Temptation Come My Way
Autor: Sandi Sadar Šoba
Interpret: Showdown, The
Label: Century Media
Veröffentlichung: 2007
Der Süden der USA ist eine Brutstätte bekannter und noch viel mehr weniger bekannter Bands, die die Rock- und Metal-Szene maßgeblich prägen und unauslöschliche Spuren aus Schweiß und Ehrlichkeit hinterlassen. Vor zwei Jahren schworen sie auf das Sentiment von Southern Rock und Speed Metal, der hart an der Grenze zu sehr bekömmlichem Death Metal war. Zwei Jahre sind zwar nicht viel, aber The Showdown, das Quintett aus Tennessee, ist mit einer neuen Platte zurück. Gestärkt durch jede Menge Konzertkilometer und mit einem neuen Drummer haben sie uns ihr neues Gesicht als kommerziell ambitionierte Band präsentiert, und überzeugen wollen sie uns mit etwas, das sich in weichere Gefilde einordnen lässt als beim Vorgänger The Chorus Obliteration. Meine Damen und Herren: Temptation Come My Way ist das Bild dessen, was euch die Jungs aus Elizabethton zu bieten haben, die nichts zu verlieren haben. Ausschweifung, Zerstörung und Leichtigkeit in einem Atemzug. Nach der Häutung sind sie zu etwas zweifellos Neuem und Anderem herangereift. In der Flut aus seichtem Pop und Seifenblasen diverser Eintagsfliegen ist auch der Rock weichgespült und hat eine ganz dünne, durchsichtige Haut. Klar, Softrock und Balladen passen ab und zu ganz gut, aber trotzdem ist es oft verdammt fein, wenn dir die Musik einfach mal wie ein Zehntonnen-Presslufthammer auf den Schädel haut und dir aus der Presse zwischen linkem und rechtem Ohr nur noch Blut und die schlüpfrige Schönheit vollblütigen Rocks aus dem Kopf tropfen.
Temptation Come My Way ist für jemanden, der sie vorher nicht kannte, ein Mosaik aus sehr ansteckenden Weisen, Refrains und Melodien, die man sich leicht merkt, und vor allem etwas, das sich viel einfacher auf die Radiowellen schießen ließe. Die Jungs missbrauchen den Strom, um dir einen höllisch warmen, wenn nicht gar heißen Sound aus Gitarrenriffs und einen Klangcluster kleiner Details zu servieren, die sie sich geschickt bei Metallica, Three Doors Down und Maiden abgeschaut haben. Freuen werden sich aber auch etwas rustikaler gepolte Hörer, die eher den Sound von Black Sabbath und so manche Zack-Wylde-mäßige masturbatorische Soli gewohnt sind. Tolle Aussicht, oder? Und trotzdem bleibt ein leicht bitterer Nachgeschmack, aber dazu gleich mehr.
Weil Rezensionsexemplare von Platten manchmal witzig durcheinandergewürfelt sind, war die Reihenfolge der Songs schon nach dem ersten Hören alles andere als korrekt, also musste ich mich erst mal noch tiefer ins Gehörte versenken. Meine Version des Albums startet gleich mit sehr maidenesken Gitarren und schaumigen, kitschigen Melodien. ‚I Victim (Here’s To The Year)‘ wäre ein toller Opener, wenn David Bunton nur ein bisschen damit gewartet hätte, seine verbalen Ergüsse über seine vakuumleere Welt zu verhökern, und zwar mit einer Stimme, die ich schon mal irgendwo gehört habe. Bei Silverchair. Das Tempo ist so, dass es dich festnageln und auf das Kommende einstimmen will. ‚Head Down‘ – nach einem Pussy-Einstieg mit angeberischer Cowbell und süßlich klingendem Riff können sich die Jungs nicht entscheiden, ob sie nun losdonnern und abreißen oder aus dem Song doch eine Ballade machen sollen. Damit man sie nicht für verkauft hält, sorgen ein paar quietschende Gitarrensoli, die Travis Bailey und Josh Childers zu einem spitzenartigen Schal flechten, dafür, dass das Ganze noch halbwegs etwas wärmer atmet, doch die alte Leier meldet sich schon nach der zweiten Wiederholung des Refrains. Überzeugt, dich in ihren Klauen zu haben, setzen The Showdown mit dem Lobgesang darauf fort, dass das Herz eintönig und ohne einen Hauch Stress schlägt. ‚We Die Young‘ ist strukturell den bisherigen Ausflügen durch die Palette abgewetzter und abgenutzter Floskeln ähnlich. Über einer Tonne Ballast eine dünne Schicht Prosa und Vorhersehbarkeit, der Leute, die kopieren, einfach nicht entkommen können. Ein Ausflug in die Achtziger auf Neunziger- und Nullerjahre-Art eben. ‚It Drinks From Me‘. Akustikgitarre mit sehr starkem Süden-Beigeschmack, die sich schön mit erzwungen rauem Gesang und dem flüsternden Rhythmus einer Familiengeschichte aus irgendeinem Sumpf ergänzt. Papa und Mama trinken, die Kinder geben sich dem Abschalten des Gedankens hin, wie es besser sein könnte. Der Song bekommt eine neue Transfusion abgestandenen Bluts und süße Gitarrensoli obendrauf. Es ist egal, was du zu sagen hast. Wichtig ist nur, dass du gut aussiehst, von Bildern und Postern schön lächelst und gerührte Teenagerinnen und Teenager vom Plattenkauf überzeugst, die auf die Texte eh nicht hören, oder? Die Marktlogik, die zum Prima und Ultima des Handelns geworden ist, ist offensichtlich. ‚Temptation Come My Way‘ erinnert an etwas ganz anderes. Hörst du Metallica? Und zwar nicht die, die vor dem Black Album Neuland beackert haben. Eigentlich höre ich Hetfield und seinen redneckigen Country-Gesang. Auf so was wie Load oder Re-Load. Hmmm… Ein Kommentar zum Gefallen ist überflüssig, wenn ich dir ein kleines Geheimnis verrate – Metallica gefielen mir mehr auf so was wie Master Of Puppets. Der Zweifel, ob es diesmal nur ein Ausrutscher bei der Wahl der Vorbilder war (wer weiß – vielleicht hat man in das abgelegene Dörfchen nur Metallicas letzte Werke geliefert, die man nur bekam, wenn man eine Fünf-Kilo-Packung Waschpulver kaufte…), löst sich schon im Weiteren auf. Es setzt die unterbrochene Saga des leichten Achtziger-Sounds fort. Nicht alles liegt in den Soli. Es geht um schweren Rhythmus und Riff-Kapriolen. Nicht zu leugnen ist, dass die Platte produktionstechnisch ziemlich durchgeplant ausgerichtet ist und der Klang ziemlich lobenswert ist. Zum veränderten Gesicht hat definitiv auch Paul Ebersold beigetragen, der vor Ozzys Lieblingen The Showdown (ich wage zu behaupten, dass sie das zumindest ein bisschen sind, denn unter einer Tonne Scheiße kann man den Klang der Gitarrenvirtuosität eines Randy Rhoads hören) für mehr klangliche Marktfähigkeit von Bands wie Three Doors Down und Saliva gesorgt hat. Wo die einen oder die anderen heute sind, können nur ihre Nächsten sagen, denn auf den Radiowellen ist für sie in letzter Zeit irgendwie nicht genug Platz… ‚Spitting In The Wind“Fanatics And Whores‘ versucht es ziemlich fuchsteufelswild mit fettem Fleischreißen und gefälschtem Skandieren, das zu einem Derivat eines Songs der Band Black Lebel Society auswächst. ‚Death Finds Us Breathing‘ wiederholt das schon Gehörte, dafür überrascht die Coverversion der Band Kansas – ‚Carry On My Wayward Son‘, die den Trend der Remakes fortsetzt, doch die ist, muss ich zugeben, noch mehr als hörbar. Sie erinnert zwar an Ville Valo und HIM mit Cowbell, aber das kann man ihnen nicht verübeln. Diesmal geben sie wenigstens offen zu, dass sie sich ans Umbauen eines schon fertig zusammengebauten Autos gemacht haben, das sie zu einem etwas böser klingenden Hot Rod umbauen wollen. Und die Arbeit gelingt ihnen. Mir gefällt am besten der Song ‚Breath Of The Swamp‘, der voll und ohne Hemmungen klingt. Eine echte Kanonade phänomenaler Vocals und Gitarrengebolze. Nur damit wir wissen, dass die Jungs es draufhaben. Als wäre man nach einem ganzen Tag Durst endlich an sein Budweiser gekommen und hätte die wilde Bestie gefüttert. Mit gemischten Gefühlen geh den Song ‚Six Feet Under‘ an, der tatsächlich einer der konzentrierteren Killer auf der Platte ist. Achtziger und Singalongs, harmonische Gitarren und bescheuerte Texte sind eine regelrecht giftige Mischung. Als hätte man sich ein Gemisch aus Aufputschmitteln und Abführmitteln gleichzeitig in die Vene gespritzt. Die Wirkung hängt von der Dosis ab. Maiden und Metallica, die klingen würden, als hätten sie unbeschwert einen Song zusammen gespielt, kehren mit dem Stück ‚Forget My Name‘ aufs erste Gleis zurück. Und am Ende der Strecke bleibt ein Gefühl der Zerrissenheit und gemischter Gefühle von Bitterkeit, die sich nicht mal mit einem Hektoliter Vanish abwaschen lässt.
Bedingt könnte man sagen, wenn man zarter und rücksichtsvoller wäre, dass die Platte Temptation Come My Way tatsächlich ein unrevolutionäres Produkt ist, das man hören und dabei sogar in Ruhe Bier trinken und den Zustand sorgenfreien Abtötens des letzten Wölkchens konstruktiver, aber in dem Moment völlig unnötiger Gedanken genießen kann. Auf der Platte ist für jeden etwas dabei (und für spezialisierte Feinschmecker-Geschmäcker herzlich wenig, denn wenn du es allen Geschmäckern recht machen willst…) – von klassischem Rock, Metal, Southern Rock und Pussy-Pop. Ich selbst war vom Gebotenen ziemlich leicht enttäuscht, denn die Jungs hatten mit dem Debüt The Chorus Of Obliteration deutlich mehr versprochen. Reifung ist zwar notwendig, aber ihre wilde Bestie ist nach zwei Jahren ziemlich zahnlos und langweilig geworden. Wir können die Fortsetzung also tatsächlich nur mit Bangen erwarten. Vielleicht bekommen wir auf der nächsten Platte noch Justin Timberlake und Duette mit Brittney Spears. Man muss nur ein bisschen warten. In etwa zwei Jahren können die letzten Schatten wilder Illusionen fallen…
Besetzung
Travis Bailey – Gitarre
David Bunton – Gesang
Josh Childers – Gitarre, Gesang
Eric Koruschak – Bass
AJ Barrette – Schlagzeug
Produktion
Paul Ebersold
Trackliste
1. Fanatics And Whores
2. Head Down
3. Six Feet Under
4. We Die Young
5. Breath Of The Swamp
6. It Drinks From Me
7. Temptation Come My Way
8. Forget My Name
9. Spitting In The Wind
10. I Victim (Here’s To the Year)
11. Carry On Wayward Son
12. Death Finds Us Breathing
SPIELDAUER: 49:58