The Calling

0 15

Autor: Aleš Podbrežnik

Künstler: Schon, Neal
Label: Frontiers Records
Erschienen: 2012
Laufzeit: 55:31
Wertung: 4/5

»The Calling« ist insgesamt das sechste Solo-Studioalbum von Neal Schon – dem einzigen originalen Gründungsmitglied der heutigen Besetzung der AOR-Größen Journey –, der bis dato insgesamt  14 Studioalben veröffentlicht hat. Der Mann, der seine ersten professionellen Schritte im Musikbusiness Anfang der Siebziger beim Schamanen Carlos Santana gemacht hat – als er auf dessen Kult-Studioalben »Santana III.« und »Caravanserai« mitspielte –, hatte schon mit den beiden vorangegangenen Journey-Studioalben angedeutet, dass es ihn wieder zur Veröffentlichung eines eigenen Studiowerks hinzieht. Wenn du kurz in deiner Erinnerung kramst, zeigen dir sowohl »Revelation« (2008) als auch »Eclipse« (2011) mit den jeweiligen Abschlussnummern – vollständigen Instrumentals, bei denen Neal Schons Gitarrenspiel die Rolle des Gesangs übernimmt –, wohin der Hase läuft.

Neal Schon zählt zu den vollendetsten Meistern des Gitarrenspiels, die das strahlende Rock-Universum unseres Sonnensystems – vielleicht sogar unserer Galaxie – je hervorgebracht hat. Er gehört zu jener Handvoll seltener universeller Gitarren-Genies, die ihr Spiel zu einer solchen Perfektion gebracht haben, dass sie alles, was sie anfassen, überzeugend(!) und mitreißend(!) spielen können. Er ist einer dieser Musiker, die sich federleicht in die verschiedensten musikalischen Konzepte einfügen – weshalb Schon immer sehr gefragt und geschätzt war, auch wenn es um Studiohilfe für viele prominente Namen ging. Wenn wir nur einige seiner größten Studio-Abnehmer nennen: Joe Cocker, Sammy Hagar, Paul Rodgers, Larry Graham, Betty Davis, Michael Bolton, Jan Hammer – und die Liste ist noch lange nicht vollständig. Und dann wären da noch die gemeinsamen Projekte Bad English und Hardline.

Nach dem vollgestopften Tourneeplan von Journey fand sich schließlich doch etwas Zeit, damit Neal Schon all seine musikalischen Ideen, die er bei Journey nicht unterbringen konnte, zu einem Bündel farbenfroh variabler und höchst witziger Gitarren-»Komödie« zusammenführen konnte. Für dieses Unterfangen hat Neal eine kleine, aber bewährte Truppe von Meistern ihres Fachs zusammengetrommelt! Fürs Schlagzeug bat er seinen Kollegen Steve Smith, seinerseits ehemaliger Journey-Weggefährte, die Keyboards steuerte Igor Len bei, und die anspruchsvollen Solopassagen auf den Moog-Keyboards legte der routinierte Jan Hammer (Jeff Beck, Mahavishnu Orchestra, auch auf dem Soundtrack für den Film »Miami Vice« zu finden) hin,

Der eröffnende Titelsong The Calling ist ein typischer aufgedrehter Rocker, der die Aufmerksamkeit sofort im Sturm nimmt! Neal greift in seiner Gitarren-Rhetorik bei Improvisationen deutlich auf den Einsatz von Klangeffekten zurück, bei denen Töne über »Whammy-Harmonien« ausgereizt werden – etwas, das man sehr häufig bei Joe Satriani hört. Schon der erste Song gibt einen klaren Einblick in die außergewöhnliche Reichweite, die Schons Gitarren-Rhetorik in ihrer Ausdruckskraft erreicht. Der Mann verteilt seine Töne mit Bedacht, biegt den Ton auf der gleichen Position des Gitarrenhalses so, dass er daraus bis zu 3 – 4 verschiedene Töne herausholt, ohne den Finger zu bewegen (auch durch den Einsatz des Tremolos). All das veredelt sein außergewöhnliches Gespür für die wellenartige Steigerung von Atmosphäre und Dynamik – einzelne Töne können noch so fein und sensibel ausklingen, wieder andere  mit scharf abgeschnittenem Nachhall, die sich in ultrasonischen Solo-Eskapaden verdichten. 

Die vielschichtige Brillanz des Gitarristen bestätigt direkt nach The Calling auch Carnival Jazz, das von Smiths Rolls auf den Tom-Toms regelrecht durchlöchert wird. Auch dieser Song behält den optimistisch ausgerichteten Geist bei, den das Markenzeichen von Neal Schons Gitarrenspiel trägt – eine bekannte Konstante auch in seiner Integration der Gitarre in die Ausdruckssprache der Gruppe Journey. Carnival Jazz macht wirklich keine Pause, wirkt im Grundarrangement sogar unberechenbar und ist gleichzeitig das komplexeste und progressivste Stück des Albums! Irgendwo in der Mitte schlägt es  um in ein vollständiges experimentelles Jazz-Rock-Fusion-Abenteuer, bei dem Schon beim Abfeuern schneller Salven keineswegs die Munition ausgeht. Im Schlussteil lassen Smith und Schon den Keyboards Raum, die mit dem Klang eines klassischen Pianos in jazziger Farbigkeit die solistisch-experimentelle Blüte des Songs bis zu seinem Ende würzen.

Die Songs Blue Rainbow Sky, Six String Waltz und/oder True Emotions sind die verlangsamten, aber stimmungsmäßig hoch vibrierenden Momente des Albums, die wie angegossen an das Ende eines beliebigen neueren Journey-Albums passen würden. Das bedeutet, sie vereinen außergewöhnliche Zugänglichkeit und bringen gleichzeitig den Charakter von Neal Schons Gitarrenspiel dem Hörer auf die klassischste Art und Weise näher. Das fast schon standardmäßige »Journey-Hafte«.

Das kurze Präludium zu Back Smash namens Irish Field fasst die Feinfühligkeit des Gitarristen zusammen, die jener von Steve Morse (Deep Purple) in seiner Contact Lost nahekommt – auch Gary-Moore-Fans werden sich dabei sofort heimisch fühlen. Es war nur eine Frage der Zeit, wann ein Song vom Typ Fifty Six auf der  Tracklist von »The Calling« auftauchen würde. Es handelt sich um eine Fusion orientalischer Melodik, die mit Percussion sogar rhythmische Muster im Stil echter »Arabesken« kreiert – bevor Schon den Song bald in eine Rally-Stampede seines Gitarrenspiels hebt, die fusionistisch mit Jazz-Improvisationen des Pianos beladen ist. Eines der wildesten musikalischen Abenteuer des neuen Albums.

Den wohl witzigsten Moment des Albums liefert das verspielt-schelmische Tumbleweeds, bei dem Schon im Hauptthema erneut mit dem witzigen Einsatz von »Whammy«-Harmonien aufwartet – der Song wird daher wieder Joe-Satriani-Fans ansprechen. Primal Surge trägt dank des kraftvollen Engagements von Steve Smith und des zerebral herausfordernden Sentiments lang gebogener, mit giftigem »sustain«-Effekt gehaltener Töne etwas von der Konnotation der Stammesrhythmen des schwarzen Kontinents in sich – Töne, die unter den magischen Händen Neal Schons eine träumerische, aber ansteckende Hauptmelodie formen.

Ein ausgezeichneter, expressiv reizvoller Wurf gelingt Schon kurz vor dem Abschluss des Albums mit der bluesrockartig  erotogen aufgeladenen Provokation von Transonic Funk, das auf einem fest geschnürten, mittleren , dafür aber umso koketteren Tempo basiert, während ein Vorhang aus »Hammond like«-Keyboard-Sound die Gitarre wunderbar einhüllt. Schon findet sich meisterhaft auch im Blues-Territorium zurecht, was klar andeutet, woher der große Meister stammt und wo der Ursprung seines Gitarrenspiels liegt. Das mit hoher Spannung aufgeladene, handfeste Rocker-Album von Schons Gitarrenspiel beschließt das ruhige, akustische Song Of The Wind II, das mit seiner stillen und flüsternden Melodiosität die beschriebene Rocker-Intensität, die sich sonst gnadenlos durchs Album schlägt, hervorragend entlädt!

Ein ausgezeichnetes Studioalbum von Neal Schon und für Gitarrenrock-Liebhaber ein wunderbares »Füllsel« in einer Zeit, in der Satriani an seiner nächsten Studio-Fortsetzung werkelt. Kurzum! Ein typisches Gitarrenrock-Album, geschnitten im Einklang mit den einzigartigen und meilenweit erkennbaren Charakteristika von Schons vielschichtigem Können, das dem Markt ein Produkt musikalischer Substanz von vollblütiger inhaltlicher Greifbarkeit beschert. »The Calling« ist das Album, das Neal Schon im Jahr 2012 schlicht gebraucht hat , um sich vollständig Luft zu machen und sein künstlerisches Ich herauszufordern. Das etablierte und längst affirmierte musikalische Format von Journey reicht schlicht nicht aus, um darin die gesamte ideelle Tiefe und Bildlichkeit des einzigartig geschliffenen Diamanten des Gitarrenspiels dieses Gitarren-Astronauten und großen Weisen seines Fachs zu entfalten. All das löst das Album »The Calling«!

Besetzung

Neal Schon – Gitarre, Bassgitarre
Igor Len – Keyboards
Steve Smith – Schlagzeug

GASTMUSIKER:
Jan Hammer – „Moog“-Keyboards

Produktion

Neal Schon

Tracklist

1. The Calling
2. Carnival Jazz
3. Six String Waltz
4. Irish Field
5. Back Smash
6. Fifty Six (56)
7. True Emotion
8. Tumbleweeds
9. Primal Surge
10. Blue Rainbow Sky
11. Transonic Funk
12. Song Of The Wind II.

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies