Vader und 40 Jahre der Apokalypse! (2023)
Auftretende: Vader / Vomitory / Skaphos / Aetherian
Ort: San Dona Di Piave (Treviso) / Revolver Club / Italien
Datum: Samstag, 14. 10. 2023
Es ist Zeit für runde Jubiläen! Auch für 40-jährige. Und dem können sich nicht mal die kultigen polnischen Death-Metaller Vader entziehen. Angesichts der vergehenden Jahre haben Vader beschlossen, die gesamte neue Tournee der Feier von 40 ununterbrochenen Jahren ihres Schaffens zu widmen. Sie nannten sie „40 Years of the Apocalypse“! Fair enough. Im Fall von Vader handelt es sich um eine der fleißigsten Tourbands überhaupt. Sie sind ständig auf Tour und veröffentlichen regelmäßig Studioalben.
Vader, 1983 gegründet, spielten in der Anfangsphase traditionellen Heavy Metal, wechselten aber im Laufe der Zeit zu Thrash und Speed Metal. Ende der Achtziger vollzogen sie den Wandel zur Death-Metal-Formation. Das Debütalbum „The Ultimate Incantation“ erschien neun Jahre nach der Bandgründung, also 1992. Von da bis 2020 reihten Vader noch 11 weitere Studioalben aneinander. Heute gelten sie als eine der angesehensten klassischen Death-Metal-Formationen auf der weltweiten Genre-Szene. Wie ihr vielleicht schon selbst erraten habt, war Darth Vader aus der legendären Filmreihe Star Wars die Inspiration für die Namenswahl.
Interessant ist, dass Vader auf derselben Bühne bereits vor fünf Jahren aufgetreten sind. Fünf Tage früher als vor fünf Jahren. Es war der 19. 10. 2018. Damals in Begleitung von Entombed A. D., und sie feierten ihr 35-jähriges Bestehen. Auch diesmal sorgten sie für eine interessante Bereicherung der neuen Tournee. Neben den aufstrebenden griechischen melodischen Death-Metallern Aetherian und den französischen Black/Death-Metal-Eigenbrötlern Skaphos wählten Vader die kultigen schwedischen Death-Metal-Veteranen Vomitory als Spezialguests.
Vomitory zählen zur Generation der Death-Metal-Bands, die maßgeblich zur Formierung des neuen Genres Anfang der Neunziger – bzw. an der Schwelle von den Achtzigern zu den Neunzigern und durch die Neunziger hindurch – beigetragen haben. Sie sind und bleiben echte Old-School-Vertreter! Die Tatsache, dass sie auf dieser Vader-Tournee als Spezialguests auftraten, zog garantiert noch eine extra Portion neugieriger Fans der brutaleren Metal-Sphären an. Vomitory hatten sich nämlich nach einer fünfjährigen Pause 2018 reformiert und in diesem Jahr ihr Comeback-Album „All Heads Are Gona Roll“ veröffentlicht, mit dem sie meisterhaft den Anschluss an das mächtige Opus ihrer früheren Studioarbeiten fanden.
Kurzum. Ein Konzertpaket, dem man einfach nicht fernbleiben darf. Das wäre unentschuldbar. Vor allem mit zwei Terminen in unmittelbarer Nähe der slowenischen Grenzen (San Dona Di Piave und Graz – letzterer galt überhaupt als allerletzter Termin der gesamten Tournee).
Der Revolver Club in San Dona di Piave ist seit jeher unser Lieblingsort fürs Konzertschlendern. Das freundliche Personal, das sich mitsamt dem Organisationsteam um alles kümmert – mit den Securitys an der Spitze –, verdient wirklich jedes Lob. Und diesmal wimmelte es bereits gegen sieben Uhr abends konkret vor den Türen des Clubs von Leuten. Unter die früh Erschienenen war auch ein Kleinbus besonders aufgeheizter Death-Metal-Fans zu rechnen, die direkt aus Rijeka angereist waren.
Pünktlich um acht Uhr abends erklommen die Griechen Aetherian die Bühne. Das Quintett überzeugte bereits im Eröffnungsakt und in der Rolle der ersten Band des Konzertabends auf ganzer Linie, als sie ihr neues Album „At Storm’s Edge“ präsentierten. Es ist ihr drittes und erschien Mitte Juli dieses Jahres. Neben der eigenständigen Single Primordial Woods fehlten Army Of Gaia nicht, ebenso wenig der Titeltrack des neuen Albums sowie Soulriver. Die Band überzeugte mit einer gefälligen Kombination aus Musikalität und vernichtender Aggressivität, garniert mit musikalischen Verzierungen und Manövern, die deutlich den Hauch des südlichen Mittelmeers tragen – wo sich auch gern mal die ‚Arabesken‘ einschleichen. Sänger Panos Leakos, der seit 2017 keinen Bass mehr spielt, um sich leichter ausschließlich auf seine Gesangsaufgaben konzentrieren zu können, lieferte einen überzeugenden und souveränen Growl, und die Band beeindruckte mit Hingabe und unerbittlicher Bühnenpräsenz. Jede Minute wurde herzhaft genutzt. Die Band überzeugte. Das einzige Problem war der Sound, denn die Gitarrenpassagen waren mehrfach nicht gut genug zu hören, ebenso wenig die Gitarrensoli.
Eine wahrhaftig mörderische Flut aus den Tiefen der Ozeane ergoss sich anschließend über den Revolver Club, als Skaphos aus dem französischen Lyon die Bühne erklommen. Die Band, die Black- und Death-Metal-Elemente verbindet, sorgt u. a. auch für Bühnenkulissen, die an eine überflutete Fischerstadt voller Vermoderung und phantasiereicher Organismen erinnern – irgendwo tief unter dem Meer, absolut zombifiziert. An schuppig-gehörnten Bestien mit gescharften Zähnen mangelte es ebenfalls nicht. Der Bassist legte sich beim Kostümieren besonders ins Zeug und trug sogar ein Fischernetz über sich. Na ja, immer noch besser als Idrijaer Spitzen. Alles gehüllt in dichten Nebel, durch den gelegentlich das Licht vereinzelter Scheinwerfer fiel. Skaphos lieferten auf der Bühne deutlich mehr an unerbittlichem und gottlosem Verderben, in dem Qual, Okkultes, absoluter Niedergang und nur ewige Finsternis regieren. Die Riffs tragen häufig Figuren, die atonal ansprechen, wodurch der Sound im Set-Format kompakter und voller wirkt und gleichzeitig die ausgeprägt düstere und verderbliche Stimmung erheblich verstärkt, die die Band während des Auftritts beschwor. Und diese rollende Häresie auf Blast Beats… Doch auch Skaphos stießen erneut auf das gleiche Problem. Den Sound nämlich, bei dem man abermals die Gitarrenarbeit des Quartetts kaum auseinanderhalten konnte, was großen Schaden anrichtete. Die Band existiert seit fünf Jahren und besitzt zweifellos Potenzial. Im Gepäck hat sie zwei Studioalben: „Bathyscaphe“ aus dem Jahr 2020 und das aktuelle „Thooï“ (2022).
Doch darüber machte sich niemand allzu viele Gedanken, denn der Großteil war wegen Vader und Vomitory zum Konzert gekommen. Letztere betraten die Bühne gegen halb zehn abends und stillten ihre Anhänger in einem dreivierterstündigen Set definitiv. Das Publikum drängte vor die Bühne. Das Venue verdichtete sich. Rund 250–300 Menschen trugen zur hervorragenden Atmosphäre bei, die das Konzert beherrschte. Die Band sprach das Publikum während des Sets kaum an. Bassist Erik Rundqvist fragte die Menge zwischen den Songs lediglich, ob sie noch dabei seien, und kündigte dann den nächsten Track an. Die Band knallte Song für Song raus. Brutale Old-School-Death-Metal-Maschinerie, die sich eisern an die Berge ihrer Vorgaben klammert – genauer gesagt, der blutspuckende Fleischwolf des Quartetts – bleibt unnachgiebig geschärft, scharf und gnadenlos. Auch das neue Album wurde präsentiert. Gleich zu Beginn hieben sie mit dem Titeltrack des Albums „All Heads Are Gonna Roll“ (2023) rein, und kurz darauf verloren die Leute vollends den Verstand, als die Band mit Stray Bullet Kill („Primal Massacre“, 2004) weitermachte. Von den neuesten Songs spielten Vomitory noch Piece by Stinking Piece, Ode to the Meat Saw und Raped, Strangled, Sodomized, Dead! Die vier aktuellsten Nummern waren über das ältere Material verteilt, das natürlich am meisten halsbrecherischen Staub aufwirbelte. Weiter zurück als 1999 gingen sie jedoch nicht, als sie im Schlussteil des Konzerts den Klassiker Redemption vom gleichnamigen dritten Studioalbum angingen. In der Konzertmitte knallte Revelation Nausea („Revelation Nausea“, 2001), dazu kamen noch Terrorize Brutalize Sodomize (Terrorize Brutalize Sodomize, 2007) und Rebirth of the Grotesque („Carnage Euophoria“, 2009), und die Band krönte ihre gesamte Zerstörungskraft mit der abschließenden Chaos Fury („Blood Rapture“, 2002).
Vomitory demonstrierten außergewöhnliche Spielkohärenz und klangliche Exzellenz und lieferten eine Lektion in brutalem Old-School-Death-Metal schwedischer Prägung ab, die alle Erwartungen vollauf erfüllte und eine ordentliche Portion Besucher glücklich machte.
Und schließlich Vader. Kurz vor elf! Als Intro ein Musikbett aus der alten polnischen TV-Serie „Stawka większa niż życie“ (auf Deutsch: „Mehr steht auf dem Spiel als das Leben“) aus dem fernen Jahr 1967! Das Quartett haut mit Decapitated Saints rein! Direkt aus der Hölle. Mit dem Debüt „The Ultimate Incantation“ und nimmt uns mit ins Jahr 1992. Sogar an den Rand der Achtziger, denn der Song erschien bereits 1989 auf der Demo-Kassette mit vier Demos „Necrolust“. Schon von Beginn an spürte man die Präsenz des neuen Mitglieds – Schlagzeuger Michał Andrzejczyk. Der junge Mann, der sich beweisen will, ausgestattet mit Talent und Können, brachte definitiv eine Frische mit, die auf den Rest der Crew überging – bestehend neben der unersetzlichen Figur des einzigartigen Piotr Wiwczarek noch aus Langzeit-Gitarrist Marek Pajak und Bassist Tomasz Halicki. Dass die Band außergewöhnliche Spielkohärenz, unglaubliche Souveränität und gewissermaßen durch extreme Konzentration auf die Performance auch eine unerschütterliche Haltung demonstrierte, muss man eigentlich nicht extra betonen. Wie eingangs erwähnt: Vader gelten als eine der fleißigsten Tourbands im Death Metal, wenn es um die Konstanz der Konzerttouren geht. In den Songs spürte man diese zusätzliche Finesse. Dass ein neuer Mann am Schlagzeug sitzt, der ihnen eine funkelnde Frische ins Detonieren bringt. Die Band stellte das Repertoire altschulmäßig zusammen. Wie es sich für ein 40-jähriges Jubiläum geziemt. Besonders gefreut hat man sich über die Einbeziehung einiger Überraschungen, zum Beispiel The Wrath von der längst vergessenen Demo-Kassette mit vier Demo-Aufnahmen „Necrolust“ (1989).
Die Band ging das Repertoire chronologisch an! Sie spielten die Songs vom frühen hin zum späteren Schaffen. Und servierten Klassiker nach Klassiker. Wiwczarek nahm sich in einigen Pausen mehr Zeit und lieferte dem Publikum zu einzelnen Songs auch einige Geschichten aus der reichen Bandgeschichte. Vor der Bühne klaffte die ganze Zeit eine tiefe Grube, denn das Moshen ließ während der Show keinen Zentimeter nach.
Old-School-Haltung ohne Schnörkel und sämtliche pompösen Verzierungen. Nur purer, unverfälschter Stoff. Und alles sitzt an seinem Platz, was schlicht die enorme Erfahrung und Routiniertheit der Band bestätigte. Piotrs Growl diente ihm gut, die Soli mit seinem charakteristischen Tremolo-Geflirte gehorchten ihm, und zu seiner Rechten ergänzte ihn Marek Pajak gleichwertig in dieser Disziplin – technisch natürlich der noch ausgefeiltere Gitarrist. Die Rhythmusfraktion agierte gnadenlos und verheerend! An guter und ausgelassener Stimmung während des Konzerts mangelte es nicht, und das Konzert drehte sich um, als hätte man kurz geblinzelt. Ohne das große Zugaben-Ritual – eine Stunde und zwanzig Minuten. Wie im Handumdrehen.
Die Band kehrte auf die Bühne zurück, um sich von ihren Anhängern zu verabschieden, wobei Piotr Wiwczarek bestätigte, dass die Band noch oft in den Revolver zurückkehren wird, da er plant, noch viele, viele Alben aufzunehmen. Einen solch souveränen Abgang scheuen normalerweise die meisten Künstler. Aber nicht im Fall von Vader und nach 40 Jahren der Apokalypse und gnadenloser Death-Metal-Vernichtung. Vader lieferten im großen Stil eine Show mit historischem Dossier ab und kündigten damit an, dass sie noch lange nicht aufhören. Mit Verve haben sie den Weg eingeschlagen, der Karriere auch noch das fünfte Kreuz hinzuzufügen! Und der Ausgang aus dem Konzert wurde natürlich von John Williams‘ einzigartiger The Imperial March begleitet – Darth Vaders Thema! So wie es sein muss!
Text: Aleš Podbrežnik & Edita Klemen
Fotos: Aleš Podbrežnik
Vader:
1. Stawka większa niż życie – Intro
2. Decapitated Saints
3. The Wrath
4. Chaos
5. Vicious Circle
6. Dark Age
7. Silent Empire
8. Sothis
9. Black to the Blind
10. Carnal
11. Wings
12. Cold Demons
13. Epitaph
14. Dark Transmission
15. This Is the War
16. Helleluyah!!! (God Is Dead)
17. Triumph of Death
18. The Imperial March (Darth Vader theme) – Outro
Vomitory:
1. All Heads Are Gonna Roll
2. Stray Bullet Kill
3. Terrorize Brutalize Sodomize
4. Piece by Stinking Piece
5. Revelation Nausea
6. Ode to the Meat Saw
7. Rebirth of the Grotesque
8. Redemption
9. Raped, Strangled, Sodomized, Dead
10. Chaos Fury


































