Timo Tolkki’s Avalon: The Enigma Birth
Label: Frontiers Music Srl.
Erscheinungsdatum: 18. 6. 2021
Produktion: Aldo Lonobile
Albumlänge: 58.49 min
Genre: Symphonic Power Metal
Bewertung: 8.5/10
Timo Tolkki, finnischer Gitarren-Virtuose, Komponist und Produzent, Vater der finnischen Power-Metal-Legenden Stratovarius, kehrt nach zwei Jahren mit dem vierten Album seines Projekts Avalon zurück, dem er den Titel »The Enigma Birth« gegeben hat. Das neue Album bzw. die neue Metal-Oper-Geschichte eröffnet keine neue Trilogie. Das Album liefert allerdings auch kein bestimmtes Konzept
Ja. Man muss gar nicht erst hinhören. Bei Tolkki weißt du genau, was der Mann liefern wird. Power Metal, schwer unterfüttert mit dem Schmackes des Arrangements, das sich im Neoklassizismus bedient und sogar Entwicklungstendenzen hin zum Progressive Metal trägt. Dabei bleibt er der Kompaktheit der Arrangements treu, die immer wieder das Stampede der doppelten Bassdrum-Pedale verlangen – das verleiht den Songs eine dynamische rhythmische Flüssigkeit (auch wenn der Sound gelegentlich so ‚kitschig‘ ist, dass man den Verdacht bekommt, da wird ‚geklickt‘) –, darüber thront das Prachtgehabe des Pomps hochgradig ansteckender Musikalität. Darüber legst du autoritären, prägenden Gesang, der die hohe musikalische Anlage der Songs überhöht. All das ist ein Muss im symphonischen Pomp des Power Metal. Tolkki weiß das nur zu gut – ob es nun die klassische Ära von Stratovarius betrifft oder seine beiden anderen Musikprojekte Revolution Renaissance und Symfonia. Auch »The Enigma Birth« ist ein Werk, das all das garantiert, womit Tolkki uns in der Vergangenheit verwöhnt hat.
Timo Tolkki schrieb das Material für das neue Avalon-Album im vergangenen Jahr, und das neue Avalon-Album erscheint relativ schnell nach seinem Vorgänger. Wie schon von den drei Vorgängeralben des Projekts gewohnt, gastiert auch auf dem neuen Album eine ganze Reihe von Vokalistinnen und Vokalisten: James Labrie (Dream Theater), Jake E (ex-Amaranthe, Cyrha), Marina La Torraca (Phantom Elite, Exit Eden), Brittney Slayes (Unleash The Archers), Raphael Mendes (Icon Of Sin), Fabio Lione (Rhapsody, Angra, Eternal Idol), Caterina Nix (Chaos Magic) und YouTube-Vokalstar PelleK. Die bunte Palette an Vokalistinnen und Vokalisten ist in einer solchen Situation eigentlich unerlässlich, da sie Entwicklung und Atmosphäre der Songs so bereichert, dass der Hörer nicht allzu sehr über das Aufwärmen von Klischees nachdenkt. Auch die Natur der Kompositionen ist sehr gut ausbalanciert. Von balladesken Nummern über schnittige Power-Metal-Attacken bis hin zu mittelschnellen Momenten mit dem richtigen Schuss bombastischen Dramateaters. Ja. Eröffnung und Abschluss sind so temporeich wie möglich gehalten. Die Darbietung des bunten Vokalisten-Ensembles ist glänzend, faszinierend und eine der größten Attraktionen auch dieses Albums. Besonders stark funktioniert diesmal der Gesang von Fabio Lione (auf der männlichen Seite) – was kaum überrascht (die Verbindung zwischen Rhapsody, Angra und Stratovarius war stets eng) – und Caterina Nix (auf der weiblichen Seite). Der Gesang von Raphael Mendes hingegen ist die direkte Antwort auf die Frage, wie Bruce Dickinsons Stimme im ‚Timo-Tolkki-style-Power-Metal‘ funktionieren würde, wobei Beaty And War flüchtig an etwas erinnert, das vom klassischen Stratovarius-Album »Infinite« (2000) stammen könnte. Warum kann Avalon nicht direkt an Stratovarius anknüpfen, obwohl auch »The Enigma Birth« wie für Stratovarius-Fans gemacht ist? Weil Jens Johansson in seiner Gesamtheit fehlt.
In den letzten zwanzig Jahren ist auf der Power-Metal-Szene eine solche Fülle an Platten erschienen, dass das Unterscheiden zwischen ihnen gelegentlich zum Rätsel aller Rätsel wird. Eine vertrackte Angelegenheit. Was bedeutet das? Dass dieses Album wirklich all jene in die Hände nehmen werden, die eingefleischte Power-Metal-Spezialisten sind – also unter anderem überzeugte Anhänger von Timo Tolkki und seinem Werk –, sowie alle frisch im Metal Gestrandeten, für die Power Metal das Sprungbrett bei der Entdeckungsreise durch dieses Genre in seinem ganzen Entwicklungsglanz und seinen Geheimnissen ist.
Äußerst wichtig ist die Zusammenarbeit mit dem hervorragenden italienischen Multi-Instrumentalisten und Produzenten, auch Komponisten und in erster Linie Gitarristen, Aldo Lonobile (Secret Sphere, Archon Angel, Sweet Oblivion). Dieser übernahm das Produktionssteuer bereits beim letzten Avalon-Album, was zur äußerst gefälligen Lebendigkeit und Modernisierung – Aktualisierung des Sounds dieses Tolkki-Projekts beigetragen hat. Auch auf dem neuen Album setzte seine abschließende Überarbeitung das wichtige Tüpfelchen auf das »i«, das die qualitative Kohärenz des Vorgängeralbums garantiert bzw. aufrechterhält. Wie bereits erwähnt. Ein hervorragend ausbalanciertes Album im Sinne der Anordnung der Songs entsprechend der Natur der jeweiligen Komposition, begleitet von durchgängig hervorragender Produktion (besonders bei der klanglichen Platzierung der Gitarren). Über allem, und das muss man hervorheben, spielt natürlich Tolkki’s prägender und unverwechselbarer Ansatz des Gitarrenspiels eine integrale Rolle. Inklusive des Komponierens. Die eigene Philosophie des Verständnisses der Fusion von Metal mit Oper und klassischer Musik. Das ist es, was auch dem vierten Avalon-Album seinen Wiedererkennungswert und seine Einzigartigkeit verleiht. Der Mann bleibt brilliant in seinem Schaffen und der eigenen Interpretation des Gitarrenspiels. Möge ihn die Inspiration also nicht verlassen. Solange Tolkki’s Spiel solche Salven der Melancholie hervorruft wie in der faszinierenden Ballade Another Day, muss man das sicher nicht befürchten.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. The Enigma Birth (feat. Pellek)
2. I Just Collapse (feat. Caterina Nix)
3. Memories (feat. Caterina Nix, Brittney Slayes)
4. Master Of Hell (feat. Raphael Mendes)
5. Beautiful Lie (feat. James LaBrie)
6. Truth (feat. Jake E)
7. Another Day (feat. Marina La Torraca)
8. Beauty And War (feat. Raphael Mendes)
9. Dreaming (feat. Fabio Lione)
10. The Fire And The Sinner (feat. Jake E, Brittney Slayes)
11. Time (feat. Marina La Torraca)
12. Without Fear (feat. Fabio Lione)
Musiker:
Timo Tolkki – Gitarre
Andrea Arcangeli – Bassgitarre
Marco Lazzarini – Schlagzeug
Antonio Agate – Keyboards und Orchestrierungen
Federico Maraucci – zusätzliche Gitarren
Aldo Lonobile – zusätzliche Gitarren
