Queensrÿche

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Autor: Aleš Podbrežnik

Interpret: Queensrÿche
Label: Century Media
Erscheinungsjahr: 2013
Laufzeit: 35:15
Bewertung: 4/5

Queensrÿche ohne Geoff Tate. Queensrÿche mit Geoff Tate. Ich habe gerade zwei Bands erwähnt. Zwei Queensrÿche-Bands. Die klassischen Queensrÿche haben sich von Tate getrennt und Todd La Torre in ihre Reihen integriert, der zuvor den für kurze Zeit wiederbelebten Crimson Glory unterstützt hatte. Der verbannte, verbitterte und besonders aufgebrachte Tate hat nach seinem Rauswurf kurzerhand seine Kumpels um sich geschart und führt heute seine eigene Version von Queensrÿche an. Auf der Szene herrscht also unnötigerweise ein Chaos, das vom Aufeinanderprallen großer Egos diktiert wird und nicht von gesundem Menschenverstand. Darüber reiben sich nur die Anwälte die Hände, sonst niemand.

Die Truppe bestehend aus Eddie Jackson, Scott Rockenfield, Michael Wilton, Parker Lundgren und neu dazu Todd La Torre ist nach dem bisherigen Schaffen beider heutiger Queensrÿche-Besetzungen die glaubwürdigere Nachfolgerin dessen, was nach Tates Abgang übrig geblieben ist – auch wenn er seinerseits ebenso berechtigt ist, den Namen Queensrÿche zu verwenden. Tates Ego hat den übrigen Mitgliedern nach »Promised Land« seine musikalische Vision aufgezwungen, und die haben all die Jahre brav Befehle befolgt. Bis zum jüngsten Bruch. Wirklich seltsam. Aber anders lässt es sich kaum vorstellen, als dass sie die ganze Zeit geschwiegen und einfach das getan haben, was Tate ihnen befahl.

 Tate gründete in seiner ganzen Wut unmittelbar nach dem Abgang seine eigene Queensrÿche-Band und setzt die musikalische Richtung der im neuen Jahrtausend veröffentlichten Queensrÿche-Alben einfach fort. Seine ehemaligen Weggefährten hingegen haben in dieser Situation einen simplen Zug gemacht. Sie haben Material für eine Albumveröffentlichung zusammengebracht, die endlich wieder Anschluss an die Werke findet, die die Jahre 1983–1995 umspannen. Das neue Album klingt also sehr klassisch. Schlicht aus dem Zwang des »Überlebens« heraus. Um die Fans der alten Queensrÿche-Alben zurückzugewinnen, mussten sie das einfach tun. Nicht nur werden alle nach dem Hören von »Queensrÿche« noch lieber auf deren Konzerte gehen – vielleicht verkaufen Queensrÿche sogar den einen oder anderen Albumexemplar mehr (was ihnen wohl seit der Veröffentlichung von »Promised Land« fehlt). Das neue Album schlägt direkt in die Kerbe dessen, was Queensrÿche in den Achtzigern gemacht haben, und auch auf dem Album »Empire« (1990).

»Queensrÿche« sollte man aber nicht allzu nostalgisch, emotional und enthusiastisch betrachten. Denn das kann einen schnell blenden und verführen. Beim »Queensrÿche«-Album geht es mehr oder weniger nur um eine gelungene Replikation und Wiederbelebung des alten Geistes – was in der heutigen Situation bestenfalls eine sichere und würdige Annäherung ans Original sein kann. Besser als das Original kann es jedenfalls nicht sein. Nicht einmal gleichwertig. Die Chemie in der Band ist nämlich eine völlig andere als in den Achtzigern, als Queensrÿche mit ihren inspiriert-revolutionären Werken einen starken Stempel in der Entwicklung der Metal-Musik hinterlassen haben. La Torre ist eine außergewöhnliche Musikerfigur. Ein Laie verwechselt ihn auf dem neuen Album leicht mit Tate. Trotzdem ist die Chemie in der Band im Jahr 2013 eine völlig andere, und die Songs strahlen nicht dieselbe Leidenschaft, den ungezügelten Drang zum Beweisen, den kreativen Enthusiasmus und Bekenntnischarakter aus wie die klassischen Queensrÿche-Werke – auch wenn das neue Album stilistisch (zum Glück und erwünscht) an die klassische Periode anknüpft. Im Sinne des Überlebens haben Queensrÿche in dieser Situation dem neuen Album auch einen bedeutsamen Titel verpasst: »Queensrÿche«! Selbst die Songtitel deuten darauf hin. Das einleitende X2 ist im Grunde eine sauber zusammengefasste, neu verpackte Version von Anarchy X aus »Operation Mindcrime«.

Ansonsten kehrt der alte Sound in die Produktion zurück. Terzenharmonien, durch und durch klassisch geschnittene Riffs im Geiste der Achtziger-Schule, auch der donnernde Widerhall von Rockenfields Schlagzeuggewitter ist in der Produktion wieder da – wenngleich immer noch spürbar weit entfernt von der Produktionsperfektion der klassischen Alben. Und das ist eigentlich der grundlegende Schwachpunkt des neuen Albums: die dünn geratene Produktion der Rhythmussektion. Man spürt darin den Wunsch, die Vergangenheit der Achtziger einzufangen, doch gelingt das nur halbherzig und mit gehörigem Abstand.

La Torres Gesang – wie bereits gesagt. Einen besseren Ersatz für Tate hätte man nicht finden können. Der scheinbar unersetzliche Tate ist also ersetzt! Direkt nach dem einleitenden X2 trifft Where Dreams Go To die narrensicher den Nerv der Zeit, in der »Operation Mindcrime« und »Empire« entstanden, und durch das alles weht wieder die echte Verbindung der Band zu den »Old School Speed«-Metal-Wurzeln der ersten Hälfte der Achtziger (Vindication). Der weitere Verlauf des Albums folgt derselben Rezeptur und wird all jenen wie auf den Leib geschrieben sein, die nach den klassischen Werken der Band nostalgisch sind. Die Gitarren agieren im Dialog, als hätte sich Chris De Garmo mit La Torre wieder der Band angeschlossen.

Das Album ist extrem kurz – gerade mal etwas über 35 Minuten! Die Songs sind kurz, direkt, auf den Punkt. Die Band bietet eine schöne Palette an abwechslungsreichen Lösungen, und »Queensrÿche« ist ein angenehm kurzweiliges Produkt. Für Queensrÿche als Band war es stets charakteristisch, auf Alben einige streng einprägsame Refrain-Melodien zu hinterlassen. Auch »Queensrÿche« hat davon einige zu bieten. Der erste, den man in alle Ewigkeit mitsingen kann – in seiner ganzen Ansteckungskraft –, steckt im Refrain von In The Light. Dieser Song wäre heute eine Klassikerin, hätte man ihn 1988 geschrieben. Gegen Ende ist auch der Refrain des druckvollen Fallout so ein Fall – der übrigens auch als Single veröffentlicht wurde. Die düstere Halbballade A World Without ist eine besondere Kreuzung aus Sister Mary Suite und der Energie der Bekenntnisrefrains des Albums »Empire«. Pamela Moore taucht als besonderer Gast wieder am Mikrofon auf! Hervorragender Refrain! Eine besondere Hymnen-Qualität der Refrains zieht sich durch den Refrain des flotten Albumblitzers Vindication. Die Jungs gehen diesmal vorsichtig beim Schreiben des Materials vor. Mehr oder weniger durchgehend dem Umverpacken der Ideen ihrer alten Autorenschule verschrieben.

Andererseits beweist eben die große und ansprechende motivische Vielfalt des Albums, dass Queensrÿche Ideen verwenden mussten, die schon eine ganze Weile fertig in der Schublade lagen. Sie haben jahrelang auf ihre Verwirklichung gewartet. Die Zeit war reif, und sie haben ihren Platz auf dem Album »Queensrÿche« gefunden. Groß aufgehübscht oder motivisch weiter ausgeschmückt wurden sie allerdings nicht. Die Band hatte es sehr eilig, das neue Album schnell rauszubringen.

Dieses Album werden all jene am meisten feiern, die klassische Queensrÿche seit Jahren vermisst haben. Sie sind zurück. Geoff Tate wurde geopfert, aber Queensrÿche haben überlebt. Ungeachtet dessen, dass das Album »Queensrÿche« die Verbindung zu den Achtzigern gefunden hat, ist es gleichzeitig auch ein Neuanfang für die Band. Sie kann wieder frei durchatmen und unbeschwert in die Zukunft blicken! Jetzt aber mäßigen wir die Strenge gegenüber der Band und lassen auch sie aufatmen. Sie hat nämlich eine echte Hölle durchgestanden. Bei den nächsten Schritten der Band lassen wir uns von ihr mitreißen und überraschen.

Besetzung

Todd La Torre – Gesang
Michael Wilton – Gitarre
Parker Lundgren – Gitarre
Eddie Jackson – Bassgitarre
Scott Rockenfield – Schlagzeug, orchestrale Arrangements

GASTMUSIKER:
Pamela Moore – Gesang auf Track Nr. 8
Andrew Reiher – Violine, orchestrale Arrangements

 

Produktion

James „Jimbo“ Barton

Trackliste

1. X2
2. Where Dreams Go to Die
3. Spore
4. In this Light
5. Redemption
6. Vindication
7. Midnight Lullaby
8. A World Without
9. Don’t Look Back
10. Fallout
11. Open Road

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