Songs From The Wood

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Autor: Peter Podbrežnik

Künstler: Jethro Tull
Label: EMI Records
Veröffentlichung: 1977
Bewertung: 5/5

Ian Anderson, unangefochtenes Oberhaupt und Personifikation von Jethro Tull, hat sich als waschechter schottischer Naturbursche, der schon immer gern in engem Kontakt mit Natur und Tieren lebt (neben ausgedehnten Farmen, Fischzuchten und Gewächshäusern nennt er heute auch noch etliche verschiedene Arten kleiner Raubkatzen sein Eigen), vor dem Release dieses Albums aufs Land zurückgezogen, in die enge Umarmung des Waldrands, wo er reichlich Inspiration für dieses grandiose Album fand. Das ist von vorne bis hinten durchtränkt von echter keltischer Folklore, aber auf eine ausgesprochen entspannte und schelmische Art, die diesmal zur Abwechslung fast komplett frei von Ians Zynismus und Gesellschaftskritik ist (wenn man mal seinen versteckten Spott über den bürgerlichen Lebensstil ausklammert). Dieser folkloristische Geist hatte die Band zwar schon von Anfang an begleitet, und so war es nur eine Frage der Zeit, bis ihre Folk-Rock-Seite noch stärker und saftiger zum Vorschein kommen würde. Nachdem sie ihren Sound schon auf den vorherigen Alben Schritt für Schritt in diese Richtung aufgebaut hatten, gelang es ihnen auf „Songs From The Wood“, ihrem bis dahin folk-rockigsten Album, hervorragend, folk-rockig gesäte akustische Melodien mit härteren, hardrockig aufgeladenen Passagen zu verbinden, an denen es trotz des akustischen Charakters des Albums keineswegs mangelt. Ian, längst als moderner Troubadour, verrückter Pfeifer und Robin Hood (alles in einer Person) bekannt, hat mit seiner Waldbruderschaft ausgelassener Frohnaturen auf „Songs From The Wood“ eine traumhafte Mischung aus progressiv angehauchtem Folk Rock erschaffen, mit starkem Schwerpunkt auf der Poesie, die durchzogen ist von allen Arten von Waldmärchen und Geschichten, die das Leben in der Natur idealisieren. Nur selten enthält ein Tull-Album eine Stimmung, die so authentisch von seiner Poesie durchdrungen ist, und jedes Mal, wenn ich es höre, ruft es mich zu einem Spaziergang auf Waldpfaden. In dieser Hinsicht ist es vielleicht sogar ihr ausdrucksstärkstes Album überhaupt.

Der geniale Multiinstrumentalist hätte seine immergrünen Visionen aber kaum verwirklichen können, wenn ihm nicht auch die restlichen Bandmitglieder mehr als wirkungsvoll unter die Arme gegriffen hätten. Die Besetzung war meiner Meinung nach damals die beste der Bandgeschichte, und manchmal schien sie sogar unzerstörbar. Die alte Garde gewiefter Troubadour-Füchse bestand aus dem stillen und bescheidenen, aber unbändigen und einzigartigen Meister Martin „Lancelot“ Barre an Gitarre und Laute, dem ewigen Spaßmacher John Evans an den Keyboards, dem urwüchsigen „Angler“ Barriemore Barlow an Schlagzeug und Percussion und dem jugendlich ungestümen John Glascock an Bass und Backing Vocals. Dazu stieß als neues, diesmal offizielles Mitglied noch der langjährige „externe“ Mitarbeiter David Palmer an zusätzlichen Keyboards, der seine Rolle als Schreiber der Orchesterarrangements gegen ein weiteres Paar flinker Hände auf den Tasten eintauschte und seine eigene Prise sinfonischer Gewürze beisteuerte.

Das Album startet auf wunderbare und witzige Art mit dem grandiosen Titelsong „Songs From The Wood“, einem echten Tull-Klassiker, durchzogen von geistreichen, reich geschichteten akustischen Texturen. Der Song enthält außerdem tolle Gesangsharmonien, die ihm sowohl einen Hauch schottischen Dorfpubs als auch grüner Weiten verleihen. Die ganze Zeit steckt er voller außergewöhnlicher Energie, für die die spritzige Akustikgitarre, die entschlossene Basslinie, der kunstvolle Einsatz der Keyboards und Ians wie immer von weitem erkennbare, vielschichtige und neckische Flöte verantwortlich sind. Seine intelligente Poesie ist erfüllt vom persönlichen Ausdruck seiner poetischen Sicht auf das Leben in der Natur.

„Jack-In-The-Green“, das von einem frechen grünen Kobold mit langem Schwanz handelt, der nie schläft und Waldwanderer aus den Baumkronen heraus auslacht, ist ein weiteres immergrünes akustisches Meisterwerk, bei dem der vielseitig talentierte Mr. Anderson ganz allein sämtliche Instrumente spielt, darunter Gitarre, Bass und Percussion. Der perfekte Ausdruck eines großen Genies, der aus dem ersten Eindruck von Schlichtheit zeitlose Kunst macht. Im Lauf der Jahre hat sich dieser wunderbare Folklore-Song als eines ihrer beliebtesten akustischen Stücke etabliert.

Das witzig-hüpfende „Cup of Wonder“, das vom Idyll des Beisammenseins am Waldfeuer und vom kameradschaftlichen Zechen bis tief in die Nacht erzählt, ist gespickt mit exzellenten Passagen auf Akustikgitarre und Keyboards. Vor allem aber kann man sich hier an tollen Gesangsharmonien und einer vielschichtigen, ungemein spritzigen Flöte erfreuen. Das Endergebnis ist wieder ein Klassiker des geistreichen, progressiv gewürzten Folk Rock, der alle charakteristischen Merkmale der Band trägt.

Das hardrockig gewürzte „Hunting Girl“, ein weiterer Klassiker, ist das erste der härter angelegten Stücke auf dem Album. Es steckt voller Martins markantem, sägendem Riffing, hüpfendem Rhythmus und barocken Arrangements, die uns mühelos das Bild einer Waldamazone auf der Jagd vor Augen führen. Fans ihrer härteren Seite werden auch an der Poesie ihre Freude haben, die von der Begegnung zwischen einer Frau von hohem Stand und einem einfachen Bauern aus der Gegend erzählt.

„Ring Out Solstice Bells“ ist erfüllt von echter festlicher (wenn ihr so wollt, weihnachtlicher) Stimmung (später erschien sie in leicht veränderter Version auch auf „The Jethro Tull Christmas Album“, 2003). Ein ruhiges, akustisch angelegtes Stückchen, dem es nicht an Energie fehlt und das vollgepackt ist mit reichlich Flöte, Akustikgitarre, Händeklatschen und Glockenklängen. Über Musik und Text zaubert es auf schöne Weise das Einziehen der winterlichen Idylle herbei, wenn die Tage kürzer werden und dunklere, kürzere, aber auch magischere Zeiten am Horizont aufziehen. Ein Song, der mehr als die perfekte Wahl für allerlei Familienfeiern und Jubiläen ist.

„Velvet Green“ ist ein weiterer energiegeladener Höhepunkt des Albums und ein wahrer Leckerbissen für alle Fans keltischer und auch mittelalterlicher Melodien. Klanglich und lyrisch ein ausgesprochen saftiges Stück, bei dem vor allem das hervorragende Schlagzeugspiel und der Percussion-Einsatz vom alten Barrie Barlow begeistern, dazu der witzige Einsatz von Orgel und Flöte, ein verzweigter Orgelrhythmus und das außergewöhnliche Zusammenspiel zwischen Evans‘ Keyboards und Barres Gitarre. Von den exzellenten Passagen auf der Akustikgitarre will ich gar nicht erst reden. Ein ungemein vielschichtiges Werk, durchzogen sowohl vom mittelalterlichen Troubadour-Geist als auch vom keltischen, folkloristisch gefärbten, „immergrünen“ Geist. Reiner Tull-Klassiker, bei dem man sich einfach alle zehn Finger ablecken kann.

„The Whistler“ ist ein weiteres vielschichtiges und ausgesprochen hüpfendes Stück, das der Band zur Zeit seiner Veröffentlichung als Single etwas mehr als verdiente Radioeinsätze einbrachte. Ein Song, der keltische Folklore-Elemente mit Hardrock kombiniert, über den geistreichen und intelligenten Einsatz von Flöte und Gitarre, die im Hintergrund von wunderbaren Keyboard-Arrangements begleitet werden. Von allen Songs auf dem Album verkörpert gerade dieser (schon vom Titel her) am besten den verrückten Pfeifer bei seinem Tanz auf einem Bein. Nach einer klassischen, akustischen Einleitung bekommen wir vor allem zahlreiche herrlich witzig gewürzte Verzierungen auf der Flöte zu hören.

„Pibroch (Cap in Hand)“ ist das geheimnisvollste und düsterste Stück auf dem Album, zerstört aber keineswegs dessen hohe Stimmung. Es ist ein etwas härteres Stück mit einer Reihe von Rhythmuswechseln und tollen Gitarrenpassagen, aus denen Martins Eröffnungsriff und einige seiner exzellenten Soli am meisten herausragen. Der Song ist voller stilistischer Wendungen, von hardrockigen und langsameren Rhythmen bis zu akustischen, keltisch-folkloristischen Passagen, die in seinem zweiten Teil einsetzen, wo Flöte, Händeklatschen und Orgel das zentrale Tempo vorgeben. Auf den triumphalen, epischen Abschnitt folgen noch ein paar witzige Passagen auf Flöte und Keyboards.

„Fire at Midnight“ ist ein großartiger, feierlicher, friedvoller und triumphaler Abschluss eines exzellenten Albums. Ian und seine Kumpanen hätten kaum einen passenderen Abschluss für eines ihrer besten Alben schaffen können. Durch den umfangreichen Einsatz akustischer Passagen und sinfonischer Arrangements sowie Ians ruhigen Gesang zaubert er die echte Stimmung herbei, abends nach einem anstrengenden Arbeitstag auf dem Sofa vor dem knisternden Kamin zu sitzen (in Ians Fall nach der Schufterei auf der Farm).

Die Neuauflage, die den Sound des Originals mehr als deutlich aufgewertet und bereichert hat, sodass er viel „lebendiger“ klingt als früher, enthält zwei Leckerbissen für alle echten Fans der ungezähmten Waldtroubadoure. Der erste ist „Beltane“, ein überaus solides Stück, inspiriert vom uralten keltischen Fest. Dank ausgedehnter hardrockiger Passagen auf Martins Gitarre und Ians struppigem Gesang ist es sogar härter als alle Songs der offiziellen Veröffentlichung. Der zweite ist eine tolle Live-Version des Klassikers „Velvet Green“, die noch einen Hauch schneller gespielt wird.

„Songs From The Wood“ ist ein zeitloses Meisterwerk des progressiven Folk Rock, das durch die aktuelle Neuauflage an klanglicher Breite noch gewonnen hat. Die hat den Sound eines ohnehin der besten Progressive-Rock-Alben der zweiten Hälfte der 70er zusätzlich veredelt. „Songs From The Wood“ ist zweifellos eines der strahlendsten Juwelen in der Geschichte der Band, das ihren Segeln einen neuen kreativen Wind verlieh, dessen Ergebnis eine Serie aus drei hervorragenden, folk-rockig gewürzten Alben war. Dieses Album ist das erste davon und steht für eine Phase, in der bei ihnen alles wie geschmiert lief und ihnen die künstlerische Inspiration so schnell nicht ausging, während sie unablässig brannten, den traditionellen Folk Rock progressiv weiterzuentwickeln, was ihnen mehr als gelang. Zögere nicht und hab keine Angst, wenn du dich das nächste Mal auf einen Waldspaziergang machst, denn dort werden dich zwischen den Baumstämmen die ganze Zeit der geniale verrückte Pfeifer, der freche immergrüne Kobold, das stolze Jagdmädel und die fröhliche Kumpanei der Waldtroubadoure begleiten und unterhalten.

Besetzung

Ian Anderson – Gesang, Flöte, Akustikgitarre, Mandoline, Pfeifen, alle Instrumente auf „Jack-In-The-Green“
Martin Barre – E-Gitarre, Laute
John Glascock – Bass, Backing Vocals
Barriemore Barlow – Schlagzeug, Marimba, Glockenspiel, Glocken, Percussion
John Evans – Klavier, Orgel, Synthesizer
David Palmer – Klavier, Orgel, Synthesizer

Produktion

Ian Anderson

Tracklist

1. Songs From The Wood (4:55)
2. Jack-In-The-Green (2:32)
3. Cup Of Wonder (4:34)
4. Hunting Girl (5:13)
5. Ring Out, Solstice Bells (3:47)
6. Velvet Green (6:05)
7. The Whistler (3:31)
8. Pibroch (Cap In Hand) (8:38)
9. Fire At Midnight (2:27)

Spielzeit: 41:42

Bonustracks der Neuauflage (2003):

10. Beltane (5:19)
11. Velvet Green (live) (5:56)

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