The Window Of Life

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Autor: Peter Podbrežnik

Interpret: Pendragon
Label: Madfish
Erschienen: 1993
Laufzeit: 54:06
Bewertung: 3/5

Pendragon zählten nie zu den innovativsten Gruppen des Progressive Rock. Ähnliches ließe sich freilich auch über die meisten ihrer Neo-Prog-Rock-Weggefährten sagen, die stilistisch größtenteils den Spuren dessen folgten, was in den Siebzigern erfunden worden war, als der Progressive Rock seinen kommerziellen Zenit erreichte. Pendragon blieben so während der gesamten Neunziger überzeugte Revivalisten des Symphonic Prog Rock, stark beeinflusst von legendären Prog-Größen – allen voran Pink Floyd, Genesis, Camel und Yes. Diese unbestreitbare Tatsache ist auf »The Window Of Life«, ihrem vierten Werk, offensichtlicher als auf jedem anderen Pendragon-Album, denn das gesamte Album klingt wie eine inoffizielle Hommage an die zuvor genannten legendären Namen.

Bandkopf, Gitarrist und Sänger Nick Barrett hat David Gilmour schon immer nahezu abgöttisch verehrt und pflegt eine ähnliche Gitarrentechnik – doch diesmal hat er sich beim Imitieren des berühmten Pink Floyd-Gitarristen selbst übertroffen: Bestimmte Soli klingen, als hätte er sie schlicht von seinem großen Vorbild abgekupfert. Die meisten Stücke auf dem Album enthalten Arrangements, die klingen, als wären sie direkt aus der Prog-Rock-Bibel kopiert. Das alles wird zwar auf außergewöhnlich hohem technischen Niveau und mit einem außergewöhnlichen Gespür für reiche symphonische Harmonien gespielt, was man vom Duo Barrett und dem Kult-Keyboarder Clive Nolan (Arena, ex-Shadowland) irgendwie auch erwartet. Dennoch ist die Dosis des ‚Anleihen‘ bekannter Motive aus dem Fundus des Siebziger-Prog selbst für Pendragon-übliche Revivalisten-Manieren diesmal etwas zu hoch, als dass man »The Window Of Life« zu ihren besten Errungenschaften zählen könnte.

Ein schönes Beispiel für das übertriebene Borgen bekannter Motive aus dem Prog-Erbe der Siebziger ist bereits der Eröffnungsepos »The Walls of Babylon«, der sich während des langen instrumentalen Intros mit dem melodramatischen Klang von Nolans Orgeln öffnet, bevor das Hauptarrangement mitsamt Barretts weinendem Gitarrensolo in eine etwas fröhlichere Version des Pink Floyd-Klassikers »Shine On You Crazy Diamond« übergeht. Ein aufmerksames Ohr wird im Eröffnungsteil auch bestimmte klangliche Elemente des Magnum-Klassikers »How Far Jerusalem« wahrnehmen. Damit ist das ‚Borgen‘ kultiger Prog-Motive aber noch lange nicht zu Ende: Nolan formt ein Orgelarrangement, unterlegt auf sprunghaften Schlagzeugrhythmus-Finessen unter Fudge Smiths Regie, das dem Genesis-Evergreen »Watcher of the Skies« nahezu vollständig identisch ist. Der optimistische Refrain bestätigt Pendragon andererseits in der Rolle der führenden ‚Frohsinnler‘ des Neo-Prog-Rock – einer Rolle, die sie erst im 21. Jahrhundert irgendwie abschütteln werden. Auf dem Vorgängeralbum »The World« (1991) war dieses Problem des Anleihen bei Prog-Legenden der 70er noch nicht so offensichtlich, diesmal aber ist es der Hauptgrund, warum »The Window Of Life« gehörig unter einem Mangel an künstlerischer Eigenständigkeit und Relevanz leidet. Barretts dünner Gesang mit begrenztem Stimmumfang ist, wie üblich, das schwächste Glied in Pendragons klanglichem Ausdrucksvokabular, was er jedoch durch zahlreiche melodisch gefärbte Gitarrenmeisterwerke unter dem zuvor erwähnten Einfluss von Dave Gilmours Gitarrenschule erfolgreich kompensiert.

 »Ghosts«, das von allen Tracks auf dem Album noch am ehesten an einige Highlights von »The World« erinnert, eröffnet als Ballade mit einer etwas patetisch gefärbten vokalen Darbietung Barretts, bevor es sich über mächtige symphonische Arrangements in deutlich energischere atmosphärische Gewässer begibt. Die Band demonstriert im ersten Teil dieser ausgesprochen melancholischen Komposition eine deutlich größere Dosis künstlerischer Eigenständigkeit, was lobenswert ist – leider hält das nur bis zur Hauptüberleitung an, wo sie das Eröffnungsmotiv des Genesis-Klassikers »Dance On A Volcano« nahezu schamlos kopieren. Inspiration schöpfen ist eine Sache, Motive kopieren eine völlig andere – und hier ist es offensichtlich Letzteres. Dem geliehenen Motiv folgt ein Übergang in eine recht interessante Sektion, unterlegt auf dem schnellen Tempo von Smiths dynamischen Drums, wo Barrett einige gewitzte Gitarrenimprovisationen liefert, während Nolan durchgehend brilliert beim Wechseln zwischen Klavier- und Synthesizer-Texturen.

Der ambitionierte Epos »Breaking The Spell« ist der Hauptkandidat für das beste Stück auf dem Album: Neben dem höchsten Maß an künstlerischer Eigenständigkeit aller Werke auf »The Window Of Life« enthält er all jene Elemente, die Pendragon Mitte der Achtziger ihren Kultstatus eingebracht haben. Barretts Gesang ist zudem der beste auf dem gesamten Album, während Nolan erneut glänzt, indem er verzweigte orchestrale Klangteppiche ausbreitet, die in Verbindung mit der weinenden Slide-Gitarre eine wirklich grandiose Atmosphäre erschaffen. Die außergewöhnliche technische Verfeinerung aller Pendragon-Instrumentalisten strahlt besonders während der längeren Instrumentalsektion, in deren Mitte das obligatorische ‚Gilmour’sche‘ Solo nicht fehlt, während der melodramatische Abschlussrefrain für einen der besten Abschlüsse in ihrer gesamten Karriere sorgt.

»The Last Man On Earth« ist ein knapp 15-minütiger Epos, der noch ambitionierter ist als sein Vorgänger, wenn auch bei weitem nicht so überzeugend. Das zentrale Schwachelement ist Barretts verstimmte, übertrieben patetische Gesangsdarbietung im einleitenden, balladesken Teil. Ein technisch versierterer Sänger hätte in Verbindung mit Nolans vielschichtigen orchestralen Arrangements für eine unvergessliche Atmosphäre gesorgt – Herr Barrett wirkt hingegen etwas zu sehr schniefend, um als guter vokaler Interpret zu überzeugen. Umso besser sind erwartungsgemäß seine Gitarrensoli, die in Verbindung mit Nolans Synthesizer-Königreich für eine Reihe ikonoklastischer Harmonien sorgen. Der melodramatische Refrain ist, trotz Nicks begrenztem Stimmumfang, durchaus solide. Die Instrumentalsektion im mittleren Teil enthält erneut bestimmte Genesis-Finessen aus den Siebzigern. Auf diesem Stück begannen Pendragon erstmals, Mehrstimmigkeit aktiver einzuweben, was in der ätherisch gefärbten mittleren Sektion deutlich zu hören ist. Für eine interessante, unerwartete Abwechslung sorgt ein kurzer, country-artig gefärbter Einschub mit Mundharmonika, während auch der obligatorische epische Abschluss nicht fehlt.

»Nostradamus (Stargazing)«, einer jener fröhlich und optimistisch gestimmten Pendragon-Momente, von denen sie zu Beginn der Neunziger eine ganze Reihe schufen, enthält im Eröffnungsteil ein monumentales Slide-Gitarrensolo, dem Nolans verzweigte orchestrale Klangteppiche Gesellschaft leisten. Die angenehme Melodie und der schöne Refrain verbinden sich hervorragend mit energischen Gitarrenpassagen und dynamischen Synthesizer-Texturen, während der rhythmische Puls charakteristische Neo-Prog-Rock-Finessen der Achtziger enthält. Das ist einer der besseren Momente des Albums, wenn die Bandmitglieder ihrer üblichen Faszination für das Erbe der Prog-Legenden der Siebziger einmal nicht erliegen.

Die melancholische Abschlussballade »Am I Really Losing You?« ist andererseits ein etwas weniger begeisterndes Stück im Vergleich zum Vorgänger, denn hier kommt erneut Barretts nahezu sprichwörtliche vokale Schwäche zum Tragen, der die schwache Interpretation eines recht durchsichtigen Textes nicht hilft. Texte waren ohnehin schon immer einer der Hauptmängel dieser Band. Pendragon erliegen diesmal erneut ihrer Standardkrankheit des Kopierens des kultstatus-beladenen Prog-Rock-Erbes: Das an sich ausgesprochen schöne und melancholische Abschlussmotiv erinnert deutlich an einen der berühmtesten Momente des epischen Yes-Evergreens »The Gates Of Delirium«.

 »The Window Of Life« war bei weitem kein schlechtes Album, denn Pendragon haben darauf einmal mehr überzeugend ihre Treue zum atmosphärisch leichteren und melodisch gefärbten Symphonic Prog Rock bewiesen. Sein Hauptproblem liegt ‚lediglich‘ im chronischen Borgen bekannter Motive bestimmter Prog-Rock-Gruppen, die mit ihren Werken die Entwicklung von Pendragons klanglichem Ausdrucksvokabular maßgeblich beeinflusst haben. Wer das Erbe all der zuvor genannten Bands gut kennt, wird natürlich sofort wissen, wo er ein nahezu identisches ‚geliehenes‘ Motiv schon einmal gehört hat. Obwohl dieses Treiben auf »The Window Of Life« noch im vernünftigen Rahmen bleibt und nicht exzessiv wird, bleibt der bittere Nachgeschmack angesichts so talentierter Musiker allgegenwärtig.

Besetzung

Nick Barrett – Gitarre, Gesang
Clive Nolan – Keyboards
Peter Gee – Bass
Fudge Smith – Schlagzeug

GASTMUSIKER:
Simon Forster – Mundharmonika

Produktion

Nick Barrett

Trackliste

1. The Walls of Babylon (10:50)
2. Ghosts (8:02)
3. Breaking the Spell (9:18)
4. The Last Man on Earth (14:46)
5. Nostradamus (Stargazing) (8:23)
6. Am I Really Losing You? (4:47)

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