Return of the Reaper
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Grave Digger
Label: Napalm Records
Veröffentlichung: 2014
Laufzeit: 43:32
Wertung: 4.5/5
Was vor vier Jahren mit der Wiederbelebung der Geschichte über Clans und ewige schottische Unnachgiebigkeit nicht funktioniert hat, das gelingt den langlebigen deutschen Power-Metal-Veteranen Grave Digger nun mit der Rückkehr des Sensenmanns. Falls dich das Lesen von Reviews ermüdet – es lohnt sich, gleich zu sagen: Das neue Album von Grave Digger mit dem Titel »Return of the Reaper« – oder einfach gesagt: der zweite Teil ihres kultischen Klassikers »The Reaper« aus dem Jahr 1993 – ist in jeder Hinsicht außerordentlich glaubwürdig und damit dessen wahrer legitimer Nachfolger.
Dass Grave Digger nach dem wirklich »löchrigen» »The Clans Will Raise Again« (2010) die Reihen geschlossen haben, wurde klar, als sich zeigte, dass der neue Gitarrist Axel Ritt seine Talente endlich voll einsetzte und die typischen Charakteristika des Grave Digger-Sounds bewahrte – was das vorherige, mehr als solide Studioalbum »Clash of the Gods« (2012) bereits bestätigt hatte. Was nun »Return of the Ripper« darstellt, ist genau das, was von Grave Digger gefordert wird und was man durch die zweite Hälfte der Neunziger erwartet hatte, als sie mit jedem neuen Album ihren unverwechselbaren teutonischen Power-Metal-Ansatz weiterentwickelten und uns mit hervorragenden Alben von »The Reaper« bis irgendwo ins Jahr 2001 begeisterten, als das Album »The Grave Digger« erschien – was man getrost als glaubwürdige Annäherung an die goldene Schaffensperiode der Band bezeichnen kann!
»Return of the Reaper« erweckt nicht nur effektiv die Erinnerung an den Kultklassiker der Band aus dem Jahr 1993 – es bietet auch auf bestmögliche Weise einen Einblick in den aktuellen Stand der Reife des altgedienten Metals. Das neue Album bestätigt eine ideelle Frischzellenkur in malerisch verwobenen Gitarrenphrasen, unter denen das unerbittliche Räderwerk des tödlichen Hämmerns von Schlagzeuger Stefan Arnolds Doppelbassdrum-Pedal wütet – so gierig und echt wie schon lange nicht mehr. Grave Digger feuern aus allen verfügbaren Positionen, als wäre der angenehm ergrauende Bandchef und Wolverine Chris Boltendahl gerade mal 19 Jahre alt und voller Drang, sich zu beweisen. Die Naivität jugendlicher Makellosigkeit liegt (zum Glück) weit, weit hinter ihm. Einer der unverwechselbarsten »knurrenden« Vocals des klassischen Heavy Metal und einer der bekanntesten Vertreter der legendären teutonischen Schatzkammer des deutschen Power Metal hält seine Stimmbänder auch in reiferen Jahren fest geölt und brüllt mit einer Kraft, als hätte er eine laufende Kreissäge im Hals stecken!
»Return of the Reaper« ist scharf wie eine Rasierklinge – was beim Abwägen der Authentizität der Auferstehung des chemischen Bandes des tödlich gezackten Metal-Räderwerks des Klassikers »The Reaper« von größter Bedeutung ist. Natürlich haben Grave Digger über die Jahre ihr ganzes Gespür für die Mischung aus Musikalität und die Implantation der sprichwörtlichen Power-Metal-Pompösität bewahrt (was auf dem neuen Album die abschließende Power-Metal-Balladen-Mini-Suite Nothing to Believe am schönsten abrundet), und sie schlagen gleichzeitig mit ungezügelter Leidenschaft drauf los, die zuletzt auf dem Album »The Grave Digger« (2001) so wirklich spürbar war. Den »Kürzeren« hat wieder Stefan Arnold gezogen, der auch auf dem neuen Album die Rolle des härtesten Arbeiters der Band übernimmt! Er verlässt das Doppelbassdrum-Pedal durchs gesamte Album praktisch nie – hör mal rein, zum Beispiel beim Stück Satan’s Host! Das Album rollt also im höchsten Gang (und in bester Darbietung). Hoffen wir, dass Boltendahl auf Tour mit Arnold Gnade walten lässt – der Kerl ist schließlich kein frischer 18-Jähriger mehr, was bedeutet, dass ein Meniskusschaden in seinen reiferen Jahren bei übertriebenen gymnastischen Kapriolen schnell passiert. Arnold bleibt am Schlagzeug ein rasend wütendes Tier und ist, neben Boltendahls wiedererkennbarer vampirischer Vokal-Knurrerei und den teutonischen Gitarrenphrasen-Schwüngen von Axel Ritt, eines der markantesten Markenzeichen der Metal-Prägung in der Grave Digger-Formel. Selten sind die Momente auf der Scheibe, wo ein Track keinen Angriff auf das Doppelpedal verlangt – wie etwa der mitteltempige, atmosphärisch verderbliche Metal-Marsch von Dia De Los Muertos, wo der Mann den verfügbaren Raum klug mit einem Retro-Klang-Accessoire füllt, nämlich der »Kuhglocke«. Ähnlich entwickelt sich auch das hervorragende Tatooed Rider, das sich anfangs (flüchtig) ähnlich öffnet wie das Intro des Judas Priest-Klassikers Turbo Lover. Und im Griff süßen Verderbens wirst du dich bei dem äußerst düsteren, stimmungsmäßig zutiefst unheilschwangeren Season of the Witch garantiert sorglos suhlen.
Grave Digger wissen längst sehr gut, dass es für sie besser ist, einen alten Gitarrenriff aus ihrer Schatzkammer zu restaurieren, als irgendetwas Neues auszuprobieren – das würde ihren künstlerischen Lynchmord bedeuten. Ein so schönes Bündel verwendeter Gitarrenphrasen in den Arrangements wirkt hervorragend, sowohl in Assoziationen mit den kultigen Werken der Band als auch mit der aktuellen Aussage-Rhetorik der Gruppe. Der Tod war stets Boltendahls liebstes Thema, und so muss es auch auf dem neuen Album sein. Okkultismus, der Ruf der Mystik, Dunkelheit, postapokalyptische Aussichten, Verschwörungen und der ultimative Untergang des zentralen Helden seiner Geschichten! All das findet sich auch auf dem neuen Album in seiner predigerhaften »Bearbeitung«.
»Return of the Reaper« ist also ein hervorragendes neues Studioalbum von Grave Digger, das in jeder Hinsicht glaubwürdig die authentische Verbindung zum unvergesslichen Album »The Reaper« (1993) aufrechterhält und gleichzeitig durch außerordentliche ideelle Frische und extreme Geschliffenheit begeistert, die keine Überlebenden hinterlässt. Das ist äußerst vielversprechend für eine Band, die in ihrer Karriere im Wesentlichen bereits alles Wichtige gesagt hat und nicht viel Neues hinzuzufügen hat. Daher waren die Erwartungen an neue Werke schon eine Weile nicht mehr sonderlich hoch. Aber die süßeste Überraschung ist eben die positive. »Return of the Reaper« ist also ein Album, das mit außerordentlichem Engagement erschaffen wurde, das seinen Namen in jeder Hinsicht rechtfertigt und schließlich beweist, dass Axel Ritt den richtigen Anschluss an die Band gefunden hat, die damit den günstigsten Wind in ihre altehrwürdigen Segel der ultimativen Aussage der Bibel des deutschen Power Metal eingefangen hat. Diese hat in den Händen von Grave Digger seit vielen, vielen Jahren nicht mehr so malerisch, authentisch und kompakt gewirkt wie genau auf diesem neuen Studioalbum!
Besetzung
Chris Boltendahl – Gesang, Background-Gesang
Axel Ritt – Gitarre, Background-Gesang
H.P. Katzenburg – Keyboards
Jens Becker – Bass
Stefan Arnold – Schlagzeug
Produktion
Chris Boltendahl & Grave Digger
Trackliste
01. Return Of The Reaper
02. Hell Funeral
03. War God
04. Tattooed Rider
05. Resurrection Day
06. Season Of The Witch
07. Road Rage Killer
08. Dia De Los Muertos
09. Satan’s Host
10. Grave Desecrator
11. Death Smiles At All Of Us
12. Nothing To Believe