Ruban de Möbius
Autor: Sandi Sadar Šoba
Künstler: Ed Wood Jr.
Label: Swarm Records
Veröffentlichung: 2010
Laufzeit: 33:00
Bewertung: 4.3/5
Das Möbiusband (auch Möbius-Fläche) ist in der Topologie die erste entdeckte einseitige und nicht-orientierbare Fläche mit Rand. Es ist nach dem deutschen Mathematiker und Astronomen August Ferdinand Möbius benannt, der mit dieser Entdeckung einer der Begründer der modernen Topologie war. Das Möbiusband ist ein Musterbeispiel für eine nicht-orientierbare Fläche. In jedem Punkt lassen sich zwei Normalen anlegen, doch kann man auf dem Band keine zwei normierten Normalenfelder unterscheiden. Betritt man es an einem äquatorialen Punkt, richtet sich nach einer der Normalenrichtungen aus – sagen wir nach oben – und läuft dann dem Äquator entlang, kehrt man zum Ausgangspunkt zurück, jedoch auf den Kopf gedreht. Das Interessante am Möbiusband ist, dass es sich um eine zweidimensionale nicht-orientierbare Fläche mit einem einzigen Rand handelt, was bedeutet, dass das Objekt beim Umlaufen des Bandes gespiegelt wird. Es lässt sich in Parameterform oder in zylindrischen Polarkoordinaten darstellen. Ein Weg ohne Richtung, Orientierung und Determiniertheit – das ist genau das, was dieses Duo am besten beschreibt, eines, das sich dem Druck diktatorischer Imperative und aufgezwungener Vorgaben nicht beugt. Und das Ergebnis ist ein halbstündiges Narrativ des Widerstands, absoluter künstlerischer Rohheit sowie jugendlicher wie auch psychotischer Wildheit. Das Spektrum des Gehörten erstreckt sich von beinahe jazzigen Rhythmen über mathematische Rock-Eskapaden bis hin zu primitivem und ungeschliffenem HC-Elektro. Die Phrasen wirken auf den ersten Blick kompliziert, im Kern handelt es sich aber um eine ziemlich intuitive Arbeit absoluter Ursprünglichkeit und virtuosen Zerlegens von Sequenzen in ihre Primfaktoren.
Der Einstieg ist vielversprechend – der Track Горы, was auf Russisch Berg bedeutet, setzt die Standards des Noise-Rocks, der dich in der nächsten halbstündigen Reise erwartet. Der Zustand des geordneten Chaos steigert sich noch und nagt an deinem Unterbewusstsein. Das Gehirn ist nun mal ein Schwamm, der alles aufsaugen muss. Gelegentliche Verschnaufpausen mit Vokal-Samples und Ausschnitten aus der Welt der Filmdialoge (du kannst drauf wetten: aus Wood’s Filmen, natürlich) weben eine Landschaft, auf der sich die beiden jungen Franzosen so ziemlich alles trauen. Und alles – naja, fast alles – funktioniert tatsächlich richtig gut. Die rhythmischen Akrobatiken sind so zahlreich, dass jeder Jazzmusiker stolz darauf sein könnte, sie sein Eigen zu nennen, und hinter dicken Schichten von Lärm und irritierenden Dezibeln verbirgt sich ein masturbatorisches Spiel der Musik. Infini (∞) haut dich mit der ganzen angesammelten Spannung, den Virtuositätsformalismen, nervenzerreißenden Riffs und noch mehr ins Gesicht. Dieser sexy Zustand reinen musikalischen Sadomasochismus, das Auspeitchen mit Gitarren-Riffs und Gitarrensaiten, geniale Schlagzeug-Exkurse und Schreie der Lust – das alles ist wie eine Droge, die durch die Ohren direkt in die Hirnflüssigkeit und das Gehirn dringt. Das verrückte Genie des unverstanden oder zumindest schwer zu verstehenden Ed Wood (naja, für manche auch der schlechteste Regisseur aller Zeiten …) erhält ein absolut glaubwürdiges musikalisches Äquivalent in dem ungeschliffenen Indie-Diamanten aus acht Tracks. Die liegende Acht steht für die Unendlichkeit. Kein Anfang. Kein Ende. Das Knäuel des Gehörten drängt zu Wiederholungen, zum Entwirren des Quellcodes und zur Suche nach der endgültigen Antwort darauf, was uns da getroffen hat. Für manche liebenswert, für andere nicht – Ed Wood Jr. machen sich auf die Jagd nach ihrem Stück Glück und deiner Aufmerksamkeit.
Geschmack ist subjektiv, doch diese klangliche Perversion hinterlässt im Mund ein Gefühl der Verwirrung, gestillter musikalischer Neugier und ein starkes Gefühl mentaler Erschöpfung. Eine Warnung sei angebracht: Das ist auf keinen Fall einfaches Zuhören – genießen kannst du es nur in kontrollierten Dosen und auf eigene Verantwortung.
Besetzung
Olivier Desmulliez – Gitarre, Gesang, Keyboards, Sequencer
Thibault Doutriaux – Schlagzeug, Samples
Produktion
Raphaelle Duquesnoy & Ellis Gardiner
Trackliste
1. Montagnes en russe (Горы)
2. 20 Pounds
3. Infini (∞)
4. Marcel
5. Tap
6. Kung fu chien
7. Art brut
8. Zemzan