Thick As A Brick
Autor: Peter Podbrežnik
Interpret: Jethro Tull
Label: EMI Records
Erschienen: 1972
Wertung: 5/5
Nach dem Klassiker „Aqualung“ (1971), der Jethro Tull von einer Kultband zu einer Band von Weltformat gemacht hat, richteten sich die vielen Augen der (Prog-)Rock-Welt auf Ian Anderson und seine ausgebuffte Truppe aus musikalischen Perfektionisten und Innovatoren. Die haben sich keine Sekunde auf ihren Lorbeeren ausgeruht, sondern noch eine ganz eigene Überraschung aus dem Ärmel geschüttelt, die mit ihrem Ehrgeiz, ihrer Größe und ihrer Tiefe die Musikwelt schockiert hat. Wie legt man bei einem Meisterwerk wie „Aqualung“ noch eine Schippe drauf? Nichts leichter für ein Musikgenie wie Ian Anderson und seine bärtige, schnauzbärtige Bande: ein ultrakomplexes und zugleich schelmisches, provokantes Album zu machen, wie es die Rockwelt bis dahin noch nicht gesehen hatte, und mit dem sich Jethro Tull endgültig in den Club der ganz großen Namen des Progressive Rock eingetragen haben, auch wenn sie sich selbst um dieses Etikett kaum geschert haben.
„Thick As A Brick“ ist ihr erstes echtes Konzeptalbum. Auch wenn manche schon auf „Aqualung“ viele Spuren eines Konzepts erkennen, hatte das Album nach Ians Worten nie eines. Mehr noch: Laut Ian ist „Thick As A Brick“ als Antwort auf die für ihn völlig ungerechtfertigten Gerüchte über ein angebliches Konzept von „Auqalung“ entstanden. Sein Hauptziel war deshalb, endlich die „Mutter aller Konzeptalben“ zu machen und allen Spekulanten ein für alle Mal den Mund zu stopfen. Auch diesmal blieb die Besetzung vom Vorgängeralbum nicht komplett erhalten, denn am Schlagzeughocker gab es einen wichtigen Wechsel. Den Original-Drummer Clive Bunker ersetzte der hervorragende Barrimore Barlow, ein ehemaliger Musikkumpel von Ian Anderson noch aus der Zeit vor der Gründung von Jethro Tull, der noch mehr jazzige Dynamik sowie Tempo und Energie mitbrachte. „Thick As a Brick“ ist vermutlich der beste Moment von Keyboarder John Evans, denn seine vielseitigen Keyboard-Soli und Arrangements füllen das ganze Album. Am meisten begeistert gerade ihre Vielfalt. Der ewig übersehene Martin Barre ist auch diesmal ein Meister der Gitarrenfinessen, einfallsreichen Riffs und des Taktgefühls. Der Wunder-Flötist, Multiinstrumentalist und noch vieles mehr, Ian Anderson, leitet natürlich die ganze Show und hält alles zusammen. Seine außerordentlich intelligenten und sarkastischen Texte haben hier ihren Höhepunkt erreicht. Der unverwechselbare, folkig gewürzte Sound der Band ist natürlich die ganze Zeit ohne Einschränkung präsent, sowohl auf der Flöte als auch in den akustischen Passagen. Diese Besetzung erwies sich als eine der stabilsten der Band, wenn nicht gar als die beste.
Die Story von „Thick As a Brick“ ist eine erstklassige Gesellschaftssatire (vor allem auf die britische Gesellschaft) und dreht sich um den achtjährigen, überdurchschnittlich intelligenten Jungen Gerald „Little Milton“ Bostock, der mit seinen gesellschaftskritischen Texten, die sich (imaginär, versteht sich) in der Sammlung in diesem Album befinden, einen renommierten Kinderliedwettbewerb gewonnen hat. Doch nach einer höchst kontroversen Entscheidung hat ihm die konservative Jury den Sieg wieder aberkannt. Die Texte von „Thick As A Brick“ bezeichnete sie als „obskur und anstößig“ für die Moral der Gesellschaft. Das konzeptuelle Nicht-Konzept ist der Grundwitz hinter dem Konzept von „Thick As A Brick“ und beweist einmal mehr Ians außergewöhnliches Gespür für intelligenten Scharfsinn und Satire, der oft auf dem Niveau britischer schwarzer Komödien wie Monty Python liegt. Der Band ist es so gelungen, die Brücke zwischen Kunst und Komödie zu schlagen, zwischen beeindruckender und ästhetischer Darbietung musikalischer Ideen rund um das Grundthema und Selbstsatire. Ians Spott und grenzenloser Zynismus gegenüber der sprichwörtlichen Heuchelei und Klassenspaltung der britischen Gesellschaft, vor allem gegenüber der Oberschicht, werden auch durch die einzelnen Zeitungsartikel im Booklet anschaulich, die fast ausnahmslos ausgesprochen grotesk sind. Das Konzept verrät auch das großartige Cover mit dem Zeitungsausschnitt aus „The St. Cleve Chronicle“, der das zentrale Ereignis zeigt, bei dem die Jury Bostock den Preis aberkennt. Dieses Cover bleibt eines der originellsten Artworks aller Zeiten.
„Thick As A Brick“ ist eine Suite, die in zwei Teile aufgeteilt ist, und schon damit deutet sich ein völlig anderer Ansatz im Vergleich zum Vorgängeralbum an, das überwiegend aus kürzeren Stücken bestand. In zwei Teile bzw. zwei Seiten wurde sie vor allem wegen der damaligen zeitlichen Beschränkungen der Vinylplatte aufgeteilt. Obwohl hohe Komplexität mit zahlreichen Wechseln von Abschnitten und Arrangements vorherrscht, wirkt die Gesamtstimmung von „Thick As A Brick“ ausgesprochen leichtfüßig, melodisch und fließend, und man merkt gar nicht, wie das Album plötzlich zu Ende geht und umgedreht werden muss. Der Eröffnungsteil, der mit akustischer Gitarre und Flöte beginnt, ist fast komplett akustisch und ausgesprochen entspannt. Dann setzt ein knackiger Part ein, der sich in der Suite noch mehrmals wiederholt (die Zeile „See there, a new son in born“), mit tollem Schlagzeugspiel (das übrigens über das ganze Album hinweg auf beneidenswertem Niveau ist), einem knackigen, elektrisierten Gitarrenriff, Bass und einem hervorragenden Solo an Orgel und Saxofon. Darauf folgt ein erstklassiges Gitarrensolo in bester Barre-Regie, der in seinen Spielstil noch mehr Dynamik und Gespür für Variationen eingebaut hat. Danach setzt ein neues zentrales Thema ein, aufgebaut auf Flöte, Orgel und Percussion. Hier stehen vor allem die Orgeln im Vordergrund, die noch einmal bestätigen, was für ein guter und zugleich unterschätzter Keyboarder John Evans ist, ebenso wie die Fülle an Variationen und das großartige Zusammenspiel von Gitarre, Flöte und Orgel. Bassist Jeffrey Hammond, der übers ganze Album hinweg ohnehin hervorragend ist, glänzt an dieser Stelle im vollen Licht. Danach folgt ein glänzender Instrumentalabschnitt, und durch das ganze Thema zieht sich eine wunderschöne Passage zwischen Klavier und Orgel und danach zwischen Orgel und Flöte. Danach gibt es für kurze Zeit ein tolles Orgelsolo und ein außergewöhnliches Gitarrenriff. Die Musik bekommt dann wieder einen folkigen Anstrich, vor allem dank des ruhigen Gesangs, der Percussion, des Klaviers und der akustischen Gitarre. Schon bald darauf kommt wieder ein Instrumentalabschnitt mit einer guten Verbindung von Klavier, Bass und ein paar geschmackvollen Arrangements auf Flöte und akustischer Gitarre. An dieser Stelle endet der erste Teil der Suite (die erste Plattenseite) mit einem ausgesprochen ungewöhnlichen Riff, das von Schlagzeug und Orgel ergänzt wird.
Der zweite Teil öffnet mit Flöte und Orgel, bis zum Einsatz des zentralen Themas („See there, a new son is born“). Dieser Teil bietet eine tolle Passage auf der Hammond , einen mystischen Anstrich und ein beeindruckendes Schlagzeugsolo, das dem Hörer die außergewöhnliche Geschwindigkeit von Barrie Barlow vor Augen führt. Danach kommt dieser burleske, verspielte Teil, in dem die Instrumente gleich dreimal ausufern (Geige, Gitarre, Orgel usw.). Ians Gesang ist hier ausgesprochen ungewöhnlich, er klingt fast wie eine Hommage an die Figuren britischer schwarzer Komödien. Wenn diese kurze Komödie vorbei ist, tritt die Folk-Seite der Band wieder in den Vordergrund, mit ausgiebigem Einsatz von akustischer Gitarre, Flöte und Orgel, vor allem aber mit wunderschönen Arrangements auf akustischer Gitarre und Mandoline. Auch hier begeistert Ians außerordentlich emotionaler Gesang. Dann folgt eine Passage auf Flöte und Orgel, tolle Gitarrenriffs und jede Menge Variationen. Es kommt noch ein Instrumentalabschnitt, der sich durch Flöte, glänzendes Schlagzeugspiel, Gitarre und Cembalo auszeichnet, gefolgt von Variationen auf Orgel und Flöte. Zum Abschluss bringt die Band den letzten Abschnitt des ersten Teils zurück, diesmal mit einer neuen Variation mit Orgel und schönen Arrangements auf Geigen. Das Meisterwerk endet mit dem zentralen Refrain aus dem ersten Abschnitt („So you ride yourself all over the fields…“).
Auf der Neuauflage findet sich auch eine tolle Live-Version (natürlich gekürzt) von „Thick As A Brick“ aus dem Jahr 1978, aufgenommen im Madison Square Garden (New York), sowie ein Interview mit Ian Anderson, Martin Barre und Jeffrey Hammond, das zur Zeit der Veröffentlichung des Albums geführt wurde.
„Thick As A Brick“ ist ein zeitloses Prog-Rock-Meisterwerk, das auch nach all den Jahren den Test der Zeit bestanden hat und bis heute ein unerreichter Maßstab für so manche kreative Musiker bleibt, die sich den hohen Standards annähern wollen, die Jethro Tull damals gesetzt haben. Mit einer eklektischen Mischung aus Hardrock, britischer Folkmusik mit klassischen Einflüssen und intelligenten Texten haben Jethro Tull ein Meisterwerk geschaffen, das den Hörer bei jedem Hören in den siebten Himmel trägt. „Thick As A Brick“ ist deshalb ohne Zweifel das beste Werk in der Geschichte der Band, das noch lange unter den besten Alben des Genres strahlen wird und damit ein unverzichtbarer Teil in der Sammlung jedes echten Rockfans ist. Erwähnenswert ist noch, dass das Album bei Erscheinen im Nu auf Platz eins der amerikanischen und Platz fünf der britischen Charts schoss, was eine ganz eigene Manifestation der Zeit ist, in der es entstanden ist (die goldene Ära des Progressive Rock und der kreativen Rockmusik überhaupt). Kann sich heute überhaupt noch jemand vorstellen, dass zufällig ein Stück von über 40 Minuten zusammenhängender, extrem komplexer und fantasievoller Musik an der Spitze der Charts landen würde? Das Album war und bleibt einer der Meilensteine in der Geschichte der Rockmusik.
Besetzung
Ian Anderson – Gesang, Flöte, akustische Gitarre, Geige, Saxofon, Trompete
Martin Barre E-Gitarre, Laute
Jeffrey Hammond – Hammond – Bass, Erzählung
John Evans – Orgel, Klavier, Cembalo
Barriemore Barlow – Schlagzeug, Timpani, Percussion
GASTMUSIKER:
David Palmer – Orchesterarrangements
Produktion
Ian Anderson
Tracklist
1. Thick As A Brick – Part 1 (22:39)
2. Thick As A Brick – Part 2 (21:05)
Spieldauer: 43:44
Bonustracks der Neuauflage (1998):
3. Thick as A Brick (live at Madison Square Garden 1978) (11:48)
4. Interview with Ian Anderson, Martin Barre and Jeffrey Hammond (16:28)