The Malkuth Grimoire

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Autor: Primož Novak

Künstler: Alkaloid
Label: Eigenveröffentlichung
Veröffentlichung: year_month
Laufzeit: 73:01
Bewertung: 5/5

Heute kann man wohl ohne langes Nachdenken sagen, dass die Extremität im Metal ihren Höhepunkt erreicht hat. Doch jedes Jahr findet sich eine Band, die beweisen will, dass noch mehr möglich ist. Es tauchen Bands auf, die technischer, schneller und grundsätzlich auch progressiver sind. Leider scheitern viele dieser Versuche jedoch am Überdrehen, was am Ende schlicht sinnlos wirkt. Natürlich gibt es auch leuchtende Ausnahmen, die das Rezept von Necrophagist weiterentwickelt und schlicht progressiver gemacht haben. Zu den bekannteren zählen die amerikanischen The Faceless und die kanadischen Beyond Creation.

Die deutsche Band Alkaloid, gegründet von ehemaligen und aktuellen Mitgliedern von Necrophagist, Obscure, God Dethroned, Dark Fortress, Noneuclid u. a., hat noch eine Stufe höher angesetzt – getrieben vom Streben nach progressiverem Songwriting und natürlich nach mehr Extremität. Vor allem aber liegt das auch an der musikalischen Bildung der Band und daran, dass sie über den Tellerrand hinausdenkt.

Die Idee zur neuen Band entstand zwischen Schlagzeuger Hannes Grossmann und Gitarrist Christian Münzner, die sich mehr wollten, als sie bei Obscura erreichen konnten. Obscura war schlicht zu wenig progressiv. Sie luden den klassisch ausgebildeten Komponisten Morean ein, der ansonsten in der Black-Metal-Band Dark Fortress aktiv ist. Als Bassist übernahm der erfahrene Linus Klausenitzer die Pflichten. Zur Band stieß auch Gitarrist Danny Tunker, der sein Brot ansonsten bei Aborted verdient. Ohne Frage handelt es sich hier um ausgebildete und erfahrene Musiker, und von einer solchen Band kann man nur das Beste erwarten – wenngleich es dabei schnell zu Missverständnissen und Hahnenkämpfen kommen kann.

Die Band startete für die Finanzierung des Albums auch eine IndieGogo-Kampagne, die erfolgreich war. Die genannten Musiker haben offensichtlich genug Ansehen, dass viele Menschen sie unterstützt haben.

Mit dem ersten vorgestellten Song Carbon Phrases hat die Band alle Skeptiker schnell zum Schweigen gebracht. Es handelt sich um einen über neun Minuten langen Track, der komplex und strukturell originell ist, wobei sich Elemente verschiedenster Genres verflechten – im Vordergrund steht jedoch Progressive Death Metal. Doch die Vergangenheit wurde nicht vergessen. Bereits mit dem zweiten Song From a Hadron Machinist wird dem Hörer klargemacht, dass er natürlich auch Technical-Death-Metal-Momente erleben wird, wie sie sich mit dem Album Epitaph von Necrophagst (2004) etabliert haben. Das ist ein altes Rezept, das heutige Bands aber dahingehend verfeinern, dass nicht alles auf Geschwindigkeit basiert, sondern auch ruhige, unverzerrte Passagen im Stil von Opeth eingebaut werden.

Als Hauptkomponisten werden Grossmann, Münzner und Morean genannt. Da kann man nur ein extrem vielseitiges Album erwarten. Mit dem dritten Song Cthulhu überrascht Morean. Es ist ein langsamer Death-Metal-Song im Stil von Morbid Angel, der auf Atmosphäre und Psychedelik aufbaut. Mit dem vierten Song folgt ein Schwenk in Richtung Technical Death Metal, der auf Geschwindigkeit und Melodie setzt. Da das aber Münzners Spielfeld ist, gibt es irre Soli im neoklassischen Stil. Zur Beruhigung bieten Alkaloid Orgonism, wo zunächst Moreans Klargesang heraussticht, was diesem Album bereits ab dem ersten Song Mehrschichtigkeit verleiht. Natürlich entwickelt sich der Song entsprechend, sodass die Ruhe nicht lange anhält – und er zieht sich vor allem nicht.  

Morean erreicht seinen Höhepunkt mit Dyson Sphere, das in 4 Teile aufgeteilt ist. Dyson Sphere steckt unabhängig vom jeweiligen Teil voller ungewöhnlicher Wendungen, Steigerungen, Hypnotik, Psychedelik und kompromissloser Brutalität. Es handelt sich zweifelsohne um anspruchsvoll verbundene Teile, die Aufmerksamkeit erfordern.

Nach Dyson Sphere bieten Alkaloid den Titeltrack des Albums, den Münzner und Grossmann geschrieben haben. Es ist ein death-metal-lastiger Song, der auch Elemente von Death/Doom Metal enthält. Hier ist vor allem herauszuhören, dass sich die Band für ihren Sound auch bei älteren Death-Metal-Bands bedient hat – vor allem kommen Assoziationen zu Morbid Angel auf.

Mit dem vorletzten Instrumentalstück C-Value Enigma beweist Morean sein Können an der Gitarre, doch gegen Ende wirkt das Ganze ziemlich nervig und auch ein wenig überflüssig. Dafür ist der Abschluss umso süßer. Mit dem zwölfminütigen Funeral for a Continent beweist die Band endgültig, dass sie ihresgleichen sucht. Der Song ist komplex angelegt, der Hörer bekommt eine Menge geboten, und wenn sich das Ganze dem Ende nähert, feuert das Gitarrenpaar Münzner und Tunker eine ganze Salve virtuoser Soli ab, was dem Album noch das letzte Tüpfelchen auf dem i gibt.

Alle Beteiligten auf dem Album zeigen mehr, als man von ihnen bisher gehört hatte. Schlagzeuger Hannes Grossmann, der einer der Hauptkomponisten der Musik ist, hatte bereits auf seinem Soloalbum seine Vielseitigkeit unter Beweis gestellt, doch bei Alkaloid legt er noch eine Schippe drauf. Grossmann hat einen unglaublichen Sinn für Rhythmik, gleichzeitig kann sein Spiel rasend schnell sein. Auf Details muss man dabei gar nicht erst eingehen – Grossmann wäre für viele Bands, die extremer spielen wollen, ein absoluter Wunschkandidat. Von Christian Münzner kann man nur das Beste erwarten, nachdem er bei Obscura, auf seinen Soloalben und als Gast auf zahlreichen Alben bewiesen hat, was er draufhat. Dass dieses Album so besonders ist, liegt natürlich auch an Morean, der dem gesamten Album mit seinem Sinn für das Unkonventionelle viel Abwechslung und Dynamik verliehen hat. Seine Einflüsse aus der Black-Metal-Band Dark Fortress sind auf jeden Fall spürbar. Morean ist nicht nur als Komponist interessant, sondern auch als Vokalist. Die Tiefe seines Growls passt hervorragend zu den tief gestimmten Gitarren, und sein Klargesang verleiht dem Ganzen noch eine weitere Nuance – vor allem in den atmosphärischeren Passagen. Morean ist auch für die Texte verantwortlich, die von Science-Fiction inspiriert wurden. Bassist Linus Klausenitzer hatte eine schwere Aufgabe. Seine Linien kommen am deutlichsten in ruhigeren Abschnitten zur Geltung; meistens ist er als solider Unterstützer der komplexen Gitarrenlinien zu hören. Der dritte Gitarrist Danny Tunker hat zum Album nur einige Soli beigesteuert. Tunkers Stil ist zwar etwas anders als Münzners und sticht auf seine Weise auch nicht so heraus, aber angesichts der Ecke, aus der Tunker kommt, kann man seinen Stil durchaus als Auffrischung betrachten.

An der Produktion selbst gibt es nichts auszusetzen. Alles ist sinnvoll angelegt, das Klangbild ist klar und modern, aber zum Glück ohne die Sterilität, die heutzutage gängige Praxis ist. Die Band hat das Album selbst produziert, doch für das endgültige Klangbild ist V. Santura (Dark Fortress) verantwortlich, der bereits zuvor mit dem Team zusammengearbeitet hatte.

Das 73 Minuten lange Album ist kein kleiner Happen. Es zieht sich zwar nicht in die Länge, kann aber anspruchsvoll sein – der Hörer muss volle Konzentration mitbringen. Ohne Zweifel handelt es sich aber um eine unglaubliche Leistung. Alkaloid haben mit ihrem außergewöhnlichen Debüt bewiesen, zu welchen Extremen man Progressive Death Metal treiben kann. Jetzt bleibt nur zu hoffen, dass es nicht bei diesem einen Album bleibt und die Band auch auf Tour geht.

Besetzung

Morean – Gesang, Gitarre

Hannes Grossmann – Schlagzeug

Christian Münzner – Gitarre

Linus Klausenitzer – Bass

Danny Tunker – Gitarre

Produktion

Hannes Grossmann, V. Santura

Trackliste

01. Carbon Phrases
02. From a Hadron Machinist
03. Cthulhu
04. Alter Magnitudes
05. Orgonism
06. Dyson Sphere – I.Mining the Oorth Cloud
07. Dyson Sphere – II.Assembly
08. Dyson Sphere – III.Kardashev 2.1-The God Oven
09. Dyson Sphere – IV.Sol Omega
10. The Malkuth Grimoire
11. C-Value Enigma
12. Funeral For a Continent

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