Nitro Mahalia
Autor: Sandi Sadar Šoba
Interpret: Nitro Mahalia
Label: Interstellar Records
Erschienen: 2010
Laufzeit: 40:28
Wertung: 4.5/5
Nitro Mahalia sind ein musikalisches Kollektiv, sie sind Aktivisten und vor allem absolut kompromisslose Klangrebellen. Man kann sie nicht in die zahlreiche Garde der Elektroniker, Rocker und sonstigen eindimensionalen Musikpuristen einreihen. Sie sind unbekannt, aber genau dieses sichere und profitlose Refugium der totalen Anonymität gibt ihnen den vollen Schub, um klischeebeladene Normative zu überwinden – in die sie als Gefangene großer Verlagskonzerne schon per Definition des Verlagshörigkeit gefangen wären. Die Geschichte des totalen Klangexperiments wird schon seit 2004 geschrieben, und unter dem eigenwilligen Namen Nitro Mahalia wird von Anfang an ein saftiger, post-punkiger Funky-Dub-Chaosausdruck gewoben, in dem sich unter der DIY-Oberfläche die kühle Elektronik der Synthesizer mit dem organischen Sound der lungengetriebenen Jazzcore-Bläser vermählt. Die Platte, die diesmal auf meinem Seziertisch gelandet ist, kam durch reinen Zufall in meine Finger, und genau diesem glücklichen Zufall gebührt der volle Dank dafür, dass ich euch jetzt nachdrücklich empfehlen kann, euch etwas Herrlichem, Rauem und mehr als nur experimentell Verdaulichem hinzugeben.
Nitro Mahalia sind wie ein Nest und eine musikalische Palette mit breitem Spektrum an Dunkelheit und ungezähmt herausbrechender Leidenschaft, wo die rhythmischen Webrahmen so wild stabil sind, dass man daran scheinbar unvereinbare Stahldrähte hängen kann. Beweis dafür ist schon der Eröffnungstrack Killer Farce, der an den ursprünglichen Schrei der uns vertrauten 2.2.2.7. und der Dub-Elite der inzwischen wirklich ans Licht getretenen Moveknowledgement erinnert. Fügt eine Prise Balkan Beat Box, Kultur Shock und die Neigung zur Übertreibung hinzu, die ihr euch bei Demolition Group abgeschaut habt, und ihr bekommt die österreichische Version davon, wie man Clubgedärme daheim und im Ausland in die Knie zwingt. Nitro Mahalia nährt sich an den Kleien von Frank Zappa, die Percussion-Sektion trinkt die Gehirnsäfte von Skeleton Key, und trotz all der subversiven Referenzen ist das kreischende Kind dem Publikum zugetan und wird in Momenten sogar popmelodisch eingängig. Beauty Of A Sports Car Crash ist ein brillantes Tanzgeflecht aus dem Synthesizerspiel elektronischer Bausteine – dass im rigiden Bandgefüge immer genug Raum für Ergänzungen und eine klangliche Renaissance bleibt, beweist die bunte Auswahl an Gästen, die dem Produkt das Tüpfelchen auf dem i setzen. Als Erste tritt die Sängerin der Gruppe Gustav, Eva Jantschitsch, ans Mikrofon, ihr zartes Vokal-Oratorium ist verzerrt und ergänzt wie aus angeknacksten Lautsprechern das Geflecht aus Schlagzeug, Bass und Bläsern auf köstliche Weise – Roger.over.stop. klingt funkadelic und eignet sich als Soundtrack für eine ungedrehte österreichische Version von Walter verteidigt Sarajevo, nur dass diesmal unter dem Hügel die Konturen des Praters und anderer Wiener Touristenattraktionen hervortreten. Bereits beim nächsten Track Acid D.C. tritt Gitarrist Chris Janka mit seiner Hochspannungsgitarre der Stoner-Melancholie entgegen. Die Jazzmetrik steigert sich mit dem kreischenden Zauber schmutziger Keyboards und der messingpatinierten wilden Bläsersektion im Stück Knock Knock On The Water, das ganz natürlich in die zweite Plattenhälfte mit dem Stück Codetta übergeht, dessen energiegeladener und wie mit Steroiden gepumpter Stampede von Flieg, kleiner Trochäus einen weiteren von zahlreichen Höhepunkten dieses ziemlich unheilverkündenden mentalen Soundtracks darstellt. Das Cover des Wipeout-Songs Victims gibt dem Vokalinterpreten der Gruppen Beauties Of The night, Joy Religion und Satellite Footprintshop, dem sinnlich-düsteren Christian Egger, freien Lauf, und der Refrain des Stücks wird alle Liebhaber des intellektuell überfüllten Pops zufriedenstellen, der aus den Fingern des kürzlich zu Gast gewesenen Moby stammt. Neon Boredom steigert das Dub-Finale des hervorragenden Debüts, das fein abgerundet wird durch ein Regenbogenspektrum aus totaler musikalischer Manipulation, Punk und vollständiger sonischer Destruktivität. Dieb13 gibt sich der zerstörerischen Gier des Rhythmus hin und ergänzt das Geschehen mit dem Mischpult spektral zu einem Produkt mit einem handfesten Paar stählerner Eier.
Falls ihr Zweifel habt, könnt ihr den Großteil des Debüts HIER reinhören.
Nitro Mahalia haben bewiesen, dass sie sich chamäleonartig von einem Genre ins nächste häuten können, ohne dabei gekünstelt, gezwungen oder aufdringlich intellektualistisch zu klingen. Das gleichnamige Debüt ist ein verspielter und gut kalibrierter Schlag in die richtige Richtung, und die konfusen Zelluloidträume werden ohne Verstellung, falsche Orgasmen und überflüssige klischeehafte Abkürzungen geträumt. Auch deshalb ist das vorliegende Werk eines von jenen, nach denen man mehrfach greifen sollte, um sich dabei etwas Luft zu verschaffen und die eigene Seele aus den Klauen des konformistischen Snobismus zu befreien. Nitro Mahalia sind genau der richtige Ausgangspunkt für solche Eingriffe und für den Weg zur vollständigen mentalen Heilung!
Besetzung
Gregor Mahnert – Schlagzeug, Percussion
Tronestoner – Bass, Synths, Octapad
Elise Mory – Piano, Orgel, Synths
Susi Von Hannover – Flügelhorn, Trompete, Akkordeon
Gastmusiker:
– Eva Jantschitsch (Gesang auf Track #3)
– Chris janka (E-Gitarre auf Track #4)
– Christian Egger (Gesang auf Track #9)
– Dieb13 (Mischpult und Turntables auf Track #11)
Produktion
Martin Siewert & Nitro Mahalia
Trackliste
1. Killer Farce
2. Beauty Of A Sports Car Crash
3. Roger.Over.Stop. (feat. Eva Jantscitsch)
4. Acid D.C. (feat. Chris Janka)
5. Knock Knock On The Water
6. Codetta
7. Intro
8. Flieg, kleiner Trochäus!
9. Victims (feat. Christian Egger)
10. Neon Boredom
11. Ideas Are Bulletproof (feat. Dieb13) – live@ Rhiz