Strange New Flesh
Autor: Peter Podbrežnik
Künstler: Colosseum II
Label: Bronze Records
Erschienen: 1976
Bewertung: 5/5
Colosseum II waren eine kultische britische Jazz-Rock-Fusion-Band, die Jon Hiseman – vor allem bekannt als Schlagzeuger und Kopf der legendären Prog-Rock-Pioniere Colosseum – nach der Auflösung seiner zweiten professionellen Band Tempest im Jahr 1974 gründete. Hiseman schloss sich zunächst mit dem legendären nordirischen Gitarrenhelden Gary Moore (ex-Thin Lizzy) zusammen, was bedeutete, dass die neue Version von Colosseum von Anfang an deutlich druckvoller und gitarrenorientierter ausgerichtet war. Die beiden Legenden begannen nach gemeinsamen Jams zu zweit erst 1975 damit, die übrigen Bandmitglieder zu rekrutieren, als sie den Boden für ihr Studiodebüt vorbereiteten. Zu den Namen, die beinahe bei Colosseum II gelandet wären, gehörten auch Mark Clarke (ex-Uriah Heep, Colosseum, Tempest, Mountain), Duncan MacKay (10cc, The Alan Parsons Project, Kate Bush) und Graham Bell (Skip Bifferty).
Nach mühsamer Suche nach den richtigen Musikern für ihr ambitioniertes neues Projekt entschieden sich Hiseman und Moore letztlich für Keyboarder Don Airey (ex-Cozy Powell’s Hammer), Bassist Neil Murray (ex-Gilgamesh, Cozy Powell’s Hammer) und den schottischen Sänger Mike Starrs – drei damals noch unbekannte Musiktalente, die später, allen voran Airey und Murray, ihre Spuren in der Welt des klassischen Rock hinterlassen sollten. Aus heutiger Sicht könnte man bei dieser Besetzung geradezu von einer Supergroup sprechen, die im Vergleich zu den originalen Colosseum – die in ihrer Musik nie auf einzelne Blues-Elemente und das Saxofon verzichteten – deutlich stärker auf Jazz-Rock-Fusion ausgerichtet war, dabei aber zugleich auch härter und schneller klang, was man von solchen Virtuosen irgendwie auch erwarten durfte.
Colosseum II nahmen ihr Debütalbum »Strange New Flesh« 1976 unter der Ägide von Hisemans damaligem Label Bronze Records auf, das große Erwartungen in sie setzte – auch wenn die britische Jazz-Rock-Fusion-Szene nie den kommerziellen Boom erleben sollte, der ihren musikalischen ‚Brüdern‘ auf der anderen Seite des Atlantiks Mitte der Siebziger gelang. »Strange New Flesh« war in technischer, kompositorischer und arrangementtechnischer Hinsicht, aber auch was Starrs‘ vokalen Ansatz betrifft, eine beeindruckende Leistung, die bis heute mit ihrer rhythmischen Lebendigkeit, arrangementtechnischen Vielfalt und ungewöhnlichen Virtuosität begeistert.
Im Vergleich zu den meisten anderen britischen Jazz-Rock-Fusion-Bands jener Zeit klangen Colosseum II auf »Strange New Flesh« – das man getrost als ihr bestes Werk bezeichnen darf – kein bisschen intellektuell oder vornehm; aufgrund ihrer betonten Wucht waren sie verglichen mit der Mehrheit der britischen Jazz-Rock-Fusion-Szene echte ‚Rüpel‘, dafür aber, vor allem wegen ihrer allgegenwärtigen Melodiosität, umso stärker mit der damaligen Canterbury-Szene vergleichbar. Das kommt kaum überraschend, wenn man bedenkt, dass Murray in seiner kurzen Zeit als Mitglied der Canterbury-Gruppe Gilgamesh so manchen pfiffigen Rhythmustrick gelernt hatte, den er anschließend in Colosseum II einbrachte.
Das eröffnende, ’supersonische‘ Instrumental-Schmankerl »Dark Side of the Moog« – ein witziger Verweis auf Pink Floyds Studiomeilenstein »Dark Side of the Moon« – enthält dem Titel entsprechend epische Duelle zwischen Moores rasenden Gitarrenvariationen und Aireys frechen Eskapaden auf dem Mini-Moog, während Hisemans unbarmherzig treibende Schlagzeug-Setups und Murrays fette Basslinien für extreme rhythmische Variabilität sorgen. Auf dem deutlich subtileren »Down to You«, das von Moores melancholischen Gitarrenpassagen dominiert wird, demonstriert Starrs erstmals auf dem Album sein großes Gesangstalent. In seiner Stimmfarbe steckt reichlich Soul, was eine interessante Dynamik zwischen den synthesizerprozessierten, symphonischen Arrangements und den melodisch ausgerichteten Gitarrenimprovisationen erzeugt. Moore greift zwischendurch auch zu witzigen Variationen auf der Akustikgitarre, wobei ihn Airey engagiert am Klavier begleitet, bis eine fast schon klassische Jazz-Rock-Fusion-Instrumentalpassage einsetzt, in der auch das Rhythmus-Gespann Hiseman-Murray auf vollen Touren läuft.
»Gemini and Leo« steckt voller pfiffiger Funk-Rhythmusvariationen, in denen sich Starrs‘ leidenschaftlicher Gesangsansatz besonders wohlfühlt. Aireys vollmundige Hammond-Orgel-Schichten werden auf ungemein unterhaltsame Weise von Moores Gitarren-Eskapaden unterfüttert, während Murrays rollende Basslinien und Hisemans wuchtige Schlagzeug-Übergänge engagiert mithalten. Auf Schritt und Tritt spürt man, dass die Band beim Improvisieren und beim Verweben einzelner melodischer Motive unheimlichen Spaß hatte – auch wenn dieser Spaß nur von kurzer Dauer war.
»Secret Places«, wo unterhaltsame Vokalharmonien das Ruder übernehmen, hat aufgrund der betonten Wucht fast mehr mit Hard Rock als mit Jazz gemein – auch wenn die subtilen Rhythmusvariationen durch und durch jazzig sind. Auch hier hört man klar und deutlich, dass das Rhythmus-Gespann Hiseman-Murray komplett im Jazz verwurzelt war, Airey ein ausgebildeter Klassiker war, während Moore vom Wesen her immer ein Rocker geblieben ist. Letzterer demonstriert auf »One Second Thoughts« inmitten des eröffnenden Solos – dem ersten von drei opulenten Gitarrenimprovisationen, die dieses Stück beherrschen – eine gehörige Portion Feingefühl, während Starrs‘ Gesang erneut mit seinem melancholischen Pathos und ungewöhnlich hohen Gesangslagen begeistert. Aireys pfiffige Improvisationen auf dem Mini-Moog beleben dabei durchgehend die ausgeprägt melancholische und ruhige Atmosphäre.
Das abschließende, zehnminütige Meisterwerk »Winds« ist das komplexeste und arrangementtechnisch ausgereifteste Stück auf »Strange New Flesh«. Es eröffnet mit Hisemans rasenden Schlagzeug-Improvisationen, denen sich nach und nach wütende Gitarrenpassagen, energische Basslinien und subtile Synthesizer-Texturen hinzugesellen. In dem Moment, in dem Starrs‘ temperamentvoller Gesang einsetzt, gewinnt die dramatische Atmosphäre eine neue Dimension. Nach und nach gelingt es dem virtuosen Ensemble auf den Schwingen von Starrs‘ brillantem Gesang, einen monumentalen, epischen Refrain auszuformen, der zu den gelungensten Errungenschaften in der Geschichte dieser Kultband zählt.
»Strange New Flesh« ist, auch wenn man spürt, dass die Chemie innerhalb der Band nicht auf Schritt und Tritt hundertprozentig funktioniert und das gesamte gewaltige Potenzial dieses bunten Haufens an Musiktalenten offenbart hat, bis heute eines der besten Jazz-Rock-Fusion-Debütalben und ein Muss für alle Fans des verstorbenen Gary Moore. Gerade was Letzteren betrifft – der gewöhnlich am meisten für seinen Beitrag bei Thin Lizzy und seine mächtige Solokarriere gefeiert wird –, muss besonders betont werden, dass er in seiner späteren Karriere nie so kreativ und feinfühlig klang wie in der Zeit, als er mit Colosseum II spielte. Diese sind leider, trotz allem, bis heute eine der am meisten unterschätzten britischen Jazz-Rock-Fusion-Bands geblieben.
Dazu beigetragen hat sicher auch die Tatsache, dass »Strange New Flesh« ein kompletter finanzieller Reinfall war, der den erhofften kommerziellen Erfolg nicht brachte, weshalb die damals noch allmächtigen Vertreter des Labels Bronze Records den Rauswurf von Murray und Starrs forderten – und auch bekamen. Starrs ersetzte in den Folgejahren für eine Weile John Lawton (ex-Uriah Heep) bei Lucifer’s Friend, während Murray sein Glück bei einer Reihe namhafter Rock-Künstler versuchte, darunter Ozzy Osbourne, Whitesnake, Black Sabbath und The Brian May’s Band, um nur einige zu nennen. Colosseum II nahmen mit John Mole als neuem Bassisten – nachdem sie den Verantwortlichen bei Bronze Records den Mittelfinger gezeigt hatten – in den folgenden zwei Jahren noch zwei hervorragende, instrumental ausgerichtete Alben auf, »Electric Savage« (1977) und »War Dance« (1978), und arbeiteten mit Andrew Lloyd Webber an seinem Album »Variations« (1978) mit, bis nach (noch einer weiteren) Abkehr Moores zu Thin Lizzy und kurz darauf Aireys Wechsel zu Rainbow der unvermeidliche, unwiderrufliche, aber irgendwie erwartete Kollaps des Systems eintrat.
Besetzung
Mike Starrs – Gesang
Gary Moore – Gitarre, Hintergrundgesang
Don Airey – Keyboards
Neil Murray – Bassgitarre
John Hiseman – Schlagzeug, Perkussion
Produktion
Colosseum II
Trackliste
1. Dark Side of the Moog
2. Down to You
3. Gemini and Leo
4. Secret Places
5. On Second Thoughts
6. Winds