Silver

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Autor: Aleš Podbrežnik

Künstler: Gotthard
Label: G Records
Erschienen: 2017
Laufzeit: 48:13
Bewertung: 4/5

Es ist unglaublich, wie die Zeit verfliegt. Es war wie gestern, als Gotthard – die langlebigen und einer der kommerziell erfolgreichsten Schweizer Hard-Rock-Exportartikel – ihr Album »Bang!« veröffentlichten. Nun ist bereits »Silver« da, das insgesamt zwölfte Album der Band und das dritte in Folge mit dem neuen Sänger Nic Maeder.

Diesmal haben die Hard-Rock-Ikonen aus Lugano ein etwas dunkleres und ernsthafteres, dabei atmosphärisch packenderes Studiowerk abgeliefert im Vergleich zum überwiegend »partytauglichen« Vorgänger »Bang!«. Gotthard bleiben auch mit dem neuen Album Gotthard, vor allem wenn man sich damit abgefunden hat, dass Steve Lee nicht mehr in der Band ist. In musikalisch-expressiver Hinsicht hat sich rein gar nichts geändert. Hauptkomponist, Bandleader und Gründer, Gitarrist Leo Leoni, schreibt nach wie vor erstklassige Gitarrenriffs und komponiert hervorragende Stücke, weshalb auch »Silver« ein neues, hervorragendes Studiowerk der Band ist. Gotthard bewegen sich auf diesem Album in den sicheren Gewässern ihrer bewährten musikalischen Formel, die auch diesmal belohnt und keineswegs enttäuscht. Die Band ist zu erfahren und weiß genau, dass jedes Experimentieren sie den Kopf kosten würde.  

Mastermind, Hauptvisionär und Antriebsmotor der Band, Leo Leoni, hat tatsächlich wieder jede Menge arrangementtechnische Abwechslung und Riff-Vielfalt sowie gleichzeitige Raffinesse geliefert, die dem Album einen garantiert hohen dynamischen Fluss sichern. Das Ganze reitet wieder effektiv auf einem Schuss nackter, gelegentlich sogar rudimentärer Rockenergie und Schlagkraft, geerbt von Bands wie Deep Purple in der »Perfect Strangers«-Ära, Whitesnake (die Strophe von Stay With Me) oder Europe. Auf der anderen Seite kann »Silver« mit einer Ernte sinnlicher musikalischer Harmonie aufwarten, die wirklich einer unablässigen, ansteckenden Eingängigkeit folgt. Solange der inspirierte Leoni  solche Riffs schmiedet, wie sie vor allem die ersten sechs Songs des neuen Albums liefern, braucht man sich um die Zukunft der europäischen klassischen Hard-Rock-Schule keine Sorgen zu machen.

Die Band bleibt im Arrangement laut. Die fetten Gibson-Riffs sind wieder mit dem wuchtigen Sound einer Hammond-Orgel-Begleitung ausgestattet, dazu eine kompakte, stramme und potente Rhythmussektion mit einer galoppierend durchdringenden Bassgitarre, und obendrauf der hochexpressive Gesang von Maeder, der wieder äußerst effektiv in die Fußstapfen des offensichtlich unersetzlichen Charismas des verstorbenen Steve Lee tritt. In manchen Momenten kommt er ihm ziemlich nahe, und wer die Geschichte von Gotthard der letzten sechs Jahre nicht kennt, wird denken, dass Steve Lee singt.  

Trotz all der Lobeshymnen bleibt auch beim neuen Album dasselbe Problem. Es gibt zu viele Songs, nämlich dreizehn. Die ersten sechs Hardrock-Knaller entwickeln einen außerordentlich dynamischen roten Faden des Albums. Darunter sind Electrified, Beautiful (das hätte unbedingt als Single erscheinen müssen) und Stay With Me (die erste Präsentations-Single des Albums), echte Kandidaten für die Aufnahme ins eiserne Repertoire zukünftiger Konzertauftritte der Band; in der Mitte bremsen zunächst die akustische Ballade Not Fooling Anyone und danach die elektrische Ballade Miss Me die Stimmung des Albums. Durchaus sehr respektable Kompositionen, zumal Gotthard schon immer als exzellente Balladenschreiber bekannt waren, doch war dieser Schachzug irgendwie vorhersehbar und schon öfter erprobt. Später bringt Tequilla Symphony No. 5 etwas mehr Abwechslung, vor allem dank der neoklassizistisch verführerischen Middle-Eight-Passage sowie der hinzugefügten orchestralen  Elemente, die das düstere Bild des Stückes ausbauen. Da ich aber schon erwähnte, dass es zu viele Songs gibt: In die Kategorie der überflüssigen Stücke fallen Why und Only Love Is Real. Die Songs sind gar nicht schlecht, doch beruhigen sie durch ihre balladesken Ausrichtung die zweite Albumhälfte zu sehr. Gotthard hätte sie problemlos für ein späteres Album aufsparen können, da sie durchaus Qualität haben. Glücklicherweise endet das Album wieder im gewohnten Gotthard-Hard-Rock-Galopp: zunächst schlägt My Oh My ein, und danach kommt der eigentlich einzige „ausgelassen-lausbübische“ Song mit echter »Party«-Note auf dem Album, namens Blame On Me, wo man sogar einen Hauch Status Quo-»Kosmetik« im Arrangement nicht überhören kann.

»Silver« ist also das Album, das sich die Fans der Band nur wünschen konnten.   

Gotthard – Stay With Me (offizielles Video):

Besetzung

Nic Maeder – Gesang 
Leo Leoni – Gitarre 
Freddy Scherer – Gitarre 
Marc Lynn – Bassgitarre
Hena Habegger – Schlagzeug, Perkussion

GASTMUSIKER:
Nicolo Fragile – Keyboards

Produktion

Leo Leoni & Charlie Bauerfiend

Trackliste

1. Silver River (3:39)
2. Electrified (4:00)
3. Stay with Me (3:58)
4. Beautiful (3:52)
5. Everything Inside (3:49)
6. Reason for This (3:12)
7. Not Fooling Anyone (2:57)
8. Miss Me (3:50)
9. Tequila Symphony No. 5 (4:11)
10. Why (3:26)
11. Only Love is Real (3:26)
12. My Oh My (4:45)
13. Blame On Me (3:26)

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