The Black Light Bacchanalia
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Virgin Steele
Label: SPV Records
Veröffentlichung: 2010
Laufzeit: 76:22
Bewertung: 4.5/5
Das neue Album der „savage power“-Metaller – der in der Musikwelt einzigartig inspirierten Virgin Steele – trägt den Titel „The Black Light Bacchanalia“ und ist ein weiterer konzeptueller Stein im Mosaik, das unter der Regie des genialen Kopfes der Band, Multi-Instrumentalisten, Sängers, Komponisten, „Verseschmieds“ und Visionärs David DeFeis entstanden ist.
Das neue Album ist in jeder Hinsicht zu 100 % ein Virgin Steele-Album, eröffnet der Band zugleich aber ein neues Kapitel auf ihrem vorgezeichneten musikalischen Weg. Man kann ohne Weiteres sagen, dass Virgin Steele in ihrer Karriere noch kein so vielschichtiges und abwechslungsreiches Album aufgenommen haben. Mehr noch: Man kann es auch als das kompositorisch komplexeste bezeichnen. Einige Tracks dieses Albums sind so vielgestaltig, dass man von einem Komplexitätsgrad sprechen kann, der sich schon fast gefährlich mit dem Etikett „progressiv“ flirtet. Das ist ein Album, das nicht sofort ins Ohr geht, sondern seine Zeit und Geduld verlangt. Doch wenn man sich erst einmal mit seiner Vibration und seiner einzigartigen Atmosphäre angefreundet hat, erkennt man seine neue Liebe (auf den ersten Blick!). Das ist unbestreitbar. Virgin Steele sind eine einzigartige Formation. Das waren sie immer und werden es immer sein. Bei ihnen gilt: Man kann sie nur lieben oder hassen. Einen Mittelweg gibt es nicht.
„The Black Light Bacchanalia“ ist ein Album, auf dem es dem stets großzügig denkenden David DeFeis trotz seines kühnen Strebens nach maximaler Vielgestaltigkeit und Komplexität der Kompositionen gelungen ist, eine hervorragend austarierte goldene Mitte zu finden, die die rohe Riff-Wucht – als eines der Markenzeichen des unverwechselbaren Bandsounds (die zwingend präsent sein muss, wenn wir von der Power-„Wildheit“ bei Virgin Steele sprechen) – mit Keyboard-Arrangements einfühlsam ausbalanciert. Das hat er so umgesetzt, dass das Album in jedem Moment den roten Faden behält. Die Motive sind so angelegt, dass sie kompakt und kompatibel aneinander anknüpfen. Die Angst vor motivischer Fragmentierung und vor einem schwer zugänglichen Album, zu der euch die aufkommenden Zweifel beim überschwänglichen musikalischen Experimentieren in den ohnehin langen Kompositionen verleiten könnten, ist also völlig überflüssig!
Was die Produktion betrifft, hat DeFeis wieder ein sehr lebendiges Album abgeliefert. Die Riffs können sich hier zusätzlich mit ordentlich roher Energie rühmen. Dadurch erreichen sie über das gesamte Album hinweg noch wirkungsvoller die Erschaffung jenes echten und geforderten schweren Metal-Vorhangs, der mit Düsternis, Finsternis und dichtem Nebel aufgeladen ist und das Gefühl der Erwartung totalen Verderbens und totaler Agonie weckt. Das Drama-Element ist entschieden betont und meisterhaft herausgestellt. In dieser Hinsicht braucht man an DeFeis nicht zu zweifeln. Der Kerl ist ein erfahrener Fuchs und weiß, wie er im Studio vorgehen muss.
DeFeis ist einmal mehr ein echtes Vokal-Chamäleon. Auch in dieser Hinsicht setzt „The Black Bacchanalia“ einen neuen Meilenstein, denn so viel stimmliches Experimentieren hat zuvor kein früheres Virgin Steele-Album erlebt. Von engelhaft reinen Vocals bis hin zum heidnischen Wildtum, das sich im vokalen Toben widerspiegelt – die Songs sind erneut vollgepackt mit verschieden geformten Schreien, die maßgeblich dazu beitragen, die angestrebte emotionale Stimmung des Albums an den Hörer heranzutragen. Interessant ist, dass der Opener By The Hammer Of The Zeus nicht sofort das offenbart, was das Album zu bieten hat. Vor allem wegen des Refrains, der melodisch gern auf frühere Werke von Virgin Steele zurückgreift. Der weniger fesselnde Einstieg des Albums wird jedoch durch deutlich interessantere Tracks ausgeglichen. Manche Texturen sind bereits so komplex, dass Virgin Steele einen dieses Mal tatsächlich überraschen. Die zweite Hälfte des Albums ist in diesem inspirativ-kreativen Sinne noch begeisternder, vor allem wenn man auf ein Bündel längerer Kompositionen trifft, wie The Orpheus Taboo (enthält für Virgin Steele bislang uncharakteristische Texturen und damit ein mutig herausgestelltes Überraschungselement), To Crown Them With Halos (das zentrale, vielgestaltigste Stück), den Titeltrack sowie den intensiven Schluss. Die Ballade The Torture’s Of The Damned, in der Mitte des Albums platziert, ist ein sanfter Versuch, die balladenhafte Atmosphäre à la Child Of Desolation aus dem Album „The House Of Athreus Act. I“ (1999) neu zu erschaffen, mit dem Unterschied, dass die Gitarrenarbeit hier erheblich aktiver und umfassender eingesetzt wird.
Apropos Gitarrenarbeit: Dieses Mal ist David Pursino durchgehend aktiv ins Geschehen eingebunden. Über alle 76 Minuten hinweg. Dieser exzellente Gitarrist und musikalische Exzentriker trägt diesmal den Löwenanteil, wenn wir über die Verzweigung und die bunte motivische Würze eines der am fortschrittlichsten konzipierten Alben der Virgin Steele-Karriere sprechen. Pursino setzt zahlreiche gitarristische Ornamente an motivischen Übergängen, und die Kompositionen werden zusätzlich geadelt, wenn die charakteristischen und unverwechselbaren Pursino-Soli einsetzen. Pursino ist dieses Mal in seiner Ausdruckskraft besonders inspiriert.
Im Vergleich zum extrem sterilen und verunglückten Schlagzeugsound des Vorgängeralbums „The Visions Of Eden“ (2006), bei dem sich DeFeis aus finanziellen Zwängen sogar mit einer programmierten Doppelbass-Fußmaschine behalf, sitzt dieses Mal durchgehend Frank Gilchriest am Schlagzeugthron. Das Drumming ist lebendig und abwechslungsreich wie schon lange nicht mehr bei Virgin Steele – ein weiterer wichtiger Stein im Mosaik, der Pluspunkte sammelt, sodass wir „The Black Light Bacchanalia“ als neues Spitzenprodukt von Virgin Steele bezeichnen können. Spitze in dem Sinne, dass DeFeis und Kompanie wirklich an alle Details gedacht, sie herausgearbeitet und bis zur Studio-Perfektion geschliffen haben, für die David DeFeis ohnehin bekannt ist.
Streifen wir kurz noch das Konzept. Der Titel, der aus der griechischen Mythologie stammt, lässt sich ungefähr so übersetzen: „Schwarze Orgie zu Ehren des Gottes Bacchus“. Also „das verrückte Leben“. DeFeis führt uns durch verschiedene Epochen der Geschichte und erforscht darin die Vernichtung des Heidentums durch die Ermordung von Priesterinnen, Göttinnen und Prophetinnen, die allesamt grausam getötet wurden, beginnend mit Lilith (To Crown Them With Halos) – was andeutet, dass die Konzepte des neuen Albums und von „The Visions Of Eden“ miteinander verknüpft sind. Die Ausrottung des Heidentums soll mit dem vorsätzlichen Mord an Priesterinnen und Prophetinnen zusammenhängen, der endgültigen Vernichtung des weiblichen Prinzips in göttlichen Gestalten. Diese „Vereinheitlichung“ der Religion auf „eine“ Religion spiegelt sich heute in Fundamentalismen wider. Nicht nur im Bereich des religiösen Glaubens, sondern in allen Lebensbereichen. Ein Song wie The Orpheus Taboo ist eine Herausforderung an den einen und einzigen Gott, was bedeutet, dass das neue Album auch das Thema Aufstand berührt. Aufstand gegen den Uniformismus – gewiss ein aktueller Knochen zum Nagen auch im neuen Jahrtausend. Wenn man nur das Cover betrachtet, ist es nicht schwer, die abgebildeten Symbole des Heidentums zu erkennen, die verschiedenen Kulturen und verschiedenen Epochen der menschlichen Geschichte angehören. Es handelt sich also nicht um einen eitlen Fehler des Cover-Künstlers, sondern um eine klare Absicht, die Botschaft an die Konsumenten des Albums heranzutragen.
Das Album schließen zwei längere Kompositionen ab. Die erste ist Necropolis (He Answers Them With Death), die mit ihrem hymnisch-pompösen Refrain besonders Power-Metal-Fans ans Herz wachsen wird, gefolgt von Eternal Regret – eingebettet in ein mittleres Tempo und eine außergewöhnliche Melodik, vollgepackt mit Gefühlen von Melancholie, Erkenntnis, Reue und Vergebung. Beide Tracks sind neue, farbenprächtige Glanzlichter und führen das Album in seinem Schlussteil zu einem absoluten atmosphärischen Höhepunkt.
„The Black Light Bacchanalia“ ist ein Album für alle treuen Virgin Steele-Fans. Ein schöneres Album hätten sich die Fans dieser einzigartigen Band wirklich nicht wünschen können. Zugleich schlägt die Band damit einen neuen evolutionären Weg ein, denn Virgin Steele liefern mit diesem ihr bislang ambitioniertestes Werk. Weniger im Sinne der Botschaft, als im Hinblick auf die Gestaltung der Kompositionen. Diese können sich mit einem Maß an Abwechslung und Vielgestaltigkeit rühmen, das bisher kein früheres Virgin Steele-Album erreicht hat. Das ist auch der direkte Beweis dafür, dass Virgin Steele künstlerisch weiterhin reifen, dass sie nach wie vor von kreativem Elan beseelt sind, der den Hörer noch so manches Mal überraschen, verführen und begeistern kann. Es bleibt uns nur noch ein Wunsch: dass Virgin Steele endlich auf einer Europatournee erscheinen, die damit die erste richtige seit 2001 wäre.
Besetzung
David DeFeis – Gesang, Keyboards
Edward Pursino – Gitarre
Joshua Block – Bass
Frank Gilchriest – Schlagzeug
Produktion
David DeFeis
Trackliste
1. By The Hammer Of Zeus
2. Pagan Heart
3. The Bread Of Wickedness
4. The Orpheus Taboo
5. In A Dream Of Fire
6. Nepenthe
7. Necropolis (He Answers Them With Death)
8. To Crown Them With Halos Parts 1 & 2
9. The Tortures Of The Damned
10. The Black Light Bacchanalia (The Age That Is To Come)
11. Eternal Regret