Soen : Lykaia
Label: UDR Music
Produktion: Marcus Jidell
Erscheinungsjahr: 2017
Albumlänge: 52.52 min
Genre: Progressive Rock / Progressive Metal
Unglaublich. Soen, die schwedische Band, die 2010 vom ehemaligen Opeth-Schlagzeuger Martin Lopez gegründet wurde, wächst langsam zu einer der wesentlichen Entitäten des Progressive-Rock-Revivalismus heran – und das mit einem wichtigen Faktor. Es ist ihr gelungen, ein eigenes musikalisch-artistisches Profil zu definieren. Etwas, das Opeth nach ihrer chamäleonartigen Verwandlung, Hand aufs Herz, mit neuen Alben zunehmend schwerer rechtfertigen kann.
Dieses wirkungsvolle weitere Hausieren auf dem Terrain des musikalischen Visionärtums von Soen bestätigt das hervorragende neue Album »Lykaia« einmal mehr. Das Album ist ein neues Manifest musikalischer Außergewöhnlichkeit, und die künstlerische Attraktivität wird auch durch gelegentliche Ausflüge in »experimentelle Absonderlichkeiten« gewährleistet. Parallelen zu Opeth sind nach wie vor möglich, besonders aus der Zeit von Lopezs Diensten bei ihnen (die Anmutung einiger Gitarrenübergänge in Opal, die Passagen in Sectarian, Sister). Mit der weiteren Vertiefung einer eigenständigen Art-Kultur im Kern ihres Schaffens werden Soen jedoch langsam zu einer Progressive-Rock-Entität, die es schafft, den Status von Bands wie Riverside, Porcupine Tree und Opeth (nach deren Genretransformation) einzunehmen. Die Frage ist nur, ob Soen jemals eine ähnliche Popularität erreichen werden wie die genannten Bands.
»Lykaia« liefert ein neues Paket außerordentlicher Kompositionen mit hochgradig ansteckender Musikalität, die sich gleichzeitig mit komplexen Arrangements rühmen kann, einem Sack voll mächtiger, feierlicher, in Melancholie und Düsternis getauchter, hochvibrantiger Atmosphären, dazu einem Gefühl der spontanen Entwicklung der Dinge bzw. einer unerwarteten Entfaltung des Albums sowie brillant platzierten ruhigen Passagen, die sich mit Momenten druckvoll-metallischer Riff-Eingängigkeit abwechseln. Am Album als Ganzes ist wieder zu spüren, dass Soen sich überwiegend an einer mittleren Entwicklungsgeschwindigkeit der Songs orientieren, während die Keyboards bei den atmosphärischen Steigerungen der Passagen gleichberechtigt neben den Gitarren am Aufbau der Klanglandschaft mitwirken. Das Album wirkt wie ein außerordentlich gutes Opiat. Es ist ein psychedelisches, »zerebrales« und »trip-oides« Album. Beim Hören fällt es leicht, das Rationale abzuschalten und sich der freien Fahrt im Universum der Eigenheiten der musikalischen Sprache dieser Band hinzugeben. Die Kontraste zwischen ruhigen Passagen und Passagen, in denen die massive Gitarrenwand regiert – unterlegt von der unaufhörlichen Erkundungslust in Martin Lopezs begeisternden Schlagzeug-Eskapaden –, sind wieder äußerst ausgeprägt. Die Rhythmen sind progressiv gebrochen, fordern ständig mit erstklassigen Improvisationen heraus und entfachen so den Moment dynamischer Ereignisentwicklung, der auf dem Album außerordentlich ist. Klar zu vernehmen ist der ständig zerrend-klirrende Puls der eindringlichen Bassgitarre – und natürlich über allem ein reiner, melodischer, autoritativer, stets wehmütiger und in gelegentlicher sanfter, sinnlicher Weichheit unglaublich eindringlicher, prägender Gesang der stets hochcharismatischen Interpretation von Joel Ekelöf.
Die Band ist zum Quintett angewachsen. Die Keyboards sind integraler Bestandteil der Besetzung geworden, und neu in die Crew eingestiegen ist auch Gitarrist Marcus Jidell. Sein Name überrascht, denn sofort stellt sich die Frage, was zum Teufel der ehemalige Royal Hunt-Gitarrist bei den genremäßig völlig andersartigen Soen macht. Das ist so, als würde man versuchen, eine Spinne mit einer Fliege zu verheiraten. Aber Jidell ist ein ausgezeichneter Ersatz für Platzbarzdis. Er hat sich hervorragend in die neue musikalische Substanz und Essenz der Band eingefügt, und der Wechsel ist in stilistischer Hinsicht auf der Gitarristenposition kaum spürbar, wenn überhaupt.
Soen bieten auf »Lykaia« nichts grundlegend Neues und noch nie Gehörtes. Sie nagen fleißig an den musikalischen Vorlagen des Vorgängers »Tellurian« und pflegen und erweitern dabei wirkungsvoll die künstlerisch-expressive Reichweite des vorangehenden Albums. Man hat das Gefühl, dass die Arrangements noch ein kleines bisschen aufgelockerter, fragmentierter und progressiv-rockmäßig lebendiger sind, auch wenn die massive Klangwand auf Basis eines voluminös-zerstörerischen Riffings auch diesmal allgemein präsent ist. Das Gesamtgefühl ist dennoch so, dass »Lykaia« ein kleines bisschen »weicher« wirkt als der Vorgänger – aufgrund zusätzlich gedehnter und progressiv noch stärker fragmentierter Arrangements.
Was ein wenig stört, ist der Song Lucidity. Merkwürdig ist, dass Soen dafür ein Präsentationsvideo gedreht und ihn als Promo-Single des neuen Albums gewählt haben, obwohl sich die Band damit sogar einen undankbaren Gefallen getan hat. Warum? Der Song ist an sich eine wunderschöne, verträumte, melankolisch sehnende Elegie – was stört, ist seine Ähnlichkeit mit dem, was David Gilmour auf seinen Solo-Alben geschaffen hat (die führenden Gesangsmelodien ziehen hin zu etwas, das Gilmour auf seinem Album »On An Island« hätte verwenden können). An diesem Punkt wächst zwar der psychedelische Moment der Ästhetik des Albums, zugleich kann die ganze Sache aber auch Pink-Floyd-Kenner aufwühlen. Wenn ich in den folgenden Zeilen noch etwas spitz bleibe: David Gilmour kann heute nur davon träumen, die Inspiration für eine Komposition wie Lucidity zu haben (inklusive Jidells markanter Soloarbeit in der zweiten Hälfte). Nun, die Parallelen zu Gilmour auf Kosten von Jidells Gitarrensolo wiederholen sich auch in der mittleren Instrumentalpassage von Paragon (um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: dieses Solo passt perfekt in die Komposition).
Also: Was am Ende der Rezension des Vorgängers »Tellurian« geschrieben wurde, lässt sich lautstark wiederholen. »Lykaia« ist wieder ein wunderschönes Album voller ausgefeilter Melodien, die ambitioniert experimentell aufgelockert werden durch den Erkundungswert progressiv und technisch komplex dargebotener musikalischer Figuren. Dieser Ansatz wird zwingend alle Musikpuristen und -gourmets begeistern, die nach musikalischer Perfektion, ausdrucksstarker Außergewöhnlichkeit und dem Reiz künstlerischer Herausforderung suchen.
Autor: Aleš Podbrežnik
Wertung: 8.5 / 10
Tracklist:
01. Sectarian
02. Orison
03. Lucidity
04. Opal
05. Jinn
06. Sister
07. Stray
08. Paragon
09. Gods Acre
10. Vitriol
Besetzung:
Joel Ekelöf – Gesang
Lars Åhlund – Gitarre, Keyboards
Marcus Jidell – Gitarre
Stefan Senberg – Bassgitarre
Martin Lopez – Schlagzeug