Morbid Desire
Autor: Rok Klemše
Interpret: Draksler, Tim
Label: Eigenveröffentlichung
Erscheinungsjahr: 2012
Laufzeit: 25:00
Wertung: 3/5
Tim Draksler ist kein unbekannter Name in der slowenischen Metal-Szene. Wir kennen Tim noch von seinem (zugegeben kurzen) Engagement bei Decilence, die nach der Auflösung von Eliminator entstand. Nach dem Zerfall von Decilence schloss sich Tim den legendären Interceptor an, spielte mit ihnen einige Konzerte und nahm ein Album auf (auf das wir, nebenbei bemerkt, noch immer warten!), doch die einzig wahre Möglichkeit, seine künstlerische Ader vollständig auszuleben, war das Soloprojekt. Tim hat so in relativ kurzer Zeit die Debüt-EP Morbid Desire aufgenommen und veröffentlicht, auf der er sich erstmals als Solist präsentiert, mit Unterstützung einiger Gastmusiker.
Vom Genre her bewegen sich die 25 Minuten der EP vor allem in den Gewässern des Thrash Metal, der jedoch ausgesprochen technisch ausgerichtet ist, voller komplexer und unvorhersehbarer, fast schon progressiver Linien. Darauf präsentiert sich Tim als Autor aller Tracks und als Gitarrist, wobei er auch für die programmierten Drums und die Produktion des Werkes verantwortlich zeichnet. Das Herzstück des Albums sind Tims gitarristische Kapriolen, die sich vor allem in feurigen Solos ausdrücken, vollgepackt mit verdrehten und abgefahrenen Ideen im Stil der Meister Jeff Loomis (Nevermore) und Paul Masvidal (Cynic) – so fehlt es weder an durchgeknallten »spacey« Solos, die leicht an Cynic erinnern, noch an technisch extrem anspruchsvollen Sweeps und Arpeggios, wie sie nur Loomis hinbekommt. Draksler macht keinen Hehl aus seinen Einflüssen, ist aber eigenständig und vielseitig genug, dass man ihm übertriebenes Nachahmen nicht vorwerfen kann. Schön zu hören, dass sein Kompositionsstil experimentell und psychotisch genug ist, um sich auch mutige atonale und dissonante »jazzige« Tricks zu erlauben. Für noch mehr Abwechslung und einen dynamischen »vibe« der Solos sowie einen besser verdaulichen Albumverlauf sorgen zahlreiche Gastmusiker – allen voran Josh Christian (Toxic), der im Opener Lucid Killer ein abgefackeltes Solo hinlegt, ganz in seinem eigenen Stil. Kaum schlechter schlagen sich auch Grega Habič, Matej Sušnik und Dragan Bagarič, die den Tracks ihre eigene Note verleihen und dabei dennoch Drakslers Idee treu bleiben. Diese ist zwar mutig und kühn, doch würde man sich wünschen, dass er künftig beim Komponieren mehr (Selbst-)Kontrolle einsetzt, denn das Album wirkt stellenweise etwas zu spontan und improvisiert – auf jeden Fall wäre es nicht verkehrt, wenn Tim in das aktuelle Chaos, das Hörer abschrecken kann, die den schizophrenen Sound nicht gewohnt sind, ein bisschen mehr Ordnung brächte. Manchmal hat man nämlich den Eindruck, als wolle Tim in sein erstes Solowerk einfach zu viel hineinzwängen, als wolle er schon von Anfang an zeigen, wozu er alles fähig ist – und genau deshalb gerät er auf etwas rutschiges Terrain. Aber man muss sagen, dass Tim keineswegs an Ideen mangelt: Die Solos und vor allem die Riffs sind abwechslungsreich genug, um sich nicht zu wiederholen, die Song-Struktur ist dynamisch und vielfältig, und die morbiden und psychotischen Linien, die gelegentlich an die Oberfläche treiben, fügen sich schön in das Gesamtkonzept ein – und das gesamte Bild des Albums wird vor allem durch die ausgezeichnete, kraftvolle Gesangsperformance von Cesar Vigouroux (Rusted) bereichert. Leider begräbt der größte Makel des Albums unter seinem eigenen Gewicht viel zu viele Details, von denen es wirklich eine Menge gibt. Die Produktion des Albums ist nämlich amateurhaft, der Sound überladen und zu voll, und die abwechslungsreichen Gitarrenlinien gehen im dreckigen und matschigen Klang sowie in den zu aufdringlichen programmierten Drums unter.
Morbid Desire ist ein solides erstes Werk, das aber noch von einigen Kinderkrankheiten geplagt wird – vor allem kann man das Gefühl nicht loswerden, dass Tim in seinem übertriebenen Verlangen nach einem Solowerk zu hoch geflogen ist und sich dabei die Flügel versengt hat. Der erste Schritt zu einem reibungslosen Flug wäre auf jeden Fall, dass Tim das nächste Werk in die Hände eines erfahrenen Produzenten legt, denn der Start ist erfolgreich genug, dass der Flug mit ein paar Korrekturen nicht mit einer schlechten Landung enden sollte.
Besetzung
Tim Draksler – Gitarre (1,2,3,4,5)
GÄSTE:
Cesar Vigouroux – Gesang (1,2,3,4)
Josh Christian – Sologitarre (1)
Grega Habič – Sologitarre (3,4)
Matej Sušnik – Bass (4)
Dragan Bagarič – Bass (1)
Blaž Varžič – Bass (2,3)
Mike Basnec – Bass (5)
Sergej Vučer – Texte (1,2,3,4)
Produktion
Tim Draksler
Tracklist
1. Lucid Killer
2. Despair
3. Longing For Clarity
4. Beyond Sanity
5. The Endless Forms