Right Place, Wrong Time
Künstler: Rush, Otis
Label: Bullfrog Records
Erscheinungsjahr: 1976
Laufzeit: 40.44
Bewertung: 4.5/5
Rund um „Right Place, Wrong Time“ rankte sich von der Entstehungszeit des Albums bis zu seiner endgültigen Veröffentlichung eine interessante Geschichte. Obwohl Otis Rush die fertigen Aufnahmen bereits 1971 auf Band gebannt hatte, erblickte das Album erst gut fünf Jahre später das Licht der Welt. Die Hauptschuldigen an der Verzögerung der Plattenveröffentlichung sind bei den Verantwortlichen beim Label Capitol zu suchen, die das Album zunächst ablehnten – zu schwach sei es, nicht wert der Energie und des Engagements, das die Herren für eine anständige Distribution aufwenden würden. Der Mangel an unternehmerischer Reife und natürlich auch an gesundem Menschenverstand ist hier offensichtlich – erst recht, wenn man bedenkt, dass es sich um eines der einflussreichsten Alben in der Geschichte des Blues handelt. Otis war so gezwungen, die Tonaufnahmen seines eigenen Werks zurückzukaufen; diese vertraute er später dem Label Bullfrog an, bei dem „Right Place, Wrong Time“ schließlich 1976 erschien.
Otis Rushs Spielstil ist einzigartig – vielleicht nicht ganz so spektakulär wie etwa bei seinem Zeitgenossen Buddy Guy, aber dennoch ein vitales und solides Derivat des ursprünglichen Gitarrenblues, der mit Right Place, Wrong Time furchtlos die evolutionären Strömungen des elektrischen Blues diktiert. Otis‘ „Lösungen“ sind einfache, roh abgehackte melodische Manöver, oft auf der Aussagekraft eines einzigen Tons aufgebaut, der durch simples Bending der Saite eifrig Stimmungsnuancen wechselt. Otis kokettiert oft mit für klassische Blues-Standards unkonventionellen Akkordwendungen und -strukturen, mit denen er uns gern im Ungewissen lässt, in welche Richtung er im nächsten Moment aufbrechen wird. Der Puls seines Spiels ist unbeständig, in jedem Fall aber stark abhängig von der Stimmung des Gesangs, mit dem er gerne im Gleichschritt marschiert. Letzteren könnte man als typisch bluesig bezeichnen, mit einem kaum wahrnehmbaren, aber dennoch ausreichend präsenten Hauch einer dem Soul verwandten Ausrichtung.
Otis‘ Ansatz ist ehrlich und ungekünstelt, und er folgt vom ersten Takt des Albums an ausschließlich seinen Gefühlen. Der erste in einer Reihe ausschweifender kreativer Ausbrüche der Platte fügt sich zunächst in das Bild eines einzigartigen Blues-Werks im Eröffnungsstück „Tore Up“, das sofort einschlägt – ausgestattet mit der gesamten Ausdruckskraft von Otis Rush! Die Fortsetzung mit dem Titelstück „Right Place, Wrong Time“ wirkt für das ungeübte Ohr deutlich zahmer – was trügerisch ist, denn hinter der Klangkulisse hervorragend platzierten Bläserarrangements und dem ständigen „Gezänk“ zwischen Hammond-Orgel und Gitarre, vor der eine gewaltige Gesangsdarbietung ihr Monodrama aufführt, verbirgt sich eine Reihe emotionaler Ausbrüche einer dauerhaft beschädigten Seele. „Three Times A Fool“ folgt brav dem Vorbild seines Vorgängers, mit etwas mehr Tempo fesselt uns die vertraute moralische Anrüchigkeit des Fruchtbarkeitstanzes „Natural Ball“, während „Lonely Man“ für die Behauptung spricht, dass Otis sich auch ohne seine sechssaitige „Bewaffnung“ bestens zu behaupten weiß – wenn er also allein mit der raubgierigen Schärfe seiner Stimme überzeugend anspricht.
„Right Place, Wrong Time“ gehört zweifellos zur Kategorie der überzeugendsten Belege für die kreative Vitalität von Otis Rush. Es ist ein Album, das die Blues-Legende zu einem Zeitpunkt, als es für die Wiederbelebung des Genres am nötigsten war, als einen der führenden Bannerträger des Blues der Chicagoer Generation gefestigt hat. Das Album nimmt einen wichtigen Platz in der Evolution der Blues-Musik ein, die nach der Übergangszeit Ende der 60er Jahre – zwar nicht aus der Perspektive der Kreativität, aber sicher durch das Prisma der Popularität – in ihre dunkelste Periode eingetreten war. Man könnte sagen, dass Otis Rush nach dem Vorbild von Freddie King einer der Hauptverantwortlichen für die Reaktivierung des Blues-Barometers ist, den erst spätere Generationen von Blues-Musikern auf den endgültigen Weg zum Siedepunkt gebracht haben.
Besetzung
Otis Rush: Gesang, Gitarre
Fred Burton: Gitarre
Ira Kamin: Orgel
Mark Naftalin: Klavier
John Kahn: Bass
Doug Kilmer: Bass
Bob Jones: Schlagzeug
Hart McNee: Altsaxophon
Ron Stallings: Tenorsaxophon
John Wilmeth: Trompete
Produktion
Nick Gravenites & Otis Rush
Trackliste
1. Tore Up
2. Right Place, Wrong Time
3. Easy Go
4. Three Times A Fool
5. Rainy Night in Georgia
6. Natural Ball
7. I Wonder Why
8. Your Turn To Cry
9. Lonely Man
10. Take A Look Behind