Toto und ein märchenhafter Abend in Majano (2012)
Ort: Majano (Udine) / Area Festeggiamenti / Italien
Datum: Dienstag, 31.07.2012
Jeden Sommer, Ende Juli und Anfang August, findet in dem kleinen italienischen Städtchen Majano, nicht weit von Udine entfernt, ein Ortsfestival mit täglich wechselndem Musikprogramm auf dem Sportplatz im Ortszentrum statt. Das Festival hat alle Zutaten eines typisch italienischen geselligen Ereignisses – es fehlt nicht an lauter Musik aus allen Richtungen, an Fast-Food-Ständen und natürlich an Getränken in sämtlichen alkoholischen und nichtalkoholischen Variationen. Das Szenario im Zentrum von Majano erinnerte fast schon an einen Rummelplatz, was eine ambient-mäßig ungewöhnliche Location für ein Konzert der legendären amerikanischen Band Toto war, die am letzten Julitag 2012 als Gäste beim Stadtfestival auftraten.
Toto hatten gerade zwei Tage zuvor mit einem Auftritt im italienischen Lucca ihre neue, rund einen Monat lange Europatournee eröffnet. Offensichtlich locken Konzertauftritte und das Miteinander sie noch immer zu sehr, um einfach aufzuhören – auch nachdem Steve Lukather erklärt hatte, ihre Geschichte sei beendet. Die Toto-Fans beklagen sich über Lukathers gebrochenes »Gelübde« natürlich nicht, sondern empfangen sie jedes Mal wieder mit offenen Armen. Nicht anders war es in Majano, wo eine mehrere tausend Köpfe zählende Menge auf sie wartete.
Toto gingen auf Tournee in der bewährten Stammbesetzung aus dem Kerndreigestirn Steve Lukather (Gitarre), David Paich (Keyboards) und Steve Porcaro (Keyboards); hinter dem üppigen Schlagzeug-Setup saß Langzeit-Drummer Simon Phillips, und die Gesangspflichten übernahm Joseph Williams. Damit war – in Einklang mit der letztjährigen Europatournee – auch in der gespielten Setlist eine stärkere Präsenz der Alben »Fahrenheit« (1986) und »The Seventh One« (1988) zu erwarten, da Williams mit Toto genau auf diesen beiden Werken aus der zweiten Hälfte der Achtziger zusammengearbeitet hatte. Am Bass vertrat den erkrankten Mike Porcaro nach wie vor der hochrenommierte Musiker Nathan East, der in seiner Karriere mit Namen wie Eric Clapton, Stevie Wonder und Phil Collins zusammengearbeitet hatte; harmonische Backing-Vocal-Unterstützung boten den Bandmitgliedern die bezaubernde Jenny McRae und der langhaarige »Dreadlocker« Mabvuto Carpenter. Die acht technisch außergewöhnlich versierten Musiker machten schon mit dem Eröffnungsstück des Abends, Only The Children, pünktlich um halb zehn Uhr klar, dass sie nicht daran denken, vom klanglichen Perfektionismus abzuweichen – dem unverwechselbaren Merkmal der Toto-Magie.
Hydro, den Titelsong des gleichnamigen Albums von 1979, sang wie gewohnt Paich, zusammengekauert hinter seinen Keyboards ganz links auf der Bühne. Wie bei Toto schon zur Gewohnheit geworden, verteilten sich die Gesangsaufgaben auf Frontmann Williams – ein großer Teil des Kuchens fiel aber auch Lukather und Paich zu, die gemeinsam mit den verlässlichen Backing-Vokalisten Williams dabei halfen, den Auftritt im befriedigenden Rahmen zu halten. Denn der Hauptgesang ist der einzige Schwachpunkt bei Totos Konzertauftritten in den vergangenen Jahren und gleichzeitig der Grund, warum das erschöpfte Organ von Bobby Kimball vor zwei Jahren durch den anderthalb Jahrzehnte jüngeren Williams ersetzt wurde. Auch seine Stimme erreicht die höchsten Register nicht mehr, weshalb der 51-jährige Musiker den Auftritt mit äußerster Vorsicht anging – um keinen hörbaren Ausrutscher zu produzieren und sich damit unnötige finstere Blicke von Lukather einzuhandeln.
Toto hatten die Setlist gegenüber der letztjährigen Tournee spürbar durchgelüftet und einige Kompositionen aufgenommen, die sie eine gefühlte Ewigkeit nicht gespielt hatten; in Verbindung mit dem eisernen Repertoire an Hits bereiteten sie den Besuchern eine unvergessliche Auswahl aus Totos reichem Achtzigjahre-Erbe. Mit St. George and the Dragon präsentierten sie sich als stimmlich hervorragend eingespieltes Kollektiv, mit Rosanna folgte der erste kommerzielle Höhepunkt des Abends – wenn auch ohne Solo des Gitarren-Gurus Steve Lukather. Das vollständige Klangbild, in dem Sounds der unfehlbaren Rhythmussektion, der Gitarre und beider Keyboards miteinander spielten, wurde während der romantischen Lea (»Fahrenheit«) von einem lauten Rauschen gestört, das die für das Mischpult Verantwortlichen zum Glück schnell in den Griff bekamen.
Der Großteil der Anwesenden war begeistert vom Fokus auf Material aus dem späten Siebzigern und den Achtzigern – die einzige Ausnahme war lediglich How Many Times aus dem Jahr 1992. Diesmal entfielen sämtliche Medleys und ausgedehnten Solonummern, sodass die Stücke in der Gestalt ihrer Studio-Originale eines nach dem anderen echte Begeisterungsfeuer unter dem an diesem Abend gut aufgelegten italienischen Publikum entfachten. Die präzise Ausführung der Gesangsharmonien sorgte für Gänsehaut, und die Suche nach Fehlern glich der Suche nach der Nadel im Heuhaufen.
Der Mittelteil des Auftritts verstärkte mit den sanfteren Melodien von Could This Be Love, We Can Make It Tonight und Pamela das Gefühl des sentimentalen Werts der Band und war wie gemacht für alle Turteltauben unter den Besuchern; zwischendurch rissen die flotteren Rhythmen von Manuela Run und – kurz vor dem Abgang von der Bühne – Hold The Line die romantische Stimmung auf. Bei der Ausführung des letzteren gesellte sich aus dem Hintergrund die reizende Jenny McRae zu Williams, streifte damit die Rolle der Support-Sängerin ab und eröffnete dem Song mit ihrer tiefen, charismatischen Stimme eine völlig neue Dimension. Diese neu erlebte Darbietung ließ absolut niemanden kalt.
Nach der Rückkehr auf die Bühne folgte eine Überraschung – besonders für die Besucher aus Slowenien! Über die geräumige Bühnenkonstruktion verteilten sich die Mitglieder der slowenischen Vokalgruppe Perpetuum Jazzile, was ankündigte, dass die Zeit für den in vielen Ohren mit der größten Spannung erwarteten Song des Abends gekommen war: Africa. Doch Pustekuchen – bei der Ansage leistete sich David Paich einen typischen Fauxpas und bezeichnete Perpetuum Jazzile als kroatische Gruppe, was auf der Stelle den Unmut des slowenischen Teils des Publikums auslöste. Na ja, Geographie war Amerikanern noch nie ein starkes Fach, da kann man dem Meister am Klavier diesen einen Ausrutscher nicht übelnehmen. Paich schmetterte Africa dann unter seinem unverwechselbaren Zylinder heraus, leider aber waren Perpetuum Jazzile im Gesamtklangbild kaum zu hören und blieben auf die Rolle von Statisten beschränkt. Zweifellos muss es ein außergewöhnliches Gefühl sein, auf der Bühne neben seinen musikalischen Idolen zu stehen – aber aus dieser Premiere-Zusammenarbeit der beiden Gruppen hätte man doch noch mehr herausholen können. Es folgte ein ausgiebiges Händeschütteln mit Lukather, und zum Abschied gönnten sich Toto noch einen weiteren »The Seventh One«-Song: Home Of The Brave.
Außergewöhnliches technisches Können, die Freude am Auftreten und eine entspannte Atmosphäre mündeten einmal mehr in einem unvergesslichen Konzertabend mit Toto. Diese Musiker sind eben für die Bühne geboren, fürs Auftreten! Wenn man ihre Show verfolgt, wirken die komplexen Kompositionen, in denen eine ganze Palette an Musikgenres das Zepter führt, spielend leicht. So einfach geht das eben, wenn wir von Rock-Legenden wie Toto reden!
Autor: Urban Bolta
Fotos: Aleš Podbrežnik
Setliste:
1. Only the Children
2. Hydra
3. St. George and the Dragon
4. Rosanna
5. Lea
6. Could This Be Love
7. I Won’t Hold You Back
8. We Can Make It Tonight
9. Pamela
10. Human Nature (Michael Jackson cover)
11. Manuela Run
12. How Many Times
13. Carmen
14. Stop Loving You
15. Hold the Line
—Zugabe—
16. Africa
17. Home Of The Brave













































