Schpitzock!
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Tito's Bojs
Label: ZARŠ Records
Erscheinungsjahr: 2014
Laufzeit: 47:35
Bewertung: 4/5
Schuuuund!!!! Diesmal aus Istrien! Tito’s Bojs, die seit 1999 die Bühnen unsicher machen, kehren mit ihrem insgesamt dritten Studioalbum »Schpitzock!« zurück. Das Album, das bereits 2010 aufgenommen wurde, bringt ganze 18 neue Songs. Natürlich kurze, einfache, auf den Punkt gebrachte Lösungen – ohne tiefe Philosophie, ohne Romantik und natürlich ohne unnötiges instrumentales Herumgemurkse.
Was zählt, ist lauter, stellenweise knallhart »verstimmter« Rock ’n‘ Roll, der direkt in Stirn und Zähne haut! Tito’s Bojs sind typische Vertreter der istrischen Punk-Rock-Schule (und einer langlebigen Szene), energetisch und im Feeling eng verwandt mit den Pulaer Landsleuten KUD Idijoti. Das Erbe der langen istrischen Punk-Rock-Tradition ist reich und einzigartig. Tito’s Bojs sind die legitimen Nachfolger dessen, was in den frühen Achtzigern die Pulaer Problemi, Boykot Fur und Gola Jaja angestoßen haben – und sie übernehmen langsam das Zepter als einer der Hauptakteure des istrischen Punk Rocks, auch wenn sie etwas später als Bands wie Fakofbolan und Antitodor auf der Szene aufgetaucht sind.
Tito’s Bojs haben aufs neue Album eine große Anzahl von Songs gepackt, was bedeutet ,dass sie auch eine Menge neuer wichtiger Botschaften haben, die sie einem direkt ins Gesicht schleudern müssen – ohne Blatt vor den Mund zu nehmen. Auch wenn sie für ihre Gitarrenphrasen auf »gute drei Akkorde« setzen (lieber zwei als vier), gelingt es der Band mit ihrer brodelnden rebellischen Schärfe, genug Ausdrucksraum für abwechslungsreiche Strukturen herauszuhauen. Die Songs schlagen einer nach dem anderen ein, wenn sie über das Album rollen. Ohne Schönfärberei. Straßenjungs schütteln in Agonie ihre Wut über die Unehrlichkeit aus, der der kleine Mann ausgesetzt ist. Sicherlich findet man in den Songs auch eine ordentliche Portion amüsanter Metaphern, die aus Erfahrungen mit Mann-Frau-Begegnungen stammen. Auf dem Album sticht vor allem eine herausragende Bearbeitung des Dead Kennedys-Originals Holiday in Cambodia heraus, die die Jungs für das Album »Schpitzock!« in Ferje u Rovinju umbenannt haben. Als Gastvokalist ist auf dem Track Franci Blašković dabei, Mitglied ihrer istrischen Landsleute Gori Ussi Winetou. Ein intelligent gesellschaftskritisch engagierter Angriff aufs System, mit vollständig apokalyptischem Beiklang! Das ist nicht das erste musikalische Abenteuer dieser Art für die Band. Erinnern wir uns an die Bearbeitung von The Clash’s London Calling, die Tito’s Bojs in Rovinj Gori umbenannt haben.
Der Song Kuja eröffnet das Album mit ausgeprägtem Garagen-Schund. Der Track ist auf rasend schneller Rhythmik aufgebaut, die nur den höchsten Gang kennt. Der einleitende Punk-Rock-Kracher kündigt schnell an, dass die neuen Tito’s Bojs sich auf dem neuen Album sogar im lautesten Licht ihrer Karriere präsentieren. Neben der übernommenen Rhetorik des reichen Erbes des istrischen Punk Rocks sind bei Tito’s Bojs eher sinnvolle Abweichungen zum englischen Punk der späten Siebziger zu suchen als zu seiner Erscheinungsform auf dem nordamerikanischen Kontinent. Das Motto »Melodie auf Minimum schrumpfen, um den maximalen Schlag zu kriegen!« wirkt mit vollem Einsatz! Bewusst gesetzte Halbton-Wendungen wirken zugunsten der Intensivierung des Gefühls von disonantem Dröhnen – das ist die logisch dosierte Punker-Anti-Pose gegenüber der Harmonie. Das Album wurde definitiv nach dem Vorbild eines Live-Auftritts im Studio eingespielt. Es wirkt lebendig, aufrichtig, herzlich und kommt extrem aufgedreht daher. Der inhaltliche Minimalismus dieses Albums entwickelt eine außerordentlich eruptive Rock-Aggressivität, die im Punk gewünscht und gefordert ist. Überzeugend funktioniert das in jeder Sekunde des Werks. Ohne »Versüßung«, die sich bei manchen amerikanischen »Punk-Rock-Frohnaturen« gerne in die Dur-basierte Melodie einschleicht, bleibt »Schpitzock!« durchgängig real geerdet und wahrhaftig – ein Dokument ausdrucksstarker, saftiger Bekenntnisse, bei dem Sänger Neno für das Würzen einzelner Verse auf den typischen istrischen Slang zurückgreift. Das Album geizt nicht mit dunkler »Überdramatisierung« an bestimmten Stellen. In dieses musikalische Gebilde voller kompromisslos geschärfter Schrapnelle sind auch Tracks eingebaut, wo die Band mehr Gespür für Musikalität zeigt. Dann zieht sich die Distortion zurück und Tito’s Bojs werden stellenweise angenehm »sophisticated«, wie im Song Ludi kojot, dem sich später energetisch der Song Vatra, krv i znoj annähert (in beiden ist eine Surf-Kontur spürbar) und ganz besonders Korea Love. Dazu zählen wir auch das mit marschierendem Rhythmus gepanzerte Squat the World mit seiner ausgeprägten Anti-Kriegs-Botschaft und der Pose rebellischen Trotzes individueller Eigenständigkeit gegen den Massen-Uniformismus. Das Album schließt die abschließende „Abriss-Polka“ und Ode an die istrischen Kneipen namens Punx, die eine Art eigenwilliger Ausreißer des Albums darstellt.
»Schpitzock!« ist genau das, was wir im Punk Rock suchen! Offene Revolte gegen den Konformismus! Es legt die Unerträglichkeit des Status-quo-Graubereichs bloß, in dem Schafherden sicher schlummern (im Tausch gegen Sicherheit (lies: Gefängnis) schuften sie für eine Handvoll, die verschwörerisch alle Fäden in der Hand hält). Das Album weiß auch insgesamt sehr gut zu unterhalten – mit der Erkenntnis, dass es gerne ohne den Hauch von Scham erzieherische Ohrfeigen an Eingebildete verteilt, die nicht wissen, was sie wollen und was sie überhaupt mit sich selbst anfangen sollen, oder die in ihrer »geistig-emotionalen Verarmung und persönlichen Oberflächlichkeit« nur opportunistisch auf den finanziell bestgestellten Anbieter warten, um ihn dann berechnend zu »schröpfen« (Glupaća). 18 Songs von stark ausgeprägtem Charakter, die euch in der Verdichtung ihrer mitteilsamen Schärfe, gewaltsam gekreuzt mit zerstörerischer Punk-Energie, konkret den Kopf durchschütteln und die Halswirbel in Bewegung bringen werden. Die Band Tito’s Bojs bringt mit diesem Album keine musikalische Überraschung, liefert aber ihre Aufrichtigkeit und Herzlichkeit und wächst so langsam zu einer der tragenden Entitäten der Punk-Rock-Schatzkammer der istrischen Halbinsel heran!
Besetzung
Neno – Gesang
Percho – Gitarre
Njapo- Bassgitarre
Robi – Schlagzeug
GASTMUSIKER:
Franci Blašković – Gesang auf Track Nr. 3
Produktion
Perica Šuran & Robi Bulešić
Trackliste
1.Kuja (02:15)
2. Fašo Policija (02:19)
3. Ferje u Rovinju (03:34)
4. Gott Ist Tot (01:43)
5. Hej Mama (02:06)
6. Ludi Kojot (02:25)
7. Fojbe (02:09)
8. Istra Bitter (02:13)
9. Glupaća (03:37)
10. Mona (01:49)
11. Probudi Me (02:41)
12. Vatra, Krv i Znoj (03:26)
13. I Mi Smo Tu (02:58)
14. Korea Love (03:54)
15. Uzmi Mi Sve (02:34)
16. Squat The World (02:28)
17. Rezime (03:12)
18. Punx (02:02)