Rh-

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Autor: Aleš Podbrežnik

Künstler: Siddharta
Label: KifKif
Veröffentlichung: 2003
Laufzeit: 59:40
Wertung: 5/5

Zwei Jahre nach der Veröffentlichung des zweiten Albums „Nord“ hat Siddharta den Höhepunkt ihrer Karriere erreicht. Nämlich mit dem Nachfolger, dem dritten Album in Folge, mit dem schlichten, aber rätselhaften Titel „Rh-“ (2003). Schon in dem Text, der einen genaueren Einblick in das Album „Nord“ selbst bietet (RockLine-Rezension HIER), wurde festgestellt, dass Siddharta beim Komponieren dieses Albums auf eine Profilierung von Kontrasten setzte – mit Betonung der Gitarrenriffs, dem Bestreben nach immer häufigerer Integration programmierter Muster und synthetischer Hintergrundteppiche sowie der Einbeziehung symphonischer Elemente –, und gleichzeitig gewann Tomis charakteristischer, unverwechselbarer Gesang mit seiner Ausstrahlung und Klangfarbe immer mehr an Präsenz.

„Rh-“ ist eine Weiterentwicklung in der Richtung, die „Nord“ vorgegeben hat. Das Saxofon hat praktisch jede Bedeutung verloren. Siddharta hat das Gitarren-Riffing weiter aufgedreht, das schon richtig metallisch klingt und in der Produktion eine massive Klangwand betont. Kontrastierend dazu wurden die Segel gesetzt, um die Harmonieflächen des Klangbilds mit einem Streichorchester aus Violinen, Bratschen und Celli zu füllen. Auch Bläser fanden noch mehr Raum in den Arrangements, und die düstere, eisig-windige Atmosphäre, die der Vorgänger „Nord“ zum ersten Mal wirklich grundlegend zum Leben erweckt hat, wirkt auf „Rh-“ noch intensiver und packender. „Rh-“ bietet noch mehr Ausnutzung des Klangspektrums, das programmiertes Sampling erreichen und bieten kann. Und das ist in den Songs von „Rh-“ auf noch raffiniertere Weise integriert.

Jani Hace ist während der Entstehungszeit des Albums „Rh-“ festes Mitglied der Band geworden. Die warm klingenden Basslinien und sein lebhaft-dynamischer Stil mit einem außergewöhnlichen Gespür für das Einpflanzen von Melodie füllen effektiv den leeren Raum, der zwischen Riffs und Schlagzeug entsteht (besonders wirksame Beispiele für die Bedeutung der Bassmelodien sind die Songs Rave und Ciklon orka). In den Teilen, wo das Riffing zurücktritt und die subtile Kraft des Gesangs betont wird, ist gerade Haces Basslinie das wichtigere Element, das hilft, die Subtilität und die kontrastierende Kraft der Stimmungswechsel zwischen den Motiven zu verkörpern. Eigentlich ist es genau der Bass, der die letzte Berührung des Albums „Rh-“ ausmacht – mit natürlich klingenden Collagen, von denen z. B. „Id“ (1999, RockLine-Rezension HIER) voll war und zu denen die Jungs sieben Jahre später mit dem Album „Saga“ (2009, RockLine-Rezension HIER) zurückgekehrt sind.

Bis zu diesem Punkt des Textes könntest du den Eindruck gewinnen, dass „Rh-“ kein besonders herausragendes Album ist, wenn man vieles von dem, was es bietet, schon mit „Nord“ spüren kann. Aber damals, in der Entstehungszeit des Albums „Rh-„, befand sich die Band offensichtlich zur richtigen Zeit am richtigen Ort – etwas, das in einer Karriere nur einmal und nie wieder passiert. Sie haben nämlich ein Album der slowenischen Generationen abgeliefert. Mit einem Erfolg, der die Qualität und das kommerzielle Potenzial der beiden Vorgängeralben endgültig kapitalisiert hat und damit Siddhartas „magnum opus“ definiert.

Das bedeutet nicht, dass die Band ihr qualitativ bestes Karriere-Album abgeliefert hat, sondern ihr wichtigstes – das Album, das dir bei der Assoziation mit dem Wort „Siddharta“ mit federleichtem Sprung aus dem Bewusstsein an die Oberfläche kommt. Siddharta hat es hier geschafft, ihre Songs in punkto kompositorischer Prägnanz und Kompaktheit – die dir den Weg ebnet, mit der Botschaft der eigenen künstlerischen Expression zu überzeugen – mit optimaler Wirkung zu vereinen. Die Songs sind so weit optimiert, dass das Album wirkt, als würde es Hit um Hit durch seine Spielzeit hämmern. Die richtige Mischung aus Melodie, urban gewürzt mit dem Einsatz melancholischer Moll-Linien, klaren und einfachen Kniffen sowie unkomplizierter Überbrückung der Kompatibilität in der Strophe-Refrain-Relation, funktioniert auf dem Album „Rh-“ eigentlich fehlerfrei.

Unter diesen Bedingungen hat die Ausdrucksstärke von Tomis unverwechselbarem Gesang natürlich ihr Maximum erreicht, weshalb die emotionale Aufladung seines Singens noch reicher, noch klarer und zum grundlegenden Element wird, mit dem das Album „Rh-“ Hörer auf seine Seite zieht. Die Produktion ist zusätzlich poliert, hochglänzend, die Kontraste noch größer. Du hörst nur den Eröffnungssong Japan – und alles ist klar. Den Höhepunkt der Atmosphäre erreicht der melodisch perfekte Refrain in Verbindung mit dem Stimmungsaufbau durch die Strophe – ein Zusammenspiel aus Kontrasten: aggressivem Riffing, harmonischen Streicharrangements, Tomis autoritativem Gesang und kompakter Rhythmik. Und dem folgen tatsächlich nacheinander alle „Rh-„-Songs, die keine Qualitätsschwankungen kennen. Ob die verlorene Liebesschlacht Ring, Napoj mit der Integration der „B Mashina“-Bläser im neuen intensiven Refrain. Die raffinierte und subtil düstere Ballade Sim Hae mit gefühlvollem Vortrag der Verse, wo der Stimmungssprung auf ein höheres Niveau im Refrain noch zusätzlich hervorgehoben wird. Da ist Kloner (in der klassischen Ausgabe mit Saxofon! – der einzige solche Moment des Albums), dem sich Naiven ples in der Energie annähert, dann der etwas witzigere Albummoment Rooskie, der in seiner Anlage aus dem „Hit-für-Hit“-Material dieses Albums heraussticht. Dazu die neuen, auf mittlere Touren gedrehten atmosphärischen Geschichten Rave und Ciklon orka. Der um einen Halbton aggressivere Riff nach dem Vorbild von Metallicas Enter Sandman in T.H.O.R. könnte auf Position Nr. 1 der Tracklist locker Japan ersetzen. Der Mittelteil dieses Songs (der Übergang zwischen Strophe und Refrain) kommt in der Energie schaurig-dunkler Dimensionen (Dialog der Kontraste zwischen flüsterndem Knurren und dem diametral entgegengesetzten Schreien der Vocals) sogar einigen Parallelen zu den Industrialisten Laibach in deren sägenderen Schaffenstagen nahe. Der Refrain des Songs T.H.O.R. ist einer der intensivsten Momente des Albums „Rh-„.

In der definierten Ausrichtung beim Schmieden der meisten Songs des Albums „Rh-“ sticht Venom heraus, das einen Hauch experimenteller Abwechslung enthält und gleichzeitig durch seine vielen Motive wie ein Moment wirkt, in dem das ganze Album in gut vier Minuten Musik abgespult wird.

Interessant ist die Tatsache, dass Siddharta mit englischen Texten nie so stark ist wie mit slowenischen. Der unverwechselbare Geist der Band verblasst recht schnell, wenn sie sich an englische Texte wagt. Tomis Gesang wird unter solchen Bedingungen allzu sehr anderen Vocals ähnlich. Warum sich die Band für die Verwendung des Englischen in den Songs Marslander und Etna entschieden hat, kann ich nicht direkt beantworten. Die einfache Antwort kennt die Band. Es hat ihr einfach besser gefallen. Aber diplomatische Antworten befriedigen uns nicht, oder? Nicht immer eben. Tomi ist nun mal ein seltener Musiker im slowenischen Raum, der die Vermittlung von Botschaften in Texten durch den Einsatz der slowenischen Sprache besonders stark prägt. Vielleicht hat Siddharta mit diesen beiden Songs erneut ausprobiert, wie „Rh-“ ankommen würde, sollte es zufällig in die Ohren ausländischer Hörer gelangen.

Eigentlich ist das Album „Rh-“ der Punkt im kreativen Schaffen der Band, an dem die darin eingefangene Energie des Slowenentums so stark ist, dass man über Siddharta wie über eine Art slowenische Heroes Del Silencio sprechen kann. Nur dass das Spiegelbild der spanischen Seinsweise durch die Seinsweise des Slowenentums ersetzt wurde, das als solches durch Siddhartas Ansatz äußerst überzeugend in die Rockmusik integriert ist. Das ist sicher ein Phänomen, das das Einzigartige dieser Band zusätzlich unterstreicht. Daher kann ich abschließend sagen, dass die beiden Songs am Ende des Albums bei weitem nicht die Intensität des restlichen Albums erreichen, das ansonsten von slowenischen Texten getragen wird.

„Rh-“ ist das Album, mit dem sich die große Mehrheit der Slowenen (vor allem absolute Musiklaien) durch Rockmusik leicht identifiziert. Es entstand zu einer Zeit, als Slowenien buchstäblich darauf wartete. Nennen wir es so: „Rh-“ ist heute ein Album des ganzen Volkes. Dabei ist es in qualitativer Hinsicht ausgereift, mit klar ausgearbeiteten Hauptmelodien, lebhaften Stimmungen, reichen kontrastierenden Übergängen, mit dem unverwechselbaren Charakter der Siddharta-Charisma, der der Band auch einen unwiederholbaren kommerziellen Erfolg gebracht hat. Die Songs schwanken weder in der Qualität noch in Stil und Sound. Darin hat „Rh-“ seinen Vorgänger „Nord“ also auf ein Niveau angehoben, das Weltklasse-Bands höheren Kalibers erreichen. „Rh-“ haben in Slowenien alle akzeptiert. Überzeugte Rocker konnten seine Qualität nicht leugnen, verschiedene Generationen slowenischer Yuppies strömten zu Siddhartas Konzerten, die Band war plötzlich überall im Fernsehen und auf allen Radiofrequenzen – die Krone ihres Erfolgs (ach, ich wiederhole mich!) erntete die Band mit dem Auftritt auf den Ruinen des Plečnik-Stadions in Ljubljana vor 30.000 Menschen. Die „Siddhartamanie“ hat 2003 wie eine Blitzkrieg-Lawine Slowenien erfasst, als dieses eines der wichtigsten Alben der slowenischen Rockgeschichte bekam! Das Album „Rh-„. Die Jungs haben sich dabei im Grunde über all das gar keine Gedanken gemacht. Sie haben einfach das erschaffen, was sie im gegebenen Moment am attraktivsten und interessantesten fanden.

Besetzung

Tomi M. – Vocals, Gitarre
Primož B. – Gitarre
Cene R. – Saxofon
Tomaž O.R. – Keyboards, Programmierung
Jani H. – Bassgitarre
Boštjan M. – Schlagzeug, Percussion

GASTMUSIKER:
Rok Golob – Dirigent
Jelena Ždrale Violine
Tina Krajnik – Violine
Andreja Zupanc – Violine
Maja Repše – Violine
Danijela Djordjević – Violine
Nastja Cajhen – Violine
Maja Prkić – Violine
Matjaž Porovne – Violine
Laura Zafred – Violine
Alenka Semeja – Violine
Tamara Tasev – Viola
Urška Doler – Viola
Peter Ugrin – Viola
Petra Gačnik – Cello
Ivan Šošterič – Cello
Samo Dervišič – Cello
Boštjan Gombač – Bläser

Produktion

Peter Penko

Tracklist

1. Rh-
2. Japan
3. Ring
4. Napoj
5. Sim Hae
6. Kloner
7. Rooskie
8. Rave
9. Naiven ples
10. Ciklon orka
11. T.H.O.R.
12. Et tu
13. Venom
14. Marslander
15. Etna

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