Alkaloid – The Malkuth Grimoire

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Veröffentlicht bei: Eigenveröffentlichung
Produktion: Hannes Grossmann, V. Santura
Erscheinungsdatum: März 2015
Laufzeit: 73:01

Heutzutage kann man wohl ohne langes Nachdenken sagen, dass die Extremität im Metal ihren Höhepunkt erreicht hat. Doch jedes Jahr findet sich eine Band, die beweisen will, dass noch mehr möglich ist. Es tauchen Bands auf, die technischer, schneller und grundsätzlich auch progressiver sind. Leider scheitern viele dieser Versuche jedoch an Übertreibung, die am Ende schlicht sinnlos wirkt. Natürlich gibt es auch leuchtende Ausnahmen, die das Rezept von Necrophagist verfeinert und schlicht progressiver gemacht haben. Zu den bekanntesten dieser Bands gehören die amerikanischen The Faceless und die kanadischen Beyond Creation.

Die deutsche Band Alkaloid, gegründet von ehemaligen und aktiven Mitgliedern von Necrophagist, Obscura, God Dethroned, Dark Fortress, Noneuclid u.a., hat noch eine Stufe höher angesetzt – angetrieben vom Streben nach progressiverem Songwriting und natürlich nach maximaler Extremität. Nicht zuletzt liegt das auch an der musikalischen Ausbildung der Band und ihrem Denken außerhalb der üblichen Schubladen.

Die Idee für die neue Band entstand zwischen Schlagzeuger Hannes Grossmann und Gitarrist Christian Münzner, die beide mehr wollten, als sie in Obscura erreichen konnten. Obscura war ihnen schlicht zu wenig progressiv. Als Mitstreiter holten sie den klassisch ausgebildeten Komponisten Morean ins Boot, der ansonsten in der Black-Metal-Band Dark Fortress aktiv ist. Den Bassposten übernahm der erfahrene Linus Klausenitzer. Außerdem stieß Gitarrist Danny Tunker dazu, der sein Geld ansonsten bei Aborted verdient. Hier haben wir es zweifellos mit ausgebildeten und erfahrenen Musikern zu tun, von denen man nur das Beste erwarten kann – auch wenn dabei schnell Missverständnisse und Ego-Kämpfe entstehen können.

Die Band startete für die Albumfinanzierung auch eine IndieGogo-Kampagne, die erfolgreich war. Die genannten Musiker haben offenbar genug Ansehen, um eine große Unterstützerbasis zu mobilisieren.

Mit dem als erstes vorgestellten Track Carbon Phrases hat die Band alle Skeptiker schnell zum Schweigen gebracht. Der Track ist über neun Minuten lang, komplex, strukturell originell und verwebt Elemente verschiedenster Genres – wobei progressiver Death Metal klar im Vordergrund steht. Doch die Vergangenheit wurde nicht vergessen. Schon mit dem zweiten Track From a Hadron Machinist wird dem Hörer klargemacht, dass auch Momente von Technical Death Metal nicht fehlen – jener Stil, den Necrophagist mit Epitaph (2004) etabliert hat. Es ist ein altbekanntes Rezept, das heutige Bands jedoch verfeinern, indem sie nicht alles auf Geschwindigkeit aufbauen, sondern auch ruhige, unverzerrte Passagen im Stil von Opeth einbauen.

Als Hauptkomponisten werden Grossmann, Münzner und Morean genannt. Ein äußerst abwechslungsreiches Album ist da das Mindeste, was man erwarten kann. Mit dem dritten Track Cthulhu überrascht Morean. Es ist ein langsamer Death-Metal-Song im Stil von Morbid Angel, der auf Atmosphäre und Psychedelik setzt. Mit dem vierten Track folgt der Schwenk zu Technical Death Metal, der auf Geschwindigkeit und Melodie setzt. Da der Track Münzners Metier ist, gibt es natürlich irres Soloing im neoklassischen Stil. Zur Beruhigung bieten Alkaloid Orgonism an, wo zunächst Moreans Klarsang heraussticht – was dem Album von Anfang an eine besondere Vielschichtigkeit verleiht. Natürlich entwickelt sich der Track entsprechend weiter, sodass die Ruhe nicht lange anhält – und vor allem zieht sie sich nicht in die Länge.  

Morean erreicht seinen Höhepunkt mit Dyson Sphere, das in 4 Teile gegliedert ist. Dyson Sphere steckt unabhängig vom jeweiligen Teil voller unerwarteter Wendungen, Steigerungen, Hypnotik, Psychedelik und kompromissloser Brutalität. Die Teile sind anspruchsvoll miteinander verknüpft und verlangen volle Aufmerksamkeit.

Nach Dyson Sphere bieten Alkaloid den Titeltrack des Albums an, geschrieben von Münzner und Grossmann. Es ist ein death-metal-orientierter Song, der auch Elemente von Death/Doom Metal enthält. Hier ist vor allem herauszuhören, dass sich die Band auch bei älteren Death-Metal-Bands inspirieren ließ – die Assoziationen zu Morbid Angel drängen sich auf.

Mit dem vorletzten Instrumental C-Value Enigma beweist Morean sein Können auf der Gitarre, doch gegen Ende wirkt das Ganze ziemlich nervig und auch ein bisschen überflüssig. Umso süßer ist dann das Finale. Mit dem zwölfminütigen Funeral for a Continent beweist die Band endgültig, dass sie ihresgleichen sucht. Der Track ist komplex angelegt, der Hörer bekommt eine Fülle an Eindrücken – und wenn sich die Sache dem Ende nähert, feuern das Gitarrenduo Münzner und Tunker eine ganze Salve virtuosen Soloings ab, was dem Album noch den allerletzten Schliff gibt.

Alle Beteiligten auf dem Album zeigen mehr, als man ihnen bislang je abgehört hat. Schlagzeuger Hannes Grossmann, einer der Hauptkomponisten, hat seine Vielseitigkeit bereits auf seinem Solo-Album unter Beweis gestellt – bei Alkaloid hat er jedoch noch eine Stufe höher geschaltet. Grossmann hat ein unglaubliches Gespür für Rhythmik, auf der anderen Seite kann sein Spiel auch extrem schnell sein. Details erübrigen sich hier – Grossmann ist schlicht ein Schlagzeuger, den sich viele Bands wünschen würden, die extremer spielen wollen. Von Christian Münzner kann man nach allem, was er in Obscura, auf seinen Solo-Alben und als Gast auf zahllosen Platten unter Beweis gestellt hat, nur das Beste erwarten. Dass dieses Album so besonders ist, liegt natürlich auch an Morean, der dem gesamten Album mit seinem Sinn für das Unkonventionelle enorm viel Vielfalt und Dynamik eingehaucht hat. Dabei sind seine Einflüsse aus der Black-Metal-Band Dark Fortress deutlich spürbar. Morean ist aber nicht nur als Komponist interessant, sondern auch als Vokalist. Die Tiefe seines Growls passt hervorragend zu den tief gestimmten Gitarren, und sein Klarsang verleiht dem Ganzen noch eine weitere Nuance – besonders in den atmosphärischeren Abschnitten. Außerdem ist Morean für die Texte verantwortlich, die von Science-Fiction inspiriert wurden. Bassist Linus Klausenitzer hatte keine leichte Aufgabe. Seine Lines kommen am deutlichsten in ruhigeren Abschnitten zur Geltung, größtenteils ist er aber als verlässlicher Unterstützer der komplexen Gitarrenlinien zu hören. Der dritte Gitarrist Danny Tunker hat zum Album nur einige Soli beigesteuert. Tunkers Stil ist zwar etwas anders als Münzners und sticht nicht ganz so heraus, doch angesichts der Kreise, aus denen Tunker kommt, kann sein Stil durchaus als Auffrischung gelten.

An der Produktion selbst gibt es nichts auszusetzen. Alles ist sinnvoll angelegt, das Klangbild ist klar und modern – zum Glück jedoch ohne die Sterilität, die heutzutage leider gang und gäbe ist. Die Band hat das Album selbst produziert, für das endgültige Klangbild ist jedoch V. Santura (Dark Fortress) verantwortlich, der bereits zuvor mit der Truppe zusammengearbeitet hat.

73 Minuten sind kein kleiner Happen. Das Album ist zwar nicht in die Länge gezogen, kann aber für den Hörer anstrengend sein – es fordert hohe Aufmerksamkeit. Zweifellos aber ist es eine unglaubliche Leistung. Alkaloid haben mit ihrem außergewöhnlichen Debüt bewiesen, in welche Extreme man Progressive Death Metal treiben kann. Jetzt bleibt nur zu hoffen, dass es nicht bei diesem einen Album bleibt und dass die Band auch auf Tour geht.

Musiker:

Morean – Gesang, Gitarre
Hannes Grossmann – Schlagzeug
Christian Münzner – Gitarre
Linus Klausenitzer – Bass
Danny Tunker – Gitarre

Tracks:

  1. Carbon Phrases
  2. From a Hadron Machinist
  3. Cthulhu
  4. Alter Magnitudes
  5. Orgonism
  6. Dyson Sphere – I.Mining the Oorth Cloud
  7. Dyson Sphere – II.Assembly
  8. Dyson Sphere – III.Kardashev 2.1-The God Oven
  9. Dyson Sphere – IV.Sol Omega
  10. The Malkuth Grimoire
  11. C-Value Enigma
  12. Funeral For a Continent
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