Temple of the Dog
Autor: Urban Bolta
Künstler: Temple of the Dog
Label: A&M Records / Interscope
Erschienen: 1991
Laufzeit: 54:59
Wertung: 4/5
Die Geschichte des Projekts Temple of the Dog ist eigentlich ziemlich traurig. Das Projekt wurde 1990 von Chris Cornell ins Leben gerufen, einem engen Freund des im März desselben Jahres verstorbenen Andrew Wood, Sänger der Band Mother Love Bone. An einer Heroinüberdosis starb Wood im Alter von gerade einmal vierundzwanzig Jahren, kurz vor dem Erscheinen des Debüts seiner Band. Wenige Tage nach Woods Tod brach Cornell mit seiner Stammband Soundgarden zu einer Europatournee auf, auf der er bereits begann, Songs im Gedenken an den verstorbenen Kollegen zu schreiben. Den Songs wollte Cornell einen besonderen Stempel aufdrücken, weshalb er sie auch nicht unter dem Namen Soundgarden veröffentlichte, sondern sich ein anderes Team um sich scharte. Er lud die ehemaligen Mother Love Bone-Mitglieder, Gitarrist Stone Gossard und Bassist Jeff Ament, ein – ergänzt wurde die Besetzung noch durch Schlagzeuger Matt Cameron (damals Soundgarden, heute Pearl Jam) und Mike McCready als Lead-Gitarrist, da Cornell in diesem Projekt auf die Gitarre verzichtete. Der damals noch wenig bekannte Sänger Eddie Vedder stieß als Backing-Vokalist zur Besetzung hinzu, was bedeutet, dass die überwiegende Pearl Jam-Besatzung beisammen war – es fehlte lediglich Schlagzeuger Dave Krusen. Das Album entstand Ende 1990, einen Monat nach dem ersten Pearl Jam-Konzert und knapp ein Jahr vor dem Durchbruch mit Ten. Den Namen Temple of the Dog entlehnten die Musiker einem Teil des Textes des Mother Love Bone-Songs „Man of Golden Words“, der aus Woods Feder stammte.
Da die Musik auf dem Album einem verstorbenen Freund gewidmet ist, steckt in den Songs enorm viel Emotionalität – man spürt das große emotionale Loch, das durch diesen schweren Verlust entstanden ist. Hauptautor Chris Cornell stützte sich beim Schreiben der Songs auf das Erbe des Mother Love Bone-Debüts, trat auf die Bremse, dämpfte den aggressiven, metallischen Sound seiner Soundgarden und schuf Songs als würdigen Abschied von seinem einstigen Kumpel Andrew Wood. Langsam und zart, die einen wirklich berühren. Auch der zweite Songschreiber des Albums, Stone Gossard, verstand es, in seinen drei Beiträgen seine Seele in die Songs zu legen, und half damit maßgeblich dabei, das einzige Temple of the Dog-Album mitzuformen.
Schon die Präsenz von Banjo und Mundharmonika beweist, dass es sich hier um kein typisches Alternativ-/Garagenrock-Projekt handelt, sondern um etwas mit mehr Bedachtheit und Gespür fürs Komponieren. Das schroff-draufgängerische Punkrock-Geballer à la Mudhoney oder Screming Trees, aus dem sich der Grunge Ende der Achtziger zu entwickeln begann, kann man bei Temple of the Dog vergessen. Das eröffnende Say Hello 2 Heaven mit seinem gemäßigten Tempo, dem zweistimmigen Gitarrenspiel, das kurz an die alte Lynyrd Skynyrd-Schule erinnert, und dem bluesigen Gesang präsentiert alle Attribute des Albums. Es folgt Reach Down, mit elf Minuten das Herzstück des Albums. Neben dem zweistimmig gesungenen Refrain ist das Paradepferd des Songs ein langer instrumentaler Jam-Teil mit hervorstechender Basslinie und dem Zusammenspiel beider Gitarren – am Ende des Stücks fängt man Cornells Experimentierlust in den hohen Gesangslagen ein. Die ersten beiden Songs des Albums wurden in den Tagen unmittelbar nach Woods Tod geschrieben und unterstreichen deshalb umso stärker das Gedenken an den Verlust und den unbändigen Ausbruch der Trauer. In Hunger Strike stellt sich der damals noch unbekannte Eddie Vedder erstmals stimmlich vor – er ersetzte Cornell aufgrund von Schwierigkeiten bei den Aufnahmen, und damit haben sie ins Schwarze getroffen. Auch dank Vedders einzigartiger Stimme, untermauert von Cornell im Hintergrund, erlebte der Song einen großen Erfolg. Den Großteil des Songs begleiten verträumte Gitarren, ihr Einschnitt mit einem kräftigeren Riff nach dem Refrain riecht nach Alice in Chains. Aus der weichen Verträumtheit reißt das dynamischere Pushin‘ Forward Back heraus, einer von vier Songs, bei denen Vedder mit Backing-Vocals hilft. Im melancholischen Call Me a Dog führen akustische Gitarre und sogar ein Klavier die Atmosphäre an – in diesem Geist setzt sich das Album durch den etwas schwächeren zweiten Teil bis zum Ende fort.
Die Songs sind durch das Zusammenspiel zweier Gitarren lebendig, doch das größte Stück vom Kuchen gehört in der Regel Cornells Gesang, der mit einem einfühlsamen Auftritt – wenn nötig auch mit Gesang auf mehreren Höhenlagen – sich selbst bzw. seine Stimme in die Mittelpunktrolle zu setzen weiß. Der Kopf hinter der Band pflegt ein außerordentliches Gespür fürs Komponieren und eine besondere Sensibilität – das Album Temple of the Dog meistert er daher ohne einen einzigen Fehlschuss. Temple of the Dog ist kein gewöhnliches Grunge-Album. Als Ausgangspunkt setzte Cornell den Mother Love Bone-Sound, dämpfte ihn, nahm ihm einen großen Teil der Hardrock-Komponente und ersetzte sie durch blues-orientierte Gitarren nach dem Vorbild von Led Zeppelin – dazu kommt noch ein gelegentlicher Hauch Southern Rock, und das genannte Konglomerat wurde kräftig durchgeknetet von der typischen Grunge-Melancholie.
Trotz der Qualität des Albums wurden nach der Veröffentlichung nur einige Zehntausend Exemplare verkauft, was auf dem riesigen amerikanischen Markt nicht einmal für eine Chartplatzierung reicht. Erst der Mainstream-Erfolg von Pearl Jams Debüt Ten ein halbes Jahr später und die darauffolgende Entscheidung von A&M Records für eine stärkere Promotion von Temple of the Dog lenkte die Aufmerksamkeit der Masse auch auf dieses Album, was ihm mit Verzögerung Platinstatus und eine Million verkaufte Exemplare einbrachte – so landete es sogar unter den hundert meistverkauften Alben des Jahres 1992. Das Album war also draußen, das Ziel des Projekts erreicht, und Temple of the Dog stellten ihre Arbeit ohne einen richtigen Konzertauftritt ein.
Obwohl Temple of the Dog lyrisch nur selten direkt auf Woods Andenken eingehen, spürt man bei der verträumten Musik stets seine Gegenwart. Chris Cornell und seine Leute haben damit ins Schwarze getroffen. Beim Hören des Albums hält die Welt für knapp eine Stunde an. Es ist mehr als ein würdiges Gedenken an einen Musiker, der dabei half, die Anfänge der Grunge-Ära zu formen. Andrew Wood, ruh in Frieden.
Besetzung
Chris Cornell – Gesang, Banjo, Mundharmonika
Stone Gossard – Gitarre
Jeff Ament – Bass
Mike Mccready – Gitarre
Matt Cameron – Schlagzeug, Perkussion
Eddie Vedder – Backing-Vocals bei Pushin Forward Back, Your Saviour und Four Walled World, Leadgesang bei Hunger Strike
Produktion
Rick Parashar, Temple of the Dog
Tracklist
1. Say Hello 2 Heaven
2. Reach Down
3. Hunger Strike
4. Pushin Forward Back
5. Call Me a Dog
6. Times of Trouble
7. Wooden Jesus
8. Your Saviour
9. Four Walled World
10. All Night Thing