Toniger Klangrausch mit Earth in Šiška (2015)

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Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Ljubljana / CUK Kino Šiška / Slowenien
Konzertdatum: 01.02.2015
Besucherzahl: 130
Kartenpreis: 22,00€

Die Ankunft von Earth in der slowenischen Hauptstadt ist eine Art biblisches Ereignis, das man eigentlich nicht an die große Glocke hängen würde – wären Earth nicht eine Pionierband, also jene, die das Genre Drone Metal überhaupt erst begründet hat. Das Axiom „weniger ist mehr“, oder anders gesagt – das Flirten mit absolutem musikalischem Minimalismus, ist ein anderer Name für Earth. Die Band, die bereits seit dem fernen Jahr 1989 existiert, besteht 2015 aus dem Ideengeber, Visionär und Antriebsmotor der Gruppe, dem kantigen Haudegen Dylan Carlson, der stattlichen Schlagzeugerin Adrienne Davies und Bassist Bill Herzog.

Das Aufwärmprogramm gehörte zwei Bands. Als Erstes betraten Gitarrist Don McGreevy mit seiner Gitarre und Schlagzeuger Rogier Small die Bühne. Das amerikanisch-neuseeländische Duo präsentierte eine interessante Mischung aus experimenteller Instrumentalmusik, die stellenweise bewusst in völlig amorphen und atonalen Klangcollagen forschte – kontrastiert durch melodische, konziser platzierte Momente. Die hervorragende Ergänzung der beiden Musiker wurde von Stück zu Stück interessanter; an Außergewöhnlichkeit und Skurrilität in ihrer musikalischen Vision, die sich natürlich auch auf Formen des Jazz stützt, mangelt es den beiden jedenfalls nicht. Charmant. Etwas schwerer verdaulich war dagegen die zweite Band namens Black Sprituals (ebenfalls Schlagzeug und Gitarre). Auch hier hatten wir es mit einem instrumentalen Duo zu tun. Einem vollständig experimentellen. Ihr Auftritt erinnerte tatsächlich an eine öffentliche Probe. Ausgeprägt schwere Leitphrasen, definitiv Post-Rock-Einflüsse – aber klanglich eine gewaltige Menge Noise-Krach, der einem den Schädel zerriss. Alles im kleinen Saal vibrierte. Zeitweise schien der Gitarrist geradezu darauf aus zu sein, eine solche Resonanz zu erzeugen, dass er damit die Verstärker und das restliche Equipment zerstören könnte. Mikrofonie und unerträgliche Oszillationen, die eher Kopfschmerzen als musikalischen Genuss provozierten, gab es im Überfluss. Aber dem Publikum gebührt wirklich Anerkennung. Es hielt bis zum Ende durch und belohnte das – etwas lästige, aber dennoch herzlich aufrichtige – Duo. Nur für die zähesten Musikgourmets.

Alle, die das Heiligtum der Underground-Musikkultur des Genres verehren, das mit dem Präfix „Drone“ verbunden wird, erlebten ihren großen Moment, als Earth die Bühne betraten! Nehm die charakteristischen Gitarrenphrasen aus dem Doom Metal, füge jede Menge Wiederholungen hinzu und fixiere sie auf ausgeprägt langsam rollende Rhythmen. Streiche den Sound mit einer ordentlichen Dosis Reverb und Sustain-Effekten, evoziere eine Menge Audio-Feedback – und die ambitionierte Wollust der Klangwelt von Earth ist geboren.

Die Band präsentierte erwartungsgemäß massiv ihr zehntes Studiowerk „Primitive And Deadly“. Im Eröffnungsteil nahm sie sich einer neuen Komposition an – Badgers Bane, die exklusiv nur auf der Doppelvinylausgabe des neuen Albums erhältlich ist – was gleich zu Beginn für eine kleine Überraschung sorgte. Anführer Carlson bat zunächst die Techniker um mehr Bühnenlicht, dann erschuf die Band blitzartig eine hypnotische Welt und entführte etwa 130 auserwählte Zuhörer in Klangweiten von massiv heulendem Gewalze, lawinenhaft zugeschärften Gitarrenphrasen, fundamental untermauert von Adriannes Snare-Schlägen und den voluminös verdickten Linien von Bills Bass. Beide Musiker beobachteten die ganze Zeit aufmerksam Dylans Spiel. Dabei ist es interessant, die Kommunikation der drei zu beobachten. Dylan, der einen Großteil des Konzerts mit dem Rücken zum Publikum spielte, hatte auf die Innenseite des Gitarrenkorpus einen großen Schriftzug geklebt: „Have a fucin‘ nnioce day!“ Bei den häufigen Posen, bei denen er die Gitarre hebt, konnte man das während des Konzerts viele Male lesen. Bei den zahlreichen Wiederholungen, in denen die Band eine bestimmte Phrase oder ein Motiv eine schöne Anzahl von Minuten hält, dreht sich Dylan normalerweise vor dem Übergang zu den beiden anderen Bandmitgliedern um – das ist das Signal, dass sie in den Übergang einsteigen sollen – oder er hebt schlicht die Gitarre. Genau diese extrem „langsame“ Entwicklung des Geschehens verlangt von den dreien umso mehr Aufmerksamkeit und Konzentration in der Ausführung. In all den ausgelösten Lawinen, die das Poltern des ausgeprägt zerstörerischen Sounds evozierte, beschwor die Band ein echtes Mammut auf die Bühne (aus der letzten Eiszeit)! Und das Trio ist wirklich hervorragend eingespielt und aufeinander abgestimmt. Bill zog in den Übergangsteilen der Stücke mit seinen Bass-Lösungen ein paarmal sogar einen Vergleich zu Geezer aus den Zeiten des Debüts der Giganten Black Sabbath – aber das sind schon Kleinigkeiten.

Das Gefühl der Postapokalypse einer frostigen Atmosphäre, das die gesamte Klangmassive der Drone-Esoterik auslöste, führte in Weiten, wo das Gefühl für Raum und Zeit völlig verschwindet. Anderthalb Stunden vergingen deshalb wie im Flug. Dylan, dem die stets verlässliche Fender Telecaster am Herzen liegt, kündigte in den Pausen jedes Stück einzeln an. Deren gab es aber tatsächlich nicht viele, denn je langsamer du Musik spielst, desto länger dauert sie eben. Und so ist auch Post Metal und natürlich auch Drone Metal gestrickt. Der Eröffnungs- und der Abschlussteil des Konzerts gehörten der Präsentation des neuen Albums, der Mittelteil reihte auch ältere Stücke aneinander, in denen die Bienchen Honig im Löwenschädel machten (The Bees Made Honey in the Lion’s Skull) und sich die Band in einen alten schwarzen Mantel hüllte (Old Black). Das Publikum genoss es in vollen Zügen. Bei all dem Poltern und hypnotischen Grollen, das die Anwesenden per Katapultstart in eigentümliche Klangweiten der einzigartigen Seattler Musikverrückten schoss, kann es gar nicht anders sein! Knackig und aufrichtig! Ein einzigartiges Erlebnis.  

Setliste

EARTH:
1. Badgers Bane
2. Even Hell Has Its Heroes
3. There Is A Serpent Coming
4. The Bees Made Honey in the Lion’s Skull
5. Old Black
6. Rooks Across the Gate
7. Ouroboros is Broken
8. Torn by the Fox of the Crescent Moon
—Zugabe—
10. From the Zodiacal Light

 

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