Unvergesslicher Devin Townsend Project in Wien! (2011)

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Autor: Rok Klemše
Fotos: Rok Klemše

Ort: Szene, Wien, Österreich
Konzertdatum: 20.03.2011
Besucherzahl: 700
Kartenpreis: 20€/24€

Im Metal von heute findet sich eine ganze Reihe von Originalen, die Musik jenseits aller Grenzen schaffen und diese genial und furchtlos einreißen – besonders die starren Schranken, die die Metal-Genres üblicherweise so scharf ziehen. Einer dieser Nonkonformisten ist das geniale kanadische Multitalent Devin Garret Townsend, der nach langer Zeit wieder in unserer Nähe Station gemacht hat. Mit seinem neuen Projekt Devin Townsend Project machte dieser musikalische ‚Mastermind‘ im Wiener Szene Halt und erinnerte mit einem unvergesslichen Konzert an seine reiche und respektable Karriere. Auf sich aufmerksam gemacht hat Devin 1993, als er als völlig unbekannter Name mit außergewöhnlichem Gesangstalent auf Steve Vais Album Sex & Religion auftrat (meiner Meinung nach ist das auch – oder gerade wegen Devin – noch immer Vais beste Platte!). Als er die Fäulnis der Musikindustrie am eigenen Leib erfahren hatte, gründete Devin die von Kritikern und Fans gleichermaßen gefeierten, psychotischen Strapping Young Lad. 1997 gründete Devin als absoluten Gegenpol zur Aggressivität und Manie von Strapping Young Lad ein Soloprojekt, mit dem er sanftere und ohrfreundlichere musikalische Sphären erkundete. Zehn Jahre später verkündete Devin dann überraschend, dass er Strapping Young Lad und das Tourleben generell an den Nagel hängt. Die Jahre des Spielens und all die Verpflichtungen hatten ihren Tribut gefordert, und ein ausgebrannter Devin zog sich vorzeitig zurück, um mehr Zeit mit seiner Familie verbringen zu können. Aber der Workaholic blieb nicht lange still: Noch im selben Jahr veröffentlichte er eine irre ‚Space Rock‘-Oper mit dem ultimativen Bösewicht Ziltod the Omniscient. Kurz darauf startete er auch noch Devin Townsend Project, mit dem er vier Alben veröffentlichen würde, die jeweils auf ihre eigene Weise Devin selbst und seine Sichtweise und sein Verständnis von Musik beschreiben. Noch wichtiger und erfreulicher aber ist, dass Devin mit Devin Townsend Project auch auf die Konzertbühnen zurückgekehrt ist.

Umso größer war daher die gespannte Erwartung, Devin auf der Bühne des Wiener Szene zu erleben – doch zuvor musste man natürlich noch das Vorprogramm überstehen. Die Ehre, das Publikum vor Devin Townsend aufzuwärmen, fiel diesmal der jungen englischen Band Aeon Zen zu, die eigentlich ein One-Man-Band-Projekt des Bassisten Richard Hinks ist, der für die bisher veröffentlichten Studioalben alle Instrumente und Vocals selbst eingespielt hat. Nach einem kurzen Blick auf die Aeon Zen-MySpace-Seite hatte ich mir viel erwartet – dort ist zu lesen, dass Hinks mindestens der nächste Mozart sei; natürlich ist der junge Mann weit davon entfernt. Richard präsentierte mit gemieteten Musikern eine durch und durch klischeehafte Version von Progressive Metal, die sich kräftig bei Dream Theater und ähnlichen Bands bedient. Mit einem kreischenden Sänger an der Spitze. Die Darbietung war zwar souverän und technisch einwandfrei – aber was nützt das, wenn der generische Progressive Metal von Aeon Zen völlig seelenlos und ohne eigene künstlerische Handschrift ist. Auch der Gastkeyboarder Vadim Pruzhanov (Dragonforce) schaffte es nicht, der Musik mehr Spannung zu verleihen, sodass der Auftritt von Aeon Zen schnell und vergesslich vorüberging. Aber wer auch immer an diesem Montagabend vor Devin Townsend Project aufgetreten wäre – er hätte eine verdammt schwere und undankbare Rolle gehabt.

Und nach Wien war man ja ohnehin nur wegen einer einzigen Sache gekommen … Devin Townsend! Das bis auf den letzten Platz gefüllte Szene drehte durch, als sich das Licht verdunkelte und der mystische, unheilverkündende Intro lief … Nein, keine Sorge, wir waren ja nicht bei Gorgo(šrot)roth, sondern bei was völlig anderem – und als Ziltoid auf dem Bühnenbildschirm landete und zu Vengaboys abzustampfen begann, machte Devin klar, dass er es ernst meint. Na ja, etwas weniger ernst – denn für zwei Stunden wurden wir Ziltoids Sexsklaven … und haben dabei jede Sekunde genossen. Devin und seine Truppe machten uns schon zu Beginn mit dem ansteckenden Ohrwurm Addicted! süchtig und zeigten schon in den ersten Sekunden mehr Innovationsgeist, als alle Progressive Metal-Bands dieses Planeten zusammen aufbringen. Mit Ausnahme von Ziltoid. Die Mitglieder von Devin Townsend Project müssen sich nicht mit masturbatorischen Soli und tausenden Noten pro Sekunde beweisen – stattdessen demonstrieren sie ihren reichhaltigen musikalischen Ansatz mit genial konstruierten Arrangements, durchdachten Rhythmus- und Tempowechseln, fantastischen Instrumentalpassagen und vor allem unzähligen Emotionen und Gefühlen, die bis ins kleinste Detail in musikalische Form gegossen werden. Jeder einzelne Song trägt Devins starke künstlerische Handschrift – die Songs sind geradezu barock reich, mit einer monumentalen Klangwand, die jeden freien Winkel im Grau des Gehirns ausfüllt und einen zugleich mit der überwältigenden Einfachheit unglaublicher, hochfliegender Refrains auf der einen und der ‚mind-blowing‘-Komplexität auf der anderen Seite wegbläst. Der unglaubliche Devin bot mit Unterstützung einer exzellenten Begleitband eine bis auf die Knochen abgestreifte Vorstellung davon, wozu der Geist dieses kanadischen ‚Metal-Frank-Zappa‘ fähig ist. Mal wiegten wir uns im Rhythmus der Pop-Metal-Hits Addicted! und Supercrush!, trieben verträumt auf den Flügeln der ätherischen Deadhead dahin und lachten uns bei den Ziltoid-Hymnen By Your Command sowie Ziltoidia Attaxx!!! die Tränen aus den Augen – bei letzterem präsentierte Ziltoid höchstpersönlich auf dem Bildschirm sein Gitarrenmeisterwerk. Devin schafft es mit einem Handstreich, in seinen Songs eine schlicht unglaubliche Atmosphäre aufzubauen, die ein erstaunliches Spektrum an Gefühlen umfasst – von außerirdischen Gitarrenlinien und meditativen Patterns bis hin zu knüppelharten Metal-Exkursionen. Das schönste Überraschungspaket hob sich die Band aber für den Abschluss des regulären Sets auf – mit einem spektakulären Dreiergespann: der Lebenshymne Life mit ihrer unwiederholbaren positivistischen Botschaft und ebensolcher Energie, dem phänomenalen neunminütigen Ausflug Earth Day, gewidmet Natur und Erde mit starker ökologischer Botschaft, sowie dem frechen, fast swingenden Bad Devil. Und die ganze Zeit über ruhten Augen und Ohren auf der zentralen Figur des Konzerts – Devin Townsend. Devin sorgte nicht nur für ein Repertoire genialer Gitarrenlinien und Soli, die dieser verrückte Künstler in einer Person vereint – wofür andere mindestens fünf Gitarristen bräuchten –, er bewies auch klar und deutlich, dass er in diesem Moment einer der besten und wandlungsfähigsten Sänger im Metal ist. Devin ist unglaublich stark in den mittleren Lagen und beherrscht die Gesangslinien mit einer beneidenswert schönen Stimmfarbe – aber er weiß auch, im Handumdrehen den guten alten Hevy Devy in sich zu wecken, den wir noch aus Strapping Young Lad kennen. Dann verwandelt er sich in einen rohen und brutalen Schreier und Gröler! Aber Devin schafft es wirklich, mit seinem sanften, ätherischen, verträumten Gesang einen im Handumdrehen in andere Dimensionen zu entführen – auf eine Wolke aus Atmosphäre, die Devin allein mit seiner Stimme und seiner Gitarre aufbaut. Aber Devin ist ohne seinen Irrsinn nicht vorstellbar – und der durfte natürlich auch diesmal nicht fehlen. Townsend ist den Namen der größten Stand-up-Comedians wirklich würdig; für hosennässende Momente sorgt er noch zusätzlich mit seinen Gesichtsgrimassen und eigentlich mit seiner gesamten Erscheinung. So verging auch die ‚intermission‘ nicht im abgedroschenen Grölen und Herbeirufen der Musiker – das erledigte kurzerhand Devin selbst. In seinem typisch bescheuerten Humor rief er dann auf die Bühne: Dave ’seamen collector‘ Young (Gitarre), den Bassisten, der mehr Gras raucht als alle Anwesenden zusammen, sowie Schlagzeuger Ryan Van Poederooyen, dessen Brustmuskeln so stark sind, dass er damit Ölkonserven öffnen kann. Zuletzt stellte er sich selbst vor: „Hallo, ich bin Devin. Jeden Abend vor dem Schlafen masturbiere ich. Weinend.“ Zum Abschluss nahm uns Devin wieder in die feuchte Umarmung von Ziltoids verschwitztem Hodensack – mit dem wahnsinnigen Color Your World und The Greys; den schönsten und meditativsten Moment des Konzerts erlebten wir mit dem ätherischen Jam der Songs vom Album Ki. Zum krönenden Abschluss lud Devin ein paar Fans aus dem Publikum auf die Bühne zum Tanzen ein, und gemeinsam tanzten sie zum ‚cheesiest‘ Song, den er je geschrieben hat – so nannte er jedenfalls Bend It Like Bender!

Devin Townsend hat mit dem Wiener Konzert auf einem großen Tablett zwei Stunden puren Musikgenuss serviert – und dabei machte sogar das österreichische Publikum, das sonst als reserviert und undankbar gilt, voll mit und genoss jeden Moment in vollen Zügen. Diesmal rasteten sie bei jeder Devin-Aktion aus und beteiligten sich die ganze Zeit energisch und begeistert mit Singen und Springen. In Zeiten grassierender Generizität in der Musik ist Devin Townsend ein Leuchtturm, der Witz, Aufrichtigkeit, Esprit und Innovationsgeist sowie enorme Qualität ausstrahlt – sowohl in der Musik selbst als auch in der Konzertperformance, denn Townsend bietet zwei volle Stunden unvergesslicher Unterhaltung. Trotz Montag fiel es dank des unglaublichen, positiven und optimistischen Konzerterlebnisses leichter, in die Arbeitswoche zu marschieren – denn es war „boob-o-phonic“. „Yeees! Indeed!“

Fotos: Rok Klemše

Setlist

DEVIN TOWNSEND PROJECT: 1. Addicted! 2. Supercrush! 3. Kingdom 4. Deadhead 5. Truth 6. OM (Intro) 7. By Your Command 8. Ziltoidia Attaxx! 9. Life 10. Earth Day 11. Bad Devil – Zugabe 1 – 12. Color Your World 13. The Greys 14. Ki Jam 15. Deep Peace – Zugabe 2 – 16. Bend It Like Bender!

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