Siddharta – das gegebene Versprechen eingelöst

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Fotos: Nina Grad

Ort: Stadion Stožice, Ljubljana
Konzertdatum: 17.06.2011
Besucherzahl: 10000
Kartenpreis: 29€ – 49€

„Wir sehen uns im neuen Stadion“ – dieses Versprechen gab Tomi Meglič im fernen Jahr 2003, genauer gesagt am 13. 09., am Ende eines Mega-Konzerts mit den Philharmonikern vor einer versammelten 30.000-köpfigen Menge. Siddharta hatte damals ihr drittes Studioalbum RH- veröffentlicht, das einen der ersten echten Höhepunkte in ihrem musikalischen Schaffen darstellt. Es folgte ein ambitioniertes Konzertprojekt in Zusammenarbeit mit dem philharmonischen Orchester, das wir auf der alten Bežigrad-Ruine erleben durften. Siddharta bewies damals, dass sie nicht nur exzellente Studiomusiker sind, denen es nicht an Frische und Ideen mangelt, sondern auch eine hervorragende Liveband, die ihre Arbeit zum ersten Mal vor einem so zahlreichen Publikum mutig und vor allem großartig meisterte.

Sowohl Ljubljana als auch Siddharta brauchten fast 8 Jahre, um das gegebene Versprechen einzulösen. Siddharta war nach RH- mit dem neuen Album Petrolea ins Mittelmaß abgeglitten, aus dem sie auch ihr nächstes Projekt Saga nicht herausreißen konnte – aufgenommen in einem Studio jenseits des großen Teichs, wobei die Fans die Entstehung des neuen Albums live im Netz verfolgen konnten. Viel geholfen hat das nicht, denn sowohl Petrolea als auch Saga hinterließen den Eindruck, dass der Band irgendwie die neuen kreativen Ideen ausgegangen sind, dass sie ausgelaugt, müde und ausgebrannt ist.

Auch Ljubljana hatte seine eigene Geschichte. Nach mehr als 20 Jahren und in dem Moment, als wir alle, auch die größten Optimisten, die Hoffnung auf die politisierten Projekte für neue Konzertlokalitäten aufgegeben hatten – die Ljubljana so dringend brauchte wie die Sahara das Wasser –, kamen wir endlich zu einem neuen Stadion und einer neuen Konzerthalle. Das liest sich wie ein Wunder, und Tomis Worte aus dem Jahr 2003 sind beinahe prophetisch geworden.

Wie sieht die Lage also im Frühjahr 2011 aus? Die alte Bežigrad-Ruine wuchert mit Brennnesseln und Unkraut, Ljubljana ist um zwei große Konzerthäuser reicher, und Siddharta kündigt ein neues ambitioniertes Projekt an – ein Konzert im neuen Stadion, wo sie 12 Songs für das neue Album mit dem Titel „VI“ aufnehmen will.

Als man beim Stožice-Komplex etwa ein bis zwei Stunden vor Konzertbeginn ankam, war die Szenerie äußerst interessant und passend: Über den Kamnik-Bergen ballte sich eine dunkle Wolkenmasse zusammen, die ein heftiges Gewitter ankündigte. Mit einem Bier in der Hand fühlten wir uns, als würden wir nach Mordor aus der bekannten Trilogie Der Herr der Ringe aufbrechen. Ein paar Regentropfen gab es zwar, ein schlimmeres Gewitter blieb uns zum Glück erspart. Vielleicht hat das drohende Unwetter auch so manche Seele davon abgehalten, zur Konzertfläche zu kommen – jedenfalls war schnell klar, dass das Publikum diesmal deutlich schwächer besetzt sein würde. Grob geschätzt lag die Zahl irgendwo zwischen 9.000 und 9.500. Einerseits noch gut so. Ich kann mir nicht vorstellen, wie der Food-and-Drink-Service mit solch einem Personal (langsam und arrogant!) eine Menge von 20.000 oder mehr hätte versorgen sollen, falls sie sich zufällig angesammelt hätte. Die Schlangen vor den Kiosken waren nämlich lang, und wer ein Glas Wasser oder Bier wollte, musste dafür ein paar Songs des Repertoires „opfern“. Sehr löblich hingegen: die Verwendung von Pfandbechern.

Und was hatten Tomi Meglič, Primož Benko, Jani Hace, Tomaž Okroglič Rous und Boštjan Meglič alias Siddharta diesmal für uns vorbereitet? Mit zehn Minuten Verspätung eröffnete Siddharta mit Napoj eine dreieinhalb Stunden lange Reise durch ihr musikalisches Repertoire, in das sie geschickt 12 neue Songs eingebettet hatte. Die Idee klang gerade wegen der Länge des Konzerts äußerst gelungen: Zwischen die unbekannten Stücke des neuen Albums wurden alte Hits wie Pot v X, T.H.O.R., Samo Edini, Platina, Od Višine Se Zvrti, Rave und andere eingeflochten, wodurch das Publikum die ganze Zeit auf den Beinen gehalten wurde. Dieses Konzept ermöglichte auch einen sehr aufschlussreichen Einblick in die Entwicklung und Reifung ihres kreativen Schaffens. Von Le Mavrica, Pot v X, die ihre noch jugendlichen Anfänge repräsentieren, über die Mega-Hits der Alben Nord und RH-, die den Gipfel darstellen, bis hin zur Suche nach neuen Richtungen mit Petrolea und Saga. Bei Siddharta wurde deutlich, dass aus den Jungs Männer geworden sind und dass ihre Musik gereift ist. Die neuen 12 Songs sind überraschend frisch, aber erwachsen, vertraut und gleichzeitig anders. Ihr Sound ist voller geworden, mehr Keyboards und Percussion, und doch bleiben sie das, was sie immer waren – Rocker mit eigener Identität. Vielleicht bräuchten sie wirklich einen Schlagzeuger mit etwas mehr Dynamik und Energie, und auch die Gitarre könnte ausdrucksstärker sein. Auf der anderen Seite haben wir aber nach wie vor den unübertroffenen Bassisten Hace, einen zusätzlichen Perkussionisten, der das Klangbild sehr gut aufgefüllt hat, die Keyboards haben eine zusätzliche Dimension bekommen und bilden einen wichtigen Teil des Ganzen. Besonders erwähnenswert ist Tomi, der sich seine gesamte Sängerkarriere lang mit Kritiken wegen undeutlichen Gesangs auseinandersetzt. Diesmal sang er, wie es sich für eine solche Band gehört. Chapeau!

Der erste Höhepunkt des Abends war der Auftritt der kroatischen Megadiva Josipa Lisac, die im Duett den Song Neon sang. Ein Leckerbissen, den der Mann am Mischpult vielleicht ein bisschen vermasselt hat, denn sowohl Josipa als auch Tomi waren nicht gerade am besten zu hören. Trotzdem gebührt Josipa großer Respekt – sie bleibt ihrer außergewöhnlichen Extravaganz treu, und das Alter wird ihr noch lange nichts anhaben. Der nächste Höhepunkt war Samo Edini – bereits der 19. Song –, den das Publikum fast komplett selbst mitsang, während Tomi mit einer leicht veränderten Vocallinie etwas nachhalf, was eigentlich anders klang und vor allem interessant war. Die Jungs, oder besser die Männer, haben auf Malishka nicht verzichtet, das seit einer Weile im Radio läuft und für das sie heftige Kritik einstecken mussten – zu poppig, zu weichgespült, keiner Erwähnung wert. Sie präsentierten es in einer neuen, etwas härteren Form, und ich muss sagen, es klang überraschend gut. Das ausgelassenste Toben vor der Bühne löste aber zweifellos das Cover des Hits der Kultband Martin Krpan Od Višine Se Zvrti aus. Das Publikum muss man loben, das beim ständigen Mitmachen mit der Band noch beim 26. Song einen solchen Höhepunkt hinlegen konnte. Der offizielle Teil endete mit Song#4.

Die erste Zugabe war gleichzeitig auch der nächste Höhepunkt des Abends (ich erlaube mir die streng subjektive Meinung, dass es mit Sicherheit der größte war!). Der Auftritt von Laibach mit B Mashina. Wir bekamen eine typische Laibach-Bearbeitung zu hören, die klangvoll und visuell ausgefeilt war – kurzum: unwiederholbar. Hier konnte man sehen, spüren, erleben und vergleichen, wofür der Begriff Laibach steht und wofür der Begriff Siddharta. Etwas überrascht waren wir von Milan Fras, der seinen prächtigen Schnurrbart unter der Nase abrasiert hatte, doch wir genossen seine Vokalinterpretation der neu dröhnenden und röhrenden B Mashina ungemein. Milan kann’s noch immer!

Gleichzeitig zeigten Laibach, wie man Videoprojektionen wirkungsvoll einsetzt. Siddharta vernachlässigte diesen Teil, gelinde gesagt, ziemlich. Ausgenommen beim Song Narava, wo sie das Musikvideo – Aufnahmen des neuen slowenischen Dokumentarfilms Sfinga – zeigten. Die ungenutzte Möglichkeit der Videoprojektionen ist im Grunde sehr schade. Angesichts der außerordentlichen Aussagekraft ihrer Texte und der multimedial ausgerichteten Haltung der Gruppe hätte man effektive, innovative und einfallsreiche Videoprojektionen erwartet, stattdessen bekamen wir längst überholte Animationen zu sehen, wie man sie zu ihrer Zeit auf verschiedenen Rave-Partys sehen konnte.

Der nächste Song Rave schaffte es, das zu dem Zeitpunkt bereits etwas müde Publikum noch auf den Beinen zu halten; die erste Zugabe wurde langsam mit Le Mavrica, Arena und Male Roke abgeschlossen. Dann folgte noch eine zweite Zugabe mit dem obligatorischen Song Orion Lady, der auf Wunsch vieler Fans ins Repertoire aufgenommen worden war. Die dreieinhalb Stunden lange Odyssee endete so um 0:40 Uhr des neuen Tages mit Vojna Idej. Es folgte noch Feuerwerk und Abschied.

Ich kann nicht umhin, kurz auf die Tänzer auf der Bühne einzugehen. Löblich ist zwar, dass dieselben Tänzer wie vor acht Jahren aufgetreten sind, aber in dieses Bühnenkonzept passten sie einfach nicht. Sie mischten sich zu sehr unter die Bandmitglieder, und ihre eigentlich oberflächlich ausgearbeitete Choreografie war eher ein störendes Element als alles andere. Viel besser wäre es gewesen, die Projektionen stärker zu nutzen und auf die Tanzchoreografie zu verzichten.

Ein Vergleich zwischen 2003 und 2011 drängt sich geradezu auf. Damals handelte es sich eigentlich um das erste megalomanische Projekt, mit dem die damals noch jungen Kerle samt Organisation kaum zurechtkamen. Ich erinnere mich, dass der Sound nicht gerade der beste war, die Tanzchoreografien waren damals sinnvoll und gut gemacht, natürlich trug auch das Sinfonieorchester seinen Teil dazu bei, weshalb die Bandmitglieder sich vielleicht etwas zurückgehalten haben. Tomi zum Beispiel schaffte es, abgesehen vom bekannten prophetischen Satz, den gesamten Abend lang gerade mal drei, vier Wörter zusammenzusetzen.

Das gestrige Event übertrifft das von vor acht Jahren zweifellos. In jeder Hinsicht. Aus den Jungs sind Männer geworden, die Band klingt voller, erwachsener, die Mitglieder sind auf der Bühne deutlich dynamischer, Tomi als Frontman ist ungleich kommunikativer mit dem Publikum und selbstsicherer. Auch der Sound war, abgesehen von ein paar kleineren, kaum merklichen Patzern, durchgehend auf beachtlichem Niveau. Visuell war das Mischpult völlig ungeeignet, da das Dach darüber zu hoch aufragte und den Besuchern dahinter einen erheblichen Teil der Bühne verdeckte. Die gesamte Szenerie wurde zweifellos auch von der für ein solches Projekt eigentlich geringen Besucherzahl getrübt. Ein volles Stadion hätte sicher die Kulisse geliefert, die sich jede Band nur wünschen kann, und wer dieses Event verpasst hat, hat ein Konzert verpasst, wie man es von slowenischen Künstlern nicht oft erlebt. Hand aufs Herz – praktisch so gut wie nie.

Das neue Album „VI“ soll voraussichtlich im Herbst erscheinen. Obwohl wir die Gelegenheit hatten, alle 12 neuen Songs zu hören, ist es in diesem Moment noch schwer, sich das neue Album vorzustellen. Angesichts der einzelnen Songs sollte es aber sicher nicht schlecht werden. Die Ankündigung, dass Siddharta mit dem Album VI dorthin zurückkehrt, wo sie einst schon war, ist wohl mutig und berechtigt.

Siddharta wird zu einer Band, die genug Ambitionen und Mut hat, um Grenzen zu verschieben. Als solche wird sie in die Geschichte der slowenischen Musikszene eingehen. Das erste Konzert mit Orchester, das erste Konzert vor einer 30.000-köpfigen Menge, das erste Marathon-Konzert im Jahr 2007, die erste Studioaufnahme eines Albums, das Fans über das Internet verfolgen konnten, die erste Live-Albumaufnahme. Sie verdienen volle Unterstützung und Respekt.

Welche slowenische Band kommt als Nächste?

Setlist

01.Napoj
02.General
03.Dviga Slovenija Zastave
04.Klinik
05.Pot v X
06.Domine
07.Japan
08.Hollywood
09.Baroko
10.Homo Carnula
11.Na Soncu
12.Neon (Gast: Josipa Lisac)
13.Noraterra
14.Thor
15.Narava
16.Napalm 3
17.Bel Labod
18.Spet Otrok
19.Samo Edini
20.Sam
21.Ring
22.Postavi Se Na Mojo Stran
23.Indian Boy
24.Malishka
25.Platina
26.Od Višine Se Zvrti
27.Song #4
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Zugabe 1:

28.B Mashina (Gäste: Laibach)
29.Rave
30.Le Mavrica
31.Arena
32.Male Roke
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Zugabe 2:

33.Orion Lady
34.Vojna Idej

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