Royal Hunt – Gespräch mit Bandchef Andre Andersen (2008)
Datum des Interviews: 13.05.2008
Ein Interview mit den grandiosen symphonisch-progressiven Rockern Royal Hunt war für RockLine und für mich noch vor einem Monat eine reine Illusion. Doch dann machten die Jungs Halt im nur 380 km von Slowenien entfernten Bologna, wo sie einen fixen Gig hatten. Um acht Uhr trieb ich mich schon am Ort des Geschehens herum, Royal Hunt waren gerade beim Abendessen. Nach etwa 30 Minuten Von-einem-Bein-aufs-andere-Treten und ein paar Runden um den Club und den Tourbus ging ich schließlich doch zu einem der Roadies und bat ihn, mich mit dem Tourmanager zu verbinden. Der Tourmanager reagierte zwar schnell, wirkte aber zugleich ziemlich finster, kaum interessiert, sogar spitz mit seinen Nachfragen, ob ich mich vorher offiziell per E-Mail-Anfrage für ein Interview angekündigt hätte usw…, was nicht gerade jeden Tag vorkommt, auch wenn er jedes Recht dazu hat. Als läge etwas in der Luft, das ihm die gute Laune verhagelt hätte. Kurz darauf bestätigte sich dieses Gefühl beim Treffen mit Bandchef Andre Andersen, der mich auf einen Schnack in den Tourbus einlud. Die Band war tatsächlich bedient, denn die Kapazitäten des Clubs Sottotetto erlaubten keinen optimalen Aufbau des ganzen Equipments und der Bühnentechnik, allen voran der Beleuchtung, dazu kam noch eine zweistündige Verspätung, mit der sich die an Ordnung und Disziplin gewöhnten Skandinavier nur schwer abfinden. Trotzdem war das Gespräch mit Andre extrem spannend und eine besondere Erfahrung. Der Mann geizt nicht mit Direktheit, Echtheit und einem funkelnden Sinn für Humor…
RockLine: Wie zufrieden bist du bisher mit dem Verlauf dieser Tour?
Andre: Mit Ausnahme unserer Vorband, die unglaublich katastrophal ist und die ich Tag für Tag ertragen muss, läuft es auf der Tour sehr gut für uns. Was die Vorband angeht (Godiva, Power-Metaller aus der Schweiz, Anm. d. Red.), die nervt mich jeden verdammten Tag. Gerade jetzt habe ich einen ihrer Songs im Kopf, Pedal To The Metal. Jeden Morgen, wenn ich aufwache, höre ich ihn, jeden Abend… Ansonsten läuft es auf der aktuellen Tour richtig, richtig gut. Bis auf den heutigen Tag.
RockLine: Bis auf den heutigen Tag?
Andre: Ja. Weil wir in Italien spielen. Es tut mir wirklich leid, das sagen zu müssen, denn vor diesem Tag hatte ich eine sehr gute Meinung von Italien, aber dieses Bild ist mit dem heutigen Konzert hier in Bologna komplett in sich zusammengefallen.
RockLine: Das ist der einzige Gig, den ihr in Italien habt?
Andre: Ja, zum Glück.
RockLine: Okay, ich nerve dich nicht weiter mit Fragen zu Italien. Im März habt ihr euer neues Studioalbum „Collision Course: Paradox pt. II“ veröffentlicht…
Andre (offensichtlich unzufrieden mit der Promo des Labels): Echt? Wusste ich gar nicht. Ach ja, stimmt. Wir haben ein Album veröffentlicht. Genau. Frontiers Records kümmert sich darum.
Andre: Ja. Offenbar sind wir nur noch von Italienern umgeben…
RockLine: Gut, sag uns, warum du dich entschieden hast, dass Royal Hunt eine Fortsetzung des Albums Paradox von 1997 machen, also seinen zweiten Teil, und woher du die Inspiration dafür hattest?
Andre: Ehrlich gesagt weiß ich das selbst nicht so genau. Ich habe angefangen, Songs zu schreiben. Dann hat mich unser Drummer, der sich die Stücke angehört hat, darauf hingewiesen, dass sie eine Stimmung haben, die ihn an das Album Paradox erinnert. Als ich weitergearbeitet habe und wir schon drei oder vier Songs fertig hatten, war diese Paradox-Stimmung wieder da. Wir sagten: Gut, dann machen wir weiter!“ So haben wir zur Musik auch die Verse der ganzen Geschichte geschrieben, die textlich gut zur Musik passten, und plötzlich war der zweite Teil von Paradox da. Ich selbst bin also anfangs gar nicht auf die Idee gekommen, eine Fortsetzung von Paradox zu schreiben, sondern die Idee hat auf irgendeine Weise mich gefunden.
Andre: Im Konzept kehren wir wieder zur Religion und zu den Dingen zurück, die mit ihr zusammenhängen, und knüpfen damit an den ersten Teil der Geschichte an. Was ich dir jetzt erkläre, ist nur meine persönliche Meinung. Ich will dir nichts predigen, auf keinen Fall. All diese Konflikte durch Spaltungen zwischen den Religionen, die wir im Lauf der Menschheitsgeschichte erleben, beruhen nicht auf der Religion selbst, sondern auf allem, was eine Religion umgibt. Kirchen, Ikonen, im Grunde beruht dieses Paradox auf all diesen Symbolen, die auf der Grundlage einer Religion aufgestellt werden. Früher hatten die Menschen Hunderte und Aberhunderte verschiedener Götter, an die sie glaubten. Überall auf der Welt. Und damals hatte deswegen niemand Probleme. Und dann kam plötzlich jemand auf die Idee: „Wir bauen unsere erste Kirche!“ Und als die Sache aus der Fantasiewelt in die reale Götzenverehrung übergegangen ist, fingen die Fragen an: „Meine Kirche ist besser als deine und mein Gott ist wahrscheinlich besser als deiner!“ Davor hatten alle einen anderen Gott, sagen wir für die Sonne, die Nacht und was auch immer, und niemand hatte damit ein Problem. Sobald jemand die erste Kirche gebaut hat, den ersten Stein gesetzt hat, den ersten Ziegel, aus dem diese Kirche besteht, sobald sie einen Namen hatte, fingen die Probleme an.
RockLine: Erzähl uns was über euren neuen Sänger Marco Boals. Wie kam es dazu, dass ihr John West gegen Marco Boals ausgetauscht habt?
RockLine: Es fühlte sich an, als hättet ihr zusammen alles ausprobiert?
Andre: Ja. Es ging nichts mehr voran. Wir haben viele Songs und Alben zusammen aufgenommen, aber diesmal haben wir gespürt, dass wir uns nirgendwohin bewegen. Es gab keine Frische, nichts Neues, das wir beim Songwriting entdecken konnten. Und als ich Musik geschrieben habe, kam mir die Idee, beim neuen Material die Stimme von jemand anderem auszuprobieren. Von irgendwem, nur nicht Johns Stimme. Das habe ich ihm gesagt. Anfangs war er überrascht, aber er hat es verstanden.
RockLine: Du bist also zufrieden mit Marco?
Andre: Absolut.
RockLine: Auf dem neuen Album ist der wirklich tolle Song Tears Of The Sun, in dem euch ein super Duett zwischen Marco Boals und einer zusätzlichen weiblichen Stimme gelungen ist. Wie habt ihr euch entschieden, die weibliche Stimme gerade in diesem Song einzubauen?
Andre: Anfangs wollte ich in diesem Song eine Kinderstimme, eingebaut in die ersten Verse. Ich suchte etwas, das in diesem Teil des Songs die Jugend verkörpert. Da ich aber gleichzeitig nicht wollte, dass es tatsächlich die Stimme eines Kindes ist, du weißt schon, ein Kind, das disharmonisch singt, musste die Sache ernsthafter wirken. So kam ich auf die Idee, hier Michelles Gesang einzusetzen (Michelle Raitzin, Gastsängerin auf dem neuen Royal-Hunt-Album, Anm. d. Red.). Ihre Stimme hat diese aufrichtige Note von Jugend und ist zugleich harmonisch, sanft, weich,…
RockLine: Was bringt das neue Royal-Hunt-Album musikalisch, wenn wir es allgemein als runde Einheit betrachten? Gibt es darauf etwas Neues, oder reden wir wieder von einem typischen Royal-Hunt-Album, das dem bewährten Rezept folgt?
Andre: Immer wenn wir neue Alben komponieren, versuchen wir, etwas Neues, etwas Anderes zu schaffen. Wir versuchen, eine andere Produktion zu verwenden, einen anderen Stil beim Songwriting,… Jedes Album, das wir machen und veröffentlichen, ist ein kleines bisschen besser als sein Vorgänger. Zumindest sehen und verstehen wir das so. Fakt ist, dass wir von Jahr zu Jahr reifer werden, dass wir wissen, was wir wollen, was wir erreichen wollen und wie wir das erreichen, was wir eben wollen. Zu so etwas waren wir als Band vor 10 oder 15 Jahren nicht in der Lage. Mit jedem Album, das entsteht, ist immer eine gewisse Verbesserung da. Wir wachsen immer noch ein Stückchen höher. Im Ganzen gesehen. Unsere Fans sehen das vielleicht nicht so, wie wir es sehen.
RockLine: Jetzt eine persönlichere Frage an dich. Wann hast du angefangen, Klavier zu spielen, wer hat dich dafür begeistert?
Andre: Mit dem Spielen habe ich mit fünf angefangen. Zuerst habe ich klassisches Klavier gelernt und so die Werke der Klassiker kennengelernt. Anfangs habe ich nur klassische Musik gespielt. Später habe ich die großen Rock-Keyboarder kennengelernt, wie zum Beispiel Ken Hensley, Jon Lord, Keith Emerson, Rick Wakeman, danach natürlich Bands wie Rush, Kansas, Saga, Pink Floyd, Queen. All das kam in einem Moment zusammen.
RockLine: Das hat sich alles in dir vereint?
Andre: Ja, im Grunde schon. Und wenn du dir die Musik von Royal Hunt anschaust, steckt in ihr ein bisschen klassische Musik, ein bisschen Progressive, aber es gibt auch Momente direkterer Rock-Energie, in der Tradition von Deep Purple oder Whitesnake.
RockLine: Was hältst du von der allgemeinen Lage in der Rockmusik heute?
Andre: Natürlich ist es nicht mehr wie in den Achtzigern, und Gott sei Dank ist es das nicht. Was die Popularität angeht, warten wir da mal noch so fünf Jahre ab. All das Zeug, das sich heute um den „Download“ dreht, muss irgendwann ein Ende haben. Denn wenn das im jetzigen Ausmaß so weitergeht, entsteht meiner Einschätzung nach in fünf Jahren eine sehr hässliche Situation. Im Moment bin ich mit vielen Musikern auf der ganzen Welt in Kontakt, und immer mehr von ihnen entscheiden sich dafür, ihre Karriere zu beenden. Sie können einfach nicht mehr genug verdienen, um von der Musik zu leben. Profis verlassen das Musikbusiness rapide. Zuerst haben die Labels diese Probleme durch Internet-Downloads zu spüren bekommen, dann ging es bei den Promotern weiter, jetzt ist bei den Bands schon das tägliche Brot in Gefahr. Wenn sich dieser Trend in den nächsten sechs Jahren fortsetzt, will mit diesem Geschäft keiner mehr etwas zu tun haben. Ich kenne eine Menge Musiker, die schon jetzt ernsthaft darüber nachdenken, das Musikbusiness an den Nagel zu hängen. Wenn du zum Beispiel auf die Webseite Blabbermouth gehst, bin ich sicher, dass es keinen Tag gibt, an dem du nicht unter den Tagesnews liest, dass sich irgendeine Band aufgelöst hat oder ein Bandmitglied sie verlassen hat.
RockLine: Stimmt es, dass zwischen Fans und Band zu viele Leute stehen, die an einem Album Geld verdienen wollen?
Das ist Scheiße. Das ist ein Märchen. So reden alle, die sich Musik aus dem Internet ziehen, weil sie angeblich nicht vorhaben, den Labels etwas zu zahlen. In Wahrheit klauen sie die Musik aber von den Bands und nicht von den Labels. Vergiss nicht, dass die Labels die Bands unterstützen, wenn die auf Tour gehen, und der Band Geld geben, damit sie ein Album aufnehmen kann. Letztendlich ist der Internet-Download direkter Diebstahl an der Musik der Bands. Ich bin seit 20 Jahren in diesem Geschäft, und keine Sorge, ich weiß, wie der Hase läuft.
RockLine: Gibt es Hoffnung für Royal Hunt, auch in Nord- und Südamerika Erfolg zu haben?
Andre: Südamerika ist voller Korruption. Vor allem was den Plattenverkauf angeht. Ich war auf einer Promotour in Südamerika und habe Tausende Stellen gefunden, an denen gefälschte CDs verkauft wurden, deshalb ist Südamerika für uns eine komplett offene Frage. In Nordamerika sind die Chancen größer. Im Oktober und November dieses Jahres fahren wir hin. Wir spielen 10 oder 15 Konzerte und schauen, was für Möglichkeiten wir dort haben. Das ist ein harter Markt, schwer zu knacken, aber im Herbst werden wir das am eigenen Leib erfahren und sehen, wie weit wir kommen.
RockLine: Was sind die nächsten Pläne von Royal Hunt für die Zukunft?
Andre: Wir haben jede Menge Pläne. Der erste ist, dass wir den Gitarristen loswerden. Er ist zu einem Störfaktor geworden.
RockLine: Meinst du das ernst?
Andre: Todernst. Das Nächste, was wir tun müssen, ist, den Bassisten loszuwerden. Ich würde auch gern mein eigenes Solo-Studioalbum mit Klavier aufnehmen. Das wollte ich schon immer, schon als Kind. Ein Kindheitstraum.
RockLine: Ein wirklich alter Wunsch.
Andre: Ja. Anfangs wollte ich Model werden. Dann habe ich gleichzeitig gemerkt, dass ich zu hässlich für ein Model bin. Also bin ich im Rockbusiness gelandet. Na ja, jedenfalls bist du auch in diesem Geschäft noch oft auf Fotos zu sehen. Was diese Tour angeht, läuft es sehr gut bei uns, der Plattenverkauf ist zufriedenstellend, und wenn wir die Promo für das neue Album samt Touren im Oktober oder November dieses Jahres abschließen, werden wir analysieren, wohin wir uns gerade entwickeln und wohin es uns trägt. Dann bekommen wir die Antworten, ob wir ein neues Album aufnehmen, ein neues Livealbum, was auch immer. Mal sehen. Im Moment konzentrieren wir uns voll darauf, diese Konzerttour durchzuziehen.
RockLine: Was können wir vom heutigen Royal-Hunt-Gig hier in Bologna erwarten?
Andre: Das wird ein großartiges Konzert, definitiv! Wenn ich ehrlich bin, lief bis heute alles nach Plan, aber der Lauf der Dinge heute hat uns gezwungen, nicht unser ganzes verfügbares Bühnenequipment auf der Bühne einsetzen zu können, was aber den Auftritt der Band selbst nicht beeinträchtigen wird. Wir sind eine eingeschworene Truppe und kommen in solchen Situationen normalerweise immer gut zurecht. Ich hoffe, dass auch heute Abend alles gut läuft.
RockLine: Die Bedingungen für den Gig sind heute Abend also trotzdem nicht optimal?
Andre: Ja. Aber wir sind Profis und gehen die Sache auch so an. Wir holen das Beste aus dem Gig raus, da kannst du sicher sein.
RockLine: Ich komme zum Ende des Interviews, aber ich habe noch eine Frage, die nicht so ganz dazugehört, aber trotzdem. Habt ihr eine Promo-CD des neuen Albums für eine Rezension, für unser liebes Online-Magazin?
Andre: Leider nein, weil unser liebes Label Frontiers Records sie uns nicht geschickt hat. Nicht mal eine einzige Original-CD haben sie uns geschickt.
RockLine: Dann wird es also nicht möglich sein, heute Abend euer neuestes Studioalbum zu kaufen?
Andre: Nein. Wie ich dir vorhin gesagt habe. Ich bin von Italienern umgeben. Das ist die verrückteste Situation, die ich in den zwanzig Jahren, die ich im Business bin, erlebt habe. Deshalb bin ich heute Abend etwas gereizt. Aber in so einem Moment kannst du nichts anderes tun, als dich treiben zu lassen. Die Dinge sind, wie sie sind. Der Manager hat mich heute schon zwanzigmal angerufen, die CDs sind nicht angekommen, und ein Haufen Leute fragt ständig und wiederholt: „Habt ihr irgendwelche CDs, habt ihr irgendwelche CDs,…?“ So ist Rock ’n‘ Roll. Wenn nicht der eine Mist baut, dann baut ein anderer welchen. Es ist immer so. Am besten trinkst du was, setzt dich hin, beruhigst dich, denkst an die Fans, die Karten bezahlt haben und vor der Halle voller Vorfreude auf deinen Auftritt warten. Deshalb ist die Hauptaufgabe für die Band in jedem Fall nur die, ein gutes Konzert zu spielen. Manchmal ist das Catering nicht das, was du erwartet hast, oder das PA-System bietet nicht das, woran du gewöhnt bist, aber im Kopf muss bei alledem nur eine Sache bleiben. Ein gutes Konzert spielen.
RockLine: Die Fans der Band sind also am wichtigsten, oder?
Andre: Absolut.
RockLine: Andre, danke dir noch einmal für deine kostbare Zeit.
Andre: Du bist jederzeit willkommen, kein Problem. Danke auch dir.
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