Corazon

0 10

Autor: Peter Podbrežnik

Künstler: Santana
Label: RCA Records
Veröffentlichung: 2014
Wertung: 2/5

Bei Carlos Santana hat sich mal wieder ein ‚Rückfall‘ eingestellt, was seine neuesten musikalischen Ideen angeht. Nach dem hervorragenden Latino-Rock-Fusion-Werk »Shape Shifter« (2012), mit dem er kurzzeitig die hohen musikalischen Standards seiner besten Tage wieder aufleben ließ, war irgendwie zu erwarten, dass ein solcher Zustand großer künstlerischer Inspiration und echter Hingabe an seine ursprüngliche Fangemeinde nicht allzu lange anhalten würde – denn der legendäre Gitarrist mexikanischer Herkunft ist schlicht zu tief in den Strudel der modernen Musikindustrie verstrickt, und dem Rauschen des großen Geldes kann er einfach nicht widerstehen, obwohl er bei jeder Gelegenheit ausgiebig über Spiritualität, Bescheidenheit und Wohltätigkeit predigt.

Das neueste Studioergebnis von Carlos‘ Rückkehr in den Schoß der korporativen Logik der modernen Musikindustrie ist das Latino-Pop/Rock-Album »Corazon« – eines seiner kommerziell ausgerichtetsten Werke überhaupt, auch wenn man kaum erwarten darf, dass er damit den sagenhaften Erfolg der Megaseller »Supernatural« (1999) und »Shaman« (2002) zufällig wiederholen würde. Carlos hat nach seiner mittlerweile fast schon zur Tradition gewordenen Gewohnheit eine ganze Armada verschiedener Sänger und Musiker verpflichtet, von denen der breiten Öffentlichkeit am bekanntesten sind: der legendäre Weather Report-Saxofonist und Carlos‘ alter Freund Wayne Shorter, die Latino-Sängerin Gloria Estefan, Schlagzeugerin Cindy Blackman Santana (Carlos‘ Frau), Reggae-Musiker Ziggy Marley (Sohn von Bob Marley) und Rapper Pitbull.

Gerade die Zusammenarbeit mit verschiedenen Rap-/Hip-Hop-Stars im letzten Jahrzehnt ist das, was den Fans und Bewunderern eines der angesehensten und einflussreichsten Rockgitarristen aller Zeiten ihrem Idol am meisten übel genommen haben. Aber Carlos würde für einen möglichst hohen Albumverkauf praktisch alles tun – unter der Bedingung, dass er dabei sein sorgfältig gepflegtes Image als großer Humanist und Verfechter der Rechte der ‚Dritten Welt‘ wahren kann, denn er war schon immer einer der größten musikalischen Kapitalisten, dem es herzlich egal ist, was im Interesse seiner treuesten und langjährigsten Fangemeinde liegt.

Die Musik auf »Corazon« ist eher seichtem Latino-Pop mit gelegentlichen Bläsararrangements verwandt als dem elastischen Latino-Rock, mit dem Carlos in seiner produktivsten und am wenigsten ‚verkauften‘ künstlerischen Phase berühmt wurde. Es überrascht auch nicht, dass der Großteil der Gesangsparts auf »Corazon« auf Spanisch ist – was auch angemessen ist, handelt es sich doch um eine Hommage an verschiedene Werke zeitgenössischer Latino-Musiker. Auf Englisch sind diesmal drei Songs, »Feel It Coming Back«, »Indy« und »I See Your Face«, die eigentlich besser auf Spanisch gesungen worden wären, anstatt dass Carlos mal wieder versucht hat, auch seinen großen nordamerikanischen kapitalistischen Freunden zu gefallen. Das Schlimmste an der ganzen Sache ist aber vor allem: Es handelt sich nicht um Eigenkompositionen, sondern um Cover verschiedener moderner Latino-Musiker.

Auf »Corazon« findet sich nur eine einzige, einsame Eigenkomposition mit dem Titel »Yo Soy La Luz« – die, wenig überraschend, auch mit Abstand das stärkste Stück des Albums ist, mit dem unsterblichen Wayne Shorter am Saxofon und Carlos‘ Frau Cindy Blackman Santana am Schlagzeug. Die ersten drei Songs des Albums sind an alle Liebhaber von Latino-Pop-Rock und Salsa gerichtet, was bedeutet, dass sie durchaus hörbar sind – obwohl nur Carlos‘ Gitarrenvariationen verraten, dass man es tatsächlich mit der legendären Band Santana zu tun hat. Auch die beiden Songs mit der charismatischen Gloria Estefan als Hauptstimme fallen solide aus. In die Kategorie schwer Erträgliches fallen dagegen »Oye 2014« mit Rapper Pitbull – eine Rap-Adaption des Santana-Evergreens »Oye Como Va« (das Original schrieb Tito Puente) –, das Bob-Marley-Cover »Iron Lion Zion«, auf dem Ziggy Marley singt, »Margarita«, wo Romeo Santos sich nicht entscheiden kann, in welcher Sprache er lieber singen möchte, sowie zwei der drei Songs mit englischem Gesang. »Feel It Coming Back« mit Diego Torres als Hauptvokalist ist nämlich das einzige etwas klassischere Rockstück, das auch einigen langjährigen, aber weniger anspruchsvollen Fans von Carlos‘ Karriere gefallen dürfte.

Mehr Geld und die Gunst einer modernen Fangemeinde – vor allem der Liebhaber von Latino-Pop-Rock – waren diesmal Carlos‘ zentrale Motive, die aber keineswegs als Entschuldigung für die Veröffentlichung eines so uninspirierten Cover-Albums wie »Corazon« taugen. Wer ohne Carlos‘ neueste, unverwechselbare Gitarrenpassagen und Improvisationsausflüge nicht auskommt – ungeachtet des Inhalts einzelner Arrangements und verschiedener Gastvokalisten –, dem wird es herzlich egal sein, dass »Corazon« ein seelenloser Hohn auf den Großteil von Carlos‘ kreativem Schaffen und seine unbestrittene Pionierrolle im Latino-Rock ist. Alle anderen täten sich aber einen weit größeren Gefallen, wenn sie statt dieses vergesslichen Werks nochmal einen der klassischen Santana-Alben aus den Siebzigern auflegen würden.

Besetzung

Carlos Santana – Gitarre
Andy Vargas – Gesang
Tony Lindsay – Gesang
Benny Rietveld – Bass
Jeff Cressman – Posaune
Tommy Anthony – Gitarre, Hintergrundgesang
David K. Mathews – Keyboards
Jose „Pepe“ Jimenez – Schlagzeug
Dennis Chambers – Schlagzeug auf den Songs 1, 2, 4, 6, 7, 12
Fernando Ricciardi – Schlagzeug auf „Mal Bicho“
Cindy Blackman Santana – Schlagzeug auf „Yo Soy La Luz“ und „I See Your Face“
Josh Connolly – Drum-Programmierung auf „Mal Bicho“
Karl Perazzo – Becken auf allen Songs außer 8, 9, 11; Perkussion auf den Songs 4, 5, 7, 8, 10, 12
Raul Rekow – Congas auf den Songs 1, 2, 5, 6, 12
Paoli Mijias – Congas auf den Songs 3, 4, 7, 10, 11
Laercio da Costa – zusätzliche Perkussion auf „Beijo de Longe“
David Stout – Posaune und Horn auf „Iron Lion Zion“
Bill Ortiz – Trompete auf „Saidera“ und „Yo Soy La Luz“
Daniel Lozano – Trompete auf „Mal Bicho“
Harry Kim – Trompete auf „Iron Lion Zion“
Sergio Rotman – Tenorsaxofon auf „Mal Bicho“
Dave Pozzi – Tenorsaxofon auf „Iron Lion Zion“
Wayne Shorter – Saxofon auf „Yo Soy La Luz“
Vicentico – Gesang auf „Mal Bicho“
Larissa R. Nascimento – Hintergrundgesang auf „Beijo de Longe“
Javany Javier & Ximena Muñoz – Gesang auf „Oye 2014“
Tim Pierce – Rhythmusgitarre auf 1, 2, 4, 5
Samuel Rosa –  Rhythmusgitarre auf „Saidera“
Miguel – Rhythmusgitarre auf „Indy“
Emily Stefan – zusätzliche Gitarre auf „Beijo de Longe“
Flavio Cianciarulo – Bass und Rhythmusgitarre auf „Mal Bicho“
Zac Rae – Keyboards auf allen Songs außer 6 und 8-11
Mario Siperman – Keyboards auf „La Flaca“
Lester Mendez – Keyboard-Programmierung auf „I See Your Face“
Pedro Alfonso – Violine auf „Beijo de Longe“

Produktion

Lester Mendez

Trackliste

1. Saideira (feat. Samuel Rosa) [Spanish Version]
2. La Flaca (feat. Juanes)
3. Mal Bicho (feat. Los Fabulosos Cadillacs)
4. Oye 2014 (feat. Pitbull)
5. Iron Lion Zion (feat. Ziggy Marley & ChocQuibTown)
6. Una Noche en Napoles (feat. Lila Downs, Nina Pastori & Soledad)
7. Besos de Lejos (feat. Gloria Estefan)
8. Margarita (feat. Romeo Santos)
9. Indy (feat. Miguel)
10. Feel It Coming Back (feat. Diego Torres)
11. Yo Soy la Luz (feat. Wayne Shorter & Cindy Blackman Santana)
12. I See Your Face
13. Saideira (feat. Samuel Rosa)
14. Beijo de Longe (feat. Gloria Estefan)
15. Amor Correspondido (feat. Diego Torres)

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies