The Road of Bones
Autor: Peter Podbrežnik
Künstler: IQ
Label: Giant Electric Pea
Erschienen: 2014
Spielzeit: 53:07
Bewertung: 4.5/5
Nach fünf Jahren sehnsüchtigen Wartens aller Fans dieser kultigen britischen Neoprog-Rock-Band sind IQ mit einem neuen Album zurück, das den Namen »The Road of Bones« trägt – schon der Titel lässt die außerordentlich düstere Natur ihres neuesten Studiowerks erahnen. Düstere und beklemmende Ambient-Nuancen, vermischt mit oft nihilistischen und zynischen Texten unter der Regie ihres genialen Sängers Peter Nicholls, dessen melancholische und geheimnisvolle Stimme erneut voller Schmerz und Enttäuschung über eine Welt ist, die unaufhaltsam in den Abgrund rast, sind für IQ zwar nichts Neues – und doch stellt »The Road of Bones« die nächste Stufe des Spottes über das verhängnisvolle Stolpern der Menschheit auf der ‚Straße aus Knochen‘ dar.
Erwähnenswert ist, dass die IQ-Besetzung seit ihrem letzten Studioalbum »Frequencey« (2009) einige Veränderungen durchgemacht hat. Mark Westworth (Darwin’s Radio) hielt es nicht lange in der Band aus, da über ihm der lange Schatten des originalen Keyboarders Martin Orford lag – weshalb er so manchen IQ-Fan einfach nicht als angemessenen Ersatz überzeugen konnte. Der neue IQ-Tastenmeister wurde Neil Durant, ehemaliges Mitglied der Fusion-Gruppe Sphere3, der seine anspruchsvolle Aufgabe auf »The Road of Bones« mit Bravour gemeistert hat – auch wenn Orford nach wie vor eine Kategorie für sich bleibt. Auch die Rhythmussektion hat sich seit »Frequency« grundlegend verändert: Sowohl der ursprüngliche Schlagzeuger Paul Cook als auch der ursprüngliche Bassist Tim Esau kehrten in dieser Zeit zurück. Letzterer hatte zuletzt 1987 mit IQ zusammengearbeitet und ersetzte Kultbassist Jon Jowitt (Arena, Ark, ex-Jadis, ex-Frost*), der sich nach zwanzig Jahren erfolgreicher Zusammenarbeit lieber anderen Projekten widmete.
IQ brauchen ungefähr seit dem Jahr 2000 viel Zeit, um ein neues Studioalbum aufzunehmen – aber ihre Mühe zahlt sich in der Regel reichlich aus. Diejenigen, die das sehr gute »Frequency« zwar genossen haben, dabei aber doch etwas vermissten und es letztlich für zu wenig tiefgründig hielten, um es zu den IQ-Klassikern zu zählen, werden auf »The Road of Bones« – das vielleicht sogar düsterste Album ihrer Geschichte – voll auf ihre Kosten kommen. Die Band lässt von Anfang bis Ende nicht nach, wenn es darum geht, eine mächtige und melodramatische Atmosphäre aufzubauen, wobei stets etwas Beklemmendes und Unheilvolles in der Luft liegt.
Neben Nicholls‘ wunderbarem Gesang, der schon immer ein wenig an Peter Gabriel (ex-Genesis) erinnert, verdienen auch seine ausgezeichneten Texte erneut Lob – sie wirken oft wie ein düsterer und persönlicher Spiegel der modernen Ära, in der alle Werte zur Handelsware geworden sind und Liebe nur noch ein Marketingprodukt ist. Dafür, dass IQ auch auf »The Road of Bones« nicht zu sehr den klassischen Genesis ähneln, sorgt vor allem Gitarrist, Produzent und Hauptkomponist Mike Holmes – das einzige Bandmitglied, das auf allen bisherigen Alben vertreten war. Holmes stellt mit seinen gleichzeitig komplexen und wuchtigen Passagen, die zwischen den einzelnen orchestralen Arrangements frei atmen, sowie einer überaus lebendigen Produktion sicher, dass IQ nicht bloß wie eine moderne Version der klassischen Genesis wirken.
»The Road of Bones« saugt den Hörer von der ersten Sekunde an in eine düstere Ambient-Tiefe – schon mit dem Eröffnungsstück »From The Outside In«, das sich mit einer brennenden Gitarrenfigur und massiven sinfonischen Klangwänden öffnet, über die Nicholls‘ melodramatischer Gesang geführt wird. Eindringliche Gitarrenimprovisationen ragen zwischen den orchestralen Wogen hervor, während Peters Gesang mit unverhohlenem Sarkasmus und in der ersten Person aus der Distanz die kranke Zivilisation seziert. Die Instrumentalsektion mit verzerrten Effekten und Mellotron-Wellen vertieft die äußerst angespannte und düstere Atmosphäre noch weiter – sie wird jeden langjährigen Fan im Nu aufwühlen. IQ bleiben also weiterhin Meister des schrittweisen Aufbaus einer äußerst dramatischen Stimmung, in der stets etwas Rätselhaftes und Unvorhersehbares passiert.
Der Titeltrack öffnet sich mit einem längeren sinfonischen Intro, mit dem Durant durch zerbrechliche Klavierarrangements und Synthesizer-Improvisationen beweist, dass er ein echter Nachfolger Orfords ist, während Nicholls diesmal einen durch und durch theatralischen Gesangsansatz wählt – treu unterstützt von saftigen Basslinien und einem bunten Angebot an elektronischem Schlagwerk. Einen ganz besonders ätherischen Effekt erzeugt es, wenn Peters Stimme eine höhere Lage erreicht und im Hintergrund von massiven Mellotron-Wogen begleitet wird. Die fatalistische Atmosphäre erlebt einen vulkanischen Ausbruch, wenn brennende Gitarrenpassagen und vernichtende Schlagzeugübergänge einsetzen, gestützt auf die breiten sinfonischen Klangwände von Durants Synthesizer.
Der fast 20-minütige Symphoprog-Superep »Without Walls« öffnet sich mit einem ungewöhnlich ruhigen und entspannten, beinahe balladenhaften Intro, bei dem das Zusammenspiel von Nicholls‘ Gesang und sinfonischen Verzierungen eine immer ätherischere Stimmung langsam emporhebt. Natürlich hält das nicht lange an, und so folgt der (erwartete) Übergang in einen düsteren und wuchtigen Abschnitt, in dem feurige Gitarren- und Keyboard-Improvisationen die Initiative übernehmen, während Peters Gesang deutlich beißender und gereizter wird. Dieses epische Werk, vollgepackt mit grandiosen sinfonischen Arrangements und komplexen Tempowechseln, wird mit seiner ausgesprochen düsteren und geradezu schaurigen Stimmung so manchen ein wenig an den epischen Klassiker »Harvest of Souls« vom Album »Dark Matter« (2004) erinnern, das bislang irgendwie als ihr dunkelster Meilenstein galt. Die dunklen Wolken reißen gegen Ende dieses langen sinfonischen Karussells schließlich doch auf, und ein Lichtstrahl scheint hindurch – ermöglicht vor allem durch das abschließende epische Arrangement und Peters etwas positivistischeren Gesangsansatz, der der abgeschriebenen Menschheit dennoch einen Hoffnungsschimmer lässt. Auf einem Album, auf dem sich kein einziger schwacher Moment findet, stellt dieses epische Glanzstück – das selbst langjährige Fans, die ’schon fast alles kennen‘, verblüffen wird – zweifellos den Höhepunkt dar und einen schönen Beweis, dass IQ mit einem Superep von beneidenswerten Ambient-Dimensionen noch immer begeistern können.
Manchmal ist es deutlich schwieriger, einen qualitativ hochwertigen Song zu schaffen, der etwas kompakter und – nennen wir es so – schlichter ist als ein Superep. Aber auch das bereitet IQ keine übermäßigen Schwierigkeiten. »Ocean« ist ein interessantes Hybrid aus melodramatischer Liebes-Power-Ballade und Symphoprog-Anthem, das beinahe klassische IQ-Synthesizer-Texturen enthält. Letztere klingen, als kämen sie direkt aus den Achtzigern. Das bedeutet, dass alle langjährigen Fans, die der Band schon seit der ersten Hälfte der Achtziger folgen, erneut voll auf ihre Kosten kommen werden.
»Until The End« ist als Abschlusskomposition der Einzel-/Standardausgabe von »The Road of Bones« erwartungsgemäß der große Ambient-Klimax des Albums – IQ pressen hier alles an klanglichen Qualitäten aus sich heraus, wobei Nicholls‘ Gesang am hellsten strahlt und schon zu Beginn den Boden für eine spannungsgeladene Reise durch die dunkelsten und verworrensten Windungen der menschlichen Seele bereitet. Massive Orgelpassagen und ausufernde Synthesizer-Vorhänge gehen hier dynamisch in aufgewühlte Gitarrenimprovisationen über, während kampflustige Rhythmusnuancen für ein denkbar aufgewühltes Ambient-Klima sorgen – zur vollsten Zufriedenheit all jener, die die bislang besten Werke dieser kultigen Neoprog-Besetzung zu schätzen wissen. Der triumphale, erhebende und epische Abschluss wird so manchen überraschen – gerade angesichts der durchweg düsteren Natur des Löwenanteils dieses Albums. Aber die Mitglieder von IQ, allen voran Nicholls, sind doch keine solchen Nihilisten, wie sie auf den ersten Blick wirken mögen – auch wenn sie gemeinsam mit der ebenso großartigen Gruppe Arena zweifellos den düstersten Blick auf den Neoprog pflegen.
Damit ist die Gesellschaft von IQ auf »The Road of Bones« aber noch lange nicht vorbei: Die Bonus-Disc enthält mehr als 45 Minuten zusätzliche Musik, wobei nahezu alle Kompositionen qualitativ vollkommen gleichwertig mit dem ‚regulären‘ Teil des Albums sind. »Knucklehead« ist durchdrungen von elektronischem Schlagwerk und zahlreichen digitalen Synthesizer-Samples, während äußerst üppige Mellotron-Vorhänge langsam eine spannungsgeladene Stimmung aufbauen. Ein wenig Akustikgitarre von Holmes passt als Abwechslung gut zu Peters Gesang, der erneut einen durch und durch fatalistischen und resignierten Text vermittelt, während die Mellotron-Vorhänge im Hintergrund mit der Zeit geradezu schaurige und unheilvolle Dimensionen annehmen. »1312 Overture« ist ein komplexes Instrumentalstück, das bis zum Rand vollgesogen ist mit ausufernden Synthesizer-Improvisationen, während intelligent getimte Schlagzeugübergänge eine außerordentliche Fusion-Kühnheit ausstrahlen.
Das epische Meisterwerk von beneidenswerten Ambient-Dimensionen namens »Constellations«, das sich mit einem unerwarteten elektronischen Intro öffnet, ist qualitativ vollkommen gleichwertig mit dem ‚regulären‘ Teil des Albums (also dem Material auf der ersten Disc). Technischer Perfektionismus, gemischt mit brillanten sinfonischen Arrangements und vokal-lyrischer Theatralik, wird erneut alle langjährigen Fans verzaubern. »Fall and Rise« enthält ein herrliches Instrumentalintro mit saftigen Basslinien und feinfühligen Schlagzeugübergängen über Becken, während Nicholls mit seiner vokalen Theatralik erneut für außerordentliche Ambient-Magie sorgt. Zwischenzeitliche Akustikgitarren-Interludes bereichern das ‚tiefe‘, kontemplative Ambiente zusätzlich. Das hervorragende »Ten Million Demons« sticht mit seinem epischen Refrain hervor, während im Hintergrund mächtige sinfonische Klangwände dominieren, die die unheilvolle Atmosphäre vertiefen – in der Nicholls seine inneren Dämonen höchst erfolgreich verjagt.
»Hardcore« ist mit knapp elf Minuten einer der beiden Epen auf der zweiten/Bonus-Disc und reiht sich in die Kategorie der dunkelsten und fatalistischsten Momente auf der Doppelversion von »The Road of Bones« ein. Nicholls‘ ausgesprochen theatralischer Gesang in bester Tradition von Peter Gabriel baut auf den Schwingen aufgewühlter Gitarrenpassagen und sinfonischer Wogen eine packende melodramatische Atmosphäre auf, durch die geheimnisvolle Schatten schleichen und in der in jedem dunklen Winkel – wie ein schlechtes Gewissen der moralisch berüchtigten Menschheit – höhnische Dämonen lauern. Interessant, dass IQ sich entschieden haben, das Material, das keinen Weg auf den ‚regulären‘ Teil gefunden hat, lieber als Bonus-Disc zu veröffentlichen – und damit nicht zur zweiten Hälfte eines einheitlichen Albums zu machen –, obwohl es, wie bereits erwähnt, qualitativ kaum in irgendetwas hinter den ‚regulären‘ Standards zurückbleibt.
»The Road of Bones« enthält alles, worauf IQ-Fans die letzten fünf Jahre geduldig gewartet haben – und ihre Begeisterung wird kein Ende nehmen, wenn sie feststellen, dass die Neoprog-Meister nach langer Zeit ein neues Studiomeisterwerk erschaffen haben. In fast klassischer Besetzung – in der nur Orford fehlte, der diesmal kaum vermisst wird – haben sie ein Album von atemberaubenden Ambient-Dimensionen aufgenommen, das jeden Hörer mit auch nur einem Funken intellektuellem und spirituellem Sinn von Kopf bis Fuß erschüttern wird. IQ haben gleichzeitig so viel neue und vor allem interessante Musik erschaffen, dass Liebhaber ihres Schaffens noch lange bei Wiederhördurchgängen genießen können – bis zum Erscheinen des nächsten Studioalbums, was höchstwahrscheinlich in weiteren fünf Jahren der Fall sein wird.
Besetzung
Peter Nicholls – Gesang
Mike Holmes – Gitarre
Neil Durant – Keyboards
Tim Esau – Bassgitarre und Bass-Pedal
Paul Cook – Schlagzeug und Percussion
Produktion
Michael Holmes
Trackliste
1. From the Outside In (7:24)
2. The Road of Bones (8:32)
3. Without Walls (19:15)
4. Ocean (5:55)
5. Until the End (12:00)
CD 2 (Bonus-Disc)
1. Knucklehead (8:10)
2. 1312 Overture (4:17)
3. Constellations (12:24)
4. Fall and Rise (7:10)
5. Ten Million Demons (6:10)
6. Hardcore (10:52)