The Final Nightmare
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Overdrive
Label: Soulfood
Erscheinungsdatum: 25.08.2014
Spielzeit: 45:23
Wertung: 4/5
Nach acht Jahren kehren die Briten Overdrive mit ihrem fünften Werk auf die Bühne zurück. Verwechsle sie bloß nicht mit den schwedischen Melodic-Rock-Revivalisten gleichen Namens, die eine deutlich jüngere Geburtsnummer tragen. Die britischen Overdrive spielten ihr erstes Konzert nämlich 1974 in ihrer Heimatstadt Grantham unter dem Namen Upex — und schon damals standen die Gründungsmitglieder Tracey Abbott (Gitarre) und Ian Hammilton (Bass) auf der Bühne. Als offizielles Gründungsjahr von Overdrive gilt jedoch 1977. Overdrive sind eine Band, deren Karriere von zahlreichen Höhen und Tiefen geprägt ist. Schon 1982 lösten sie sich zum ersten Mal auf — in dieser Zeit schafften sie es gerade mal, eine einzige Single zu veröffentlichen: den Song »On the Run« (1981) sowie zwei Demo-Aufnahmen. Die Band reaktivierte sich 1988 und veröffentlichte bis heute in unregelmäßigen Abständen vier Studioalben.
Nun erscheint also endlich auch das fünfte Studioalbum »The Final Nightmare«, produziert von niemand anderem als Chris Tsangerides — dem Mann, der die NWOBHM-Bewegung mit seiner Band More gelebt und geatmet hat. Das ist der Wohltäter, der unter anderem den Sound des Judas Priest-Klassikers »Painkiller« (1990) oder den Sound des Y&T-Albums »Mean Streak« geprägt hat. Zwar erlebten Overdrive vor zwei Jahren einen ordentlichen Umbruch in der Besetzung und ein neuer Sänger stieß zur heutigen Overdrive-Crew — und zwar der erfahrene, geradezu »moseshaft« anmutende Dave Coulter. Dieser ersetzte Steve Farner, jenen Mann, mit dem die Band die bereits erwähnte »On the Run« (1981) sowie das dritte und vierte Studioalbum in den Jahren 2005 und 2006 aufnahm und veröffentlichte. Nach dem, was Coulter auf »The Final Nightmare« abliefert, lässt sich festhalten: Overdrive haben eine ausgezeichnete Wahl getroffen. Eine unglaublich treffende Annäherung an Farners Vokalcharakter!
»The Final Nightmare« ist der ehrlichste Abdruck dessen, was die NWOBHM mit ihrem revolutionären Erscheinen geliefert hat. Ein Album, bei dem für den Hörer die Zeit stillsteht. Verloren in Zeit und Raum. Als wäre es in der ersten Hälfte der Achtziger entstanden. Klingt seltsam — und trotzdem. Ungeachtet der Tatsache, dass die Phalanx der neuzeitlichen Revivalisten aus Skandinavien und Deutschland auch nichts noch nie Gehörtes schafft, ist ihre Aktivität von enormer Bedeutung — denn sie hat Bands zusammengebracht, von denen man nie gedacht hätte, dass sie nochmal aktiv sein würden. Von Blitzkrieg, über Weapon (UK), Tokyo Blade, bis hin zu Battleaxe und natürlich Overdrive. Die halten sich auf »The Final Nightmare« wie ein Betrunkener am Zaun an ihrem bewährten Rezept fest, das sie am besten beherrschen — und liefern deshalb das Beste ab, was sie können. Und weil sie in jeder Hinsicht unglaublich ehrlich sind, kriecht das Album einem echten Liebhaber der oldschool-Heavy-Metal-»Erotik« sofort unter die Haut! Das ist ein ausgezeichnetes Heavy Metal / Heavy Rock-Album von der ersten bis zur letzten Sekunde, das durchgehend in eine unheilvolle Atmosphäre getaucht ist, voller Düsternis, Schlagen der Todesstunde, des Jüngsten Gerichts! Tsangerides ist kein Sneap, und deshalb erwartet keine Theatralik nach Art der neuen Hell-Alben — und trotzdem. Daves Gesang ist der Bote des endgültigen Verderbens. Er wirkt leicht »hohl«, dumpf, heulend — belebt wunderbar die Agonie aus Wahnsinn und Schmerz. Coulter ist bei weitem kein Gesangsakrobat, sondern eher das »Onkel der vokalen Charisma«. Der Song Twisted in Mind sagt alles, wenn Coulter durch höhere Lagen gleitet, im Schein einer wenig überzeugenden Falsettpassage, bei der er in seiner Stimmkraft schwankt. Und doch trägt er das »Gift« in sich und wirkt phänomenal in der Struktur und dem Klang der Songs. Er erinnert an eine Kreuzung aus Ozzy und Mark Shelton (Manilla Road) — also an zwei Vokalisten, die sich nicht gerade mit athletischem Stimmtraining brüsten können, aber beide eine außergewöhnliche Charisma in Klangfarbe und Interpretation besitzen! Die Band entwickelt einen außergewöhnlich kompakten Zangengriff ihrer Klangwand, die von erstklassigen Gitarrenriffs der urtümlich alten Heavy-Metal-Schule geformt wird — aus jenen Zeiten, als die Pionier-Riffs des Rock und Metal noch im Entstehen waren.
Die Songs sind voller düster-pompöser Epik. Es ist pures Drama, durchtränkt von Okkultismus, Versuchung, dem Geflecht aus Wahnsinn und Schmerz — der Protagonist ist dem endgültigen Verderben geweiht. Niemand entkommt der Hand des Schicksals, dem alten Weib mit der Sense. In den acht Jahren Pause seit dem letzten Album haben sich die Ideen zu außergewöhnlicher Reife geläutert. Chris Tsangerides sorgte für eine ausgezeichnete Produktion. Tückisch, borstig, apokalyptisch. Die Snare klingt wie eine Kanone, die extrem fette Basslinie reißt sich aufgedreht durch das Klangbild, die Riffs packen bösartig und ruppig zu, die Keyboards verdichten den Hintergrund des Klangbilds und verleihen ihm das Moment der »Gedrungenheit«. Über alldem thront der unverwechselbare Gesang von Dave Coulter, der das atmosphärische i-Tüpfelchen setzt. Echter punkiger »Dreck«, den im Sound nur jene zu liefern wissen, die Metal zu einer Zeit mitentwickelten, als auch der Punk seinen Aufschwung erlebte. Keyboards und Gitarren agieren in einer außergewöhnlichen Symbiose. Sowohl Keyboards als auch Gitarren liefern natürlich Soli. Die Keyboards reiten öfter auf dem Hammond-Sound — im Song Taken Young (Ben’s Song) erzeugen sie die unheilvolle Atmosphäre von »Kirchenorgeln«, bei der sich dir die Haut sträuben kann.
Wenn du ein Erlebnis des urtümlichen Heavy-Metal-Charakters ohne jegliche Aufhübschungen willst — ohne Kitsch, Glanz, Korrekturen, hinzugefügte symphonische Arrangements und zwitschernde Synthesizer und ohne »Hochglanzpolitur des Sounds« — und du nur die »ehrlich heilige« Kraft des Gitarrenriffs suchst, der Zähne einschlägt und Köpfe auf Pfähle spießt, dann ist »The Final Nightmare« das Album, das dich zweifellos glücklich machen wird. Das neu erwachte Monster hat gebrüllt, hat seine Stacheln gesträubt! Im Mondschein glänzt der Zahnschmelz seines angespitzten Gebisses, bereit, seine Opfer zu zerreißen. Bis zum letzten Alptraum, aus dem niemand mehr erwacht — so wurde Heavy Metal einst gemacht. Und verdammt überzeugend klingt das im Jahr 2014 — was bedeutet, dass das Gebiss des Overdrive-Monsters keineswegs stumpf geworden ist!
Besetzung
Dave Coulter – Gesang, Hintergrundgesang
Tracey Abbott – Gitarre
Tim Hall – Keyboards, Hintergrundgesang
Ian Hammilton – Bass, Hintergrundgesang
Scratch Padgett – Schlagzeug
Produktion
Chris Tsangerides
Trackliste
1. Invited to Hell
2. Twice Shy
3. Glass Game
4. Twisting My Mind
5. Wasted
6. Lost on a Mountain
7. Nightwalker
8. Taken Young (Ben’s Song)
9. Final Nightmare