The Second Brightest Star
Autor: Peter Podbrežnik
Interpret: Big Big Train
Label: English Electric
VÖ: 2017
Laufzeit: 70:23
Wertung: 4/5
Die äußerst ambitionierten britischen Progrock-Revivalisten Big Big Train sind zum Inbegriff der Hyperproduktivität geworden, ganz besonders nachdem sich die Band zum Oktett erweitert hat. »The Second Brightest Star« ist nämlich bereits ihr zweites Studioalbum im selben Jahr, nachdem sie im April 2017 »Grimspound« veröffentlicht hatten. Zu diesem Unterfangen entschloss sich die Band, weil nach den Aufnahmen zu »Grimspound« noch jede Menge neues Material übrig geblieben war. Diese Praxis war im Progrock der Siebziger nichts Ungewöhnliches – als etwa King Crimson, Yes und Van Der Graaf Generator im selben Jahr jeweils zwei Meisterwerke veröffentlichten –, während sie in der heutigen Zeit zur absoluten Seltenheit geworden ist. »The Second Brightest Star« ist der letzte Teil der folk-romantischen Trilogie, die Big Big Train mit »Folklore« (2016) begonnen und mit »Grimspound« fortgesetzt haben – zwei ausgesprochen ‚englischen‘ Werken, die den Hörer atmosphärisch über saftige Ebenen, durch verschiedene Jahreszeiten mit ihren Bräuchen aus der reichen englischen Folklore und bis hinauf zu den Sternen führen.
»The Second Brightest Star« ist in dieser Hinsicht eine vollkommene Fortsetzung von »Grimspound«, denn beide Alben ähneln sich außerordentlich – was zumindest für den Moment nichts Schlechtes bedeutet. Solange das nicht zur gängigen Praxis wird. Neben acht neuen Stücken finden sich darauf zwei epische Suiten, »Brooklands Sequence« sowie »London Plane Sequence«, die aus rearrangierten Teilen von Songs bestehen, die auf »Folklore« und »Grimspound« erschienen sind. Ein etwas ungewöhnlicher Schachzug, den Progrock-Fans in der Regel nicht allzu gut aufnehmen – doch Big Big Train haben ihre ‚alten‘ Stücke wie »On the Racing Lane«, »Brooklands«, »Turner on the Thames« und »London Plane«, so gut erweitert und neu arrangiert und zu zwei separaten epischen Suiten zusammengeführt, dass das Ganze trotzdem noch interessant genug wirkt. Auch die neuen Stücke sind keineswegs ‚von schlechten Eltern‘ und qualitativ größtenteils vergleichbar mit dem Material der beiden Vorgängeralben. Das Titelstück ist eine durch und durch charakteristische Schöpfung der heutigen Big Big Train, die wahre Meister darin sind, Komplexität und Melodiösität miteinander zu verbinden. Neben ‚altschulischen‘ Sympho-Prog-Finessen liebäugeln Big Big Train darauf gelegentlich auch mit der Canterbury Scene, Jazz Fusion, Folk Prog und Art Rock.
»Haymaking« ist ein kurzes, aber schmackhaftes Instrumental, in dem die spielfreudige Geige der einzigen Frau in der Band, Rachel Hall, im Vordergrund steht. Diese mildert die melancholische Atmosphäre etwas, die sonst auf dem Großteil der Stücke vorherrscht. Auf »Skylon« begeistern vor allem die romantischen Mehrstimmigkeiten im Refrain, die in perfekter Symbiose mit den symphonischen Arrangements stehen. Die Gitarrenharmonien, für die Dave Gregory und Rikard Sjoblom verantwortlich zeichnen, sind wieder einmal ein Kapitel für sich, wenn es ums Kreieren einer romantischen und melancholischen Atmosphäre geht. Der stets charismatische Sänger David Longdon, dessen Stimmfarbe gelegentlich an eine jüngere Version von Gary Brooker (Procol Harum) erinnert und auch ein wenig an Peter Gabriel (ex-Genesis), ist jenes Schlüsselmitglied der Band, das alles zu einer vollkommenen Einheit zusammenfügt. Sein stimmliches Können kommt am schönsten auf der zerbrechlichen, klaviergetriebenen Ballade »The Passing Window« zur Geltung. Die atmosphärische Schönheit der heutigen Big Big Train lässt auch auf »The Leaden Stour« nicht nach, wo wunderschöne symphonische Arrangements und ätherische Gitarrenharmonien beider Gitarrenmeister das Zepter schwingen. Dem klassischen Eröffnungsteil folgt ein interessanter Schwenk in einen farbenprächtigen Instrumentalteil mit geschliffenen Bläserarrangements und ein romantischer, jazziger Abschluss.
Alle unverbesserlichen Romantiker werden erneut begeistert sein. »The Second Brightest Star«, das dritte Kapitel von Big Big Trains Folk-Trilogie, bringt in kompositorischer und atmosphärischer Hinsicht zwar keine besonderen Neuheiten im Vergleich zu den Vorgängerwerken, und beide Epen – die zentralen Schöpfungen dieses Albums – bestehen aus einigen rearrangierten »Folklore«- und »Grimspound«-Kompositionen, doch alles zusammen ist so meisterhaft gespielt und mit solchem Feuer gesungen, dass man derartige ‚Schwächen‘ durchaus übersehen kann. »The Second Brightest Star« setzt also äußerst erfolgreich die Geschichte der Verwandlung von Big Big Train von einer vielversprechenden, aber obskuren und qualitativ schwankenden Art-Rock-Band zu einer der besten Gruppen des modernen Progrock fort. Wahrscheinlich haben die beiden einzigen Gründungsmitglieder, Andy Poole und Greg Spawton, nicht einmal im Traum daran gedacht, dass Big Big Train nach relativ bescheidenen Anfängen zu derart bedeutenden Vertretern der modernen englischen Progrock-Szene werden würden, über die man heute deutlich mehr redet als noch vor einigen Jahren.
https://www.youtube.com/watch?v=PDFrZ5gYK-o
Besetzung
David Longdon – Leadgesang, Begleitgesang, Flöte, Melodica, elektrische und akustische Gitarre, Banjo, Klavier, Celesta, Synthesizer, Mandoline, Laute, Perkussion
Dave Gregory – 6- und 12-saitige E-Gitarre
Andy Poole – akustische Gitarre, Keyboards, Begleitgesang
Rikard Sjöblom – Gitarre, Keyboards (1), Begleitgesang
Danny Manners – Keyboards, Kontrabass
Rachel Hall – Violine, Viola, Cello, Begleitgesang, Streicherarrangements
Greg Spawton – Bassgitarre, Basspedal, Begleitgesang
Nick D’Virgilio – Schlagzeug, Perkussion, Begleitgesang
GASTMUSIKER:
Dave Desmond – Posaune, Bläserarrangements
John Storey – Euphonium
Nick Stones / French horn
Ben Godfrey – Trompete, Kornett
Jonathan Truscott – Tuba
Lucy Curnow – Violine
Keith Hobday – Viola
Evie Anderson – Cello
Philip Trzebiatowski – Cello
Produktion
Big Big Train
Trackliste
1. The Second Brightest Star (7:17)
2. Haymaking (3:23)
3. Skylon (6:44)
4. London Stone (2:01)
5. The Passing Widow (5:33)
6. The Leaden Stour (7:19)
7. Terra Australis Incognita (4:16)
– Grimlore :
8. Brooklands Sequence (17:33) :
– On The Racing Line
– Brooklands
9. London Plane Sequence (13:14) :
– Turner On The Thames
– London Plane
10. The Gentlemen’s Reprise (3:03)