Srceder

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Autor: Aleš Podbrežnik

Künstler: Na lepem prijazni
Label: Nika Records
Erscheinungsjahr: 2017
Laufzeit: 53:58
Bewertung: 5/5

NLP, oder ausgeschrieben »Na lepem prijazni«, gelten heute als Veteranen der slowenischen Rockszene. Mit ihrer Arbeit haben sie sich in den Anfangstagen zwar irgendwo im slowenischen Alternative-Rock-Underground positioniert, doch ihr Ausdrucksvokabular haben sie von jeher kräftig mit musikalischen Experimentierexzessen aufgeladen, mit denen sie bunte genreübergreifende Brücken bauten — was sie in künstlerischer Hinsicht von ihren Zeitgenossen abhob. So haben sie schon immer auch mit Jazz geflirtet und Eigenschaften avantgardistischer Musikhorizonte zutage gebracht. Was NLP einst geschaffen haben, ist heute kaum noch zugänglich. Außer vielleicht in irgendeinem musikalischen »Antiquariat«. 1993 erschien das ältere Material auf der CD »What A Time To Make A Fool Of You«, die das Studio-Erstlingswerk plus eine EP zusammenfasste. 2005 erschien das Album »Potaplja se raj«, und die Band benannte sich damals in NLPM (Na lepem prijazni mutant) um; dann, acht Jahre später, folgte noch das Album »Tudi če se vrnemo še kdaj«, das gleichzeitig den Schwanengesang eines der integralen Mitglieder der Besetzung bedeutete — nämlich von Andrej Trobentar, der die Gruppe danach verließ —, sodass heute von den ursprünglichen Mitgliedern nur noch der Gitarrist und Künstler Vojko Aleksič im Team ist.

»Tudi če se vrnemo nazaj« ist gewissermaßen ein Übergangsalbum (Hand aufs Herz — welches war das nicht, nur die künstlerische Kontinuität ist etwas verdeckt, bedingt durch die großen zeitlichen Abstände zwischen den NLP-Veröffentlichungen). Auf diesem Album taucht nämlich zum ersten Mal auch der Schauspieler Ludvik Bagari auf, der  in seinem erweiterten erzählerischen Varieté auf dem Album »Srceder« eine so integrale Rolle übernimmt.

»Srceder« ist ein melodramatisches Album. Also. Dahinter steckt eine Geschichte, die der zeitweise schon geradezu wahnsinnige Ludvik Bagari überaus gelungen erzählt. Er springt mitreißend und kompromisslos von Rolle zu Rolle, was er meisterhaft und mit federleichtem Geschick realisiert. Theater ist ihm wie auf den Leib geschrieben. Das Erwecken von Leidenschaften und Emotionen ist außergewöhnlich und verleiht dem Album »Srceder« einen einzigartigen Charakter — und vertieft diesen Charakter der Einzigartigkeit wesentlich. Was wir musikalisch auf dem Album »Srceder« hören, ist eine (leise) erwartete Sache. Vor allem für alle, die die früheren musikalischen Unternehmungen dieser in der slowenischen Musikszene in vielerlei Hinsicht »obskuren« Gruppe kennen. Wer Rambo Amadeus kennt, die Slowenen Buldožer — dem muss man an dieser Stelle unbedingt noch die »zwei Worte« Frank und Zappa hinzufügen. Nebenbei: Činč bringt sich auf Srceder mit dem Hammond ein (Dracula Blues). Der Track Zarotitveni frape, ein Funk-Jam, würde problemlos auf eines der späteren Buldožer-Alben passen. Stimmungsumschwünge gibt es auf diesem enorm ambitioniert angelegten Konzeptalbum mehr als genug. Das Zappa-Sentiment ruft auf dem Album vor allem der Gitarrenspielstil im Track Pot zaklada hervor. Dabei muss man das beißend spürbare Alternative-Rock-Element erwähnen, das das Album durchzieht — schärfer greifen NLP damit aber schon sehr früh an, nämlich mit Žrtev. Der bringt einen abrupten und höchst ästhetischen Atmosphärenwechsel unter der Regie »Sherlock Holmes meets Povratak Odpisanih« mit sich, wo echter gruseliger Terror großer Spannung zum Leben erwacht, bei dem selbst ein Edgar Allan Poe zusammenzucken würde (»Reprise« gibt es später mit Tri kraljeve žene). In den weiten Improvisationen lassen sich jedenfalls Jazz-Elemente herausschälen, auf der anderen Seite aber auch flüchtige Umrisse von Kabarett — und die Band weicht auch Blues-Ausflügen nicht aus (Dracula blues). Vojna liefert noch handfestere Punk-Magie, während das Album mit einem romantischen Epilog schließt, beschlagen mit verführerischen Reggae-Rhythmen in Ljubila in ubila. Vojskovodja Wolf ist ein in russische Melodik gekleideter feierlich-düsterer Marsch, während Sveža kri die guten alten Zeiten der Jazz- und Funk-Rock-Fusion wiederbelebt. Kurzum. Stimmungswechsel folgen auf Schritt und Tritt.  In jeder Hinsicht ist  »Srceder« am Ende des Tages ein Rock-Album. Von außergewöhnlicher Fusion und offenem Geist, der keine expressive Einschränkung duldet. Man kann es auch als einzigartiges Art-Rock-Produkt bezeichnen!

»Srceder« ist ein außergewöhnliches Album, das in seiner Ambition künstlerischen Mut und Kühnheit nicht versteckt. Es ist das musikalisch-künstlerische  Highlight des Jahres, was die Albumveröffentlichungen im slowenischen Raum betrifft. Das Werk zeigt das außergewöhnliche musikalische Talent der Akteure der neuen Besetzung, wo Erfahrung, Ideenreichtum und sprühende Verspieltheit in einem hervorragenden Dialog vollblütiger Ergänzung zusammenleben. Slowenischer kann ein Album kaum klingen. Es ist nämlich vollgestopft mit dem Element der Tragödie, aber auch mit schwarzem, beinahe »Alan-Ford-esken« Humor. Du weißt schon. Der Held muss in der slowenischen Literatur oder auf der Leinwand am Ende tot sein — oder zumindest kläglich verarmt und zugrunde gegangen. Die Geschichte ist bizarr, grotesk, nicht selten sogar absurd — in allen Akten trieft es von vergossenem Blut, das durch die Gier nach gutem Verdienst hervorgerufen wird, wenn Kovač und Angela verschiedenen Kunden den srceder anbieten —, und dabei funkelt allegorisch der zerfranste Gemütszustand von Amoralität und emotionaler Abstumpfung der »modernen« Gesellschaft dieser schönen verrückten Welt, der wir als Sklaven dienen.  

Obwohl das Material definitiv längere Zeit entstanden sein muss, ist es größtenteils definitiv »in one take« eingespielt. Im musikalischen Sinne wirkt »Srceder« enorm organisch. Es ist stimmig und harmonisch ausgeführt. Das Geflecht aus Gitarren, Keyboards, Klavier, Hammond und allen weiteren Elementen (Bläser, Mundharmonika) sowie die Wärme der satten Bässe wirkt perfekt. Wie ein Konzert, am Stück gespielt. Es ist ein genremäßig enorm aufgelockertes Album, wo das Gefühl des Spontanen und Unerwarteten den Hörer auf nahezu Schritt und Tritt überkommt. Bagari fesselt mit seinem Erzählen den Hörer wirklich an sich, und die gesamte Essenz des Albums »Srceder« schockiert und erschüttert dich einfach — und diese Erschütterung lässt nicht nach, wenn das Album zu Ende ist. Beim späteren Hören gibt es weniger dieser »Post-Erschütterung«, denn das Album ist gleichzeitig vollgestopft mit Luzidität und ansteckendem schwarzen Humor, die beim Hören für viel Spaß sorgen, obwohl, wie gesagt. Das hier ist ein musikalischer  Horrorfilm.  Voll von spöttischem und obszönem Charakter. Da sind Jesus, Dracula, der Herrscher, der Hofnarr, der Metzger und noch jemand, die allesamt längst ihre Berufungen gegen völlige Zügellosigkeit eingetauscht haben — was noch einen weiteren allegorischen Umriss des moralischen Werteverfalls und der Verkommenheit im Tal von Šentflorjan, A.D. 2017 liefert!

Das Album »Srceder« muss unbedingt auf Bühnen zum Leben erwachen. Und zwar nicht nur auf Konzertbühnen, sondern im Sinne einer Kombination von Konzert  und echter Theateraufführung. »Srceder« ist eigentlich genau dafür gemacht. Bleibt zu hoffen, dass NLP eine knackige Reihe bzw. Serie solcher Aufführungen quer durch Slowenien auf die Beine stellen. Das ist ein künstlerisches Werk, das du einfach erlebt haben musst. In jedem Fall wird es dich schockieren. Positiv oder negativ. Das ist überhaupt nicht wichtig, ja nicht mal wesentlich. Das ist die Tatsache der Versuchung, wenn du plötzlich und völlig »unerwartet« auf einen völlig ungewöhnlichen musikalischen Körper prallst! Als solches bewegt und erschüttert es dich in seiner Ungewöhnlichkeit ganz konkret und weckt emotional all die noch so sorgfältig verborgenen und „schlafenden“ Winkel deiner Seele. Diesmal wirst du zittern und mit den Zähnen klappern, dass es nur so kracht. 

Besetzung

Ludvik Bagari – Gesang, Rezitationen
Vojko Aleksić – Gitarre
Jan Jarni – Gitarre
Andjelko Knežević – Backgroundgesang
Nuša Ofentavšek – Backgroundgesang
Darko Hočevar – Bassgitarre
Luka Kuhar – Schlagzeug, Perkussion
Žiga Fabbro – Saxofon
David Jarni – Trompete
Borut Činč – Keyboards
Irena Preda – Sopran
Miha Renčelj – Klavier
Luka Einfalt – Euphonium
Miha Erić – Mundharmonika

Produktion

Jurij Toni

Trackliste

1. Kovačija
2. Žrtev 
3. Pot zaklada 
4. Zarotitveni frape 
5. Tri kraljeve žene 
6. Vojskovodja Wolf
7. Povorka, srh in mrk 
7. Sveža kri 
8. Dracula blues 
9. Srceder v roki 
10. Vojna 
11. Ljubila in ubila

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