Therapy?, die Rückkehr der »Abgeschriebenen«

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Autor: Sandi Sadar Šoba

Ort: Ortofest- Ortobar, Ljubljana
Konzertdatum: 12.04.2007
Besucherzahl: 150
Ticketpreis: 25 € im Vorverkauf / 29 € am Konzerttag

 Bist du alt genug, um sagen zu können, dass die Neunziger deine Zeit waren? Hast du zum Beispiel so um 1994 herum fröhlich MTV aufgedreht, weil man auf den Bildschirmen damals noch ein paar mehr Langhaarige und Kurzhaarige mit Gitarren sehen konnte als heute und das Musikangebot auch näher dran war am Begriff von Musik? Springt dein Herz bei den Namen von Grunge und Metal noch heute ein bisschen schneller? Dann hoffe ich von Herzen, dass du auch nicht abergläubisch bist und am Freitag, dem 13. April, nicht aus Sicherheitsgründen lieber im sicheren Schutz deines Bettes geblieben bist. Der Grund, den Aberglauben zu überwinden, war der Besuch der nordirischen Veteranen, des Trios aus Belfast, der Band Therapy?, die uns jetzt schon zum zweiten Mal beehrt haben. Diesmal als einer der größeren Leckerbissen auf der Liste des diesjährigen Ortofest.

Sie haben mitgeholfen, die Neunziger zu prägen. Für so manchen zwar nur mit einer einzigen Platte- dem Album Troublegum. Eine alternative und zugleich hartklingende Kanonade aus für die damalige Zeit völlig passender Melancholie und gemäßigtem Nihilismus, und die Songs waren mit Pop-Taktgefühl geschrieben, und zwar so, dass sich nicht einmal die Radiosender dagegen sträubten. Mit wiedererweckten Sentiments und leichter Skepsis, ob uns die Therapie nach Cairns‘ Art wirklich zuteilwerden würde, mache ich mich an diesem für manche unglückseligen Freitag, dem 13., auf in die Orto bar, um mein Glück und die Stillung meines musikalischen Hungers auch selbst zu suchen. Der Preis der Karten war nicht gerade der günstigste für die Zeit vor dem Gehaltseingang- im Vorverkauf musstest du für das Ticket 25 € hinblättern, am Konzerttag dann vier Euro mehr. Trotzdem versicherte mir der Verkäufer, dass die Karten tatsächlich weggehen würden und dass der Obergeschossraum eines der wenigen Konzertlokale der Hauptstadt wirklich gerammelt voll sein würde. Und um neun öffnen sich die stählernen Gitter bis zur Treppe, die zum Stübchen hedonistischer audiophiler Genüsse führt, tatsächlich. Die Menge derer, denen der ziemlich gesalzene Kartenpreis die Lust auf Konzert-Euphorie nicht verdorben hatte, tröpfelte bis zehn Uhr in den Saal. Darunter etliche Besucher aus Italien und Kroatien, aber auch nicht wenige slowenische Fans- unter anderem leistete mir einer dieser wirklich fanatischen (diesmal eher im positiven Sinn gemeint und nicht im Sinne von Al-Aksa-Kämpfern) Anhänger beim Verteidigen der slowenischen Schützengräben der alternativen Subkultur Gesellschaft, die angeblich gerade ein wenig vor sich hin siecht.

Gegen zehn gehen die Lichter aus. Die Verstärker beginnen zu brummen. Auf die Bühne klettern akrobatisch der schon über vierzigjährige Sänger und Gitarrist Andy Cairns, der grinsende Bassist Michael McKeegan und Neil Cooper, der jüngste Schlagzeug-Neuzugang des irischen Trios. Sichtlich gut gelaunt begrüßt Andy das slowenische Auditorium. „Guten Abend! Tut mir leid, dass ich eure Sprache nicht spreche. Verdammt! Weil wir Iren sind, sprechen wir nicht mal anständiges Englisch, also spielen wir lieber!“. Der Opener ist ‚Rust‘, der Schlusssong des Albums High Anxiety, der aber alles andere als verrostet klang. Eine bombastische Kombination aus harten Drum-Rhythmen, die die Herzen schon gleich zu Beginn auf Höchstgeschwindigkeit trieben, Basssummen, das gnadenlos die Membranen der Hauptbeschallung auf die Probe stellte, und einer verzerrten Gitarre, die sich mit Andys Gesang ganz fein zu einem Geflecht aus Fragmenten intelligenten Zynismus‘ und unveralterter Energie zusammenfügte, das den Namen Therapy? verdient. Sofort danach folgt ‚Innocent X / Meat abstract‘, der erste Song aus dem Angebot des letzten, im Internet herunterladbaren Dingsbums Music Through A Cheap Transistors, einer Sammlung der BBS-Aufnahmesessions. Am leichtesten fände man einen Vergleich in einer Mischung aus Lärm und Industrial-Rhythmen. Die rockig rohe Musik kannst du mit einem gereinigten Surrogat der ersten Anfänge von Therapy? vergleichen, dem du den überflüssigen Ballast entziehst und ausgewogenen poetischen Minimalismus hinzufügst. Zusammengepresst im Gedränge aus Fleisch und Schweiß waren wir auf die zehnte Potenz abstrahiert, dann ist Zeit für die nächste Dosis Beklemmung- ‚If It Kills Me‘. Und direkt danach die erste Reihe von Hits, die es leider nie waren- das Troublegum-Duo, ‚Turn‘, das mit leichter Schwermut, ganz in Moll, die Gewölbe des viel zu engen Raums füllt. „You turn and face the strange /You turn and face yourself…/ Barging Into the presence of God…“. Kein falscher Trost. Keine süßen Pflaster und religiösen Opiate. You’re on your own, baby. Und nach der Wendung zu sich selbst noch ‚Knives‚, das in dieser Einsamkeit eine Million Gründe zur Revolte liefert. Nach Troublegum folgt ein zwölfjähriger Sprung durch die Geschichte der irischen Therapeuten zum Album One Cure Fits All– ‚Rain Hits Concrete‘. Ich weiß nicht, vielleicht irre ich mich, aber assoziativ musste ich an das Album Bleach und die ersten, herzhaften Anfänge von Nirvana denken, denen man intravenös eine Transfusion Killing Joke und Kerosin verabreicht. Nach ‚Our White Noise‘ vom selben Album ist es Zeit für die erneute Rückkehr in die Neunziger. ‚Die Laughing‘. Wahnsinn kann ganz schön artikuliert und belebend klingen, oder? Und hitmäßig inspirierend, sodass die Leute sogar aktiv in den Kreislauf des Austauschs zwischen Band und Publikum einsteigen. Auch die Slowenen, meine Lieben! Auch wir Slowenen sind gegen gute Musik nicht immun. Nach ‚Potato Junkie‘ ist es Zeit, unser politisches Engagement zu überprüfen und den empirischen Beweis dafür zu erbringen, dass die Weltpolitik einen verbalen Angriff verdient- ‚Rock You Monkeys‘ haut voll auf Bush und seine Brut drauf. Politisch kritisch. Engagiert auf eine Art, wie sie nur erfahrene Kater draufhaben. ‚Brainsaw‘ bringt uns wieder in die Gefilde bekannterer Klänge zurück, und nach ‚Polar Beer‘ und ‚Evil Elvis‘ bringt die phänomenale Version des Infernal Love-Erfolgssongs ‚Stories‘ die Luft bis zum Kulminationspunkt und zu multiplen Orgasmen zum Glühen. „Happy People Have No Stories…“. Für die eingeschworenen Verehrer des alten Therapy? folgt die unverzichtbare Nummer ‚Teethgrinder‘, für viele der einzige hörbare Song des Underground-Albums Nurse, der sich schön in die Coverversion von Joy Division– ‚Isolation‘ einfügt, bei der sich neben Andy ein zufälliger Besucher aus dem zweihundertköpfigen Publikum entschließt, ins Mikro zu singen, und zwar völlig ohne die in Slowenien üblichen Hemmungen. Den regulären Teil des Konzerts beschließt der Song ‚Walk Through Darkness‘ von One Cure Fits All. Natürlich geht es nicht ohne Zugaben. Nach tosendem Applaus und Zugabe-Rufen bekommen wir noch die Ballade ‚Diane‘, die ohne Cello-Einsprengsel deutlich roher klingt, aber kein bisschen weniger zuckersüß. Den Blutzuckerspiegel bringen dann stilvoll schlagkräftig ‚Nowhere‘ und der unverzichtbare ‚Screamager‘ zum Abschluss. Danach können nur noch die Lichter angehen, und wer unzufrieden ist, hat sich das nur selbst zuzuschreiben.

Therapy? haben bewiesen, dass sie den Test der Zeit erfolgreich bestanden haben. Schärfe und Klarsicht, Zynismus und Melancholie, jahrelange Erfahrung und vor allem herzhafte Musik verleihen ihnen den Stempel unverzichtbarer Verteidiger alter Zeiten, und mit ihrer evolutionären Ausrichtung im musikalischen Ausdruck ist es ihnen definitiv gelungen, eine Brücke zwischen den Generationen zu schlagen. Zwischen Punks und Metallern. Zwischen Grungern und Quasi-Alternativen. Mit der Botschaft, dass sie da sind und noch nicht daran denken, zu gehen und die Bretter der Bühne lauwarmen Imitatoren zu überlassen. Das Publikum zeigte genau das richtige Maß an Reaktionsfreude und Konzertmut, der einzige Makel war die Kleinheit und Enge des Raums. Na und? Therapy? sind in Clubatmosphäre zu noch größerer Intimität mit euch fähig, die ihr geplant oder ganz aus Zeitvertreib vor ihr Erschießungskommando tretet. Für Apathie ist kein Platz. Definitiv eine sehr gelungene Befriedigung immer größerer Konzertappetite!

Setlist

1. Rust 2. Innocent X 3. If It Kills Me 4. Turn 5. Knives 6. Rain Hits Concrete 7. Our White Noise 8. Die Laughing 9. Potato Junkie 10. Rock You Monkeys 11. Brainsaw 12. Polar Beer 13. Evil Elvis 14. Stories 15. Teethgrinder 16. Isolation 17. Walk Through Darkness 18. Diane / Breakin‘ The Law 19. Nowhere 20. Screamager

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