Thirteenth Star
Autor: Peter Podbrežnik
Interpret: Fish
Label: Chocolate Frog Records
Veröffentlichung: 2007
Bewertung: 4.5/5
Fishs Solokarriere nimmt in den letzten Jahren mehr als offensichtlich wieder Fahrt auf. Nach einem Haufen mehr oder weniger durchschnittlicher Alben in den 90ern, aus denen noch am ehesten „Sunsets On Empire“ (1997) und „Raingods With Zippos“ (1999) herausstachen, sah es schon so aus, als würde er wegen der nicht gerade begeisterten Kritiken und des kommerziellen Misserfolgs, vor allem aber wegen der versiegenden kreativen Inspiration, die Flinte ins Korn werfen und sich der Schauspielerei zuwenden. Nachdem er kurz vor dem Release von „Field Of Crows“ (2004) tatsächlich ernsthaft darüber nachgedacht hatte – dem Vorgängeralbum, mit dem er positiv überrascht und eines seiner besseren Werke abgeliefert hat –, hat er es sich zum Glück doch anders überlegt. Dazu hat sicher auch der unerwartete Erfolg der „Return to Childhood“-Tour beigetragen, auf der er die komplette Marillion-Klassiker-Platte „Misplaced Childhood“ (1985) live gespielt hat. Das hat ihn mehr als offensichtlich angespornt, seine musikalische Leidenschaft neu zu entfachen. Fish war sich in seiner ganzen Karriere immer bewusst, dass der Schatten von Marillion und seinem Neo-Prog-Rock-Erbe zu groß war, um ihm einfach so zu entkommen – egal, wie experimentell und „anders“ das Album war, das er gerade versuchte zu machen. Nach den gescheiterten Versuchen der Vergangenheit ist ihm mit „13th Star“ endlich ein klanglich höchst überzeugendes und reifes Album gelungen, das eindrucksvoll von seiner Entwicklung als Solomusiker erzählt, ohne dass er dabei mit seinem bisherigen lyrischen Erbe brechen würde. Passend dazu hat er sich entschieden, „13th Star“ als Konzeptalbum anzulegen.
Das Konzept des Albums ist erwartungsgemäß ziemlich persönlich, sehr typisch für Fish und mehr als offensichtlich vom unglücklichen Ende seiner Episode mit Heather Findlay inspiriert (übrigens Sängerin der modernen Folk-Prog-Rocker Mostly Autumn): Es geht um einen Mann, der im Alltagstrott gefangen ist und beschließt, sich einen Navigator durchs Leben zu suchen, der sein Dasein weniger pathetisch und apathisch machen soll. Als er ihn findet, ist er überzeugt, seine wahre Liebe gefunden zu haben, erlebt aber bald das schmerzhafte Ende seiner Illusion. Am Ende schafft er es trotzdem irgendwie, sich aus der Depression hochzurappeln und mit neuer Hoffnung und neuen Zielen in die Zukunft zu gehen. Vielleicht wirklich ein weiteres pathetisches Klischee des ewigen Poeten des gebrochenen Herzens, der sich schon seit seinen ersten Tagen mit Marillion so durchzieht, aber man muss zugeben, dass Fish immer genau dort am stärksten war, wo es um den lyrischen Ausdruck eigener Traumata und emotionaler Abstürze ging. Je schmerzhafter die Erfahrung, desto intensiver und von Herzen kam sie meistens raus. Entsprechend dominiert auf dem Album eine düstere Stimmung, auch wenn hier und da doch mal ein Sonnenstrahl durchblitzt.
Klanglich bietet das Album eine ausgezeichnete Produktion und ein paar der besten musikalischen Momente seiner Solokarriere. Positiv überrascht der hohe Anteil an E-Gitarren und die Fülle an knackigen Riffs, größtenteils das Revier von Fishs Original-Gitarristen Frank Usher. Das größte Verdienst für die hervorragende Produktion und ein gewichtiges Wörtchen beim Schreiben des Großteils der Musik hat Bassist Steve Vantsis, der obendrein auch an seinem Bass ausgezeichnet ist, was vor allem in den härteren und düstereren Momenten des Albums richtig zur Geltung kommt. Trotz der ziemlich düsteren und scharfkantigen Atmosphäre findet man auf dem Album aber auch einige ruhigere Passagen mit vielen erhebenden Momenten, meist mit Akustikgitarren- und Klavierparts. Die sorgen für Ausgleich und den passenden Kontrast, damit das Album als Ganzes nicht zu eindimensional und finster ausfällt. An den Keyboards ist der großartige Foss Paterson zurückgekehrt, der in seiner Karriere unter anderem auch mit Camel und Jethro Tull zusammengearbeitet hat. Sein Beitrag ist auf dem Album sofort spürbar. Fishs Stimme hat zwar schon vor Jahren merklich an der früheren Geschmeidigkeit eingebüßt, und ihm liegen schon lange eher tiefere Lagen, aber der Kerl ist nach wie vor ein großartiger Schauspieler und ein Charismatiker ohnegleichen, der mit seiner Gesangsperformance dem Hörer echtes Kopfkino zaubern kann.
„13th Star“ eröffnet der ziemlich düstere und obskure „Circle Lane“, bei dem den Hörer jede Menge elektronische Samples auf den Keyboards, ein knackiges Gitarrenriff, ein groovender Rhythmus und der unverkennbare poetische Gesang treffen. Überraschend vor allem die Fülle an knackigen Gitarrenpassagen (Usher an der E-Gitarre wird gelegentlich noch von Chris Johnon und Steve Vantsis ergänzt). Fish zeigt schon gleich zu Beginn mit diesem Song, der den grauen Alltag des Protagonisten darstellt, die Zähne und macht klar, dass das keineswegs ein leichtes Album wird, das man in einem Rutsch wegschluckt, sondern etwas spürbar Tieferes. Das Album entwickelt sich tatsächlich, es wächst von Song zu Song. Noch wuchtiger klingt „Square Go“, wo Vantsis‘ Bass mehr als deutlich dröhnt und mit einem elektrisierten Gitarrenriff durchtränkt ist. Der Refrain ist ein echter „Schlag vor den Kopf“ und Fish klingt die ganze Zeit ziemlich angepisst, gönnt sich aber auch ein paar erzählerische Einschübe, die er schon immer geliebt hat. So viel Wucht bin ich von Fish normalerweise nicht gewohnt, aber es ist ihm gelungen, auf überzeugende Weise die Eröffnungsstimmung des Konzepts zu schaffen und das Terrain für den Rest des Albums zu bereiten. Die Stimmung beruhigt „Milos De Besos“, eine atmosphärische Ballade, in der sich Foss Paterson am Klavier und Frank Usher an der Akustikgitarre auszeichnen und gemeinsam eine hervorragende akustische Melodie weben. Auch wenn sie anfangs wie eine Liebesballade wirkt, bekommt sie im Schlussteil eine interessante, völlig unerwartete Wendung und ein energisches Motiv.
„Zoe 25“ ist meiner Meinung nach das lyrisch stärkste Stück auf dem Album. Untröstliche Gefühle von Melancholie quellen förmlich aus Fishs Stimme. Eine großartige Mischung aus Akustik, sinfonischen Arrangements und einem schönen mehrstimmigen Refrain. „Arc Of The Curve“ ist definitiv eines der Highlights des Albums, begeisternd durch den Einsatz der Akustikgitarre, eine starke Melodie und Fishs ausgezeichneten stimmlichen Ausdruck. Ein regelrechter Rock-Hymnus mit herrlicher Melodie, hypnotischen Instrumentalpassagen und einem tollen mehrstimmigen Refrain. An diesem Punkt des Konzepts glaubt der Protagonist, endlich seine wahre Liebe gefunden zu haben. Dieses Gefühl hält natürlich nicht lange an, und bei „Manchmal“ (der Titel ist tatsächlich deutsch und heißt „manchmal“), meiner Meinung nach das härteste Stück, das er bisher gemacht hat, schwappt sein Zorn in alle Richtungen über. Ein schweres Gitarrenriff, wie man es sonst eher von einer Metal-Band kennt, ist hervorragend mit dem wütenden Gesang und einem rasenden Rhythmus verwoben. Die Samples sorgen für guten Kontrast und dämpfen Fishs Zorn auf die „ganze Welt“. „Openwater“ ist ein weiteres ziemlich wuchtiges Stück, eröffnet von einem knackigen Gitarrenriff und Fishs Erzählung, die zu einem gelungenen Übergang am Klavier mit bluesy Motiv führt. Auch hier sorgen zahlreiche Samples für den nötigen Kontrast.
„Dark Star“ ist ein weiterer Höhepunkt des Albums, der mich mit seiner düsteren, geheimnisvollen Stimmung, dem Rhythmus, dem knackigen Gitarrenriff, der Klangfarbe der Stimme und den vielen Samples ein wenig an einige Sachen erinnert, die Fishs großes Vorbild Peter Gabriel auf „Up“ aufgenommen hat. Der Song klingt von Minute zu Minute düsterer. Besonders gefällt mir der Teil, in dem Fishs Erzählung wie ein Monolog mit sich selbst aufgenommen ist. Im letzten Abschnitt überraschen einige völlig unerwartete Taktwechsel. Und die geschmackvollen sinfonischen Arrangements nicht zu vergessen. „Where in the World“ ist eine schöne Ballade, die nach dem düsteren Vorgänger für passenden Kontrast sorgt – der Protagonist hat sich nach dem Fall emotional schon wieder aufzurappeln begonnen, doch die Erinnerungen an die Vergangenheit verfolgen ihn noch immer.Hervorragender lyrischer Ausdruck zu schönen Arrangements an Akustikgitarre, Klavier und den übrigen Keyboards. Im zweiten Teil entsteht eine verträumte Melodie, der auch der hypnotische weibliche Backing-Gesang zusätzlichen Zauber verleiht. Der Schlusstrack „13th Star“ markiert den emotionalen Höhepunkt des Protagonisten, wenn er sich vom Boden hochrappelt und hoffnungsvoll nach vorn blickt. Fish hat bis dahin die meisten Stücke auf dem Album in tieferer Lage gesungen, was seiner Stimme in den letzten Jahren ohnehin besser steht, diesmal geht er aber noch tiefer, sodass er emotional fast völlig leer und kalt wirkt. Irgendwann klingt es fast, als würde er beim Singen weinen, auch wenn ich mir so einen Riesen in Tränen nur schwer vorstellen kann. Hervorragende sinfonische Arrangements, ein interessanter Einsatz der Mandoline und weibliche Mehrstimmigkeit geben ihm noch eine zusätzliche, weitere Dimension. Am Ende hebt er sich doch hinter dem „Tresen“ hervor und findet neue Hoffnung und neue Ziele im Leben, irgendwie im Stil des Marillion-Klassikers „Sugar Mice“, und beschließt, fortan dem „13. Stern“ zu folgen.
Mit „13th Star“ hat Fish endlich das Album gemacht, auf das wir lange gewartet haben – ein Album, das endlich seine neue Stufe der Reife und seine Entwicklung als eigenständiger Musiker belegt. Die enge Zusammenarbeit mit Vantsis beim Songwriting hat am Ende unerwartet reiche Früchte getragen. Das Ergebnis ist eines seiner besten Alben, wenn nicht sogar das beste überhaupt (garantiert das beste, was stimmliche und lyrische Überzeugungskraft angeht, aber auch die Innovation bestimmter Motive). Trotzdem erwartet bloß nicht, dass irgendetwas auf dem Album musikalisch mit dem vergleichbar wäre, was er mit Marillion gemacht hat, denn dieses Kapitel seiner Karriere hat er, abgesehen von den Live-Auftritten, weit hinter sich gelassen, und ein Vergleich ist gar nicht mehr möglich. Das Einzige, was ihn noch mit diesen Zeiten verbindet, ist, dass Fish im Kern immer noch der gute alte Fischer geblieben ist, der freundliche Riese und sympathische „Loser“, den die weiblichen Chamäleons, an die er sich bindet, am Ende immer am ausgestreckten Arm verhungern lassen. So hat er seine liebsten lyrischen Konzepte beibehalten. Je trauriger und desillusionierter er ist, desto besser wird sein Album – so wie es die besten Poeten in der Vergangenheit eben auch gemacht haben. Ein klein wenig übel nehme ich ihm nur, dass man „13th Star“ ausschließlich über seine Webseite oder auf der Konzerttour bekommt. Andererseits ist das ein solider Beweis dafür, dass er in letzter Zeit wirklich nur noch zu seiner eigenen Freude und der seiner treuen Fans Musik macht. Alle von euch, die der Solokarriere des freundlichen schottischen Riesen skeptisch gegenüberstanden: Schmeißt dieses Album an und blast eure Zweifel an seinen Fähigkeiten als Solomusiker weg. Fish hat sowohl vergangene als auch jüngere Dämonen erfolgreich besiegt und sein reifstes Werk geschaffen, seit er sich auf den Solopfad begeben hat.
Besetzung
Fish – Gesang
Frank Usher – E-Gitarre, Akustikgitarre
Steve Vantsis – Bass, Samples, programmierte Drums, E-Gitarre, Akustikgitarre, Keyboards, Clavinet (2)
Foss Paterson – Keyboards, Klavier, Orgel, Samples
Gavin Griffiths – Schlagzeug
GASTMUSIKER:
Chris Johnson – E-Gitarre, Akustikgitarre
Lorna Bannon – Backing Vocals
Dave Haswell – Percussion
Produktion
Steve Vantsis
Trackliste
1. Circle Line (6:04)
2. Square Go (5:31)
3. Miles de Besos (4:22)
4. Zöe 25 (5:19)
5. Arc of the Curve (4:29)
6. Manchmal (5:42)
7. Open Water (5:07)
8. Dark Star (6:48)
9. Where in the World (6:05)
10. Thirtennth Star (5:41)
Spielzeit: 55:13