Santana
Autor: Peter Podbrežnik
Interpret: Santana
Label: Columbia Records
Erscheinungsjahr: 1969
Laufzeit: 37:29
Bewertung: 4.5/5
Santana sind eine jener äußerst seltenen, legendären Rockbands, die durch Pionierarbeit bei der Erschließung neuer, damals noch unerforschter Musikgebiete – wie in ihrem Fall die Verbindung von Latino-Musik und klassischem Rock – praktisch von Geburt an zu einem weltweiten Phänomen wurden. Ihr gleichnamiges Debütalbum erschien im Spätsommer 1969, als alle, die am legendären Woodstock festival teilgenommen und dort »Soul Sacrifice« gehört hatten, sich bereits bestens darüber im Klaren waren, mit wie talentierten und innovativen Musikern sie es zu tun hatten.
Santana – bestehend aus dem charismatischen Anführer, dem Gitarrenvirtuosen mexikanischer Herkunft Carlos Santana an Gitarre und Gesang, Gregg Rolie an Keyboards und Gesang, David Brown am Bass, Michael Shrieve am Schlagzeug sowie Jose Areas und Mike Carabello an den Perkussionsinstrumenten – schafften es bereits auf ihrem gleichnamigen Debüt, schlicht »Santana« genannt, eine temperamentvolle Mischung aus traditionellen Latino-Rhythmen unter dem Einfluss der Chicano mexikanisch-amerikanischen Musikkultur und hartem Rock zu kreieren – eine einzigartige Mischung, die mit ihrer ‚Exotik‘ damals im Nu den Großteil der westlichen Welt im Sturm eroberte und die Geschichte der Rockmusik für immer veränderte.
Bei den einzelnen »Santana«-Tracks hört man deutlich, dass die originalen Santana eine Jam-Band waren, die das Schmieden ausgedehnter Improvisationen liebten – kein Wunder also, dass der Großteil des Albummaterials von Instrumentalmusik eingenommen wird, mit starkem Fokus auf Carlos‘ melancholischen Gitarrenimprovisationen, Rolies massiven Orgelschichten und lebhafter Perkussion. Auf Vorschlag des damaligen Managers entschied sich die Band, auf dem Album etwas kompaktere Versionen der einzelnen Kompositionen zu veröffentlichen – diese behielten aber trotzdem eine starke improvisatorische Note.
Der mit allen instrumentalen Finessen gespickte Latino-Rocker »Waiting« ist ein ungemein temperamentvoller Einstieg ins Album und ein grandioser Auftakt für die umfangreiche Studiokarriere dieser Legendenband – kurz: Carlos Santanas. Letzterer steht mit seinen geschliffenen Gitarren-Variationen und -Passagen schon beim Eröffnungstrack im Mittelpunkt. Dennoch steht ihm Keyboarder Rolie in Sachen Virtuosität in nichts nach – er begeistert auf Schritt und Tritt mit seinen Orgel-Meisterstücken und trägt genauso zur hitzigen Atmosphäre bei, die auf dem Fundament der Latino-Rhythmen unter der Regie der farbenprächtig aufspielenden Perkussion entsteht. »Evil Ways«, ursprünglich geschrieben vom Jazzgitarristen Clarence ‚Sonny‘ Henry, wurde ihre erste große Hit-Single. Der Text handelt von einer unbeständigen Frau, die ihren Liebhaber zugunsten ihrer liebsten Freundinnen vernachlässigt. Das schelmische Gitarren-Riff liegt auf wiegenden Perkussionsrhythmen, während Rolies untröstlicher Gesang und seine aufgewühlten Orgelpassagen eine ganz besondere Atmosphäre kreieren. Carlos‘ abschließende Gitarrenpassage ist dann wirklich ein echter Balsam für die Seele.
»Shades of Time« hat einen etwas ätherischeren Puls, und neben den farbenfrohen Vokalharmonien begeistert vor allem Shrieves außergewöhnliche Schlagzeugkunst – über den Gitarrenzauberer muss man diesmal kein Wort verlieren: Er ist schlicht der Inbegriff improvisatorischer Perfektion. Carlos war vielleicht nie der beste amerikanische Gitarrist – aber er war definitiv (und ist es noch immer) der beste amerikanische Gitarrist mexikanischer Herkunft. Auf dem Instrumental »Savor« glänzen vor allem die beiden Perkussionisten, die im Rahmen der Latino-Rhythmen eine ungemein heiße Atmosphäre schaffen, während Rolie erneut eine rätselhafte und zugleich heißblütige Improvisation auf den Hammond-Orgeln kreiert.
Das farbenprächtige Instrumental »Jingo«, eine Bearbeitung von »Jin-go-lo-ba«, das im Original vom nigerianischen Perkussionisten Babatunde Olatunji gespielt wurde, gehört zu den bekanntesten Santana-Evergreens – später wurde es auch von James Last und Pierre Moerlen’s Gong gecovert. Die aufgewühlten Rhythmen der exotischen Perkussion sind hier von vielschichtigen Orgelpassagen durchdrungen, während der ‚Schamane‘ mit äußerst einfallsreichen Improvisationen seine Gitarrenmagie wirkt, die bis heute nicht aufgehört haben zu begeistern. Eine besondere Dimension verleihen diesem Klassiker und der zweiten Single des Albums auch die außergewöhnlichen Begleitvokalisationen.
Beim druckvollen Latino-Rocker »Persuasion« überzeugt Gregg Rolie wieder am Hauptgesang, während Carlos diesmal einige äußerst temperamentvolle Blues-Passagen kreiert, die sich auf köstliche Weise mit den mächtigen Orgelschichten vermischen. Auf dem Latino-Jazz-Rock-Fusion-Instrumental »Treat« demonstrieren Carlos und seine Crew – vor allem durch subtile Klavierarrangements – auch ihr Gespür für Jazz-Elemente, die auf den kommenden Alben noch deutlich stärker in den Vordergrund rücken sollten. Carlos‘ melodisches Gitarrensolo ist wieder pure Poesie für die Ohren, während Rolie auf Schritt und Tritt seine Keyboard-Vielseitigkeit unter Beweis stellt. Das melancholisch gefärbte »You Just Don’t Care« enthält eine fast schon hardrockige Gitarrenphrase, während der Text, den Rollie mit ganz besonderem Feuer vorträgt, wieder ein sentimentales Bekenntnis eines gebrochenen Herzens ist.
Santana verdienten sich die öffentliche Aufmerksamkeit erstmals mit dem unvergesslichen Instrumental »Soul Sacrifice«, einem der Höhepunkte des Woodstock festival und der abschließenden wie auch zentralen Komposition auf ihrem Debüt. Einer der bekanntesten Klassiker von Carlos‘ virtuoser Truppe ist geprägt von der schweißtreibenden Arbeit beider Perkussionisten und dem fantastischen Schlagzeugsolo von Michael Shrieve, während Rolies rauschende Hammond-Orgel-Variationen den Weg für Carlos‘ ausgelassene Passagen bereiten – was in Kombination eine fantastische Atmosphäre schafft, in der die Musikwelten beider Amerikas einander die Hand reichen. Erwähnenswert ist, dass Santana zum Zeitpunkt, als sie »Soul Sacrifice«, eines der ersten Werke ihrer Karriere, beim Woodstock festival spielten, eine praktisch völlig unbekannte, obskure Band waren – und quasi über Nacht zu großen Stars und Publikumslieblingen wurden. Auf der Neuauflage des Albums als CD aus dem Jahr 1998 finden sich auch drei Tracks, die bei dem bereits erwähnten Festival gespielt wurden: »Savor«, eine fast 12-minütige Version von »Soul Sacrifice« und »Fried Neckbones«.
Santana, unter der Führung des unbeugbaren Gitarrenschamanen Carlos Santana, haben bereits mit ihrem gleichnamigen Debüt die Musikwelt ordentlich aufgewühlt, denn mit ihrem Latino-Rock-Fusion haben sie etwas völlig Neues geschaffen – kein Wunder also, dass dieses Album einen großen künstlerischen und kommerziellen Erfolg darstellte. Die Musikpioniere Santana, ursprünglich ein äußerst eingespieltes Kollektiv, glaubten damals fest an ihre Mission, und ihre Leidenschaft bei der Verbindung zweier verschiedener Musikwelten ist in jedem einzelnen Track dieses bis heute überaus bedeutsamen und einflussreichen Werks zu spüren – mit dem Carlos den Grundstein für seine großartige Karriere höchst erfolgreich gelegt hat.
Besetzung
Carlos Santana – Gitarre, Gesang
Gregg Rolie – Keyboards, Hauptgesang
Michael Shrieve – Schlagzeug
David Brown – Bassgitarre
Michael Carabello – Congas
Jose ‚Chepito‘ Areas – Timbales, Congas, Perkussion
Produktion
Santana und Brent Dangerfield
Trackliste
1. Waiting (4:04)
2. Evil Ways (3:56)
3. Shades of Time (3:13)
4. Savor (2:45)
5. Jingo (4:21)
6. Persuasion (2:35)
7. Treat (4:43)
8. You Just Don’t Care (4:35)
9. Soul Sacrifice (6:38)