Unspoiled by Progress
Künstler: Trout, Walter
Label: Provogue Records
Erscheinungsjahr: 2009
Laufzeit: 39.25
Bewertung: 4/5
Walter Trout ist ein Name, den Musikkenner meistens mit Ikonen der Blues-Musik verbinden, wie etwa Canned Heat, Bo Diddley und John Lee Hooker – den meisten Staub hat der Genannte jedoch durch seine Mitarbeit in der Begleitband des Godfathers des britischen Blues aufgewirbelt, dem renommierten John Mayall. Seit der Trennung von den Bluesbreakers und der sehnlich gewünschten Gründung einer eigenen Band, die den Grundstein für seinen persönlichen Ausdrucksweg legte, sind dieses Jahr 20 Jahre vergangen. Zu diesem Anlass hat der produktive Gitarrist eine Sammlung bislang unveröffentlichter Archivaufnahmen zusammengestellt, die seit Juni unter dem vielsagenden Titel Unspoiled By Progress erhältlich ist.
Unspoiled by Progress: 20 Years of Hardcore Blues ist ein Titel, der schon für sich genug sagt. 20 Jahre sind eine lange Zeit, in der sich genug Material für einen aufregenden retrospektiven Überblick über Walters Solokarriere angesammelt hat. Das Album besteht vollständig aus bislang unveröffentlichten Juwelen des Gitarristen, und auch für drei frisch eingespielter Tracks hat es Platz gefunden – Stücke, die sich als völlig natürliche Verdichtung erstklassigen Blues-Rocks präsentieren. Der fantastische Blues-Rock-Stampede They Call Us The Working Class, das ländlich ausgerichtete Two Sides To Every Story und das abschließende, Hendrix-aromatisierte So Afraid Of The Darkness sind die offensichtlichen Favoriten des Albums, vollgepackt mit einfallsreichen Gitarrenfeuer und emotionalem, oft rau klingendem Gesang. Wie gesagt – an Edelsteinen mangelt es hier wirklich nicht. Walter Trout begleicht seine Schulden bei den Blues-Legenden zum Teil mit Sweet As a Flower, das offensichtlich die Gene von All Your Love von Otis Rush geerbt hat, dem Guy-artigen She’s Out There Somewhere sowie einer souveränen, wenn vielleicht einen Tick zu verkrampft dargebotenen Coverversion von Going Down von Freddie King! Die Tracks Finally Gotten Over You und Going Back Home verwöhnen mit einer Demonstration von Walter Trouts enormer Bühnenpräsenz. Ersterer klingt wie ein inspirierter Jam und bietet gleich zwei Soloeinlagen – zunächst einen unterhaltsamen solistischen Ausflug auf der Mundharmonika, danach eine brillante Gitarrensolo-Improvisation. Das bereits erwähnte Going Back Home sowie Somebody’s Acting Like A Child zeichnen sich ähnlich durch ausgeprägte Charakterzüge aus, die weniger an technische Perfektion als an ausgelassenes, testosterongeladenes Herumtollen erinnern. Was natürlich nur positiv sein kann!
Walter pflegt eine Eigenschaft, die für viele vermutlich störend ist: ausgedehnte, weit ausufernde Gitarrensolo-Ausflüge. Über Onkel Walters verblüffende technische Fähigkeiten muss man natürlich kein Wort verlieren, ebenso wenig über die innovativen Griffe, mit denen die stilistischen und motivischen Konstanten des Musikers freigelegt werden. Walter ist eben ein Vertreter der modernen Blues-Rock-Schule, und das muss man akzeptieren – trotzdem zieren Herrn Trouts einzigartiges Ausdrucksvokabular Manöver, die aus traditionellen Rezepturen mit einem modernen Interpretationsansatz erfolgreich genug die Fäden unzensierter Saftigkeit herausziehen, was bei modernen Blues-Gitarristen eine seltene und daher umso bewundernswertere Eigenschaft ist. Die lebenslustige Natur von Walter Trout wird zusätzlich durch den Adrenalinfluss der Live-Mitschnitte auf dem Album hervorgehoben, die nach dem Abschluss der grundlegenden Songstrukturen erwartungsgemäß in langen, marathon-artig improvisierten melodischen Wechseln kulminieren. Das zweite wesentliche Merkmal des Klangbildes von Walters Blues-Zirkus ist der regelmäßige und vor allem effektiv eingesetzte Einsatz des satten Hammond-Orgel-Sounds. Die Allgegenwart Letzterer erzeugt nämlich ein außerordentlich vitales Klangbild des Albums, das auch durch die etwas unglückliche Vermischung von Studio- und Live-Aufnahmen nicht aus dem Rhythmus gebracht wird.
Unspoiled By Progress ist zweifellos ein lobenswertes Werk, das beweist, dass der Blues-Rock als Genre auch in Zukunft den Kopf nicht in den Sand stecken muss. Walter Trout ist es mit dieser Rarität-Sammlung gelungen, die Unerschöpftheit eines Genres zu belegen, das mit den Jahren nicht aufhört, exzellente Musiker hervorzubringen – stolze Träger der Fackel der Blues-Musik.
Besetzung
Walter Trout: Gesang, Gitarre
Rick Knapp: Bass
Sammy Avila: Hammond B3
Richard Hayward: Schlagzeug
Frank Cotinola: Schlagzeug
Michael Leasure: Schlagzeug
Produktion
Walter Trout
Trackliste
1.They Call Us The Working Class
2. Goin‘ Down
3. Life In The Jungle
4. Long Tall Sally
5. Jimmy As Yoko
6. Somebody’s Acting Like A Child
7. Hey Barney
8. Sweet As A Flower
9. Two Sides To Every Story
10. Finally Gotten Over You
11. Goin‘ Back Home
12. Marie’s Mood
13. She’s Out There Somewhere
14. So Afraid Of The Darkness