TGBE!

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Künstler: Guilty Brothers Experiment, The
Label: Still
Erschienen: 2010
Laufzeit: 57.00
Wertung: 3.5/5

Wer in der Psychiatrie landen will oder unbedingt darauf brennt, für monumental verrückt erklärt zu werden, sollte sich dieses Album schleunigst reinziehen. So viel musikalisches Chaos auf einem Haufen – das habe ich schon lange nicht mehr erlebt! Gleichzeitig retro, trendy und avantgardistisch? Totales Chaos. Und trotzdem nicht ohne Inhalt.

Man kann es gewissermaßen als experimentelles Indie-Rock-Debüt bezeichnen. Mit einem starken Drang, den eigenen Kunstanspruch und die eigene Vorstellung von musikalischer Aussage zum Ausdruck zu bringen. Die Jungs wollten definitiv ein anderes Album machen. Das ist ein Album, das sie auf der musikalischen Landkarte als besonders und unverwechselbar positionieren soll. In gewisser Weise gelingt ihnen das auch tatsächlich. Aber zu welchem Preis?

Das Album ist ein extrem schwer verdaulicher Brocken. Manche Happen bleiben im Verdauungstrakt länger liegen, als man geplant hätte. Das Album riecht also nach einem Experiment, das nur den anspruchsvollsten Hörern gefallen wird. Denen, die das Besondere, Andere, Herausragende suchen. Frisch, auf jeden Fall. Und gleichzeitig natürlich völlig durchgeknallt.

Stellt euch vor, Robert Smith (The Cure) betritt eine unabhängig-avantgardistisch konzipierte musikalische Aussagewelt. Ein grell-frenetischer, schluchzend-hoher Gesang ist also garantiert. Er kommt dem Klang von Robert Smith nahe, was bedeutet, dass er gewisse Eigenheiten verkörpert, die zugleich das erste Sieb darstellen, durch das der musikalische Charakter potenzieller Hörer gefiltert wird – er teilt sie in Fans und solche, die der Band in weitem Bogen ausweichen. Mit dem Vokalansatz ist auch die Konnotation einer alternativen Rockfigur garantiert. Der Gesang greift mehrfach bewusst auf Dissonanz zurück, was den alternativen Charakter von The Guilty Brothers Experiment festigt. Durch deviant-heulende Passagen wird der Gesang mehrfach in die Rolle eines zusätzlichen Instruments eingebunden. Seine schreienden Linien können auch zur Füllung des Klanghintergrunds dienen.

Die Instrumentalisten ziehen Impulse vergangener musikalischer Taten hervor, vor allem von Bands, die in den Siebzigern Alben veröffentlichten. In einer Zeit, in der fast jedes Album eine neue musikalische Dimension entdeckte. So erleben wir eine gelungene Kombination aus halbtönig heruntergestimmten Sabbath-Riffs und in gewissem Maß eskalierender Floyd’scher Psychedelie (Track Musical Chairs II), die im Hinblick auf moderne Produktion den musikalischen Stand von Bands von Oceansize bis The Mars Volta evoziert (besonders einige der Lösungen in den Linien, zu denen der Sänger greift). Motivische Ähnlichkeiten mit der genannten Band gibt es nämlich keine. Und das einleitende Overture? Mühelos könnte man es mit der jüngeren Geschichte der musikalischen „Streiche“ experimenteller Pioniere ihrer Ära verwechseln – von Gong bis Hawkwind. Abgedreht von der ersten Sekunde an. Ihr seid wahrscheinlich schon völlig verwirrt – damit ihr’s auch bleibt, sei noch erwähnt, dass einzelne Passagen von ganz einfachen rhythmischen Lösungen unterlegt sind. Über dieses träge Drumming ist ein Schaukeln auf gerade einem oder zwei Tönen gelegt, die die Gitarre herausholt. Wenn sich das Geschrei des Gesangs dieser Kombination hinzugesellt, streifen die Jungs an etwas, das in der zweiten Hälfte der Achtziger auf dem Planeten auftauchte und sich Post-Punk-Rock nannte. Und in der heutigen Zeit bedeutet das Borgen beim Post-Punk nur Folgendes: Was etwa die Tracks A Song Of Hate And Hope, Entracte und As Guilty As Possible verkörpern, nähert sich dem Klanginhalt von Indie-Rockern à la The Dandy Warhols, Interpol, Editors, Killers.

Die Übergänge von einer musikalischen Sphäre in die andere sind unerwartet, das Ganze entwickelt sich spontan und die Stimmungswechsel sind völlig unvorhersehbar. Dabei ist der Vorteil des Albums, dass dieses Springen zwischen (nahezu) musikalischen Genres nicht „abgehackt“ ist und nicht ohne jeden kompositorischen Sinn geschieht. Das Ganze behält also seine Kompaktheit, und die Angst vor unvernünftigen Zügen inkompatibler Komposition, die in einem Endzustand unhörbarer musikalischer Fragmentierung münden würden, ist unbegründet. Alles ist kompatibel zusammengesetzt. Gleichzeitig weisen sie schamlos darauf hin, dass der Inhalt, der auf der CD vor einem liegt, anspruchsvoll ist. In den Tracks bricht der Rhythmus mehrfach, und die Stücke können sich auch in ein eruptives abschließendes „Crescendo“ verwandeln, das den Hörer an die Grenze des Erträglichen treibt – wie man das im Track Overskies Telegram erleben kann. Das ist auch der bei weitem experimentellste Moment des Albums. Wenn ihr euch „normal“ (lies: ohne Hirnschäden) da durchkämpft, habt ihr den Ausdauertest mit Bravour bestanden!

Das Album ist also vielschichtig. Dazu trägt auch eine Reihe von Gastmusikern bei, denen offensichtlich mehr als nur befohlen wurde, sich absolute kreative Freiheit zu nehmen und das Album auf diese Weise inhaltlich zusätzlich zu bereichern und zu erweitern. Eigentlich ist der einzige weniger interessante Zug des Albums sein Abschluss. Nach dem ausgedehnten progressiven Experiment im Track Musical Chairs II folgen zwei kürzere Stücke. Das erste ist das Instrumental Ôde à Lou, das zweite Fermeture. Von der ausgedehnten Musical Chairs II weichen sie in nichts ab, weshalb sie problemlos in den erwähnten, mehr als 10-minütigen musikalischen Spaghetti-Track hätten integriert bleiben können.

Das Album „TGBE!“ ist eine experimentelle Angelegenheit. Man kann es dem Progressive Rock zuordnen. Es beinhaltet jedoch auch Elemente des Alternative Rock. Es geht also um die Kombination von Elementen des Erbes alter Bands mit den Errungenschaften modernen musikalischen Rock-Charakters – und das gilt natürlich besonders für die Produktion. Der Vorteil dieses Albums liegt darin, dass es gelungen ist, etwas Anderes, Frisches und deshalb Interessantes zu präsentieren. Dafür mussten die Jungs allerdings in die Vergangenheit greifen. Das bringt keine musikalische Revolution und rechtfertigt auch nicht das Etikett „avantgardistisch“, obwohl es danach zu riechen versucht. „TGBE!“ ist also ein Album für die mit dem dicksten Fell. Für alle, die mit so einer Haut auch einen Atomkrieg überleben können! Die Vielschichtigkeit sichert der Band jedoch viele Anknüpfungspunkte für musikalische Ausrichtung und expressive Profilierung in der Zukunft. Und das ist sicher einer der Vorteile, besonders wenn man sich schnell anpassen und die Fellfarbe wechseln muss. Daher wird es spannend sein zu verfolgen, was sich in Zukunft mit The Guilty Brothers Experience tun wird! Die Musiker dieser Band sind nämlich sehr hochkarätig und mehr als bereit für eine neue Herausforderung!

Besetzung

Joly – Schlagzeug
Bob Litter – Bass
Anton Chagrin – Gitarre, Hintergrundgesang
Sal Jean Satin – Gitarre
Jason Gé – Gesang, Perkussion

GASTMUSIKER:
Toma Venegoni – Orgel, Keyboards, Piano(Tracks 1, 4 & 9)
Manu Hermia – Saxophon, Bansuri (Tracks 7 & 8)
Jeuc Dietrich – Hurdy Gurdy, Viola (Tracks 1 & 10)
Jennifer El Gammal – Posaune (Tracks 6 & 8)
Julien Vanderstichelen Rogier – Gesang (Tracks 2, 3 & 6)
Jimmy Pierrot & Justin Wansart (Voltvoice) – Gitarren (Track 9)
François Vincent – Keyboards (Tracks 2 & 5)
Valentine & Charlotte – Gesang (Track 9)
Lou – Narration (Track 11)

Produktion

The Guilty Brothers Experiment & Rudy Coclet

Trackliste

1. Ouverture
2. A Strange Valley of Exile
3. Hesitation of Icarus
4. Roses & Rue (Part. I)
5. Roses & Rue (Part. II)
6. A Song of Hate & Hope
7. Entracte
8. Overskies Telegram (Including the March of Death)
9. As Guilty As Possible
10. Musical Chairs II (After the Rain)
11. Óde à Lou
12. Fermeture

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