Tim Drakslers morbide Träume (2012)
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Ort: Ljubljana / Old Scottish Pub / Slowenien
Interviewdatum: 22.04.2012
Tim Draksler gilt als einer der mutigsten slowenischen Gitarristen, der sich bereits früh in seiner Karriere auf einen eigenständigen musikalischen Weg begibt. Manche, heißt es, reifen früher. Muss nicht sein. Manche haben einfach Talent, Genialität – und wenn man es auf einen Gitarristen wie Tim Draksler bezieht, auch das richtige Händchen! Tim hat die Grenzen des Old-School-Thrash-Metal schnell hinter sich gelassen, den seine Stammband Eliminator (später umbenannt in Decilence) pflegte. Im April dieses Jahres hat er daher die eigenständige EP »Morbid Desire« aufgenommen und veröffentlicht – die Rockline-Rezension HIER. Das Werk versteckt seinen musikalischen Anspruch nicht, und Tim hat damit ein solides Fundament gelegt, auf dem er die künstlerische Reichweite seiner vielschichtigen musikalischen Ausdrucksweise weiterentwickeln und vertiefen kann.
RockLine: Als du deine Zusammenarbeit mit Eliminator und danach Decilence beendet hast – hast du dann nach einer neuen Band gesucht, der du dich anschließen könntest, oder hattest du von Anfang an eine Vision von einem Soloprojekt?
Tim: Ich habe immer gerne alleine gespielt. Ideen gab es viele. Noch zu Zeiten von Eliminator. Ich habe diese Ideen den anderen in der Gruppe gezeigt, aber es blieb bei Ideen, Entwürfen. So hat sich bei mir ein Vorrat von rund zwanzig Songs angesammelt, die für mich selbst entstanden sind. Ich habe zwar einige Angebote von verschiedenen Bands bekommen, mich ihnen anzuschließen, aber es hat mich nicht wirklich gereizt. Mit Ausnahme des Angebots von Interceptor – da war es etwas anders. Da wäre ich bereit gewesen mitzumachen, denn das ist eine Truppe erfahrener Musiker, was mir beim weiteren Schliff sicher zugutegekommen wäre.
RockLine: Dein Weg hat dich also gewissermaßen ganz natürlich zu dem Schluss geführt, dein kreatives Talent auszuprobieren. Was deine EP »Morbid Dreams« bietet, ist ein vielschichtiges musikalisches Konzept. Man spürt auf der EP tatsächlich, dass du mehr Freiheit gebraucht hast….
Tim: Eliminator waren Old-School-Thrash-Metal. Wenn ich alleine schaffe, sieht die Sache ganz anders aus. Ich kann nicht mal definieren, welche Genres was auf meiner EP sind. Ich spreche von dem, was ich für die EP kreiert habe.
RockLine: Gleichzeitig spürt man auf ebendieser EP aber, dass die Basis Thrash Metal bleibt.
Tim: Ja. Ich würde das aber als progressiven Thrash Metal einordnen. Auch die Vocal- und Drumlinie habe ich selbst für diese EP geschrieben. Mit dem Programm »Q Base« lässt sich einiges lösen.
RockLine: Erzähl uns etwas mehr über die EP. Wie viel hattest du im Voraus geplant, wie viele Ideen kamen spontan, usw…?
Tim: Am Anfang hatte ich nichts geplant – nicht mal, wie viele Songs ich auf die EP nehmen würde. Geschweige denn, wie das Cover aussehen soll. Alles entstand spontan beim Arbeiten. Zunächst wollte ich das Album einfach ins Netz stellen, als kostenlosen Download. Dann habe ich mich für eine CD in physischer Form entschieden, aber ich hatte nicht erwartet, dass das alles so viel kostet. Aber in dieser Hinsicht durfte diese finanzielle Investition kein Hindernis sein.
RockLine: Auf der EP sind einige interessante Gastmusiker – wie hast du die Zusammenarbeit mit ihnen arrangiert?
Tim: Der Sänger Cezar Vigouroux, eigentlich Mitglied der Band Rusted, kommt aus Chile. Wir haben über You Tube Kontakt aufgenommen. Er hat Vocals für Coverversionen von Songs der Band Nevermore aufgenommen, ich habe ihm die Entwürfe der Songs gezeigt und er war begeistert – er hat sich dem Material völlig hingegeben und mich mit seiner großen Stimmreichweite überrascht. Er hat die Vocals für den Song Lucid Killer beigesteuert. Diese Zusammenarbeit werde ich auch fürs zweite Album aufrechterhalten. Das Problem ist aber die Kommunikation. Alles läuft über E-Mails und diese ganze Kommunikation ist unglaublich langwierig. Die EP hätte schon vor einem halben Jahr fertig sein können, aber bei den Vocals hat sich alles verwickelt. Die habe ich selbst zusammengeflickt. Bei den Texten hat mir Sergej Vučer geholfen. Über Vocals habe ich nie ernsthaft nachgedacht – zunächst hatte ich sogar die Idee eines rein instrumentalen Albums. Dann bin ich über You Tube auf Cezar gestoßen. Ich habe meine Meinung geändert, weil ich merke, dass die Musik auf der EP mit Vocals viel mehr zündet als ohne. Die Songs waren im Grunde für Instrumentals konzipiert. Am Ende habe ich sogar für den achtminütigen progressiven Song Vocals verwendet, die nach einer Minute in die Musik einsetzen und sehr gut klingen – sehr kompatibel, eigentlich ist diese Kompatibilität sogar über den Erwartungen. Ich habe die Vocals nachträglich in die Songs eingefügt. Zum Glück hat sich alles gefügt, denn anfangs waren die Kompositionen in ihrer Grundanlage nicht fürs Singen gedacht.
RockLine: Findest du, dass die ganze Sache bzw. die EP stellenweise chaotisch wirkt?
Tim: Eigentlich schon. Nehmen wir zum Beispiel Longing For Clarity. Da ist einiges an Verwirrung. Im Vocal-Refrain findest du Soli, spezielle Effekte, »clean« aufgenommene Gitarre rückwärts – also »kleine Extras«, die aber andererseits eine Menge Experimentierens darstellen. Es macht mir Spaß, Sachen »rückwärts« aufzunehmen. Ich müsste noch lernen, die Vocals so zu machen, dass ich sie »rückwärts« aufnehme – das wäre super, ha ha ha…
RockLine: Wie habt ihr mit Vučer bei der Entstehung der Texte zusammengearbeitet?
Tim: Die Worte, die ich in den Lines haben wollte, habe ich ihm aufgenommen. Zufällig, ohne Reihenfolge. Ich habe ihm auch die Vocal-Lines aufgenommen – ich habe eben die Entwürfe der Melodien der Vocal-Lines selbst eingesungen. So hat mir Vučer testweise das komplette Text- und Vocal-Line-Paket für den Song Lucid Killer geschickt. Das habe ich nach meinem Geschmack angepasst, wo es mir wichtig und nötig schien. Da Vučer auch Texte für Interceptor geschrieben hat und ich mit Lucid Killer zufrieden war, habe ich ihn gefragt, ob er mir weiter helfen würde. Er hatte freie Hand. Und ich gebe zu, dass ich selbst den Botschaften in ihnen nicht ganz folge. Manchmal sind sie richtig… wie soll ich sagen, »kosmisch«…. Und das kommt gut rüber. Es ist nicht konventionell, folgt keinen Regeln, geht nicht nach erkennbaren Mustern – und das gefällt mir, weil es der ganzen Sache einen eigenständigen Charakter verleiht.
RockLine: Auf der EP ist auch Grega Habič dabei.
Tim: Grega betrachte ich als einen der besten slowenischen Gitarristen. Er ist hervorragend darin, Instrumentalkompositionen aufzubauen. Er hat mir beim Zusammenfügen der Leitmotive geholfen – Gregas Arrangiertalent hat sich auf der EP als sehr willkommene Unterstützung erwiesen. Habič hat interessante Sachen beigesteuert und sich sehr gut zurechtgefunden, obwohl die Musik auf der EP nicht gerade sein Genre ist. Dann sind da noch Sušnik (Metalsteel, Anm.d.Red.) und Bagarič (Interceptor, Anm.d.Red.), beide Bassisten, beide hervorragende Musiker. Bagarič hat mich schon begeistert, als ich mit Interceptor geübt habe. Für die Basslinien hat auch der Freund meiner Freundin mitgewirkt.
RockLine: Dann ist da noch Josh Christian von der Band Toxic….
Tim: Mit ihm bin ich über FaceBook in Kontakt gekommen. Unsere Unterhaltung hat unter anderem darauf hinausgelaufen, dass ich vorhabe aufzunehmen, und so hat Josh von sich aus seine Dienste angeboten. Natürlich habe ich sofort zugestimmt. Aber dann tauchte das Problem anderswo auf. Josh ist ein professioneller Musiker und hat einfach keine freie Zeit für mein Material gefunden. Am Ende habe ich selbst aufgegeben, alles in eigener Regie aufgenommen und auf You Tube veröffentlicht. Josh hatte damals auch noch ernste Familienangelegenheiten, hat aber trotzdem großen Willen gezeigt, seinen Beitrag zu leisten – und hat das schließlich getan. Nachträglich. Jetzt einigen wir uns darauf, dass Josh auch auf meinem zweiten Album mitarbeiten soll.
RockLine: Woher kam die Idee für den Titel der EP »Morbid Desire«?
Tim: Ursprünglich war die Idee als Titel für den Song Despair gedacht. Als Vučer die Verse beigesteuert hat, hat die Sache aber nicht mehr zum Titel gepasst. Dann habe ich überlegt, ob ich die Idee nicht gleich als Titel für die EP verwende. Der Titel gefällt mir sehr. Auch atmosphärisch wirkt das Album auf mich so, als würde es sich auf eine Art entwickeln, die der Titel zusammenfasst.
RockLine: Aufgenommen und produziert hast du alles selbst.
Tim: Ja. Die Low-Budget-Variante, hat mich 50,00€ gekostet. Es war viel Improvisation, viel Anpassung. Viel Lernen, Einarbeiten in Programme. Zunächst habe ich Songs nur aufgenommen, weil ich sie haben wollte – nicht, weil ich später eine CD veröffentlichen wollte.
RockLine: Wo schöpfst du deine Inspiration beim Schaffen deiner Musik?
Tim: Das kann ich gar nicht sagen. Nachts, wenn ich in Maribor bin, wenn ich mit meinen schulischen Verpflichtungen aufgehört habe, wenn die späte Nacht anbricht – so zwischen ein und vier Uhr morgens – »öffnet sich alles« in meinem Kopf. Ich nehme die Gitarre in die Hand, so als würde ich üben, und spiele, spiele… und neue Sachen entstehen dabei. Die notiere ich mir sofort, alle Ideen. Weil man am nächsten Tag alles vergessen kann. Die Grundlage ist immer der Riff. Natürlich passiert es auch, dass mir eine Idee in den Kopf fällt, die ich für irgendein Intro verwende. Manchmal passiert es beim Autofahren. Dann nehme ich mich aufs Telefon auf, singe mir eine Melodie ein, nehme sie auf. Es gibt da keine Regel – nur so etwas wie… ein »Jam«.
RockLine: Im Grunde hast du in diesem Mosaik aus Gastmusikern, Ideen und dem ganzen spontanen Entstehungsprozess dieser EP sehr geschickt Slalom gefahren.
Tim: Oft haben die Musiker, die mitgewirkt haben, mit ihren eigenen Ideen dazu beigetragen, dass ich einen bestimmten Song selbst anders entwickelt bzw. gelenkt habe, als er ursprünglich gedacht war. Eigentlich bin ich auch musikalisch-künstlerisch selbst durch die Ideen der anderen auf dieser EP gewachsen. Es ist so eine Mini-Matura, wie ich sagen würde…. die erste Reifeprüfung. Daher auch einige Abweichungen, die vielleicht mit der Arrangiertheorie nicht ganz übereinstimmen – aber ich will der Theorie nicht folgen. Viele meiner Soli sind so angelegt, dass sie diese Grenzen der harmonisierten Molltonart überspringen wollen, in eine Dimension springen wollen, die keinen Regeln folgt. Wie das zum Beispiel Marty Friedman macht – oder wie man es auf den gemeinsamen Kooperationen von Jason Becker und Marty Friedman hören kann. Ähnlich bin ich auch das Solo für das Soloalbum von D-Y-Z angegangen. Der hat mir nur die grundlegende Vorgabe gegeben, ich solle etwas im Stil der Soli einspielen, wie man sie bei Negligence hören kann – und ich habe das im Grunde aufgewertet. Ihr müsst das Material von der EP live hören. Das haut voll rein!
RockLine: Neben Friedman und Becker – gibt es noch jemanden, den du zu deinen Vorbildern zählst?
Tim: Hmmm…. Jeff Loomis (Nevermore, Anm.d.Red.), Tim Calvert (Forbidden Anm.d.Red.), Chuck Schuldiner (Death Anm.d.Red.), Dimebag Darrell (Pantera Anm.d.Red.) – wobei für mich als bester Rhythmusgitarrist Mike Thompson von Slipknot gilt. Natürlich steht, was »Abgedrehtheit« angeht, auf jeden Fall Paul Masvidal (Cynic ,Anm.d.Red.) an erster Stelle. Von slowenischen Sachen haben mich Kaoz beeindruckt. Die waren anders.
RockLine: Du hast vorhin mehrmals dein nächstes Album erwähnt. Wie entwickelt sich das Gerüst dafür?
Tim: Ideen sind da, das Material wird vorbereitet. Ich bin mit den Forbidden-Mitgliedern Craig Locicero und Steve Smyth wegen einer Zusammenarbeit im Gespräch. Auch Josh Christian wird wieder dabei sein, genauso wie auf der EP »Morbid Desire« – und Rick Rozz (Death, Anm.d.Red.). Ich bin auch in Kontakt mit einem erst siebzehnjährigen«Wunderkind« aus Deutschland namens Nick, der ebenfalls etwas für mein nächstes Werk einspielen soll. Von slowenischen Musikern habe ich noch nicht darüber nachgedacht, wen ich einbeziehen würde – aber sicher werden sie auch auf dem neuen Album nicht fehlen. Grega Habič habe ich bereits im Kopf, und auch D-Y-Z. Für die Bassgitarren werde ich Bagarič nehmen. Die Vocals wird Cezar komplett übernehmen. Unter allen neuen Songs werden es höchstens drei Instrumentals sein, der Rest wird Gesangsstücke sein.
Interview geführt von: Rok Klemše
Text redigiert von: Aleš Podbrežnik
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