Twisted Delight
Autor: Aleš Podbrežnik
Interpret: Šulc, Katja
Label: Celinka
Veröffentlichung: 2013
Laufzeit: 38:44
Bewertung: 4/5
Wer wagte es, die Lyrik von Mila Kačič zu vertonen, und wirkte an einem ähnlichen Projekt mit, bei dem es um die Lyrik von Dane Zajc, Gregor Strniša, Fran Milčinski Ježek und Srečko Kosovel ging? Wer steuerte den Gesang auf der Klangfolie von »Norega se metek ogne« bei, und wer gewann 2011 das Festival des slowenischen Chansons? Und nicht zuletzt: Wer ist das bekannte Fernsehgesicht der Sendung Knjiga mene briga? Puh… Das liest sich wie die letzte Strophe des Songs Dogs (Pink Floyd) – nur dass unsere heutige Rezensionsgeschichte ein schöneres Ende nimmt. Meine Damen und Herren: Das ist die slowenische Jazz-Vokalistin Katja Šulc, die sich mit ihrem neuen Studioalbum »Twisted Delight« vorstellt.
In Zusammenarbeit mit DJ Pier hat Katja Šulc für das Album „Twisted Delight“ tief in ihr musikalisches Arsenal als talentierte, jazzgeschulte Vokal-Visionärin gegriffen. »Twisted Delight« darf nämlich endlich als das erste wirklich eigenständige Studioalbum der Künstlerin gelten, das in seiner Gesamtheit rein aus ihrer eigenen Feder stammt. Für »Twisted Delight« hat sich Katja aus den Umarmungen klassischer Jazz-Begleitung gelöst, aus der vielfach voraussehbaren „smooth“-Jazz-Gefälligkeit, die sich bestens für kabarettistisches Chansonniertum eignet und auf ihrem vorherigen Album die Lyrik von Mila Kačič zum Klingen brachte. Sie machte sich auf, weiter zu forschen. Hinein in tanzbare, wirbelnde elektronische Gewässer! Ihr Jazz-Soul-Vokalcharakter verschmilzt auf »Twisted Delight« teuflisch klug mit Dub-, Trip-Hop-Figuren (die Grundlage des eröffnenden Titelstücks würden auch Portishead nicht verleugnen), R&B, und wo Dub ins Spiel kommt, ist Reggae natürlich nicht weit. Für diese Art von musikalischem Wagnis – oder nennen wir es ruhig eine künstlerische (Selbst-)Herausforderung – braucht es mindestens noch einen weiteren Geist. Einen, der das hochexpressive Vokal-Lauern von Katja Šulc erzeugt – die passende Klangkulisse.
Clubartige ekstatische Hypnose ist also auf Schritt und Tritt garantiert. Und mehr noch: »Twisted Delight« ist ein Album, das auch die größten Weltkonzerne – etwa Universal Music – ernsthaft unter die Lupe nehmen könnten. Es ist zeitgemäß, es ist aktuell, es ist minimalistisch, sogar „kapriziös“ – und doch bewahrt es eine solide Kunstfigur und verführerisch ansteckende Qualität! Der Puls der New Yorker Straßen hat sich Katja ganz offensichtlich eingeprägt, als sie die Liedtexte für das neue Album schrieb. Die tanzbaren Tracks I Love You You Scream und There Will Be Boys tragen jene Art von ungemein eingängigen Refrainmelodien in sich, mit denen Katja subtil die verborgenen Winkel menschlicher Begierde kitzelt. Beide Songs wurden zudem mit einem Musikvideo versehen. Es sind Tracks, die auf MTV locker mithalten würden. Ähnliches gilt für den Dub-Reggae-Ausflug der sofort ins Ohr gehenden Delicious Solitude. Eine ganze Reihe echter Hit-Single-Kandidaten!
Im Gegensatz zum obigen Absatz gibt es auf dem Album auch Momente, die besonders für anspruchsvollere Hörerinnen und Hörer eine reizvolle Erfahrung darstellen. Etwa das Reggae-Programmraster in Give Yourself, das von einer melodischen Funk-Basslinie durchzogen wird – diesmal organisch gespielt von Siddhartas Jani Hace. Auch dieser Track entfaltet sich im vollen Auskosten des ansteckenden Refraingesangs von Katja Šulc mit einer minimal, aber wirkungsvoll eingesetzten Melodie, die im Gesamtgefüge voll aufblüht. Den Track würzt zudem ein Rap-Einschub von Murat, der die einzigen slowenischen Zeilen auf dem Album beisteuert (»….super filing je v telo pr’šou…«). Dann wäre da noch das besonders düstere, in Katjes Vokalgestaltung beinahe schizoide Dreams On Canvas. Es öffnet sich auf eine Art, die einen kurz auf die Klangfolie des Films „Siesta“ katapultiert – einen Soundtrack, den einst Marcus Miller und Miles Davis erschufen. Von da an liegt es nahe, auf den einleitenden Einsatz von Matkovičs Trompete hinzuweisen!
Ja. Emotionen überall. Pier verdichtet der Sängerin die Klangkulisse wirkungsvoll mit Schablonen des urbanen Minimalismus. Im Glanz von Piers geschmackvollem und voll wirkendem Produktions-Gespann, das die Klangeigenschaften der aufgebauten elektronischen Kulisse flexibel an die vokalen Eigenheiten und Gewohnheiten von Katja Šulc anpasst – das ist ein wichtiges Element, das die Emotionen in der Aussage kontrastreich einfärbt! Dabei fällt es nicht schwer zu schlussfolgern, dass das Tandem DJ Pier und Katja geradezu eine Traumpartnerschaft ist. In all diesen repetitiv widerhallenden Klangschleifen des Mixbildes ist Katjas Stimme ein Stück weit in den Hintergrund abgetaucht. Sie ordnet sich den Rhythmuslinien der Loops unter. So wirkt sie ein wenig dunkel, ein wenig zurückhaltend, beinahe aus dem zweiten Plan heraus – und genau dieser wirkungsvolle Gesang vertieft nur den einzigartigen, unverwechselbaren Charakter des Albums »Twisted Delight«. Damit das Ganze aber nicht nach Monotonie – und (Gott bewahre!) banal trivialer Vorhersehbarkeit klingt, hat Katja in das Album »Twisted Delight« Bläserarrangements integriert. Da ist der exzellente Trompeter Igor Matkovič, der mit seinen Jazz-Abenteuern die Dynamik der Tracks wirkungsvoll hebt und sie geschmackvoll einfärbt. Matkovič bildet nämlich das Ausführungs-Dreieck des Albums (mit Pier und Katja) und ist auch fester Bestandteil der Konzertformation, die das Material dieses Albums auf Bühnen präsentiert.
Ein gerissenes Mädel, sag ich euch! Ein Mädel mit Stil. »Twisted Delight« ist ein exzellentes Album, das Eigenständigkeit und Wiedererkennungswert in sich trägt. Angesichts der vielschichtigen Aufnahmebereitschaft und der breiten Offenheit gegenüber den verschiedenen Erscheinungsformen musikalischer Information ist zu erwarten, dass sich Katja Šulc auf künftigen Eigenwerken evolutionär präsentieren wird! In den Nuancen einer musikalisch-experimentellen Herausforderung, die Eklektizismus und das künstlerische Element der Überraschung generiert! »Twisted Delight« ist nur eine Zwischenstation auf dem Weg dieser Musikerin. Und eine verdammt gute.
Besetzung
Katja Šulc – Gesang
Pier – musikalische Produktion
Igor Matkovič – Trompete
GASTMUSIKER:
Bojan Zupančič – Saxofon auf den Tracks 4 und 7
Žiga Murko – Posaune auf Track Nr. 7
Jani Hace – Bassgitarre auf Track Nr. 6
Murat – Rap auf Track Nr. 6
Simon P. Les – Gitarre auf Track Nr. 6
Produktion
Pier & Katja Šulc
Trackliste
2. I Love You You Scream (04:04)
3. A Primer for Love (03:42)
4. There Will Be Boys (03:15)
5. Dreams On Canvas (03:44)
6. Give Yourself (03:50)
7. Delicious Solitude (03:56)
8. Comes Love (04:09)
9. De Colores (03:17)
10. There Will Be Boys (Remix) (04:49)