Stereo Roots

0 5

Künstler: Brain Holidays
Label: Dallas Records
Release: 2006

Endlich hat Anfang letzten Jahres nach rund zwei Jahren Aufnahmezeit auch das benachbarte Kroatien sein offiziell erstes Roots-Reggae-Album bekommen, und zwar hat diese Ehre das Debüt ‚Stereo Roots‘ der seit 2000 bestehenden Truppe ‚Brain Holidays‘ ereilt. Angekündigt hatten sie das Album schon erfolgreich mit der Single ‚Crvena Žuta Zelena‘, trotzdem haben sie sich Zeit gelassen, denn wie sie selbst sagen, ist Reggae eine Musik, bei der man Aufnahme- und Veröffentlichungstermine nicht planen kann, sondern eher einen lockeren, entspannteren Zugang sucht. Na ja, ein Dennis Emmanuel Brown hat sich an solche Prinzipien auch nicht gerade gehalten, aber egal…. Jetzt ist es da und wir dürfen uns freuen.

Die Brain Holidays sind eine neunköpfige Band aus Zagreb, die neben der üblichen Besetzung (Bass, Schlagzeug, Gitarre und Keyboards) auch noch eine Bläser-Rhythmussektion (Saxofon, Posaune und Trompete) sowie zwei junge Frauen als Backing-Vocals dabeihat. Sie sind auf jeden Fall ein Name, der sich in der kroatischen Musikszene festgesetzt hat, was die vollen Hallen bei ihren Auftritten beweisen, lanciert haben sie sich vor allem durch die Organisation und Auftritte bei den inzwischen schon traditionellen ‚Tribute To Marley‘-Festen, die zum Gedenken an einen der größten Musiker aller Zeiten stattfinden, einen Botschafter des Friedens und des Bewusstseins und überhaupt eine Ikone des Reggae. Ihre Musik hat, obwohl mit bescheidenen Mitteln gemacht, in Kroatien sofort eine große Welle des Interesses bei allen Medien ausgelöst, vom Fernsehen bis zur Presse. Außerdem haben sie einige wichtige Preise abgeräumt (Crni mačak, Demo mačak – für die vielversprechendste heimische Band), live zu sehen waren sie auf Festivals wie Soča Reggae Riversplash, Rototom Sunsplash (Italien – hier traten sie als Gewinner des Wettbewerbs für den neuen Balkan-Reggae-Act auf), Samo Reggae Stan (Slovenske Konjice), Seasplash (das erste kroatische Reggae-Festival), Istria In Reggae, Rock Otočec, Zagreb Open Air, Heineken Music Festival (Bosnien-Herzegowina – dort wurden sie zur besten ausländischen Band gekürt) … Dass die Holidays Musik wirklich lieben, zeigt auch, dass ihre Mitglieder noch in etlichen anderen Bands bzw. Musikprojekten spielen, zum Beispiel Soul Train, Detour (ex-Yammat), Cubismo, HGM, Green House Blues, Dino Dvornik, Massimo, im Musical „Kosa“ usw. In Ljubljana haben sie sich übrigens erstmals am 31.3.2006 vorgestellt, als sie zusammen mit Cubismo auftraten. Bei allen Auszeichnungen sollte man die Gleichsetzung dieses Albums mit dem Beginn des Roots in Kroatien trotzdem mit einer Prise Salz nehmen, denn es gibt immer mehr Roots-, Dub-, überhaupt Reggae- und Ska-Bands, und einige haben auch schon ihre Alben veröffentlicht. Vielleicht in Eigenregie, also im ‚Underground‘ und bei kleineren Labels, aber klar, wenn es den Labels in diesen Zeiten sowieso immer schlechter geht und man mit einem ‚hauseigenen Label‘ für Release und Promo eines Albums ganz schön viel erreichen kann. So haben wir da zum Beispiel noch Radikal Dub Kolektiv, die Dub spielen, Roots ist offiziell zumindest vorerst aber trotzdem die Domäne von Brain Holidays allein, auch wenn es noch ein paar Bands gibt, die verschiedene Musikgenres mixen und in deren Sound man schnell auch Roots-Elemente heraushört.

Aber kommen wir zum eigentlichen, lang erwarteten Werk, an dem 23 Musiker und drei Produzenten mitgewirkt haben. Das Erste, was uns ins Auge springt, ist die ziemlich einfallslose Gestaltung von Cover und Booklet, wodurch die Scheibe irgendwie billig wirkt, die Lorbeeren dafür darf sich die treibende Kraft der Band einstecken, Sänger, Gitarrist und Hobby-Designer Marko a.k.a. ‚Marcus G.‘ Aber gut, der Inhalt steht klar über der Verpackung, und wenn das Ding mit schon von Weitem sichtbaren Rasta-Farben gemacht wurde, damit es auch Blinde bemerken, dann passt das auch, denn die Jungs sagen, dass sie viel Mühe in die Promotion von Reggae-Musik gesteckt haben, und da kann man ihnen nichts vorwerfen. Die Songs selbst sind auf Englisch und Kroatisch aufgenommen, insgesamt sind es 12 auf der Platte, wobei der letzte nur ein Dub-Remix des zweiten, ‚Pokreni se‘, ist. Zur Sprachmischung auf dem Album sagen sie selbst, dass es in Kroatien unmöglich gewesen wäre, ein Album ausschließlich auf Englisch zu veröffentlichen, außerdem sei es auch ein Weg, dem Publikum diese Art von Musik näherzubringen, wenn (unter anderem) in der Landessprache gesungen wird. Okay, alles schön und gut, was das Jamaikanische auf dem Album betrifft, wäre es aber besser gewesen, das zumindest vorerst den Leuten aus der Karibik zu überlassen, oder es hätte jemand übernehmen sollen, der wenigstens Patois-Englisch kann… so wirken die Versuche, einen authentischen Sound hinzukriegen, leider eher ein bisschen lustig. Die Texte als solche haben nicht den tiefen Gehalt, den man sich vielleicht von gutem Roots erwartet (leider wiederholen sich die Inhalte auch mal), und die Melodik ist irgendwie Durchschnitt. Zusammen mit den ziemlich unbewegten und sich wiederholenden Melodien wirkt es, als hätte beim Songwriting ein bisschen an Ideen gemangelt, die Rhythmussektion hält zwar die Linie, kommt aber nicht richtig zur Geltung, die Backing-Vocals folgen nur der Gesangsdynamik, ergänzen sie aber nicht, die Tempounterschiede sind nicht gerade gelungen … So gibt der Opener Crvena , Žuta, Zelena die Ideologie des Albums und der Band zwar schön wieder, zum Glück, denn er ist ihr Aushängeschild und Promo-Zugpferd, für den sie auch ein Video gedreht haben, stark und scharfsinnig ist er aber nicht. Der tanzbarste Song der Platte ist ‚Sun Is My Treasure‘, der aber, ironischerweise, genretechnisch schon näher am Ska liegt. Gast MC Popaj steigt bei ‚Stvarnost‘ ein und ist eine angenehme Zugabe, mit seinem Auftritt hat er eine qualitativ gute Synergie mit der Idee geschaffen, grundsätzlich aber ist ihre Musik wie ihre Ikonografie ausschließlich auf Reggae-Phrasen und Idiomen in Rot-Gelb-Grün aufgebaut, mit nicht allzu viel instrumentalem Können und Fertigkeit.

Kurz und gut, damit es nicht alles so schwarz klingt, wo doch alles so bunt ist… dem sonst soliden Werk fehlen starke Vibes und Rhythmik, die einen auf die Tanzfläche treiben würden, und vielleicht auch ein bisschen fröhlicherer Reggae-Sound, der einem ein Lächeln ins Gesicht zaubert, trotzdem ist das Ding nicht schlecht und für ein erstes Album ‚ohne Kritik‘ okay, auch in den Songs selbst spürt man das Potenzial der Band, der hoffentlich noch ein langer und fruchtbarer musikalischer Weg bevorsteht (beim Aufnehmen des neuen Albums erwarten wir allerdings etwas mehr Reife), aber trotz allem Genannten können wir sie ansonsten guten Gewissens mit einem Lob verabschieden. Big up ‚Brain Holidays‘!

Besetzung

Marcus G. – Gesang, Gitarre
Tina – Gesang
Vida – Gesang
Radius Mandragora – Tenor- und Altsaxofon
Vlado – Trompete
Topriva- Posaune
Jura – Orgel und Keyboards
Cipal – Schlagzeug
Krešo Tomec – Bassgitarre

Produktion

R. Nappholtz, K. Tomec, Marcus G. und Mandragora

Tracklist

01. Crvena Zuta Zelena
02. Pokreni Se
03. Stvarnost (ft. MC Popaj)
04. Naddy War
05. Liars Hunting
06. Sun Is My Treasure
07. Maditation
08. The Only
09. Na Drugom Kraju Svijeta
10. Di End Of Suffaration
11. Summer Is Over
12. Pokreni Se (remix)

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies