Suck Out The Poison
Autor: Sandi Sadar Šoba
Künstler: He Is Legend
Label: Century Media
Veröffentlichung: 2007
Nomen est omen. Hmmm. Angefangen haben sie unter Namen wie The Uriah Omen, No One Wins in Stronghold. Beim Quintett aus North Carolina (genauer gesagt haben ihre Wurzeln im Städtchen Wilmington ausgeschlagen) – He Is Legend – lässt sich das aber keinesfalls behaupten, ohne vorher ihre Musik gehört zu haben. Stilistisch sind sie nicht festzunageln, könnten aber problemlos in jede Schublade des rockigen Genre-Systems gesteckt werden – von Southern Rock, Grunge, Metal bis zu Emocore. In ihren Adern fließen Einflüsse von den Melvins, Foo Fighters, Nirvana bis hin zu Neurosis. Musik kennt keine Grenzen, also ist alles erlaubt – von Dissonanz bis zu zuckersüßer Melodik. Drei Alben haben sie schon veröffentlicht. Zwei davon bei Century Media. Mit dem neuen, innerhalb von zwei Jahren bereits zweiten Album Suck Out The Poison haben He Is Legend dem Mosaik komplexer Geschichten ein weiteres Steinchen hinzugefügt – Geschichten, die man auch als Südstaaten-Epen beschreiben könnte oder, wie Sänger Schuylar Croom es nennt, „schräg, verlockend und gefährlich, aber mit einem Hauch Sexyness“. Auf jeden Fall ist das ein Bruch mit dem vorherigen Album, dem Debüt I Am Hollywood, als sie mit Zeitgenossen wie Atreyu auf Tour gingen, dazu Eighteen Vision oder Every time I Die und die Lieblinge des amerikanischen Hardcore-Publikums, Norma Jean. Die Horizonte, die dieses Album bietet, sind weiter. Sie haben sich einen Weg ausgesucht, auf dem man sie nicht in Hardcore, Metalcore, Screamo pressen kann, nur weil ihre musikalischen Texturen schwer und massiv sind.
Das Album öffnet mit dem Rock’n’Roll-Opener ‚Dixie Wolf (The Seduction Of…)‘, der klar mit Bands wie den Stone Temple Pilots auf der Platte Core flirtet. Die Grunge-Melancholie durchbricht Croom erfolgreich mit durchdringendem Metalcore-Gesang, der aber auch schön melodisch singen kann. Die Gitarren sind kompromisslos, können aber auch weich werden, weshalb du schon nach dem ersten Hören denkst, die Jungs könnten dir extrem gut gefallen. Das muss nicht immer schlecht sein. Es zeugt nur von Gespür für Musik und auch fürs Kommerzielle. ‚Attack Of The Dungeon Witch‘ ist die Punk’n’Roll-Fortsetzung der wilden Eröffnungsfahrt. Und schon sind wir beim ersten potenziellen Hit, dem Titelsong des gleichnamigen Albums, bei ‚Suck Out the Poison‘. Foo Fighters sind die erste Assoziation. Die Riffs sind geschrieben, als hätte sie Dave Grohl diktiert. Ähnlich klingt auch die Gesangslinie. Sehr eingängig und ‚groovy‘, muss ich zugeben. Die dissonante Entlastung von der Leichtigkeit folgt gleich im nächsten Moment. ‚Mushroom River‘ serviert schwere Gitarren, die sich nach anfänglicher Moll-Brutalität geschickt in einen lebhafteren und optimistischeren Refrain auflösen. Diese Dualität ist schizophren und faszinierend. Wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Das Schwarz wird von der Sonne durchstochen, die wieder in die Dunkelheit zurückkehrt. ‚Opening‘ ernüchtert mit Klavierharmonien. Das Klavier-Schlagzeug-Instrumental wiederum wird von ‚China White II‘ in tausend Stücke zerschlagen, einem Song, der eine Geschichte von familiärer Entfremdung erzählt, von Tragödien hinter fest verschlossenen Türen, von Beklemmung und aufgestauter Wut, von Gewalt, vom Zerfall des familiären Wertesystems – heutzutage alles andere als nur eine Ausnahme. Der Optimismus darf trotzdem nicht sterben. ‚Serpent Sickness‘ macht in ähnlichen Tönen weiter, die Ruhe mit rasender Gitarrenfärbung aufreißen, und wieder spüren wir die rasiermesserscharfe Dualität von Crooms Gesangsnatur – dieser zerfurchten Kehle, die er ohne Zögern mit gutturalen Akzenten und melodischem Umherirren in eine Richtung zerrt, die nicht gerade die logischste und erwartbarste ist. Über Logik und Vorhersehbarkeit zu reden ist überflüssig. Spannungsmomente gibt es jedenfalls reichlich. ‚Electronic Throat‘ ist eine Hommage an die Tradition des Southern Metal und an die südstaatliche Tradition des Rock-Solierens. Danach ist nur noch Zeit für Stampede und das Abfeuern unbekümmerter Riffs. ‚Stampede‘ stellt das musikalisch zufrieden. Das Gewicht liegt in den Texten, die wieder auf zerbrochene Ideale und eine unglückliche Kindheit schließen lassen. ‚The Widow Of Magnolia‘, das darauf folgt, ist schon fast überflüssig und das Album beginnt sich hier augenblicklich zu ziehen. ‚The Pot Belied Goddess‘ verdünnt die Platte poppig mit einem Hauch Melancholie und scharfem Sentiment, das auf verzerrte Gitarren nicht verzichtet. Für Verträumtheit und funkadelischen Minimalismus sorgt dafür ein knapp zweiminütiger musikalischer Einschub, das Intermezzo ‚Cannonball Hands (The Tomato Parade)‘, das mit dem repetitiven, sich ständig wiederholenden Ritt über drei Töne die Schlagwelle des Songs ‚Cannonball Hands (The Tomato Parade)‘ noch verstärkt, der die zuvor gehörte Phrase zu einem rhythmisch zersplitterten und intensiven, metallisch-schroffen Duell aus Gitarrenriffs und Rockgesang entwickelt, der wieder Weiland-mäßig, erotisch und anziehend ist, aber zugleich schon gehört und leider nicht sonderlich originell. Das Schematische, das wir erahnen, kann sich nur noch schließen. Der Song ‚(((Louds‘ überrascht auf eine Art auch nicht. Man kann Assoziationen an Fred Durst bekommen und an die fast gezwungene Wut, die unter dem Druck verhallt, dass die Jungs unbedingt eine Nuance zu oft schon Gehörtes wiederholen wollen, in eine Richtung, die mir zumindest nicht so gut reingeht. Auch der Gesangseinschub der soulig-erdschwarzen Frauenstimme von Laura Sweeney überrascht nicht, die dort das Pünktchen aufs i setzt, wo schon jedes zusätzliche Gramm Ballast zu viel sein kann. Und aus Grammen wurden Kilos und Tonnen…
Eigentlich hat Suck Out the Poison einen doppelten Beigeschmack aus Bitterkeit und Zufriedenheit auf der Zunge hinterlassen. Zufriedenheit darüber, dass die Gitarren endlich wieder rhythmisch und voll sind. Der Sound ist jedenfalls auf hohem Niveau, und bei Hörern, die nicht kritisch auf die Texte achten, sondern nur den musikalischen Effekt, die Kulisse schätzen, wird die Bewertung des Produkts zweifellos positiv ausfallen. Bitter ist dagegen, dass He Is Legend mit manchen Songs schlicht zu viel wollten. Um jeden Preis bezaubern und alles zeigen, wozu sie fähig sind. Im selben Song linear sein und gleichzeitig beweisen, dass man kein langweiliger Nachahmer derer ist, die wir oft die Großen nennen. Denen wir Musiker sagen. Eigentlich vergewaltigen sie zeitweise nicht nur die eigene Musik, sondern über die Gehörgänge auch den Hörer, der nach der Lektüre der Einleitung fast schon Pioniertum erwartet, aber nur ein Destillat von bereits Gehörtem bekommt. Ein Konstrukt der Leere, das faszinierend voll klingt. So ähnlich wie das Jahrhundert, in dem wir leben, oder?
Besetzung
Steve Bache – Schlagzeug
Schuylar Croom – Gesang
Adam Tanbouz – Leadgitarre
Matt Williams – Bass
McKenzie Bell – Rhythmusgitarre
Produktion
Steve Evetts
Tracklist
1. Dixie Wolf (The Seduction Of…)
2. Attack Of The Witch
3. Suck Out The Poison
4. Mushroom River
5. Opening
6. China White II
7. Serpent Sickness
8. Electronic Throat
9. Stampede
10. The Window Of Magnolia
11. The Pot Belied Goddess
12. Cannonball Hands (The Tomato Parade)
13. Goldie’s Torn Locks
14. (((Louds
LAUFZEIT DES ALBUMS: 57:08