Tango revolucioner
Autor: Sandi Sadar Šoba
Künstler: Xaxaxa
Label: Moonlee Records
Erscheinungsjahr: 2011
Laufzeit: 26:49
Wertung: 4/5
Mazedonische Jungtalente, die gar nicht mal so blutjung und musikalisch unbeleckt sind – die Gruppe XAXAXA (was bei uns soviel bedeutet wie HAHAHA) ist alles andere als ein schlechter Witz oder eine kurzlebige Modeerscheinung. Das dynamische Trio aus der mazedonischen Hauptstadt Skopje ist nämlich eine gut eingespielte Indie-Maschine, die sich bisher in der Besetzung Bernays Propaganda gehärtet und geschliffen hat, und die mehr als bestens bekannte Verbundenheit mit eben dieser Truppe sät diesmal völlig frische Samen punk-rockiger Spaßigkeit – auf abgestimmte und ausgefeilte alternative Weise, natürlich. XAXAXA meinen es mit ihrer Absicht, eure Herzen und Seelen zu erobern, verdammt ernst und folgen dem roten Faden des Sprichworts „Wer zuletzt lacht, lacht am besten“; da aber der Name derjenige ist, der bei nichts Böses ahnenden Hörern zumindest einen Hauch Zweifel und zynische Zurückhaltung auslöst, war es nötig, zu den frischen Brötchen des Labels Moonlee zu greifen und sich dem sprintartigen halbstündigen Appell des berüchtigten Trios hinzugeben.
Das Album Tango revolucioner schöpft in vielerlei Hinsicht wohl Inspiration aus den Kreativquellen des Alter Egos und der Besetzung Bernays Propaganda, nur dass sie diesmal auf weibliche Vocals verzichtet und die Besetzung auf ein Minimum an Mitgliedern zusammengestutzt haben, die aber in der Lage sind, knackige Musik auf effektivste Weise zu servieren. Zum Tango braucht man bekanntlich immer zwei, diesmal buhlen aber gleich zehn schlichte und ohrenschonende Songs um die Gunst der Hörer, die sich klanglich auf Autoritäten wie Hüsker Dü, Dag Nasty, Rites Of Spring, Wipers und eine ganze Reihe ähnlicher Nonkonformisten berufen. Das Ergebnis ist als ziemlich retro-kolossaler Angriff auf eure Sinne zu hören, und die flashig tanzbare, süchtig machende Rhythmik gedenkt nicht, euch mit sinnlosem Verkomplizieren und unnatürlichen tonalen Akrobatiken zu quälen. Die zweite Hälfte der Achtziger und die frühen Neunziger lieferten zahlreiche solcher Rezepte, die – wie aus dem Zauberkochbuch unserer Mütter und Großmütter – immer noch verdammt gut funktionieren. Als Referenz gelten die Veröffentlichungen des Labels Dischord, und die Namen als Orientierungspunkte dürft ihr euch selbst aussuchen.
Der mazedonischen Sprache treu, dem scharfsinnigen Lyrismus und der Kritik an der modernen Zeit, dem Bekenntnis verlorener Generationen auf dem Boden der einstigen gemeinsamen Heimat, der politischen Korruptheit sowie dem Mangel an Mitgefühl und Fürsorge für die Mitmenschen, weben sie eine energische Folge von blendend kompromisslosem musikalischem Widerstand gegen all das Genannte. Xaxaxa sind die laute Opposition gegen ideenlose passive Ergebenheit ins Schicksal, und in den saftigen Texten spiegelt sich die volle Lyrik von Koste Soleva Racina wider, einem der größten mazedonischen Dichter. Die Mauern der Sprachbarrieren sind überwindbar, man muss nur ein bisschen Mühe ins Anhören dieses ziemlich bunten Musikprodukts investieren. Vertieft man sich aber nicht in die Texte, ist es bereits mit der ziemlich druckvollen und höhengesättigten Produktion möglich, in die Sphären völliger musikalischer Hingabe an verspielten Strophen und Refrains zu wechseln, die aber ohne unnötiges Überproduzieren und produktionstechnisches Herumgepfusche aufgenommen wurden. Das Gefühl von Lebendigkeit hat Bassist Nenad Trifunovski zwischen Dezember letzten Jahres und Februar dieses Jahres auf Band eingefangen, und genau die Tatsache, dass das letzte Wort zur finalen Klanggestalt ein Bandmitglied selbst hatte, verleiht dem Produkt den Anstrich vollständiger Ehrlichkeit und DIY-Schönheit. Und im Zehnerpack des Albumangebots gibt es keine Hänger und keine allzu großen Abweichungen in den Nuancen, weshalb das Gehörte eine absolut wunderbare musikalische Kulisse für eine Hausparty oder das Anhören auf der Suche nach konstruktiver Inspiration zum Lösen scheinbar unlösbarer Probleme dieses verdammten Alltags ist.
Tango revolucioner ist ein frisches, energisches und positiv naives Produkt, das ohne Schwäche in seinen Tiefen einen absolut würdigen Treffer des immer ausgereifteren Moonlee-Arsenals an Überraschungen hervorbringt. Was dem Produkt zusätzlichen Wert verleiht, ist die Tatsache, dass die Jungs weder in mentaler noch in sprachlicher Hinsicht der Amerikanisierung erlegen sind, denn sie bleiben ihren eigenen Wurzeln treu. Das Kultivieren des Publikums mit der knackigen Kombination aus Mazedonisch und Garage-Salven aus Gitarren, Schlagzeug und Bass ist daher absolut natürlich, und Zweifler können durch das ausgezeichnete Scheibchen nur besänftigt werden und dürfen fortan geografische Zuordnungen streichen – die Sprache guter Musik kann, ungeachtet von Genredeklarierungen und lyrischen Narrativen, nur eine einzige sein. Xaxaxa haben mit ihrem Ausflug in die Welt der Punkigkeit ihren Vorrang in Sachen musikalische Expertise voll und ganz bestätigt und noch mehr: Trotz ihres Namens sind sie die Glücklichen, die am süßesten lachen können – mit einem überzeugten Publikum und überzeugten Hörern können das nur sie selbst sein. Hoffen wir, dass wir in Kürze in den Genuss einer souveränen Fortsetzung dieses recht vielversprechenden Schritts in die Punkpubertät des männlichen Teils der Besetzung Bernays Propaganda kommen und dass es sich nicht nur um ein kurzatmiges Experiment mit kurzer Lebensdauer handelt.
Besetzung
Vasko Atanasoski – Gitarre, Gesang
Nenad Trifunovski – Bass
Đano Kuć – Schlagzeug
Produktion
Nenad Trifunovski
Trackliste
1. Indie = Independent, Fan = Fanatic
2. Čovekot kogo Racin go opejuva
3. Ova e tvoj grad
4. Mladite ne se mladi
5. Vrati go toj proklet den
6. Svetot e ogledalo
7. Sivomaslinesti i maskirni
8. Tango revolucioner
9. Kade što nema plač i vozdiška
10. Sin na gladot