Troy enthüllt QOTSA-Details (2007)
Autor: Sandi Sadar Šoba
Interviewdatum: 19.06.2007
Beim Aufräumen verstaubter Ecken bin ich noch auf den letzten Teil meiner Schublade gestoßen und habe die dokumentierte Aufnahme des Moments gefunden, als ich an einer Menge aufgeheizter Fans vorbei in den Backstage-Bereich des Zagreber Festivals Radar spazieren durfte, mich auf einen Stuhl setzte und auf den Mann wartete, der unzählige alternative Leckerbissen aus meiner Musiksammlung geprägt hat. Troy Van Leeuwen ist kein Star, der im Zentrum des Scheinwerferlichts glänzt. Er ist ein Mann aus dem Schatten, der auf seinem reichen musikalischen Weg die Ehre hatte, mit einigen der wichtigsten Musiker unserer Zeit zu spielen. Darunter die grauen Eminenzen von A Perfect Circle, wo er seine Kunst, musikalische Untertöne einzufärben, gemeinsam mit Maynard James Keenan, dem Frontmann von TOOL, und dem Ideengeber und Gitarrengott Billy Howerdale webte. Der jüngste Ausflug, der eigentlich nur ein kurzer Zwischenstopp werden sollte, sich dann aber länger als erwartet hinzog, ist das mehrjährige Zusammenleben im ziemlich turbulenten Kollektiv von Queens Of The Stone Age. Dieses Jahr haben sie das Album Era Vulgaris veröffentlicht. Über das und vor allem über seine Vision von Musik wollte ich ein paar Worte mit ihm wechseln. Nach mehrminütigem Warten kam der elegant gekleidete Mann mit Brille schließlich auf mich zu, und die stummen Vorstellungen, die ich bis dahin von ihm gehegt hatte, bekamen endlich den Klang von Worten und einer zurückhaltenden, aber trotzdem wuchtigen persönlichen Musikphilosophie.
RockLine: Vor ein paar Jahren habt ihr schon mal bei uns in Slowenien gespielt.
Troy: Hatten wir da vielleicht zufällig schon die Gelegenheit, uns zu unterhalten?
RockLine: Nein, diese Ehre hatte ich damals leider noch nicht. Umso mehr freut es mich, dass wir das jetzt bei diesem Gig nachholen können.
Troy: Schön, dich zu sehen.
RockLine: Willkommen auf dem Festival hier in Zagreb. Was für Eindrücke hast du vom Auftritt in Ljubljana mitgenommen, und welche stillen Wünsche hegst du, bzw. was erwartest du vom Auftritt auf den Brettern des Zagreber Radar Festivals?
Troy: Ljubljana war eine völlig neue Erfahrung, denn das Konzert in den Križanke in Ljubljana war unser erster Auftritt bei euch, und was bleibt nach einem so intensiven Konzert im Gedächtnis? Eine Menge verrückter Fans. Verrückt meine ich hier total positiv. Dieses Neue bringt auch Zagreb mit. Ich liebe es, an neuen Orten zu spielen. Schon nach Ljubljana hatte ich den starken Eindruck, dass wir unbedingt wiederkommen müssten, also hoffe ich wirklich, dass es bald klappt.
RockLine: Und wann können wir diese Rückkehr in unsere Gefilde tatsächlich erwarten?
Troy: Eigentlich war geplant, dass wir vor Kurzem dort spielen. Zuletzt war dieses Jahr die Rede davon, aber diese Planung von Konzerten und Orten, wo wir auftreten sollen, kann ziemlich zäh sein, das ist das weniger begeisternde Kapitel im Musikbusiness. Ljubljana haben wir für den nächsten Europa-Besuch auf dem Plan, hoffe ich zumindest. Genauso gern würde ich noch mal nach Prag. Wünsche sind das eine, die Möglichkeiten das andere, du weißt schon…
RockLine: QOTSA seid ihr in den paar Jahren seit eurer musikalischen Geburt, oder besser gesagt, seit Josh nach Kyuss davon zu träumen begann, wie es weitergehen könnte, und diese Träume in den ersten Keimen dessen umsetzte, was ihr heute seid, schon so weit gekommen, dass ihr in kleinen Clubs kaum noch auftreten könnt. Heißt das, dass euch Auftritte vor großen Menschenmengen mehr liegen?
Troy: Ich würde nicht sagen, dass ich persönlich große Menschenmengen bevorzuge. Beides, kleine und große Konzerte, bedeutet mir gleich viel. Festivals in der Größe des hiesigen Zagreber sind einmalig. Wir haben zwar auch schon vor kleineren Menschenmengen gespielt, zum Beispiel vor so 2800 Leuten. Das würde ich als Clubauftritt zählen. Okay, in einem großen Club. Aber auch damit kann sich nichts messen. Da sind wir alle eng zusammengepfercht, es riecht nach Schweiß, und man genießt die Musik als solche in enger Verbundenheit, alle zusammen. Du verbindest dich leichter mit dem Publikum und spürst seinen Puls, und auch das ist ein einmaliges Gefühl. Beides liegt mir am Herzen, aber ich hoffe trotzdem, dass wir in mehr Clubs spielen dürfen, und sei es mehrere Nächte hintereinander. Das ist besser, als bei einem Riesenauftritt zu spielen und danach unpersönlich weiterzuziehen, aber das lässt sich jetzt noch nicht vorhersagen.
RockLine: Ich habe dich schon Material vom Album Songs For The Deaf vorstellen hören. Nach zwei Alben gibt es jetzt Era Vulgaris. Was ist deiner Meinung nach der rote Faden bzw. was steckt im Kern des Albums? Was für eine Geschichte?
Troy: Ein klares Konzept, das alles zu einem Ganzen verbindet, gibt es eigentlich nicht. Es sind einfach einzelne Brocken, Songs, die aus dem totalen Nichts hereingedonnert sind oder erst im Studio dazu wurden, wo wir sie aufgenommen und im jeweiligen Moment gespielt haben. Das Aufnahmetempo war spontan, und plötzlich waren wir so weit, dass wir den Titel der Platte festlegen mussten. Die Idee war, den Moment der Kohäsion mit dem Namen Era Vulgaris zu verewigen. Es geht um unsere Vision der modernen Zeit und des modernen Rocks. Das teilen wir alle, und was immer es aussagt, sagt es in diesem Augenblick aus. Heute. Jetzt. Hier. Meiner Meinung nach ist das eine passende Formulierung. Es geht um den Zustand von QOTSA, den wir selbst auch nicht anders begreifen als als Dasein im Hier und Jetzt. Es ist keine Kritik an der Zeit, in der wir leben, als etwas Vulgärem. Und wir sagen auch nicht, dass die Zeiten, in denen wir leben, völliger Mist sind. Man muss das moderne Zeitalter der Technologie annehmen und im Hier und Jetzt damit leben.
RockLine: Wenn du Era Vulgaris mit früheren Alben vergleichen müsstest, zum Beispiel mit Lullabies To Paralyze…
Troy: Wir Queens sind ein Experiment, und jedes Album ist ein anders zusammengesetztes Ganzes, und genau darin liegt der Sinn, denn man muss sich immer weiterentwickeln, wachsen und sich verändern, die Grenzen seiner Möglichkeiten austesten. Genau deshalb können uns Fans, die bei einer bestimmten Platte ähnlich empfinden, nicht dazu bringen, etwas blind noch mal auf dieselbe Art zu machen. Es ist ein ewiges Erneuern, und wenn wir das nicht täten und berechenbar würden, dann wäre mir die Freude, die ich jetzt an der Arbeit habe, komplett vergangen, und ich würde mich von dem Projekt wegbewegen.
RockLine: Wie siehst du die ewigen Wechsel in der Besetzung des instabilen Kerns der Band?
Troy: Das ist eine Kunst, und es geht darum, ein paar Einzelne zusammenzubringen. Wenn die Chemie stimmt, sind die Nebenwirkungen immer positiv und auch negativ, und bis jetzt war der Kern der Band, so wie wir sie heute bilden, seit drei Jahren unverändert. Es ist also eine gute Kombination einzelner Elemente. Und die neuen Leute schaffen es, neue Schichten und neue Splitter musikalischer Überraschung beizusteuern und zur vorhin erwähnten Evolution beizutragen. Das Monster Queens Of The Stone Age wächst so ständig weiter, legt nach und entwickelt sich. Und im Streben nach Weiterentwicklung wachsen auch wir als Künstler auf der Zeitachse.
RockLine: Als Fan von A Perfect Circle: Dürfen wir nach allem, was in den Medien gesagt wurde, überhaupt noch hoffen, dass ihr APC wieder zusammenbringt und ein neues Album aufnehmt?
Troy: Ich kann nur sagen, dass ich mit den meisten, mit Maynard, Billy und auch den anderen, ziemlich regelmäßig in Kontakt bin. TOOL sind im Moment eine der wichtigsten musikalischen Beschäftigungen in Maynards Leben, und es war immer ein ungleicher Kampf wie David gegen Goliath, wenn man APC und TOOL vergleicht. Billy macht nach wie vor ständig neue Musik. Die wird zwar nicht den Namen A Perfect Circle tragen, aber den Fans dieser Band wird die neue Kreation ohne Zweifel gefallen. Der Unterschied ist nur, dass bei diesem Projekt statt Maynard einfach Billy singt. Was die Chancen angeht, dass wir uns wieder zusammentun: Das kann ich jetzt weder vorhersehen noch ankündigen. Ich kann nur sagen, dass ich diese Leute bedingungslos respektiere, und wenn sich irgendwann die Möglichkeit oder eine Gelegenheit ergibt, würde ich bedingungslos wieder mit ihnen zusammenarbeiten.
RockLine: Und noch die letzte, abschließende Frage des Interviews: Welche Botschaft würdest du in diesem Moment gern an unsere Leser richten?
Troy: In diesem Moment? Da bin ich irgendwie gar nicht mehr so sicher (lacht). Ich würde nur sagen: Genießt die heutigen modernen Zeiten in vollen Zügen!
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