Track der Kompilation mit dem Titel Zen Vox Darjeeling zusammen, von den Folk-Indie-Rockern Tequilla.
Die Ehre des Moments luciden Zynismus‘, von dem der slowenische Musikschaffens-Puls in seinen genrespezifischen und genreübergreifenden »Sitten und Gebräuchen« durch Jahrzehnte der Evolution so voll ist, rettet das vergnüglich drehende, zu 100% elektronisch synthetisierte Recikliram stvari von Pop-Alt.
Unabhängig von der musikalischen Vision der ausgewählten »Glücklichen« der Kompilation ist eines klar. Die Songs stehen glaubwürdig für sich, und ihre Form ist mit großem Engagement ihrer Macher definiert worden. Bei der Redaktion von Val 202 gingen bis zum 15. April 2014 mehr als 170 Bewerbungen verschiedener slowenischer Künstler ein, die zusammen rund 250 Songs einreichten. Die Aufgabe der Jury war alles andere als einfach. Die ausdrucksstarke Qualität aller 14 Tracks dieser Kompilation bestätigt, dass Slowenien ein heißer Schmelzpunkt beneidenswerter Musikideen und musikalischer Visionen bleibt — das Land weiß den Moment aktueller Trends überzeugend einzufangen und dabei zumindest einen Funken Talent einzupacken, der die Voraussetzung ist, um eine eigene künstlerische Unverwechselbarkeit zu definieren. Die farbenfrohe Palette von 14 Songs liefert garantiert einen amüsanten Knochen zum Nagen — und hoffen wir, dass das auch in Zukunft so bleibt.
Trackliste
1. Ujeta – Maya & Jamirko
2. Never Enough – Karmakoma
3. Black Glitter – John Doe
4. Ugriz ljubezni – Kino za dva
5. Pieces – Jardier
6. Ne sprašuj – Alkimia
7. Harshside – Harshride
8. Tebe (te imam) – Vesna Zornik & TangoApasionada
9. Srce „L’amour Tojours“ – The Swingtones
10. Košček mojega srca – Studiogrooves (feat. Katja Koren)
11. Lahko – MojcART
12. Vikend zvezda – Dreamon
13. Recikliram stvari – Pop-Alt
14. Tequila – Zen Vox Darjeeling