Something Wicked This Way Comes

0 9

Autor: Aleš Podbrežnik

Künstler: Thunderstick
Label: Thunderstick Productions
Erschienen: 2017
Laufzeit: 50:42
Wertung: 4/5

Im vergangenen Jahr erschien eine weitere Platte aus der NWOBHM-Ära, an der kein eingefleischter Metal-Fan der alten Schule vorbeikommen sollte. Das neue Album hat nämlich Barry Graham Purkis eingespielt. Dieser Name sagt für sich genommen nicht viel, wenn du kein großer Kenner des alten britischen Metals bist oder diesen Namen nicht mit dem Spitznamen Thunderstick verbindest. Nun, unter dem Namen Thunderstick – ist das etwa nicht der Typ, der eine äußerst wichtige Rolle beim Karrierestart der Metal-Giganten Iron Maiden gespielt und sich auch auf den Klassikern von Samson verewigt hat? Ja, und noch mehr. Barry hat sein Alter Ego »Thunderstick« mit einer gehörigen Portion Bühnentheater untermauert. Auf der Bühne trat er als Dämon maskiert auf. Zugleich befand sich sein Schlagzeug bei den Konzerten in einem Käfig. Auf diese Weise verkörperte er eine Art akustischen Terroristen und wildes Biest – erst recht, wenn man noch seinen Schlagzeug-Wahnsinn dazurechnete.

Später, nach Samson, gründete Thunderstick eine gleichnamige Band, in der stets eine Sängerin für die Leadgesangsparts zuständig war. Das dauerte gerade mal fünf Jahre. Bis 1987. Die Marathon-Pause, die darauf folgte, endete erst letztes Jahr. Ganze dreißig Jahre vergingen also, bis Thunderstick von den Toten auferstanden ist und im vergangenen Jahr endlich das neue Album »Something Wicked This Way Comes« veröffentlicht hat.

Was ist so Besonderes an diesem Album? Es wurde letztes Jahr aufgenommen, klingt aber, als wäre es 1979 entstanden. Das ist sein größter Reiz. Alles, was du darauf hörst, funktioniert zu 100 % authentisch, ohne jegliches Programmieren oder nachträgliches Aufhübschen des Klangs. Von den Drums über den Gesang, die Basslinien bis zu den Gitarrenriffs. Alles funktioniert sehr ursprünglich, „proto“ – ein treffendes Adjektiv wäre auch „primitiv“, also urwüchsig. Die Songs mit dem punkigen Gesang von Sängerin Lucy V verbinden sich brillant mit den Phrasen und dem Gefüge der Kompositionen, und die Musik der zehn Albumtracks ist ein einzigartiges musikalisches Puzzle, verloren in Zeit und Raum. Es katapultiert dich an die Wende von den Siebzigern zu den Achtzigern. Stell dir das mal vor. Hard Rock wurde damals geprägt von Bands wie UFO, Rainbow, Whitesnake, Deep Purple, Status Quo, The Who… – dann schlug der NWOBHM ein, der sich einerseits aus der klassischen Hard-Rock-Schule bediente und andererseits aus dem Punk-Boom schöpfte und so das Fundament für den europäischen Metal legte. Auf dem Album »Something Wicked This Way Comes« vereinen sich Elemente der verknöcherten, ursprünglichen Metalschule, wie sie die NWOBHM-Bewegung verstand, scharf gekreuzt mit dem Garagendreck und der ungezähmten Aufmüpfigkeit des damals brandheißen und blutjungen Punk-Phänomens. Jede Menge Einflüsse der alten Hard-Rock-Schule sind ebenfalls vertreten, denn die Songs tragen eine unglaublich musikalische Note im Songwriting, die vor allem die mehrstimmigen Vokalharmonien offenbaren, die man in fast jedem Refrain findet. Ein Song wie Blackwing erinnert im Refrain an Elemente von Uriah Heep wie auch The Sweet, ist gleichzeitig aber als eine eigentümliche Kombination aus frühem Metal und der ersten Punk-Ära umgesetzt. Insgesamt ist »Something Wicked This Way Comes« ein Werk, das auf unglaublich effektive Weise den Anschluss herstellt – nicht nur an die Werke der Band Thunderstick aus den Achtzigern, sondern an eine ganze Ära des NWOBHM-Phänomens.

Thunderstick war tief betroffen vom Tod der ehemaligen Thunderstick-Sängerin Jodee Valentine, die kurz vor den Aufnahmen dieses Albums im Alter von gerade mal 55 Jahren starb. Wie er selbst sagte, hat ihn dieses tragische Ereignis zusätzlich angespornt, endlich mit den Aufnahmen für dieses Album anzufangen.  

Das Album wirkt heute, als wären es zehn sehr roh eingespielte Demo-Aufnahmen.  Produktionstechnisch trägt es einen rohen, unpolierten Klang und 100 % authentische Lebendigkeit, da das Album vollständig nach dem Prinzip eines Live-Auftritts im Studio eingespielt und aufgenommen wurde. Kein nachträgliches Polieren, Aufhübschen, keine Korrekturen. Vollständig analoger Sound. Authentischer  geht’s heutzutage einfach nicht. Wenn du Thundersticks Schlagzeugspiel hörst, ist es eine verblüffende Erkenntnis, dass derselbe Rhythmus in der Geschwindigkeit schwanken kann. Das heißt, dass er stellenweise etwas langsamer gespielt wird, dann wieder etwas schneller. Daraus lässt sich schließen, dass das Schlagzeugspiel nicht ganz gleichmäßig ist, was bedeutet, dass Thunderstick kein Metronom benutzt hat und alles (mitsamt der Band) im ersten Take eingespielt und aufgenommen hat. Dasselbe gilt auch für die Anschlagstärke auf den Fellen. Es kommt vor, dass eine Folge aufeinanderfolgender Schläge lauter ist und die darauffolgende Folge leiser ausklingt. Also keine Korrekturen. Die 100 % klangliche Echtheit in der Ausführung bleibt erhalten.

Einige der Songs auf diesem Album sind tatsächlich älteren Ursprungs, wurden von der Band aber bis dahin nie live gespielt; andere wiederum wurden eigens dafür geschrieben und komponiert, um auf diesem Album zu erscheinen. Doch zwischen ihnen gibt es eigentlich keine Unterschiede – weder im Vibe noch in der Komposition oder im Klang. Alle wirken, als wären sie 1979 eingespielt und erschaffen worden. »Something Wicked This Way Comes« ist also ein Album, das Retro-Nostalgiker noch und nöcher beglücken wird – all jene, die ihre goldenen Jahre des Aufbegehrens und der Jugend Ende der Siebziger und Anfang der Achtziger verbracht haben! Eine alte Retro-Sound-Metal-Rhapsodie und Romantik, die heute kaum noch zu toppen ist. Die Aufnahmetechniken, die Thunderstick und seine Mitstreiter auf diesem Album verwendet haben, müssen mit Sicherheit dieselben gewesen sein wie vor 35 Jahren (und mehr).

Besetzung

Lucy V – Gesang
Martin Shellard – Gitarre
Kandy Killford – Gitarre
Rex Thunderbolt – Bassgitarre
Thunderstick – Schlagzeug

Produktion

Thunderstick

Trackliste

01. Dark Night Black Light
02. Don’t Touch I’ll Scream
03. Go Sleep With The Enemy (I Dare Ya) 
04. The Shining
05. Encumbrance 
06. Fly ‚N‘ Mighty
07. Lights (Take Me Away) 
08. Blackwing
09. Thunder Thunder ’17
10. I Close My Eyes 

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies