So U

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Autor: Aleš Podbrežnik

Interpret: Schon, Neal
Label: Frontiers Records
Erscheinungsjahr: 2014
Bewertung: 4.5/5

Diesmal hat Neal Schon beschlossen, sein (insgesamt sechstes) Studioalbum mit einem deutlich höheren Oktangehalt auf die Beine zu stellen, verglichen mit dem ohnehin feinen Vorgänger »The Calling«, der erst anderthalb Jahre zuvor erschienen war. Dafür holte er zwei hyperaktive Musiker ins Boot, die an jeder Ecke im grenzenlosen Musikuniversum buchstäblich vor Energie überquellen. Bei Schons außergewöhnlichem musikalischen Instinkt und seiner sonstigen Perfektion liegt auf der Hand, dass so ein Musiker mindestens eine ausgefeilte Rhythmussektion an seiner Seite braucht. Diesmal befand er, dass das auch genügen würde. Die Lösung fand er im Kreis der »Nächsten« – kann man sagen – ihm ebenbürtiger Meister des Musikbetriebs. Der erste ist sein langjähriger (ehemaliger) Hardline- und Bad English- sowie (aktueller) Journey-Kumpel Deen Castranovo, der zweite niemand anderes als Bassist Marco Mendoza.

Schons neues Album »So U« ist ein Album, das alles hat. Alles. Eine außergewöhnliche Optimierung der vielfältigen Erprobung zahlreicher Ideen. Keine davon ist überflüssig. Es ist ein herrlich ausgewogenes Album – sowohl kompositorisch als auch in produktionstechnischer Hinsicht. Castranovo und Schon kennen sich seit einer Ewigkeit, das Fragezeichen liegt also allein bei Mendoza. Doch auch dieses Fragezeichen verschwindet sofort, sobald man sich den zurückgelegten Weg der reichen Karriere dieses Musikers ansieht, denn es wird unmittelbar klar, dass dieser Musiker, der unter anderem Bands wie Black Star Riders, Ted Nugent, Whitesnake und Thin Lizzy seine Dienste geleistet hat (oder leistete), eine goldene Hand am Bass besitzt.

»So U« ist im musikalischen Experiment und in seiner künstlerischen Kühnheit noch gewagter als der Vorgänger The Calling. Die Antwort auf die Frage »Warum ist das so?« ist denkbar einfach und liegt in der außergewöhnlichen Chemie, die der kreative Kern des Dreiecks Schon – Mendoza – Castranovo während der Entstehung des Albums im Studio entwickelt hat. In diesem Zusammenhang muss unbedingt noch eine Information nachgereicht werden. An der Seite von Schon und Kompanie war diesmal auch ein weiterer äußerst einfallsreicher Arrangeur und Komponist am Schreiben der Kompositionen beteiligt. Das ist Schons langjähriger Freund, ebenfalls aus San Francisco stammend, Jack Blades von der »west coast AOR«-Band Night Ranger. Dieses Element hat das nötige Quentchen musikalischer Optimierung der Kompositionen und ihrer Kompaktheit hinzugefügt. »So U« navigiert verdammt klug zwischen dem Fusion-Element, das auf den erstklassigen solistischen Akrobatiken des Trios basiert, und wimmelt gleichzeitig von ausgefeilten Melodien, die den Songs und dem Album eine große Kompaktheit verleihen.

Auf dem Album stellen alle drei Musiker ihre Gesangsqualitäten unter Beweis. Schon übernimmt zwar nur hier und da eine Strophe, steuert aber in jedem Fall Begleitharmonien bei (gewoben nach dem Muster bewährter AOR-Fertigkeiten), während Mendoza und Castranovo mehr Material besingen, da sie als deutlich größere Gesangstalente als Neal Schon gelten. Besonders Castranovo, der zum Beispiel bei Journey-Konzerten Keep On Runnin‘ singt (seine Stimmfarbe liegt also nahe an Pineda und dem guten alten Steve Perry). Serenity und Love Find Its Way würden mühelos auf einem der neueren Journey-Alben ihren Platz finden, während Mendoza mit seiner Soul-gefärbten Stimme die Leadgesänge in On Own Way übernimmt, ebenso auf dem Opener Take A Ride, das mühelos die Aufmerksamkeit von Fans der Band The Winery Dogs wecken wird. Ähnlich verhält es sich mit What You Want, wo sich Mendoza und Castranovo die Gesangslinien teilen. Dieser Song sticht besonders hervor, weil sich die Leitmotive darin völlig unvorhersehbar mit einem Gefühl von Spontaneität entfalten. Eine außergewöhnliche Fahrt zwischen Blues-Funk und der ansteckenden Musikalität des typischen AOR-Genres. Gleichzeitig bewahrt er seine gesamte Kompaktheit und bleibt trotz eingewobener Improvisationen höchst hörerfreundlich. Genau solche Momente eines Albums zeigen das ganze Können der großen musikalischen Talente des Trios.

Es gibt viele Passagen, in denen das Trio buchstäblich durchdreht – in wilden, rock- bis jazzfusionierten Eskapaden und plötzlichen Wendungen. Das erste derartige Meisterstück des Albums und der große Beweis für die außergewöhnliche Chemie im Trio ist das Instrumental Exotica, das auch als Präsentationsvideo des Albums veröffentlicht wurde. Mendoza hat ein erstklassiges Gespür für Melodie, und sein Einfallsreichtum beim Beleben des freien Raums, der sich unter Schons Gitarrenfrasen auftut, ist schlicht unglaublich. Deen Castranovo durchsiebt viele Passagen buchstäblich mit ausgedehnten improvisatorischen Einlagen, denen zeitweise kein Ende in Sicht ist – womit der Schlagzeug-Maestro den Zuhörer natürlich positiv verblüfft. Das Album hat auch eine gehörige Portion schelmischen Übermuts eingefangen. Shelter (am Mikrofon wieder Castranovo) gilt, in Bezug auf die Kombination aus ansteckender melodischer Kompaktheit (der schelmische Refrain) und dem instrumentalen Schabernack des Trios, als einer der Höhepunkte des Albums. Funk pur von Kopf bis Fuß! Das Album schließt (angesichts von Neal Schons früheren Werken schon fast erwartungsgemäß) mit einem Instrumental namens Big Ocean, das das genaue Gegenteil von Exotica ist. Esoterisches Treiben mit einer opulenten Kulisse vieler Klangschichten, meisterhaft harmonisiert. Schon setzt diesmal nur wenige Töne und erschafft eine grandiose Melodie. Dabei hilft ihm der giftige Gitarren-Effekt des »Sustain«.  Den verfügbaren Raum unter diesem Leitmotiv Schons füllt einmal mehr auf geniale Weise Bassist Marco Mendoza mit seinem Können.

»So U« gilt als eines der interessantesten Studioergebnisse der ersten Jahreshälfte. Es ist unglaublich, wie diese drei Musiker auch in ihren reiferen Jahren all ihre Kreativität und Inspiriertheit bewahren. Es ist ein konzeptuell enorm starkes Album mit einer unverwechselbaren Eigenart. Im künstlerischen Sinne ist es ein Album mit enormer Strahlkraft, hinter dem die musikalische Vision des Meisters Neal Schon steht. Im Grunde ist der Inhalt des Albums »So U« künstlerisch betrachtet eine grandiose Fusion des gesamten musikalischen Hintergrunds dieser drei Ausnahmemusiker, die diese Vielseitigkeit in einer Manier außergewöhnlicher expressiver Balance ausdrückt. Ein Album musikalischer Außergewöhnlichkeit, grenzenloser Fusion-Anziehungskraft und absoluter künstlerischer Einzigartigkeit! Auch wenn es dir »vertraut« klingen wird – du wirst es nirgendwo einordnen können.

Besetzung

Neal Schon – Gitarre, Gesang
Marco Mendoza – Bass, Gesang
Deen Castronovo – Schlagzeug, Gesang

Produktion

Neal Schon

Trackliste

1. Take a Ride (5:21)
2. So U (9:29)
3. Exotica (5:31)
4. What You Want (5:08)
5. Love Finds a Way (5:46)
6. On My Way (3:53)
7. Serenity (3:58)
8. Shelter (6:05)
9. Big Ocean (4:42)

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