Hard To Kill
Autor: Aleš Podbrežnik
Interpret: Heaven And Earth
Label: Quarto Valley Records
Erschienen: 2017
Laufzeit: 46:48
Wertung: 5/5
Während der gespenstische schwarze Mann des Rock’n’Roll-Gitarrenspiels Richie Blackmore schon längst keine Originalkompositionen mehr für Rainbow schreibt und Deep Purple nach seinem Abgang eine solche stilistische Transformation durchgemacht haben, dass sie die goldenen Siebziger nicht mehr neu erschaffen (Steve Morse ist nun mal nicht Richie Blackmore) – und nachdem ein wahrer Ozean vergangen ist, seit Malmsteen die schnellste Version von Blackmores Gitarrenerbe präsentierte, gekreuzt mit barocken und neoklassischen Elementen –, ist die Hoffnung erloschen, dass sich diese Schwingung, die einst eine wahre Revolution in der Entwicklung des Rocks ausgelöst hat, jemals noch irgendwo auf diesem Planeten so richtig wiederholt. Oder dass ein künftiger Interpret diese Schwingung möglichst authentisch übernimmt, sie in seinen Werken möglichst geschickt verpackt und damit dem Publikum ein frisches, aufregendes musikalisches Abenteuer bietet.
Und trotzdem. Irgendwo still im Untergrund entstanden die Anfänge von Heaven And Earth, gegründet vom britischen Gitarrenmatador Stuart Smith. Der Mann veröffentlichte 1998 und 2001 zwei Soloalben, die er unter dem Namen Stuart Smith’s Heaven And Earth ankündigte – dann vergingen satte 12 Jahre, bis er sich entschloss, aus dem Soloprojekt eine echte Band namens Heaven And Earth zu formen. Entscheidend und schicksalhaft war die Begegnung mit dem teuflisch guten Sänger Joe Retta, mit dem er gemeinsam den legendären Sweet zu Hilfe eilte – und zwar der amerikanischen Version von Sweet, also jener, die von Steve Priest angeführt wird.
So veröffentlichten Smith und Retta 2013 das Comeback-Album »Dig« von Heaven And Earth, das als eines der besten Hard-Rock-Alben des Jahres aus dem klassischen Bereich gefeiert wurde. Neben Retta und Smith wirkten daran auch Keyboarder Arian Schierbaum, Schlagzeuger Richie Onori (ein alter Kumpel von Stuart noch aus den gemeinsamen Zeiten mit Keith Emerson), sowie Bassist Chuck Wright mit, während als besondere Gäste auf diesem Album außerdem auftraten: David Paich (Toto), Gitarrist Howard Leese und Richie Sambora (bon Jovi), der Stuart bereits auf dessen Studiodebüt von 1998 geholfen hatte.
Nach dieser ausführlichen Einleitung ist klar: Mit Stuart Smith und Joe Retta ist nicht gut Kirschen essen. Im Rock’n’Roll haben die beiden alles gesehen, alles ausprobiert, und mit ihnen hat eine ganze Galerie der prominentesten Musiker zusammengearbeitet, die auf die eine oder andere Weise einen unauslöschlichen Stempel im Rock’n’Roll hinterlassen haben. Übrigens, warum klingen Heaven And Earth eigentlich so sehr nach den klassischen Deep Purple, Rainbow und auch Whitesnake (aus der Ära der Achtziger)? Nun, den jungen Stuart Smith hat kein Geringerer als der erlauchte Richie Blackmore unter seine Fittiche genommen. Stuarts Spielstil ist damit so authentisch wie nur möglich ein Abdruck der Gitarren-Essenz eines der bedeutendsten Gitarristen, die je auf diesem Planeten unterwegs waren (und noch immer sind).
War »Dig« schon mehr als ein beeindruckendes Comeback-Album, legen Heaven And Earth vier Jahre später mit »Hard to Kill« noch eine Schippe drauf: Die Songs haben weniger Pomp und Zeremonie und kommen erheblich früher, wenn nicht sogar sofort, auf den Punkt. So wirkt „Hard to Kill“ in der Gesamtbilanz noch bissiger und fokussierter. Es klingt noch nackter und abgespeckter – und letztendlich sogar noch organischer und lebendiger als der Vorgänger. Smiths Gitarren entfachen noch mehr von diesem fett-knusprigen Klangprunk. Die Produktion ist schlicht außergewöhnlich! Aufgenommen wurde selbstverständlich und fast schon wie selbstverständlich in einem einzigen Anlauf (»in one take«), und die Riege der Beteiligten ist erneut außergewöhnlich. Neben der offensichtlich unzertrennlichen Verbindung Retta – Smith griffen auf dem neuen Album außerdem zu ihren Instrumenten: Ausnahmeschlagzeuger Kenny Aronoff, Keyboarder Ty Bailie und Bassist Lynn Sorensen.
Die Band liefert eine Reihe von elf Songs ab, die bis auf das Letzte ausgefeilt sind. Von Kopf bis Fuß sind sie kompositorisch und arrangementtechnisch optimiert! Der eröffnende Katalysator, der Titeltrack des Albums, bietet eine flüchtige Ähnlichkeit zum Deep-Purple-Riff aus Burn. Auf Position 4 findet sich das außergewöhnliche Bleed Me Dry mit einem eingängigen, musikalisch ansteckenden Refrain, um den so manche AOR-Band neidisch wäre. Auf dem Album steckt jede Menge Funky-Groove-Koketterie – etwa in The Game Has Changed, das sich zwar »ein wenig lügnerisch« öffnet, nach dem Vorbild des DP-Riffs Black Night, was die Wiederholung des Riffs im Refrain bestätigt. Till It’s Over ist ein erstklassiger Ausflug in die Gewässer des Boogie Rocks! LA Blues ist, wie der Name schon andeutet, eine vollständige Begegnung mit dem Bluesrevier. In Walk Away und Monster lässt sich die Inspiration durch die Achtziger-Werke von Whitesnake und sogar Van Halen heraushören – in Monster beansprucht dabei die vernichtend-kanonenschwere Snare die volle Aufmerksamkeit. Kaum weniger dreist an Whitesnake erinnert Beautiful Monster, das im Intro etwas von der »Riffologie« des Songs Ready an‘ Willing übernimmt. Helllfire bringt einen giftigen Blues-Rock’n’Roll-Swing, bei dem Gitarre und Mundharmonika unaufhaltsam aufeinander zurasen – in eine leidenschaftlich feurige Umarmung. Das abschließende Bad Man liefert einen der aufregendsten Momente des Albums und lässt erneut die Essenz der klassischen Whitesnake auferstehen – nicht zuletzt dank des außergewöhnlichen Joe Retta und seiner stimmlichen Darbietung. Der Song ist durchdrungen von einem Hauch von Verderben und Okkultismus. Dramatik für das große Finale des Albums!
Retta ist ein außergewöhnlicher Vokalist. Er vereint die Charakterzüge mehrerer Sänger in einer einzigen Person. Vom jungen David Coverdale über Keith St. James (Montrose, Burning Rain), Ronnie Romero (Rainbow) und Johnny Gioeli (Hardline) – mühelos lässt er auch das »Zeppelineske« anklingen. Kurz: Sein vokaler Charakter ist makellos für den Stil, den Heaven And Earth pflegen. Die Arrangements sind auch vom Einsatz der Mundharmonika durchzogen. Smiths Riffs werden von sattgepackten Hammond-Orgellinien unterlegt. Die mittleren Instrumentalpassagen sind eine Geschichte für sich. Wahres Manna für Musikfeinschmecker – so viel virtuoses Können ist darin versammelt, und gleichzeitig beeindruckt genau in diesen Mid-Eight-Passagen besonders die große Sensibilität der Komponisten: nämlich in der Fähigkeit, den Flow, die Dynamik und den roten Faden aufrechtzuerhalten und dabei die Kompaktheit der ohnehin anspruchsvoll komponierten Songs durchgehend zu wahren. »Hard to Kill« rockt makellos von der ersten bis zur letzten Sekunde. Du kannst nichts wegnehmen und nichts hinzufügen, ohne es zu ruinieren. Es wird mit außergewöhnlicher Glut, Herzlichkeit und Leidenschaft gespielt. Es quillt über vor aufgeladenen Emotionen. Es trägt einen ausgearbeiteten Charakter von Melancholie und Düsternis – kurzum: fehlerfreies Dramatheater! Auf der anderen Seite spricht es auch im donnernden Glanz der Feierlichkeit an sowie mit einem sehnsüchtigen Verlangen nach Wärme, Liebe und Geborgenheit.
Im Jahr 2017 geht es kaum retro-nostalgischer als das, was Heaven And Earth machen. Für alle Liebhaber des alten Rock’n’Roll, der Zeiten des großen Pioniergeistes, als die legendären Deep Purple, Rainbow und ihre Zeitgenossen das Rock-ABC schrieben. Das ist das Album, das euch mehr als verdammt nochmal auf den Leib geschneidert ist. Und wenn ihr erst einmal davon gekostet habt, werdet ihr euch sofort auch das Album »Dig« sowie Smiths erste zwei Soloalben zulegen! »Hard to Kill« ist ohne falsche Bescheidenheit ein Anwärter auf eines der besten Hard-Rock-Alben, die 2017 auf dem Markt erschienen sind!
Heaven And Earth – The Game Has Changed (offizielles Video):
Besetzung
Joe Retta – Gesang
Stuart Smith – Gitarre
Ty Bailie – Keyboards
Lynn Sorensen – Bass
Kenny Aronoff – Schlagzeug
Produktion
Dave Jenkins
Trackliste
1. Hard To Kill
2. Walk Away
3. Till It’s Over
4. Bleed Me Dry
5. The Game Has Changed
6. Anthem
7. Monster
8. LA Blues
9. Hellfire
10. Beautiful Monsters
11. Bad Man