The Blessed Curse

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Autor: Aleš Podbrežnik

Künstler: Manilla Road
Label: Golden Core Records
Erschienen: 2015
Laufzeit: 88:25
Wertung: 4/5

Nach den »löchrigen« Veröffentlichungen Mysterium (2013) und  »Playground Of the Damned« (2011) kehren die legendären, man darf ruhig sagen kultigen Metaller aus Kansas, Manilla Road, mit ihrem 17. Studioalbum »The Blessed Curse« zurück, mit dem sie endlich wieder Anschluss an ihr diskographisches Erbe gefunden haben – jenes Erbe, das sie durch eine Serie unvergesslicher Veröffentlichungen in den Achtzigern zu einer der angesehensten Bands unter Metal-Kennern machte, die jedoch nie die verdiente Anerkennung für ihr früheres Werk erhielt und irgendwo im Untergrund des Metal-Universums verblieb, wie ein streng gehütetes Geheimnis.

»The Blessed Curse« ist der Punkt, an dem Bandkopf und Unikat Mark »The Shark« Shelton aus seinem Schlaf erwachte, direkt zurück zu den Wurzeln der Manilla Road-Karriere blickte – in jene Zeiten also, als die Band fantastische Alben wie »Crystal Logic« (1983) und »Mark of Death Mask« (1981) heraushaute – und mit seinen Mitstreitern ein verdammt gutes Album auf den Tisch legte, wie es etwa nach dem starken »Voyager« (2008) hätte erscheinen sollen! Aus dem allzu verschlafenen »Mysterium« folgte nach gerade mal zwei Jahren eine komplette Verwandlung. Wir bekamen ein Album voller aufgestachelter und aufgedrehter schwarzer Marschhymnen, in denen hochvibrierende Atmosphären durch die Kompositionen dynamisch ineinanderfließen. Im Mittelpunkt des Geschehens steht wieder Mark Sheltons markanter Gesang. Der galt nie als guter Sänger – mehr noch: An seinen Gesang muss man sich schlicht gewöhnen. Gelingt dir das nicht, kannst du Manilla Road einfach nicht lieben. Er trägt seine Eigenheiten und eine besondere Art von Charisma, ist aber im Grunde ein schlechter Sänger.  Seine Stimme hat über die Jahre definitiv an Kraft verloren, und doch ist die Klangfarbe so spezifisch und ausgeprägt besonders, dass Shelton mit seinem näselnden, hohl hallenden Gesang die zentrale Figur bleibt, die dem unverwechselbaren künstlerischen Ausdruck von Manilla Road nach wie vor sofort seinen Stempel aufdrückt.

Das Album hat einen Makel. Die Produktion. Diesmal sind die Gitarren schön aufgedreht. Shelton hat ein regelrecht altschulisches Rezept gewählt – seine Gitarre ist völlig unpoliert, klanglich nackt und extrem organisch, was, zusammen mit seinem Solospiel und seinem besonderen Gespür für die Melodieführung, ein weiteres Markenzeichen der klassischen Manilla Road einbringt. Während Sheltons Gesang, die Gitarrenriffs und die Basslinien fest verwoben und aktiv im Klangbild miteinander leben, lässt sich das von der Schlagzeugproduktion leider nicht behaupten – die Drums klingen dünn und abwesend, als kämen sie aus einer weit entfernten Telefonzelle. Mag sich Naudi noch so sehr abmühen, die Übergänge mit brillanten Rolls zu »färben«, die Doppelbassdrum funkensprühend einzuflechten und so weiter: Die Snare klingt einfach miserabel. Schade. Genau dieser Fehler in der klanglichen Produktion ruiniert das Gesamtbild dieses überaus vorbildlichen Werks, das sonst beweist, dass die alten Haudegen auf ihre alten Tage noch putzmunter sind und es ihnen an Inspiration bei Weitem nicht mangelt. Vielleicht sollte Shelton doch einen Produzenten ins Studio holen und aufhören, sich selbst um die Produktion zu kümmern, denn auch die beiden Vorgängeralben tragen ähnliche Produktionsmängel. Aber ein Produzent kostet nun mal, und Shelton ist keiner der Reichen der Musikindustrie.

Das Album The Blessed Curse« bietet eine Erfolgsformel vor allem deshalb, weil es mehrere schnelle Songs enthält, die durch längere Kompositionen ausbalanciert werden, in denen das Drama-Theater besonders deutlich aufgespitzt ist. Alle Songs bieten markante Riffs, die das musikalische Profil der stärkeren Alben der Band definieren. Besonders aufgestachelt – man könnte fast sagen okkulthaft spöttisch – sind The Dead Still Speak oder Truth in the Ash, und weiter besonders Reign of Dreams sowie gegen Ende Sword of Hate. Diese sind eingebettet zwischen Passagen, die sich – genauso wie schon der einleitende Titeltrack – durch eine Steigerung des Drama-Theaters öffnen, in denen die Stimmungen mehrfach pittoresk umschlagen. In diesen Passagen pendelt die Band nach bewährtem Rezept überaus geschickt zwischen aggressiver Distortion und theatralisch ruhigen Teilen, unterstützt  von cleaner oder akustischer Gitarrenbegleitung. In ihnen regieren vollständige epische Schwärze und Mysterium. Im spezifisch eigenständigen Dogma des Manilla Road-Artismus war Shelton bei der Entstehung dieses Albums von der Antike der Sumerer inspiriert, weshalb die Poetik der Songs auf die antike Zivilisation Südmesopotamiens verweist (heute steht dort der arme und »unglückliche« Irak). Das Album saugt uns also in die Zeiten der frühen Bronzezeit, respektive in eine Zeit von mehr als 4.000 Jahren vor der Geburt des unglücklichen Kunstturners. Besonders unter die Haut geht der dritte im Bunde, Tomes of Clay, in dem die Band bewusst in arabische Tonleitern eintaucht und eine ausgesprochen düstere Atmosphäre erzeugt. Ein wunderschöner akustischer Track folgt auch an Position Nr. 5, wenn Falling aufgelegt wird. Sheltons besonderer Gesangsansatz holt bei diesen ruhigen Momenten noch mehr dramatische Ausdruckskraft heraus. Das Album beschließt die Mini-Epos-Suite The Muses Kiss, die sich eingangs im neoklassischen Stil entwickelt und als einer der Höhepunkte des Albums gilt, vollgepackt mit grenzenloser Melancholie. Bryan Patrick stimmt in Sheltons Gesang gerade in diesen ruhigeren Albumteilen ein, wo er mit höheren Vokallinien der Duettharmonien die dramatischen Empfindungen wirkungsvoll kontrastiert.

»The Blessed Curse« enthält außerdem ein Bonus-Album mit sechs Songs unter dem Titel »After the Muse«. Obwohl die Tracks des Bonus-Albums in den Arrangements verstärkt auf den Einsatz von Akustik setzen, die so in den Mittelpunkt des Geschehens tritt, übernimmt ein Song namens All Hallows Eve den zentralen Fokus. In zwei verschiedenen Versionen. Die erste stammt aus dem Jahr 1981, und die Band fand ihre analoge Aufnahme kürzlich völlig zufällig im Studio. Sie misst 12 Minuten und ist ein atmosphärisches Epos. Warum nicht länger? Weil der Band damals das analoge Aufnahmeband ausging! Wahnsinn. Die gesamte Ausdrucksauthentizität des Originals bleibt erhalten, das du pittoresk mit der abschließend neu aufgenommenen Version dieses Songs vergleichen kannst, die dem Bonus-Album hinzugefügt ist. Um drei Minuten verlängert,  

Das Album »The Blessed Curse« knüpft überaus erfolgreich und wirkungsvoll an die strahlendsten Kapitel des diskographischen Schaffens von Manilla Road an. Mit etwas mehr Sorgfalt bei der Produktion, die auf dem Album leider hinkt, hätte das Album noch mehr Ausdrucks- und künstlerische Kraft erreicht. Ungeachtet  dessen liefert es viele kompositorische musikalische Köstlichkeiten sowie eine hervorragende Balance zwischen schnellen, druckvollen Kompositionen und jenen, die sich auf den Aufbau einer spezifischen Atmosphäre konzentrieren – was Fans der besonderen epischen Düsternis dieser mysteriösen Kult-Metalband aus Amerika ganz sicher mehr als zufriedenstellen wird!  

Manilla Road traten im vergangenen Jahr, am 22.07.2014, beim Festival Metaldays in Tolmin auf, wo sie die Rolle der Headliner der zweiten Bühne übernahmen und mitten im Platzregen eine hervorragende Live-Show ablieferten. Die RockLine-Reportage zu diesem Festivaltag kannst du in voller Länge HIER lesen!

Besetzung

Mark „The Shark“ Shelton – Gitarre, Gesang
Bryan „Hellroadie“ Patrick – Gesang
Joshua Castillo – Bassgitarre
Neudi – Schlagzeug

Produktion

Mark „The Shark“ Shelton

Trackliste

CD.1: 
„The Blessed Curse“
1. The Blessed Curse
2. Truth in the Ash
3. Tomes of Clay
4. The Dead Still Speak
5. Falling
6. Kings of Invention
7. Reign of Dreams
8. Luxifera’s Light
9. Sword of Hate
10. The Muses Kiss

CD2.:
„After the Muse“
1. After the Muse
2. Life Goes On
3. All Hallows Eve 1981 Rehearsal)
4. In Search of the Lost Chord
5. Reach
6. All Hallows Eve 2014

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